Maurice Gilliams „Elias oder das Gefecht mit den Nachtigallen“
Februar 14th, 2007Maurice Gilliams „Elias oder das Gefecht mit den Nachtigallen“, aus dem Niederländischen von Maria Csollány, mit einem Essay von Charlotte Mutsaers, Berlin 1997, zuerst 1936, 122 Seiten, 14,50 Euro.
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Er scheint ein später Romantiker zu sein, der junge Held des Buches, ein Nachfahr des Heinrich von Ofterdingen von Novalis oder des Anselmus von E.T.A. Hoffmann. Nur ist es ihm nicht beschieden, vielleicht weil man in noch moderneren Zeiten lebt, die blaue Blume oder den goldenen Topf zu finden. Mit überbordender Phantasie begabt, wie seine romantischen Kollegen, ist er allerdings, wie gleich zu Beginn deutlich wird, als er im Bett eine blaue Hand auf sich zukriechen sieht – die sich dann nur als lebloser Handschuh entpuppen wird. Aber: Sollte es ein Zufall sein, dass der Handschuh gerade die Farbe blau besaß?
Der Erzähler zeigt sich als überaus sensibler Beobachter von kindlicher Sensibilität und Welterfahrung. Aber er ist mehr als ein Stimmungsmaler und Atmosphärenerzeuger. Er schreibt in einer Sprache, die in manchen Passagen klingt, als würde die Seele selber die Worte diktieren und ist dabei doch auf den Punkt genau. Mehr als bloße Stimmungserzeugung ist es Erfahrungsseelenkunde.
Ein Beispiel: „Ich will weiterhorchen in den Wäldern, wo eine nie vermutete Atmosphäre winterlicher Einsamkeit hängt. Staunend gehe ich neben Aloysius, schaue zu den offenen Himmelsstellen zwischen den Bäumen auf und sehe eine Leere, die von den glitzernden Punkten eines Sternenbildes begrenzt ist. Der Himmel ist wolkenlos. Der Mond treibt über ein Firmament aus Stahl; der Schnee ist gefroren; das hauchzarte Geäst der Baumkronen steht in der Stille wie versteinert.“ (S. 68 f.)
Wie Gilliams Kindheitsgefühle einfängt, wie er die traumartige Wahrnehmung der Kindheit formuliert, das zeigt ihn als großen Autor. Er schreibt ein Traumbuch, das einmal mehr die Nähe des Traums zum kindlichen Erleben wachruft und verdeutlicht und mit der dichten, noch nicht durchrationalisierten und verengten, sondern der frei fliegenden Phantasie eine berührende und bezaubernde Atmosphäre evoziert, wie es nur Wenige können.
Wo kommen solche Sätze her: „Ich befinde mich vollauf in einer neuen Welt; man möchte mit den Füßen auf der Zimmerdecke herumspazieren.“? Dieser kann fast ein wenig an Georg Büchner erinnern, der nun zitierte, der erste des Buches lautet: „Wenn Aloysius unser Herz verstört, hängen wir kopfunter in der Wirklichkeit wie verzauberte Affen.“ (S. 7) Ein starker Satz mit surrealer Anmutung – was für ein Einstieg in ein Buch! Schon mit diesem ersten Paukenschlag ist klar, dass man hier etwas Besonderes in der Hand hält. Auffällig, dass es sich beide Male darum handelt, verkehrtherum in der Welt zu stehen, sie vielleicht falsch herum zu sehen, auf jeden Fall nicht recht stimmig zu sein.
Dieses Buch wirkt wie eine magische Stiege in die Erlebniswelt der Kindheit.
Es spiegelt die Erfahrung, dass über einen verfügt, dass man nicht gefragt wird, dass einem Dinge zustoßen. Als Kind unterliegt man fremdem, verwaltendem, vielleicht auch gewalttätigem Zugriff. Das wird als Bedrohung, wird als verletzend erfahren und ist wohl Teil des Kindseins wie des Erwachsenwerdens.
Genau darum geht es. Gilliams´ Fragment ist ein hochkonzentriertes Buch, das den Moment des Erwachsenwerdens beschreibt. Den Augenblick, in dem behütete, unbeschwerte Kindheit umschlägt in etwas anderes; das Kippen von halber Freiheit in die Versklavung. Rund sechs Jahre hat er an dem Buch gearbeitet und hat es dabei radikal gekürzt. Zunächst, im Jahr 1936, gab es eine längere Ausgabe, in denen der Leser die Helden des Buches auch als Erwachsene mit ihrem folgenden Schicksal kennenlernen konnte. Diese Fassung wurde reduziert auf das, was nun vorliegt. Das schmale Bändchen von etwa 100 Seiten, das seinen Fragmentcharakter gar nicht zu verstecken sucht, erschien 1943.
Auf S. 94 wird es sehr plötzlich Sommer – man kann annehmen, dass hier etwas ausgelassen wurde. Auch kommt, dem Titel zum Trotz, im ganzen Buch keine einzige Nachtigall vor. Im ersten Band, so unterrichtet uns das Nachwort, gab es an einer Stelle eine Szene mit einer Nachtigall.
