Antiquariat Herbert Blank „In Walter Benjamins Bibliothek. Gelesene, zitierte, rezensierte Bücher und Zeitschriften in der Edition, in der sie Benjamin kannte und nutzte. Dokumentation einer verlorenen Bibliothek Teil I“
März 6th, 2007Antiquariat Herbert Blank: „In Walter Benjamins Bibliothek. Gelesene, zitierte, rezensierte Bücher und Zeitschriften in der Edition, in der sie Benjamin kannte und nutzte. Dokumentation einer verlorenen Bibliothek Teil I.“ Stuttgart 2006
„Wann aber wird man soweit sein, Bücher wie Kataloge zu schreiben?“
Walter Benjamin „Einbahnstraße“ G.S. IV/1 S. 105; EA. S. 31
Der 77jährige Antiquar Herbert Blank, der bekannt wenn nicht berühmt ist für seine mühsam zusammengetragenen Themenkataloge mit sehr guter Kommentierung, hat hier erneut etwas Besonderes vorgelegt.
Quelle: wikipedia
Eingeleitet wird der 208 Seiten starke und 1243 Nummern umfassende Katalog durch ein konturreiches Kurzporträt des Büchermenschen Benjamin von Detlev Schöttker. Schöttker ist Literatur- und Medienwissenschaftler der TU Dresden, der bereits mit mehreren Publikationen zu Walter Benjamin hervorgetreten ist.
Er zeichnet Benjamin als einen Charakter, der die „archaische Stille des Buches“ (S. 4) bereits als Kind suchte und liebte. Benjamin wird zu Recht als ein später Verwandter des Hieronymus im Gehäuse vorgestellt, der nicht von ungefähr auf die ´Chocs´, die Zumutungen und Stöße der Moderne, der Roaring Twenties, die ihm einigermaßen wesensfremd gewesen sein müssen, zu sprechen kam. Wesentlich näher als die Beschleunigungen der Zwanziger Jahre sind Benjamin Langsamkeit und intermittierende Bewegungen. So etwas wie ´Fortschritt´ konnte er wesentlich nur auf technischem Gebiet erkennen.
Vorgestellt wird aber nicht nur Benjamins Person in prägnanter Kürze, sondern es wird auch eine Chronik seiner Werke und es werden seine literarischen Begegnungen in kurzem Aufriss mitgeliefert (vgl. S. 10-12) sowie, last not least, eine kleine Geschichte seiner Bibliothek.
Dieser Katalog ist eine Verbeugung vor dem Autor und eine Fundgrube für den Leser.
Er eröffnet ein Panorama-Fensterchen und gibt nicht nur den Blick auf Benjamins Bibliothek und dessen weit gespannte Interessen frei, sondern spiegelt zu wesentlichen Teilen ein Stück der Geistes- und Literaturgeschichte des ersten Jahrhundertdrittels des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Bienenfleißig dabei der aufwendige Kommentar, der, wo es eruierbar war, ebenso angibt, wann Benjamin des betreffende Buch gelesen hat, wie auch die Quelle dieser Information.
Viele Einzeltitel, besonders wenn es sich um berühmtere Bekannte oder Interessensgegenstände handelt, wie Bloch, Friedlaender, George, Goethe, Hiller, Kafka, Hofmannsthal, Kraus, Lackner, Polgar, um nur einige zu nennen, sind mit längeren Kommentaren und Zitaten versehen.
Vorgestellt wird so eine Bibliothek, die es in Wirklichkeit nicht gegeben hat, vorgestellt wird auch die Liste des Gelesenen als wesentlicher Part der Biographie des aus äußeren wie inneren Gründen ruhelosen Intellektuellen Walter Benjamin.
Es ist hoch spannend in diesem Katalog zu blättern und sich zu fragen, wie Benjamin in diesem Spiegel sichtbar wird – jenseits der abgegriffenen Bilder oder der Klischees früherer verkürzender und monokausal festlegender Vereinnahmungen wie etwa der als linke Ikone im Gefolge der Sechziger Jahre.
Benjamin, der zeitweilig – oder noch immer? – als Gegenstand moderner Hagiographien herhalten musste, der ´Kult´ wurde, wie man neudeutsch sagt – kunsthistorische Dissertationen in den USA sollen kaum noch ohne Benjamin-Zitate an markanter Stelle auskommen – wird in den letzten Jahren zunehmend auch auf flapsige oder kritische Weise besprochen. Übermäßige oder zu lange andauernde Verehrung ruft ihre Kritik wohl auch automatisch auf den Plan und Säulenheilige stürzt man halt gern. Teils ist diesen kritischen Stimmen ihre Berechtigung gar nicht abzusprechen, denn übermäßige Heldenverehrung kann seltsame Blüten treiben und außerdem trifft die Kritik ja weniger Benjamin als eine bestimmte Spezies seiner Bewunderer, gegen die er am Ende nur verteidigt werden soll.
