Thomas Ehrsam, Kurt Horlacher, Margrit Puhan (Hg.) „Der weiße Fleck. Die Entdeckung des Kongo 1875-1908“

März 14th, 2007

Thomas Ehrsam, Kurt Horlacher, Margrit Puhan (Hg.): „Der weiße Fleck. Die Entdeckung des Kongo 1875-1908“, mit einem Essay von Hans Christoph Buch, Band 1 der Reihe ´Schriften Museumsgesellschaft und Literaturhaus Zürich im Verlag Nagel & Kimche´, hg. von Thomas Ehrsam und Beatrice Stoll, München und Wien 2006, 166 Seiten, 15,90 Euro

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leoThomas Ehrsam, bekannt etwa durch seine Herausgeberschaft der umfangreichen Tagebücher Thea Sternheims, hat vor kurzem zusammen mit zwei weiteren Herausgebern ein neues Buch vorgelegt. Es handelt von der Okkupation des Kerns des ´Schwarzen Kontinents´ zunächst durch arabische Sklavenhändler, dann durch die ´Westliche Zivilisation´. Die Berichtszeit der Texte liegt, wie der Untertitel bereits ausweist, zwischen 1875 und 1908 und versammelt spannende und erschütternde Dokumente. In Atlanten der Jahre vor 1870 prangte der Kongo noch als weißer Fleck auf den Karten; neben den Polarkappen war der Kongo zu dieser Zeit eine der unerforschtesten Gegenden der Erde.

Der Prozess war offenbar überall der gleiche, ob man an das Reich der Azteken, die Inbesitznahme Nordamerikas durch die WASPs oder an die Verdrängung und Ausrottung der Aborigines in Australien und Tasmanien oder eben an Afrika, hier am Beispiel des Kongo, denkt. Mit äußerster Rücksichtslosigkeit und Brutalität wurden Interessen durchgesetzt und das Recht des Stärkeren praktiziert. Ohne Verständnis oder Gefühl für die fremde Kultur, deren Vertreter stets für rechtlose ´Untermenschen´ gehalten wurden, wie es später in anderem Zusammenhang heißen sollte. Joseph Conrad hat in seinem nach wie vor bemerkens- und lesenswerten „Herz der Finsternis“ (vgl. die Besprechung hier im Blog), das die literarische Vorlage zu dem Film „Apocalypse now“ von Francis Ford Coppola war, 1899 erstaunlich deutlich auf diese Zustände aufmerksam gemacht, was Wirkung etwa auf Mark Twain hatte.
Die Kosten-Nutzen-Logik wurde mit eiserner Hand über den Planeten gezogen und erwies sich als tödliches Modell. Eine Denk-Krankheit und –Verarmung mit enormem Vernichtungspotential, deren ganzes Ausmaß vielleicht erst allmählich für alle an der schlechten Globalisierung und der Klimaerwärmung sichtbar wird. Im Zuge schleichender Weltvernichtung und der so absurden wie brandgefährlichen Phantasien, den schlussendlich zu Sondermüll verwandelten, ehemals blauen Planeten zu verlassen und den nämlichen Schwach- und Wahnsinn auch noch über diesen hinaus im All zu verbreiten. – Ohnehin eine rechte Schnapsidee, bei der man sich fragt wie sehr ein Hirn neben der Spur und der Welt und ihrer Schönheit sein muss, um darauf zu verfallen; anstatt vielleicht ja gerade noch rechtzeitig zu tun was zu tun ist, ist die Vernichtungslogik von Zerstörung und Flucht virulent.

Einen kleinen Teil davon schildern als Vorläufer die in diesem Buch gesammelten Dokumente der Entdeckung des Kongo auf höchst eindrückliche Weise.