Trotz seinem fragmentarischen Charakter fehlt diesem Buch nichts, es kann so wie es ist wunderbar für sich stehen. Das Ergebnis ist ein Konzentrat, dem man aber die sechs Jahre Arbeit, die darin stecken, nicht als Mühe anmerkt, allenfalls als Qualität.
„Elias oder das Gefecht mit den Nachtigallen“ kann einem zu Beginn der Lektüre leichte Schwierigkeiten bereiten. Aber nicht weil es unnötig kompliziert oder verschachtelt oder das Vokabular so ausgefallen wäre, sondern weil es schwer geladen hat an Bildkraft und Emotion und weil man dem Zeit und Chance zur Wirkung geben muss. Man kann hier zu schnell lesen, zu unaufmerksam. Man muss sich aber frei machen, bereit sein, sich aus der Hektik herunterzudimmen und es so den enthaltenen, in der Sprache gefangenen Bildern und Gefühlen ermöglichen, in sich Raum zu greifen. Man muss sich auf das Tempo einlassen und den Sätzen und dichten Bildern die Zeit und Aufmerksamkeit geben, die sie benötigen, um zur Entfaltung zu gelangen. Dann aber geben sie ihren ganzen Reichtum frei und entwickeln eine große Intensität. Eine eigene kleine, merkwürdige Welt entsteht, ein Kammerspiel, dessen Ton und Haltung an so Verschiedene wie Robert Walser und Marcel Proust, Denton Welch oder Bela Balazs erinnert, aber doch einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter besitzt, zumal Vergleiche bekanntlich immer hinken.
Die kleinen großen Dramen der Kindheit sind mit oft überraschenden und sehr schönen Bildern und Vergleichen ausgedrückt, die eine Seelentiefe vermitteln, die man so nicht allzu oft findet. Dennoch wirkt es ganz unangestrengt, so, als hätte es der Erzähler geschafft – oder litte darunter? – eine besondere Nähe zur kindlichen Erlebniswelt über die Jahre bewahrt zu haben. Dazu gehört auch der Ausdruck elementarer Sinnlichkeit: „Ich schlendere mit Aloysius durch die herabgewehten Herbstblätter. Es ist windig. Heute nacht hat es geregnet, und jetzt riecht es überall nach welkendem Laub und Gras. Wenn Silla, Onkel Augustins Hund, sich nach dem Herumtollen im Regen zum Wärmen vor den offenen Kamin legt, hat er denselben sauren Geruch an sich, wie er jetzt durch den Park weht.“ (S. 100) Sinnlich wie an dieser Stelle ist das Buch oft, das macht einen Teil seines Zaubers und seiner Wirkung aus. Es ruft Erinnerungen, innere Bilder und vielleicht vergessene oder verschüttete Erfahrungen auf. Das gelingt auch mittels eindrücklicher Vergleiche, die zudem eine Nähe zur kindlichen Wahrnehmung haben: „(…), fällt ihr Oberkörper mit einem Plumps auf den Tisch und bleibt so liegen, bis Onkel Augustin sie wie eine Garbe schlaffer, schleifender Strohhalme hinausträgt.“ (S. 28) „Ein kühler Geruch wie von regennassem Eisen umgibt ihre peinlich saubere, engelhafte Gestalt.“ (S. 29) Oder: „Heute nacht ist ein lauer, leichter Regen gefallen; der Himmel ist jetzt aufgeklart, und kleine, träge Wolken trinken das bernsteinfarbene Septemberlicht.“ (S. 30) Sätze und Vergleiche von sinnlicher, melancholisch gefärbter Schönheit.