In Berlin gab es im letzten Jahr ein „Walter-Benjamin-Festival“, der Eventisierung Benjamins wie auch der Veröffentlichung seines Adressbuchs der Exilzeit kann man mit gemischten Gefühlen und mit geteilter Ansicht gegenüberstehen, doch es wurden auch „Walter Benjamins Archive“ mit einer Veröffentlichung bedacht – mit sehr schönen Bildbeigaben, die, man wäre, wenn es nicht zu abgenudelt wäre, versucht zu schreiben, eine gewisse auratische Ausstrahlung nicht entbehren und zusammen mit dem ebenfalls im vergangenen Jahr erschienenen umfangreichen „Benjamin-Handbuch“ eine sehr gute Grundlage bilden, sich auf neuestem Stand unvoreingenommen und im besten Sinne kritisch einer Auseinandersetzung mit diesem Autor zu stellen. Einem Autoren, der, den Zeiten verschiedener Rezeptionsmoden und seiner unglücklichen Biographie als Verfolgter und Entheimateter entsprechend, offenbar immer als Identifikationsfigur allzu dienlich war und den man gern auf seine Seite gezogen hätte, ja der, auf der eigenen Seite, als Ausweis für die moralische oder sonstwelche Richtigkeit derselben hätte dienen können oder sollen.
1243 Nummern, geteilt in 8 Rubriken, bieten reichliche Grundlage für ein umfangreiches assoziatives Mosaik.
Das Schöne am Antiquariatsbuchhandel, so sehr er sich auch in den letzten Jahren verändert haben und in Bedrängnis, wenn nicht in die Krise gekommen sein mag, ist, etwa im Unterschied zum Museum, der Umstand, dass man die Gegenstände nicht nur aus gebührender Distanz – unter Glas – betrachten kann, sondern sie auch beriechen, befühlen und endlich besitzen darf – wenn man den fälligen Obolus zu entrichten Willens und in der Lage ist.
Hierauf eher indirekt und mit sehr viel Bescheidenheit oder Understatement, auf gleichsam abstrakte Weise, macht der vorliegende Katalog Lust und wendet sich damit an Eingeweihte und Kenner. Denn wie leicht wäre es gewesen, wenngleich es die Druckkosten erhöht hätte, auf das Bild, gar das Farbige, und dessen Verführungskraft zu setzen, als nur Titel und Text und die Aura des Autors für sich sprechen zu lassen? So umgibt den Katalog asketische Nüchternheit, auf sinnliches Vergnügen, gar Opulenz wurde, und man darf annehmen ganz bewusst, verzichtet. Gut möglich, dass hinter dieser Verhaltenheit auch ein Stück Selbstbewusstsein oder eine Geste steckt.
Denn klar ist, dass das Interesse an diesem Autor wie die Leistung, die zum jahrelangen Zusammentragen all dieser Bücher gehört – zwanzig Jahre soll Herbert Blank, über den merkwürdig wenig im Internet zu finden ist, Bücher für dieses Werk und die Rekonstruktion dieser virtuellen Bibliothek gesammelt haben -, enorm ist und es einen vergleichbaren Katalog vielleicht nicht mehr wird geben können. So ist es nur mehr als naheliegend, wenn für diese Sammlung, die zunächst ja nur „Teil I“ offeriert, ein ähnliches Schicksal gewünscht wird, wie es dem Kafka-Katalog desselben Antiquars vom Oktober des Jahres 2001 beschieden war: Alle 800 Nummern desselben wurden von der Porsche AG erworben und komplett der Prager Franz-Kafka-Gesellschaft als Geschenk überantwortet, gibt es doch eine Kooperation zwischen Porsche und der Fakultät Maschinenbau der TU Prag und stammte doch auch der Firmengründer Ferdinand Porsche aus Böhmen. Ein unschätzbares Geschenk mit Symbolkraft und Zukunftsperspektive.