Wie das Skalpieren in Amerika nicht von den ´Rothäuten´, wie man es aus den Western kennt, sondern von Weißen eingeführt und praktiziert wurde – die Skalps waren der vorzulegende Beweis, den man zu erbringen hatte, um zu belegen, dass man einen der lästigen Ureinwohner beseitigt hatte und der gleichzeitig berechtigte, die ausgesetzte Prämie zu kassieren -, so war das Abhacken von Gliedmaßen, besonders von Händen, wie man es derzeit im Kino in dem Film „Blood Diamond“ mit Leonardo di Caprio sehen kann, seinerzeit von den Belgiern unter König Leopold II. im Kongo begonnen und vorgemacht worden. Wer nicht genug Kautschuk lieferte, dem wurde eine Hand abgehackt, egal ob Kind, Erwachsener oder Greis. Wer sich als unverbesserlich erwies, verlor auch die zweite. Kautschuk war ein wichtiges Produkt für die Industrie der Zeit.
Wie unendlich schade, dass ´Entdeckung´ nahezu stets kongruent war mit Eroberung und Vernichtung. (Vgl. zu diesem Thema auch in diesem Blog die Besprechung von Nicholas Shakespeares „In Tasmanien“) Leopold II. hat den Kongo nie selbst bereist, worauf Horst Schmidt in seiner Besprechung des Buches bei www.literaturkritik.de hinweist. Er ließ aber Stanley, dessen Vorgehen teils brutal war, ´Verträge´ mit 400 Häuptlingen schließen, die besiegelten, dass diese ihr Land und ihre Untertanen an Leopold abtraten – das Kongobecken galt 1884, von der internationalen Afrika-Konferenz bestätigt, als dessen Privatbesitz. Der Kongo ist, wie Schmidt interessanter Weise anmerkt, ca. 80 Mal so groß wie Belgien. Man schätzt die Opfer dieser „Entdeckung“ in die Millionen. Horst Schmidt schreibt: ein „System der Vernichtung von Menschenleben durch Zwangsarbeit, das in seiner Dimension erst vom Holocaust übertroffen werden sollte“.

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henryEin knappes Dutzend Texte von etwa ebenso vielen Autoren versammelt der Band, den das Vorwort von Thomas Ehrsam einleitet, die Texte sind von Schwarz-Weiß-Abbildungen, die zeitgenössischen Ausgaben entnommen sind, begleitet. Im Anhang finden sich zum Vergleich französischsprachige Originaltexte, die vorne auf deutsch zu lesen sind und eigens für dieses Buch von Petra Willim übersetzt wurden. Eine einfache, hundert Jahre alte Landkarte befindet sich auf dem inneren hinteren Umschlagdeckel des broschierten Bändchens.
Man erfährt von Fledermausmahlzeiten (S. 68), geräucherten Toten (S. 80 f.) und der Frage nach Menschenfresserei (S. 83) sowie dem – angeblichen? – Vollzug des Kannibalismus (S. 119 f.). Hans Christoph Buch weist im Nachwort allerdings zu Recht darauf hin, dass
Reiseberichte keine objektiven Darstellungen sind, sondern oft exotistisch oder sensationalistisch geprägt (vgl. S. 156). Denn es gibt durchaus Stimmen, die die Meinung vertreten, dass es wirklich ernstzunehmende, sichere Belege für Kannibalismus gar nicht gebe.
Zu Bedenken ist, eine ethnologische Binsenweisheit, dass sich in der Schilderung des Fremden häufig das Eigene genauer zeigt als das beschriebene Fremde selbst.
Man liest Erörterungen über das Klima und wie zu- oder abträglich es wohl der europäischen Konstitution sein mag und wie lange man in diesem – und zu welchen Tageszeiten – arbeiten könne, als Europäer. (Vgl. S. 106) Man liest von Wolle als Unterkleidung, und dass es des Nachts durchaus frisch werden könne, sodass man das Bedürfnis bekomme, einen wärmenden Rock, wie man damals zum Jackett sagte, zu tragen. (Vgl. S. 86) Von Reisebadewannen, die man praktischer Weise auch als Koffer nutzen könne ist zu lesen (vgl. S. 87), von der Sklavenausfuhr (vgl. S. 88), davon, dass sich die im Initiationsritus befindlichen jungen Männer zwei Jahre nicht waschen dürften (vgl. S. 113), und dass als übliche Bestrafung das Schädeleinschlagen und begraben im Dorf Usus sei (vgl. S. 115) und dergleichen mehr. Ob man das alles für bare Münze nehmen will oder kann, sei dahingestellt, es wäre im Einzelfall zu überprüfen. Bei www.inforadio.de ist zu lesen, dass man sich den Eingeborenen „mal freundlich herablassend, mal rassistisch“ näherte. Wirkliches, echtes Interesse an Land und Leuten muss man als große Ausnahme sehen.
Das ist die eher informativ-unterhaltsame, die kuriose Seite dieser Texte.
Aber sie sprechen, und sei es indirekt – denn sie scheinen doch eher verharmlosend zu wirken, womöglich auch wirken zu wollen – auch noch eine andere Sprache: Sie zeigen die koloniale Bühne, wie Hans Christoph Buch schreibt, als Probe für nachfolgende Massenmorde und andere Menschheitsverbrechen. (Vgl. S. 148) Und sie lassen deutlich werden, dass so genannte humanitäre Aktionen – etwa der Vorwand der Befreiung vom Sklavenhandel – und die geographische Erforschung oft nur Vorwand und Tarnung waren für Annexion, Unterwerfung, Enteignung und Ausbeutung. (Vgl. ebd.)
Die ´Expeditionen´ mit denen man unterwegs war, zählten 400, auch mal 700 Mann (vgl. etwa S. 126). Sie bereiteten den Weg, die Ausbeutung folgte unmittelbar nach; ein dunkles Kapitel.
Aber auch hier wird thematisiert, was in Afrika, so liest man, noch heute eine bedeutende Rolle spielt: Der Glaube an Hexerei und Zauberei sitzt tief und mag fortschritts- und entwicklungsverhindernd wirken. Buch weist auf Beispiele der jüngeren Geschichte, etwa die Mobutu- und Nachmobutu-Ära hin, mit ihren seinerseits Millionen Toten.
Ein anregendes Buch, dessen Vorzug es ist, die Original-Texte an die Hand zu geben und, von kurzen einleitenden Kommentaren abgesehen, diese sprechen zu lassen. So liest man Henry M. Stanley, Harry Hamilton Johnston, Hermann Wißmann, Herbert Ward, Edmond Picard oder Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg selbst, um nur einige zu nennen. Diese Texte dürften teils populär und von großer Wirkung für die Bildung der öffentlichen Meinung gewesen sein. Hierüber Näheres zu erfahren, wäre zusätzlich interessant gewesen.
Die Darstellung von Afrika geht in die Extreme: Mal erscheint es als Paradies, mal als Hölle, wie etwa in Denis Johnsons „In der Hölle“. Beides scheint eng zusammenzugehören und gar nicht recht trennbar zu sein.

