Nicholas Shakespeare „In Tasmanien“
März 6th, 2007Nicholas Shakespeare: „In Tasmanien“, Hamburg 2005, 498 Seiten, mit 30 s/w Abbildungen, 24,90.- Euro (antiquarisch inzwischen für ca. 6-9 Euro zu kaufen), in´s Deutsche übertragen von Hans M. Herzog, der Originaltitel lautet: „In Tasmania: A House at the End of the World“
Quelle: wikipedia

Nicht leicht zu sagen, was man hier vor sich hat.
Was ist das für ein Buch?
Die NZZ meinte im Frühjahr 2006, dass in diesem Buch Geschichte, Autobiographie, Familiengeschichte, Reisebericht und Journalismus verbunden worden seien.
Die TAZ sprach schon ein Jahr zuvor von: Geschichtsbuch, Familienroman, Selbstfindung und literarischer Reisereportage.
Man sieht: So ganz leicht in´s Schublädchen ist das Fünfhundert-Seiten-Werk nicht zu schieben. Genau das wollte Shakespeare, der übrigens mit seinem bekannteren Namensvetter William ebenso verwandt ist wie mit Aldous Huxley, wohl auch nicht. Denn in einem Interview des Deutschland-Funks, in dem das Buch als zwischen Roman und Sachbuch angesiedelt diskutiert wurde, sagte er über die Deutschen, dass uns unsere Schubladen nur behindern würden und stellt die provokante Frage welches deutsche Buch in den vergangenen zwanzig Jahren außerhalb Deutschlands denn Erfolg gehabt hätte. (Freilich insinuiert das, dass es an genau dieser Art zu schreiben liegen könnte, der strengeren Trennung von Fiktion und Nicht-Fiktion)
Mag man „In Tasmanien“ getrost für eine Sammlung halten, ohne es näher spezifizieren zu wollen, so stellt sich doch die Frage welchem Zweck sie dient.
Geht es primär um Selbstfindung, um die Rekonstruktion der Familiengeschichte, geht es um Exotismus, die Flucht ins Außerhalb um vor der abgeschlossenen siebenjährigen Arbeit an der Bruce Chatwin-Biographie zu entfliehen, geht es um die Suche nach dem Paradies oder um den Ausfluss seiner eigenen Annäherung an diese ferne Insel, um ganz anderes? Oder haben wir auch hier nur wieder eine Mischung vor uns?
Auffallend ist, dass Shakespeare Biographien versammelt. Extreme Biographien – ob es sich um seinen Urururgroßonkel Anthony Fenn Kemp handelt, das schwarze Schaf der Familie, der im Jahre 1804 in Tasmanien eintraf und gerne für den George Washington von Van Diemens Land, wie Tasmanien damals noch hieß, gehalten worden wäre und seinem wilden Leben zum Trotz 95 Jahre alt wurde, oder um zwei achtzigjährige Jungfern, die ihr Leben lang ihr Haus und ihren Garten so gut wie nicht verlassen haben.
Aber man wird auch über die Ausrottung der Aborigines und die des Tasmanischen Tigers oder des Sturmtauchers informiert, dessen Öl für Heilzwecke begehrt war oder über die Abholzung des Regenwaldes (vgl. um S. 443), wobei der Autor die moralische Wirkung seines Schreibens im wesentlichen der Kenntnisgabe nüchterner Fakten überlässt.
Auf den Tasmanischen Tiger, der eigentlich ein Beutelwolf war, wurden Kopfprämien ausgesetzt. Die erste wurde am 28.04.1888 ausbezahlt – die letzte am 5.06.1909. In 21 Jahren wurden 2184 Felle getöteter Tiere gezählt. Dann gab es eine Staupeepidemie und weitere „Tigerschiessen“ auf das harmlose, zahme Tier dürften sein Ende besiegelt haben. (Vgl. S. 425 f.)
Doch auch auf Aborigines waren zu gewissen Zeiten Prämien ausgesetzt – und man jagte sie mit einer Menschenkette, die quer über die Insel verlief.
Auf der einen Seite also die Präsentation von Historie und Fakten.
Auf der anderen fällt sein Hang zum Kuriosen, Außergewöhnlichen, Interessanten auf – das ist nett zu Lesen, ob man es gut finden will ist eine andere Frage. Hier wird ein Mädchen durch eine Tür erschossen (vgl. S. 163), ein anderes übel vergewaltigt und getötet – mit langen Spätfolgen in der Gemeinde, jemand anders wird, in der Tat eine ungewöhnliche Todesart, in ein Fell eingenäht und verbrannt (vgl. S. 160), oder es wird ein menschlicher Finger als Pfeifenstopfer benutzt (vgl. S. 203), angeblich aus Versehen wird eine Katze von der Hausfrau im Herd verbrannt (vgl. S. 379) – wie das gehen soll erscheint gänzlich schleierhaft – die Katze hätte sich zumindest akustisch vehementest bemerkbar gemacht! Man erfährt den Namen dessen, der die erste Bombe auf die USA warf (S. 447), woher der Beutelteufel seinen Namen hat (S. 438), und dass man auf Tasmanien die wohl beste Luft der Welt genießt (vgl. S. 308 ff., bes. S. 310).
Etwas befremdlich die Erzählung, dass einmal 1m Regen im Jahr fiel, was zu einer Matschwelt führte. In den Bayerischen Alpen fallen auch schon mal 2000 mm pro Jahr, in den westlichen schottischen Highlands gibt es über 3000 mm. Das ist nicht wenig, aber noch nicht extrem. Am 22.06.1947 fielen in Montana in 42 min. 305 mm Regen, Hawaii hatte einmal 11.455 mm zu gewärtigen und in den Ausläufern des Himalaya wurden einmal 26.461mm gemessen.