Quelle: wikipedia
Emphase entwickelt dieser Katalog allenfalls mit viel Understatement, etwa in der Wahl des Titels: „In Walter Benjamins Bibliothek“. – Ja, genau – ein Wunschtraum für viele, eine Einladung, ein Versprechen: In Benjamins Bibliothek blicken, mit ihm auf diesem Weg in einer späten Seance gleichsam in Kontakt treten zu können. Bliebe die Sammlung, was verschiedentlich bereits angeregt wurde und mehr als wünschenswert wäre, in einer Hand – etwa im Berliner Benjamin-Archiv – und würde sie entsprechend aufgestellt, könnte man tatsächlich in ihr sein, sie betreten. Es würden sich phantastische Imaginations- und Arbeitsmöglichkeiten auftun, Querverbindungen sich herstellen, dieser Raum könnte Traumraum und Arbeitsraum in einem sein – und somit einem etwas aus dem Gedächtnis gefallenen Ideal wissenschaftlichen Arbeitens, wie es Benjamin selbst vorgeschwebt und gefallen hätte, sehr nahe kommen.
Denn aller modernen Virtualistik zum Trotz ist doch auch – und Benjamin war einer, der das wusste und auch in seine Schriften einfließen ließ – die sinnliche Erfahrung, die man mit Büchern und Zeitschriften macht, ein Teil des Erkenntnisprozesses, den zu unterschlagen einer ignoranten Selbstbeschneidung gleichkommt.
Dieser Katalog ist auf verschiedenen Ebenen lesbar. Etwa der des Interesses für´s Bücherkaufen – aus welchen Gründen immer -, also des Preise-Taxierens, der Information. Kennt man sich mit Benjamin etwas aus und interessiert sich für ihn als Autor, kommt die Erinnerungs- und Assoziationsebene hinzu. Die Lektüre der Kommentare verstärkt das und vernetzt manches miteinander. Längere Kommentare schließlich führen wie Türchen von Bergwerksstollen in die Tiefe der Zeit und von Werken und Biographien, beleben sie wieder, fächern auf. So etwa, wenn man liest, dass Benjamin als Kind die Bücher von E.T.A. Hoffmann nicht lesen durfte – man erinnert sich daran, das in der ´Berliner Kindheit´ gelesen zu haben – oder wenn man nachvollzieht, dass Benjamin bereits als Schüler Hölderlin für sich entdeckte. Am Ende bekommt man Anregungen, das eine oder andere wieder oder auch zum ersten Mal in die Hand zu nehmen und zu lesen.
Man wünschte sich mehr solcher Antiquariatskataloge, was den Wunsch nach mehr Antiquaren einschließt, die den Willen und das Können und die nötigen Ressourcen besäßen, solche zu erstellen.
Spannend, aus heutigem Abstand zu beobachten, wie Benjamin mit Größen und Klassikern der Literatur umgeht, wie er sich zu ihnen stellt, sie beurteilt – etwa wenn ihn die Lektüre von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ wenig befeuert (vgl. S. 169) oder wenn Hofmannsthals Wort „Was nie geschrieben wurde, lesen“ aus „Der Thor und der Tod“ als ein kongeniales Motto Benjaminschen Nachdenkens und Schreibens erscheint. (Vgl. S. 145) Wunderbar auch eine Bemerkung, die anlässlich Hamsuns getroffen wurde: „Immer ist der Gedanke unfaßlich, das Buch, das man gerade gelesen hat, sei von einem Mann, der Bücher schreibt. Unvorstellbar, daß er mehr als dieses eine gemacht habe. Denn sie sind nicht geschrieben sondern sind Aufgeschriebenes, das einem in die Hände fällt wie ein Testament oder ein Rezept.“ (S. 135) Das zeigt viel davon, wie, mit welcher Intensität, Benjamin las und in der Literatur lebte, sie gleichsam als Orakel ge- oder missbrauchte, zeigt aber auch aus welcher Quelle diese Intensität sich speiste, nämlich der eines teils naiven, eines bewahrten Kinderblicks.
Leicht melancholisch stimmen kann einen nicht nur der Umstand, dass vermutlich die Zahl der Antiquare, die solche Kataloge erstellen, kaum im Ansteigen begriffen sein wird, wie auch, wenn man durch die Lektüre erinnert wird, wie engagiert Benjamin zum Beispiel Gisèle Freund bekniet hat, um an das unter besonderen Umständen von ihrem Vater ererbte Buch der Originalausgabe von „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ von Clemens Brentano zu gelangen (vgl. S. 44) – bis sie es ihm schließlich schenkte – es wäre hoch interessant zu wissen, welches Schicksal das Buch im folgenden hatte und ob oder wie lange es in Benjamins fragmentierter Bibliothek zu stehen kam und welchen Weg es späterhin genommen hat.
