Tim Krabbe “Das goldene Ei”
März 20th, 2007Tim Krabbe: Das goldene Ei, Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Susanne George. Reclam Leipzig 2004 (Originaltitel: Het gouden ei, 1984 in Amsterdam erschienen)
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Die Handlung dieses Kurzromans lässt sich leicht zusammenfassen. Ein niederländisches Paar, Saskia Ehlvest und Rex Hofman, befindet sich Mitte der 70er Jahre auf der Urlaubsreise in den Süden Frankreichs. Obgleich sie während der Autofahrt kleinere Nickeligkeiten austauschen und eine Atmosphäre des Streits in der Luft liegt, scheint alles auf eine entspannte, sonnendurchflutete Ferienzeit hinzudeuten. Bei einem Tankstopp kommt Saskia von einem Toilettengang nicht mehr zurück und bleibt, auch nach intensiver Suche ihres Freundes, spurlos verschwunden. Niemand kann eindeutige Angaben zum Verbleib von Saskia machen, eine Suchaktion der Polizei wird nicht eingeleitet. Saskia bleibt verschwunden.
Noch Jahre danach kann Rex den jähen Verlust nicht verwinden und ist zu neuen Liebesbeziehungen nicht wirklich fähig, da er sich innerlich nicht von Saskia zu lösen vermag. Zuletzt, um zu einem Abschluss mit dem für ihn schicksalhaften Vorfall von Saskias Verschwinden zu gelangen, startet er eine finanziell aufwendige Anzeigenkampagne, um endlich herauszufinden, was vor acht Jahren an der Autobahnraststätte geschehen ist. Neben vielen unbedeutenden Zuschriften meldet sich ein Mann mittleren Alters namens Raymond Lemorne persönlich mit dem Vorschlag bei ihm, die Hintergründe und den genauen Ablauf des damaligen Geschehens zu offenbaren, allerdings unter der aberwitzigen Bedingung, dass Rex das Schicksal von Saskia teilen müsse. Rex willigt nach kurzem Bedenken ein, da er mit dem Gedanken, seine Freundin verloren zu haben, nicht klar kommt. Das Nicht-Wissen wurde ihm über die Jahre hinweg zur Qual und er würde alles dafür tun, zu erfahren, was mit ihr geschehen und wo sie verblieben ist. Das Unerträgliche seiner Situation liegt für ihn in diesem Nicht-Wissen, das zu einem obsessiven Kreisen seiner Gedanken führt (S. 59-60). Das Angebot des unbekannten Mannes scheint daher die Lösung seiner Nöte zu versprechen. Der Drang, Gewissheit zu erlangen, steht über allen bedenkenswerten Einwänden.
Und wenn mit der Befriedigung des Verlangens, wissen zu wollen, was damals geschehen ist, die Beschädigung oder gar Vernichtung des Befriedigten zusammenfällt, so kann er das als eine „schöne“ Vorstellung akzeptieren – es kommt ihm letztlich wie eine Reunion vor (S. 128-129). Was das im einzelnen bedeutet, soll nicht verraten werden, nur so viel: hinter allem steckt ein besonders perfides Verbrechen.
Soweit die Kurzfassung der Handlung dieses psychologischen Spannungsromans, der in einer nüchtern-distanzierten Prosa geschildert wird. Durch ein perfektes Timing, welches dafür sorgt, dass der Leser immer genau die Informationen erhält, um den weiteren Verlauf der Geschichte nachvollziehen zu können, wird die Spannung gleichbleibend hoch gehalten. Auch die Zeit- und Handlungssprünge zwischen den fünf Kapiteln sind mühelos mitzuverfolgen. Die Dramaturgie der Ereignisse funktioniert und geht bis zuletzt auf, was vor allem an der klaren Komposition liegt, die auf Nebenschauplätze oder ausufernde Detailbeschreibungen verzichtet. Krabbe ist passionierter Schachspieler, und so ist es nicht abwegig, die konzise Komposition mit der Logik eines Schachspiels zu vergleichen, bei dem ein Zug den anderen bedingt und ein falscher Zug die Katastrophe auszulösen vermag. Diese Konzentration auf die Hauptakteure, die psychologisch interessanten, aber nie ausschweifenden Einblicke in ihre Denkstrukturen und die konsequent auf die Lösung der wenigen Handlungsstränge zulaufende Geschichte, machen die Lektüre zu einem knapp zweistündigen Erlebnis ohne Spannungsabfall.