Der Leser hat nach der Lektüre ein Bild von Tasmanien und er weiß nun eine Menge über diese Insel – und was weiß man normalerweise schon über diesen Flecken am Südzipfel Australiens, der früher britische Strafkolonie war, Gefängnisinsel, Kerker am Ende der Welt?
Man weiß nun vom ganz frühen neunzehnten Jahrhundert bis etwa an´s Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts etwas. Das ist nicht wenig und dennoch fragt man sich was das alles zusammenhält – oder zusammenhalten soll. Aber vielleicht soll und muss es ja gar nicht mehr Konsistenz haben, vielleicht soll es nur eine Sammlung sein, lose verknüpft durch das Thema: Tasmanien. Für Shakespeare gehen da ja auch Familiengeschichte und Geschichte ineins.
So machen die kleinen, nicht eben scharfen schwarzweiß- Abbildungen fast den Eindruck, dass man ein Familienalbum vor sich hat. Die Qualität ist dürftig und doch sind die Bilder ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Buches, ohne den es einen anderen Eindruck machen würde.
Man liest manches Fragment eines kuriosen Lebenslaufs, fragt sich aber doch unterdessen, warum man das lesen, was es einen angehen sollte. Man liest es nicht ungern, es ist immer informativ, oft spannend, aber der große Zug fehlt. Man will das Buch zu Ende bringen, aber magnetische Anziehungskraft übt es nicht in jedem seiner Teile aus.
Beeindruckend, was über die Aborigines, den Sturmtaucher und den Tasmanischen Tiger zu lesen ist – leider alles bittere Ausrottungsgeschichten. Das Buch ist hier durchaus – und vollkommen zurecht – kritisch. Es könnte und sollte einem noch heute schlecht werden vor Wut und Scham auf welche Weise die westliche Zivilisation über den Globus ausgebreitet und wie dabei mit den Menschen der fremden Kulturen und den Tieren umgesprungen wurde – keineswegs nur in Tasmanien. In dem Artikel von Susanne Mayer in der „Zeit“ vom 1.03.2007 über John Berger wird dieser mit den Worten zitiert: „Dieses System ist historisch einzigartig, weil es nur einen Wert kennt: Profit. Dass so ein System zusammenbrechen muss, ist evident.“ („Zeit“ Nr. 10, S. 52) In der gleichen Zeitung liest man auf S. 48 in einem Beitrag Hartmut Böhmes vom „Debakel unseres Wirtschaftens“. Er schreibt: „Die Natur der Erde wurde dabei als Bestand vorausgesetzt und ausschließlich als Schauplatz von Aneignung und Ausbeutung behandelt. (…) Die Erde hält den Menschen immer weniger aus. (…) Auf westlichem Niveau können sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde nicht leben. (…) Der universalisierte Westen: Das wäre das Ende der Erde.“ Er fordert, analog zum Modell der Menschenrechte einen Naturvertrag.
Quelle: wikipedia
Den Umstand, dass man sich so verhielte, als sei die Natur „gratis da“ hatte Walter Benjamin bereits vor etwa 70 Jahren deutlich kritisiert. Siebzig Jahre kann man als lange und als kurze Zeit sehen, je nach dem welchen Vergleichsmaßstab man sich wählt, aber wenn Benjamins Bemerkung seinerzeit ernst genommen und konsequent beherzigt worden wäre – was hätte verhindert werden können und wo könnten wir heute stehen? Der Tasmanische Tiger lebte damals noch.
(Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Besprechung von Thomas Ehrsams „Der weiße Fleck“ demnächst in diesem Blog)
Shakespeare berichtet auch von Bob Brown, der 1972 nach Tasmanien kam um das lebendige Exemplar eines Tasmanischen Tigers zu finden. (Damit hatte er keine Erfolg) Dabei stieß er auf den Franklin River, eine Landschaft in die er sich verliebte und die er vor der Vernichtung zu bewahren trachtete. Das ist ihm wohl gelungen. Heute sind 39 % der Insel Weltnaturerbe und Brown sitzt als Abgeordneter der Grünen im australischen Senat. Shakespeare zitiert ihn:
„Für mich verkörpert er [der Franklin River] all die verschwundenen Wälder, all die gefluteten Seen, all die gebändigten Flüsse, all die ausgerotteten Tier- und Pflanzenarten. Er wird von demselben hirnlosen Ungetüm bedroht, das unsere Vergangenheit verschlungen hat, unsere Gegenwart verschlingt und droht unsere Zukunft zu verschlingen: das reaktionäre Ungetüm niederträchtigen Ehrgeizes und gebrochener Versprechen, abgesicherter Investitionen und billiger Profite.“ (S. 442)
Nicholas Shakespeare wohnt seit 2001 auf Tasmanien, er hat dort, darauf spielt der Originaltitel an, sein Traumhaus gekauft, pendelt allerdings zum Arbeiten als Zeitungsredakteur halbjährlich nach England. Ein Traumhaus für 120.000 Euro, offenbar an einem Platz, der zum Weinen schön ist (vgl. S. 450 f.) und mit 17 Kilometern Strand, an dem man täglich Austern sammeln kann.
Darauf bezieht sich wohl der Originaltitel. Sicher, von Europa aus liegt Tasmanien am ´Ende der Welt´ – und in der Tat ist es wohl im Abseits, hat doch Australien die einsame Insel, die aber immerhin ein zugehöriger Landesteil ist, einmal auf einer offiziellen Karte vergessen, als es sich um die Teilnahme an den Commonwealth-Spielen bewarb.
So sympathisch wie ungewöhnlich ist, wie er Erfolg definiert:
„Erfolg ist für mich: Ehrlich zu leben und niemandem weh zu tun.“
Keine Antwort zu “Nicholas Shakespeare „In Tasmanien“”