Mit extrem bitterem Beigeschmack ist auch Benjamins briefliche Äußerung Scholem gegenüber aus der Zeit des Exils versehen: „so nebelhaft auch die Zeiten zurückliegen, in denen ein Buch zu kaufen mir etwas Selbstverständliches war“. (S. 153)
Man stößt auf überraschende Kleinigkeiten, etwa dass Benjamin schon im Jahr 1929 das Wort „ausgepowert“ kannte, (S. 174) oder dass er, Scholem gegenüber, Brecht als Vollender Scheerbarts ansah (vgl. S. 181) sowie das Bild des Geschichtsengels, der der Zukunft den Rücken zuwendet und seinen Seherblick der Vergangenheit, von Benjamin auch auf Jochmann angewandt wurde. (Vgl. S. 78) Erstaunlich auch, dass jemand wie Johannes Gaulke, Wilde-Übersetzer, Redakteur des „Magazins für Literatur“, Freund Erich Mühsams und Buchautor im Zwanzigsten Jahrhundert so verschollen sein kann, dass nicht einmal sein Todesdatum oder –ort zu ermitteln ist.
Benjamin kannte und suchte nicht nur bereits als Knabe die archaische Stille der Bücher, die ihm bereits in der Jugend melancholisch gefärbter Rückzugsraum vor der andrängenden Welt boten, anlässlich Hebels schrieb er auch von „der archaischen Liebe, der die Zeit des Wartens auch die des Wachstums ist“ (vgl. S. 69), ein Wort, das wohl auch auf den Sammler all der vorliegend feilgebotenen Bücher zutreffen mag. Der Bücher, die, wenn sie keinen Sponsor finden, der sie unter einem Dach vereinen hilft, wieder in alle Winde zerstreut werden, was zwar einzelne Sammler erfreuen, aber davon abgesehen unendlich schade und regelrecht unsinnig, ja beinah ungehörig wäre.
Für die noch ausstehenden Kataloge: Man wünscht sich mehr der Kommentare zu lesen, wie man sich auch im vorliegenden Katalog zuweilen Kommentare bei Büchern wünschte, die ohne einen solchen auskommen mussten und erwartet die in der nächsten Nummer versammelten Trouvaillen mit gespannter Vorfreude.
März 8th, 2007 at 11:47 am
lieber helmut!
das muß ein spannend zu lesender katalog sein! selbst mir, der ich mit benjamin nicht so vertraut bin wie du, leuchtete die notwendigkeit eines solchen kataloges ein.
während der arbeit an meiner dissertation mußte ich auch einmal ein solches verzeichnis der gelesenen bücher für sulpiz boisseree aus dessen publikationen, tagebüchern, briefen und sonstigen archivalien zusammenstellen. eine mühselige, kosten- und zeitaufwendige arbeit. und letztlich (fast) nutzlos: gegen ende meiner recherchen entdeckte ich in der ub marburg ein verzeichnis der bücher in boisserees bibliothek, das einzige übrigens, das es davon noch gab. daher kann ich die leistung des herausgebers des benjamin-kataloges sehr gut nachvollziehen: ein thesaurus für all diejenigen, die sich mit benjamin fürderhin befassen wollen.
sehr löblich von dir, auf eine solch selten anzutreffende publikation hinzuweißen, wenn sie auch nur kenner und forscher und liebhaber betreffen wird.
von solchen verlegerischen und bibliographischen höchstleistungen MUSS berichtet werden.
grüße,
uwe.
März 8th, 2007 at 12:08 pm
lieber helmut!
noch ein gedanke, der mir beim lesen deiner besprechung kam:
was ist der methodische ansatz eines solchen kataloges?
vielleicht der, darüber zu berichten, wie die korrespondenzen von lebens- und lesewegen im werk von benjamin gleichsam in einer fährte aus themen und sinnzusammenhängen aufscheinen.
geht es um so was wie die erstellung eines stammbaums des gelesenen, ein wort, daß ich bei hornby fand?
eine lohnenswerte aufgabe für jeden leser, wie ich meine, und doch zu uneinlösbar. wer führt schon buch über seine lektüren!
grüße,
uwe.
März 8th, 2007 at 1:05 pm
LieberUwe,
Notwendigkeit?, methodischer Ansatz?
Ich bin mir nicht sicher ob das hier passt.
Kann man von Notwendigkeit reden?
Was, wenn es diesen Katalog nicht gegeben hätte?
Und methodischer Ansatz – wäre interessant, was der Antiquar selbst dazu sagen würde!
Meine Vorstellung ist, dass so etwas einer Faszination entspringt, einer Wertschätzung, dass es eine Hommage darstellt. Sicher kommt Handwerkszeug dazu, wahrscheinlich eine Menge – aber das meintest Du sicher nicht.
Ich meine so ein Katalog ist weniger Notwendigkeit als purer Luuxus.