Erzählt werden die letzten, vielleicht mehr unbewusst glücklichen Tage der Kindheit und es mag sein, dass der eigentliche Held des Buches die überbordende, noch freier atmende kindliche Phantasie ist. Erzählt wird dann von dem Bruch, den der Einzelne erlebt, wenn ihn die Erfahrungen der Pflicht und der sogenannten wirklichen Welt näher berühren. Der ´Held´, wenn man so will, wäre dann das Paradies der Kindheit oder der nachfolgenden Erinnerung an diese, die, wie Jean Paul meint, das einzige sei, aus dem man nicht vertrieben werden könne. Hierbei werden die Zeitebenen verschränkt. Das Schildern des Kindes übernimmt ja notwendig der Erwachsene. Seine Melancholie angesichts des gewesenen, nie mehr einzuholenden Glücks scheint durch die Sätze hindurch, hinein in ihre Bildlichkeit. Und selbst wie hingetuscht wirkende Sätze atmen noch, sind bildkräftig und rufen Kindheit auf den Plan: „Reglos liegen wir nebeneinander im Bett. Die Mäuse rascheln über den Fußboden. Das Fenster öffnet sich auf die stille Herbstnacht.“ (S. 109)
Das scheinbar ziellose, in Wahrheit aber auf Identitätssuche befindliche kindliche Ich (vgl. S. 111), ist der Gegenstand der Melancholie: Hier war vielleicht vieles, wenn nicht gar alles noch möglich. Später einmal wird das anders aussehen; die Festlegungen beginnen allzu früh. Am Ende des Buches wird Aloysius auf ein Schiff und der Ich-Erzähler ins Internat gesteckt; gefragt wurden sie nicht. Das Herumstreunern ums Schloß und im Wald hat damit sein Ende gefunden. Die frei flottierende Phantasie wird mit Notwendigkeiten und Härten konfrontiert. Und scheint doch schon zuvor um die Bedrohtheit ihres Paradieses zu wissen: „Alles hier scheint jungfräulich, unbetreten und wie für uns geschaffen; nur in einer solchen Welt können wir zur Ruhe kommen. Einmal wird auch dieses Gebiet erobert und gerodet sein, und nichts, buchstäblich nicht ein einziger geheimer Ort wird bleiben, um das Nagen in unseren Herzen zu stillen.“ (S. 34) Man darf an Tamminens „Verstecke“ denken; sie sind wohl so notwendig wie sie Mangelware sind, wenn man zur Ruhe kommen und sich den ungemütlichen Ansprüchen der ´Wirklichkeit´, wenigstens momentweise, entziehen will.
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Man kann sich die Frage stellen, ob in dem Buch auch eine homoerotische Komponente eine Rolle spielt. Der etwa zwölfjährige Ich-Erzähler ist eng mit dem älteren Aloysius zusammen, unternimmt viel mit ihm, lässt sich von ihm beim Waschen helfen, sie liegen auch, das wurde kurz zitiert, gemeinsam im Bett. Und schließlich ist da dieser erste Satz, der sagt, dass wir wie verzauberte Affen kopfunter in der Wirklichkeit hängen, wenn Aloysius unser Herz verstört. (Vgl. S. 7) Doch selbst wenn hier unterschwellig auf Homoerotisches angespielt wird: Es wird weder explizit noch dominant verhandelt.
Im Kindler kann man nachlesen, dass „Elias“ nach den Gesetzten der klassischen Sonate gebaut ist. Ob das zu wissen nötig ist oder die Lektüre wesentlich beeinflusst, mag dahingestellt sein.
Wie Hoffmanns Anselmus, der zum Besonderen Begabte, in der Realwelt ein Tolpatsch und Träumer ist und man im Heinrich von Ofterdingen erfährt, dass Träume Schäume sind, so ist bei Gilliams der kleine Held ein Phantasiersüchtiger mit melancholischer Neigung. (Vgl. S. 88 und S. 90) Die Nachtigallen, so legt das Nachwort nahe, kann man als Traumbilder auffassen. Sie können Segen und Plage zugleich sein. Sie lassen das Paradies erleben und hindern zugleich an der Teilnahme, ja an der Akzeptanz des Pflichtenlebens. Sie werden sogar als Bedrohung empfunden. (Vgl. S. 17f., S. 80) Wie Büchners Lenz braucht der junge Protagonist von „Elias“ körperliche Erfahrung, um sich in andere Zustände bringen, um sich vielleicht für den Augenblick retten zu können. Lenz badet des Nachts in kaltem Wasser um sich zu helfen, Elias kaut Kaffeebohnen, um „besser zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden“ zu können. (S. 76)
„Elias“ berichtet, wie Isherwood mit seinem Einzelgänger, wie auf andere Weise Tamminen mit den Verstecken, wie viele andere, von Aussenstehenden, von solchen, die nicht dazugehören. Vermutlich ist das Teil und Aufgabe guter Literatur. Denjenigen eine Sprache zu geben, den Menschen und den besonderen Um- und Zuständen, die etwas schräg ind er Welt, die abseits stehen. Den nicht ganz Normalen, den Verletzten, Übergangenen.
Gilliams hat ein außerordentliches Buch hinterlassen, das man immer wieder einmal lesen kann – und vielleicht sollte. Ein Buch über die Trauer begabter Kinder, deren Begabung nicht erkannt wird oder der keine Bedeutung beigemessen wird und die darum von ihren Aufsichtspersonen und der Welt wie sie nun einmal ist unglücklich gemacht und, ja, in gewissem Sinn vergewaltigt werden.
Gilliams, der von 1900 bis 1982 lebte und in Antwerpen geboren wurde und starb, ist in Deutschland wohl ein weitgehend unbekannter Autor. Zu Unrecht. „Elias“ gehört in die Weltliteratur, seinem literarischen Rang nach hat es noch bekannter zu werden, ihm sind viele Leser zu wünschen. Im Jahr 1953 erschien „Winter te Antwerpen“, an dem Gilliams wiederum sechs Jahre seines Lebens arbeitete und in dem ein Freund des mittlerweile verstorbenen Elias anhand von Briefen und Tagebüchern über die letzte Zeit vor seinem Tod erzählt. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt.
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