Wer sich für weiterführende Literatur zum Thema interessiert, wird fündig auf der Seite:
www.kongo-kinshasa.de

Eine Antwort to “Thomas Ehrsam, Kurt Horlacher, Margrit Puhan (Hg.) „Der weiße Fleck. Die Entdeckung des Kongo 1875-1908“”

  1. 1 Helmut
    März 20th, 2007 at 4:35 pm

    Ein kleiner Nachtrag zu diesem Thema,
    gefunden in der “Zeit” vom 15.03.2007, S. 60:

    Besprochen wird dort das Buch von Uwe Schulte-Varendorff: “Kolonialheld für Kaiser und Führer”, eine Biographie von Lettow-Vorbeck.
    In der Besprechung von Andreas Eckert wird dieses Buch “materialreich wie sachlich” gefunden und man liest: “Bevor Lettow-Vorbeck 1914 das Kommando der deutschen ´Schutztruppen´ in Ostafrika übernahm, hatte er sich bereits an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China sowie am Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt. Der Autor zeigt noch einmal nachdrücklich, dass Lettow-Vorbeck während des Ersten Weltkriegs ´mitnichten eine ritterliche Kampfesweise, sondern eine brutale, rücksichtslose und menschenverachtende Kriegsführung praktizierte´. Besonders barbarisch sprang er mit der afrikanischen Zivilbevölkerung um. Aber auch seine angeblich treu ergebenen Askari gaben ihm nicht ohne Grund den Beinamen ´der Herr, der unser Leichentuch schneidert´.
    In den Jahren der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus unterstrich der stramme Antidemokrat und Antisemit Lettow-Vorbeck, wegen seiner Beteiligung am Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 aus der Reichswehr verabschiedet , in zahllosen Vorträgen und Büchern den deutschen Anspruch auf Kolonien.”
    Von Hitler distanzierte er sich lediglich aufgrund seines militärischen Versagens.

    Seine Bücher waren überaus populär.