Man muss es sich leisten können, so etwas zu tun.
Sicher entspringt es auch einem bestimmten Berufsethos, das in dieser Weise gewiß selten anzutreffen ist.
Die Methode war doch wohl, möglichst alles zu sammeln und so, ja, wieso nicht, eine Art Stammbaum zu kreieren. Einen Fächer aufzuschlagen – so etwas ist ja ein Hort an möglichen Korrespondenzen und eine potentielle Fülle neuer Erkenntnisse.
Die Idee, den Stammbaum dessen, was man selbst über die Jahre gelesen hat, chronologisch erfasst zu sehen, hat etwas durchaus Spannendes! Da könnte Musik drin sein. – Aber sicher: Wer könnte, wer tut das?
Früher habe ich das Erwerbs-, manchmal auch das Lesedatum oder den Ort des Erwerbs ins Buch geschrieben, irgendwann hab ichs dann gelassen.
Das kann auch etwas manisches bekommen, etwas zwanghaftes, mehr dem Tod als dem Leben nahestehendes.
Aber bei jemandem wie Benjamin finde ich ein solches Unternehmen hochinteressant.
Grüße,
Helmut
März 8th, 2007 at 8:11 pm
lieber helmut!
ich meinte ja auch die notwendigkeit eines solchen unternehmens bei einem leser, wie es benjamin war. es ist zu erwarten, daß dieser katalog einen wissenszuwachs hervorbringen wird, wenn sich forscher seiner mit geist bedienen.
ich führe seit jahren exzerptbücher, lektüreprotokolle. es stapeln sich die schwarzroten chinakladden über- oder nebeneinander, und wenn man will, kann man darin auch eine art von sarg erkennen: die zu grabe getragenen lektüren. die exzerpte dienten sozusagen als grabinschriften, die das vergessen einigermaßen begrenzen sollten. doch je älter ich als leser werde, desto einsichtiger wird mir die tatsache, daß zum lesen natürlicherweise das vergessen des gelesenen gehört. entscheidend wird für mich immer mehr, wie und in welcher form ich mich seiner erinnere, was ich aus ihm gemacht habe oder mache, im laufe meines leselebens.
sprechen die kommentare des benjamin-kataloges auch davon?
grüße,
uwe.
März 10th, 2007 at 8:44 am
Lieber Uwe,
nein, ich denke dazu ist in den Kommentaren nichts zu finden – das wäre aber auch etwas viel verlangt.
Vergessen und erinnern sind freilich komplementär.
Erinnern kann man sich mit Hilfe etwa von Exzerpten – oder man verlässt sich darauf, dass man das Wichtige schon erinnern wird – alles möglich, alles erlaubt.
Die Sarg-Assoziation hätte ich nicht gehabt – kommts vielleicht nur von dem großen Schwarz-Anteil im Einband der Chinakladden?
Das Vergessen hat vielleicht auch einen zu schelchten Leumund.
Ohne es würden wir vermutlich ziemlich schnell ziemlich verrückt.
Dann genügte ja auch – nach wie vor eine interessante Vorst4ellung – die Ein-Buch-Bibliothek.
Früher gab es das ja evtl. öfter: Die Bibel, ein Leben lang, und dann mal lange nichts – oder gar nichts.
Eine gute Vorstellung – eine alptraumhafte?Welches Buch würdeman sich denn nehmen, als das eine?
Grüße,
Helmut
März 13th, 2007 at 2:23 pm
lieber helmut!
das EINE buch gibt es bei mir nicht.
es wären immer mehrere dutzend, die ich mitnehmen wollte. es liegt daran, unter welchem buch-eindruck ich jeweils mein aktuelles leben verbringe.
die deutungshoheit nur einem buch zubilligen, dieser bibliophile monotheismus liegt mir fern. obgleich ist sagen muß, daß die vielen götter, zu denen mir die bücher werden, mich zuweilen sehr verwirren. da wäre eine diätik des lesens, eine ökonomie der guten, richtigen lektüren vonnöten. nur:
wie dahin kommen? für uns normalsterbliche gibt es doch nur trail and error.
grüße,
uwe.
März 13th, 2007 at 9:02 pm
Lieber Uwe,
ja, klar, wir hätten Probleme uns auf ein einziges zu beschränken. -
Aber wenn man sich mal kurz darauf einlässt:
Warum?
Und: Was heißt das?
Ist das, zugespitzt formuliert, nicht ein Teil des Problems – oder zeigt es doch an?
Man liest auch ein (gutes?!) Buch kaum aus.
Hat man also nur eines, dann liest man in die Tiefe. Und vor allem: Man schafft es sich qua Wiederholung in´s Gedächtnis. Man hat es zu immer größeren Teilen im Kopf. Es wird zum Instrument – je nach dem: Zum Fernglas, zur Lupe, zum Hammer, zum Schraubenzieher. Es greift in´s Denken, in´s Interpretieren, es greift in´s Leben ein. Betimmt mit, wie man die Welt liest und deutet.
Liest man viele und ständig andere, bleibt dieser Effekt aus. – Du schreibst selbst: Das verwirrt.
Man liest viel, vergisst viel, bleibt mehr an der Oberfläche. Man integriert es allenfalls oberflächlich und dann: Auf ein Neues.
- Aber das ist ein anderes Lesen. –
Diesmal kann ich Dir aber auch einen ulkigen Verschreiber präsentieren: “trail and error”. Weg und Irrtum – tiefe Wahrheit.
In diesem Sinne,
Helmut
Liestman da
März 14th, 2007 at 10:22 am
Lieber Uwe,
noch ein kleiner Nachtrag aus aktuellem Anlass:
Auf Hr 2 war heute früh zu hören, dass einer Umfrage von Jornalisten die Engländer zu 56% ihre Bücher ausschließlich zu Deko-Zwecken erwerben. –
Und wir reden noch über´s lesen…
Umwölkte Grüße,
Helmut
März 14th, 2007 at 12:39 pm
lieber helmut!
gibt es so ein buch, das derart ins eigene leben eingreift, zum instrument des gestaltens wird?
sind wir nicht vielmehr darauf angewiesen, eben weil es eine unendliche vielfalt der menschlichen individuen gibt, auch eine solche vielfalt der buchwesen zur verfügung zu haben?
das babel des buchmarktes:
ist es nicht das, was uns entspricht?
die vielstimmigkeit, die vielsprachigkeit, in der jeder immer wieder von vorne sich schneisen schlagen muß, solche des verstehens, der teilnahme. jeder versuch kann dabei ein weg sein, der doch wieder nur in die irre führt. aber trotzdem: immer wieder losziehen.
können wir nicht nur deshalb im gespräch bleiben, weil wir durch biographie und geschichte unterschiedene sprecher sind? inklusive der vielen, auch gravierenden, lebensentscheidenden irrtümer, die sich dabei einstellen.
ich bin mir also nicht sicher, ob ich das eine buch wirklich will. vielleicht braut es sich aus den vielen lektüren in mir selbsttätig zusammen und bestimmt schon mein leben, ohne daß ich es weiß?!
auch würde ich die lebenslange lektüre des einen buches nicht so sehr und kategorisch zu den oberflächlichen lektüren der vielen bücher in gegensatz setzen. das entbindet uns aber nicht, nach einer lese-ökonomie zu fanden, das habe auch ich geschrieben. nur: wonach sollte die sich richten? was ist ihr kriterium?
mein (utopischer) vorschlag:
wissen, was aktuell not tut, ein bewußtsein davon ausbilden, was mir momentan zu- oder abträglich ist. dies ist immer wieder neu zu bestimmen, ein aufmerken auf das, was die eigentlichen bedürfnisse, notwendigkeiten sind. d.h., nicht unter oder über den wirklichen, inneren verhältnissen lesen. das wäre eine diätik des lesens, wie ich sie mir vorstellen, aber bisher noch nicht realisieren kann. noch bin ich mir selbst zu trübe und erleide regelmäßig einen literarischen überfütterungskollaps. die angemessene dosis vom richtigen – das wär’s. ich bin noch dabei, einiges darüber herauszufinden, mit der gefahr der überdosierung, der ich mich dabei aussetze.
gourmande grüße,
uwe.
März 14th, 2007 at 9:38 pm
Lieber Uwe,
ich hatte eine lange, ausgefeilte, wortspielende, hochgelahrte, überaus intelligente, nie mehr einzuholende Antwort geschrieben – und dann war das Netz ausgefallen und auch die Antwort im Orkus: VER – FLUCHT!!! –
Aber es ist spät und die letzte Nacht war kürzest und der Rücken schmerzt und die Augen brennen und ich versuche es nicht nochmal …
Morgen vielleicht,
H.
März 15th, 2007 at 8:39 pm
Lieber Uwe,
das Babel des Buchmarktes entspricht uns?
Entsprechen wir ihm?
Bibel – Babel – Gebabbel?!
Interessante Komparation eines Nomens.
Du ziehst, als Eroberer des Bücherangebotes, gerne los – ohne Wegbeschreibung?!
Ja, wir suchen das uns Gemäße aus dem Kuchen. Aber vermutlich gäbe es noch UNENDLICH viel mehr uns Gemäßes, zu dem wir den Weg nicht finden oder dieses zu uns nicht oder wir können einfach nicht so viel lesen.
Und wie Du andeutest: Wer weiß, obs gut wäre!
So reiten wir als Parcivals und Don Quixotes (und…) in den Bücherwald…
Wie die (fiktive) lebenslange Lektüre eines Buches NICHT im Gegensatz stehen soll zur Lektüre im Turm zu Babel, das, pardon, verstehe ich nicht. –
Ich halte es für einen prinzipiellen Unterschied, ob ein Gericht die Seele ernährt oder ein Brei aus vielen.
Aber natürlich geht es bei der Sache nicht um Regression oder Purismus, es soll ja nur ein Gedankenspiel sein: Was wäre wenn…? Wie wäre es wenn…?
Dafür mag das eine Buch gut sein, ich will ja nicht im Ernst zum Bücher-Terroristen werden oder à la Fahrenheit 451 vorgehen.
Welches Buch, welche Art von Buch taugte denn zum Einzigen?! – Müsste es ein religiöses sein? (Von Spar- und Kochbüchern oder Ratgebern zum gesunden Rücken sehen wir jetzt mal ab) Oder dürfte auch ein Roman…?
Hat das Ganze was mit Glauben zu tun?
Mit Wiederholung?!
Was hat es mit der Wiederholung auf sich?
Sie kann Langeweile erzeugen – Tod der Lektüre.
Sie kann aber auch, wenn man eben in der Lage ist, die Sache immer neu zu lesen oder als umfassenden Lebens-Ratgeber zu sehen oder wenn man, weil man glaubt, es wiederholen will, um sich in die Richtung des Buches zu formen (der recht Weg… (von dem nicht nur Rotkäppchen nicht abkommen soll…)) nichtsmir Langeweile zu tun haben, sondern wichtig sein, beinahe eine Art Therapie, im Sinne wichtiger Erinnerung oder innerer Stärkung oder Erbauung, sofern man heute noch eine schwache Erinnerung hat, was dieses Wörtchen mal bedeutete.
Lese-Ökonomie gefällt mir nicht besonders, Lese-Diäthetik schon viel besser.
Aber kennt man das nicht, dass man bei manchen Büchern weiß: Das ist es, das muss ich lesen?! Wenn man sie in die Hand nimmt oder auch eine Rezension liest. Man weiß: Das geht mich an. (Und das ist ja auch mit ein Grund, Besprechungen zu schreiben!)
Ist das nicht ein Teil dessen, was Du Utopie oder Instinkt nanntest?!
Überfütterungskollaps?
Weiß nicht nur der Magen nicht, wanns gut ist? Woher weht die Bücherfresserei, was wird gesucht? Selbst um den Preis, sich den seelischen Magen zu verderben?
Bei einem Buch würde das nicht passieren.
Es würde einen nicht verwirren. (Oder? Gegenbeispiel?)
Das Experiment sei erlaubt – und was wirft das für ein Licht auf die Art, in der man liest? – welches käme einem Status am nächsten, das EINE zu sein?
Ein Comic (welcher?), ein Bilderbuch (welches?), ein Atlas? (unter Umständen praktisch), ein Roman (von wem?)…?
Fragende Grüße,
Helmut
März 16th, 2007 at 3:42 pm
lieber helmut!
das hättest du wohl gern, eine nicht mehr einzuholende antwort. ich würde gerne wissen, wie die sich gelesen haben würde, wäre sie denn bei mir angekommen. unterschied sie sich denn von der dann doch noch bei mir eingetroffenen, nicht weniger langen, ausführlichen, vieles ansprechenden, intelligenten erörterung?
vielleicht ist der gegensatz doch nicht so groß zwischen der lektüre des EINEN buches und derjenigen der VIELEN bücher. denn die suche, die dahinter steht, ist doch vergleichbar: in beiden fällen will man sich klarheit über das leben und die welt verschaffen. bei dem einen buch widerstrebt mir die unterstellte deutungsmacht eines autors, denn: auch dieser kann sich irren! in wessen auftrag schreibt er, mit welcher rechtfertigung unterlegt er die exklusivität und geltungsmacht seiner aussagen? bei den vielen ist es die vielfalt der stimmen, die uns die relativität des geschriebenen vor augen führt und zugleich – das will ich zugeben – bleibt dabei offen, ob es einen ausweg aus dieser verwirrung geben kann. ein buch dagegen kann nicht verwirren – es fehlt ja die alternative. aber vielleicht müssen wir uns irren dürfen, um dem kern der sachen, die uns existentiell betreffen, näher kommen zu können.
entscheidend für dein experiment bleibt doch die frage:
kann ein buch den einen richtigen weg bereithalten für die prinzipielle unübersehbarkeit, unabgeschlossenheit und offenheit des eigenen lebenslaufs? müssen wir uns da nicht immer wieder neue wege suchen, neue wegweiser ausmachen, neue fährtenleger und spurensucher ausfindig machen?!
noch gravierender für mich wäre auch: ist gegenüber einem solchen buch eine ironische, kritische haltung möglich? religion und ihre bücher vertragen ja auch keine ironie, weshalb sie mir suspekt sind. das eine buch, von dem du gedankenspielerisch träumst, käme einem solchen religiösen gründungstext wahrscheinlich sehr nahe. auch die wiederholung, von der du schreibst, würde mit der liturgischen praxis der immergleichen floskeln korrespondieren, und auch die erbauung, die das eine buch verschaffen würde, käme einer religiösen schrift entgegen. ist es also letztlich ein religiöser text, auf den deine experimentell gestellte frage abzielt?
bei der lese-diäthetik sind wir uns einig:
voraussetzung ist, daß wir wissen, was uns angeht. das zumindest sollten wir in erfahrung bringen, in unseren lese-leben.
auch das eine buch müßte man ja immer wieder “fressen”, bis es gänzlich einverleibt wäre – insofern ist die haltung vergleichbar zu derjenigen eines bücher-gourmands, zu der ich mich (noch und vielleicht für immer!) gezwungen sehe, denn:
wie soll eine endgültige sättigung zu erreichen sein in einem medium, das ein verlangen zwar stillt, dieses jedoch nicht vollständig zu befriedigen in der lage ist? irgendein rest bleibt (bei mir) nach jeder lektüre zurück, der nach einer fortsetzung giert!
ist es bei dir anders?
nachfragende grüße,
uwe.
und außerdem habe ich den vielleicht utopischen glauben, daß sich so etwas ähnliches wie ein buch aus den vielen lektüren in uns bildet. bisweilen kommt es doch gar nicht so sehr auf das buch an als auf das, was es für gedanken bei uns auslöst. man könnte es paradox formulieren: es kommt nicht so sehr darauf an, was ein autor schreibt, sondern darauf, wie wir es verstehen wollen oder können.
März 17th, 2007 at 10:21 am
Lieber Uwe,
nun, Du wirst die (Selbst)Ironie verstanden haben.- Es ist halt manchmal schon ein rechtes Kreuz mit der Technik.
Du möchtest als tertium comparationis die Suche haben, ich will auf den Unterschied zwischen Konzentration und Zerstreuung hinaus.
Ums nochmal in Erinnerung zu rufen: Ich hatte als Modell des einen Buches die Bibel, weil sie das in former times ja vielleicht in vielen Haushalten war (neben dem Kochbuch vielleicht).
Insofern: Deutungsmacht, ja klar! Religiöser Text etc.: Ja!
Superverkürzt: Das Wort GOttes hat seine Macht verloren – kommen die Worte der Autoren nach. Bibel – Babel?
Zu Deiner Frage, ob ein Buch DEN Weg bereithalten: Nein, hoffentlich nicht! Bzw. per se: Wenn es so wäre: Könnte es gut sein?! Nee, dat wär zu einfach. Den Weg muss Mensch schon selber finden – ein Buch ist nur ein Buch (die Bibbel auch?)) – und die Verantwortung dafür übernehmen.
Man könnte spaßeshalber auch fragen: Wie – die Bibel kann sich irren??
Ein Buch könnte nicht verwirren?
Der Beweis gälte noch geführt zu werden.
Ich denke es gäbe einzelne Bücher, die durchaus das Zeug zum verwirren hätten.
Und vor allem kann man ja von ihm oder DEM WEG abirren (Rotkäppchen wird am Ende doch noch zum roten (sic!) Faden).
Und nun will er auch noch Ironie – Kerl!, das Leben ist ernst! Aber im Ernst: Sicher, vor dem religiösen Text ist der Leser kleiner, unmündiger, wird er nicht wirklich gefragt, hat er wenig Freiheit, sondern zu folgen.
Was aber, wenn man das eine von früher – Bibel – gegen ein eines von heute (oder gestern) ersetzte? Was könnte/ würde/ sollte/ an diese Stelle treten?
Woher rührt diese Fotsetzungsgier, was macht die Lesesucht aus, was wird da unbefriedigt gelassen, was im Lesen gesucht (und – halb – gefunden)?
Auf Antwort gespannte Grüße,
Helmut