Am Ende hat man eine Geschichte gelesen, in der drei Charaktere eine Schicksalsgemeinschaft dadurch eingegangen sind, dass sie an einem Ort in einem Augenblick aufeinandertreffen, der in seiner Alltäglichkeit zunächst bedeutungslos zu sein scheint, später jedoch seine katastrophalen Folgen für die Beteiligten offenbar werden lässt. Um diesen Augenblick scheinbarer Ereignislosigkeit und Banalität, der sich dann als folgenschwerer Wendepunkt im Leben der drei Akteure erweisen wird, geht es letztlich: Man könnte den Roman auch als eine minutiöse, zeitlupenhafte Beschreibung des Vergehens der „allerletzten Minute, in der noch etwas Normales hätte passieren können“, (S. 25) verstehen.
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Da ist Saskia, eine junge Frau von „unbändiger, tragischer Schönheit“ (S. 20), zu deren näherer Charakterisierung vor allem ein Alptraum dient, den sie in ihrer Kindheit hatte und in dem sie in einem goldenen Ei durch den Weltraum fliegt, mit dem schrecklichen Gefühl des Alleingelassenseins und ohne die Möglichkeit zu sterben, einzig mit der Hoffnung, der Zusammenstoß mit einem anderen Ei würde alles beenden (S. 18-19).
Dann der junge Mann Rex, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit dieser Frau, seiner großen Liebe, eins zu sein und der doch immer nur die eigene Machtlosigkeit spüren muss, da dieses Verlangen realiter unerfüllt bleibt (S. 17) oder nur gedanklich zu vollziehen ist (S. 35). Ihm wird die verschwundene Geliebte zu einer Autorität, zu einer obsessiven Idee, die sein Leben bis zum Ende bestimmt: Saskia und das quälende Verlangen, das Rätsel ihres Verschwindens zu lösen, wird zum Motor seines Lebens, was sogar dazu führt, dass er von ihrem Traum vom goldenen Ei, diesem Alptraum der Verlassenheit und Einsamkeit, heimgesucht wird (S. 62). Und zuletzt der Dritte im Bunde, Raymond Lemorne, ein Chemielehrer, der in normalen bürgerlichen Familienverhältnissen lebt, insgeheim aber von einer mörderischen Idee umgetrieben wird. Seit seiner Jugend versucht er zu verstehen, wie eine Absicht, eine gedankliche Möglichkeit wirklich (S. 67), wie eine Phantasie greifbare Realität wird (S. 71). Was als ein spannendes Gedankenspiel beginnt, geht in das sukzessive Nachspielen einer Idee über und endet schließlich mit der präzisen Planung und Durchführung eines schrecklichen Verbrechens – einem Verbrechen, dem Saskia und Rex schließlich zum Opfer fallen werden. Dieses dritte Kapitel ist das eindringlichste des Romans, in dem mit erschreckender Distanziertheit die Vorbereitungen und Phasen des Verbrechens so geschildert werden, als ob ein Räderwerk tätig werden würde, das von Raymond als dem unsichtbaren Antreiber in Gang gesetzt wurde und der das wie in einem „Rausch“ (S. 89) genießt: Er fühlt sich „königlich verdorben“ (S. 74) und wie „die Lösung eines Rätsels, das erst noch gestellt werden sollte!“ (S. 90) Und als ob er eine längst feststehende Entscheidung verwirklicht, macht sich Rex im folgenden Kapitel, geführt von den perfiden Anweisungen Lemornes, auf den Weg ins zweite goldene Ei, um erfahren zu können, was mit Saskia geschehen war. Zuletzt hat er ein „Gefühl der Vollkommenheit“ und ihn überkommt die „erregende Erkenntnis, dass er etwas nachvollzog; dass er endlich tat, was eine sehr hohe Instanz von ihm verlangte“ (S. 130). Eine Frau, die das scheinbar zufällige Opfer einer kaltblütigen Gewalttat wird, und zwei Männer, die sich darin ähnlich sind, das sie beide gerne spielen und eine fixe Idee bis zum Äußersten treiben (müssen): Bei Rex ist es die Idee der Einheit der Liebenden und das Trauma des Verschwindens, das er überwinden will. Bei Raymond ist es die erregende Faszination an der unsichtbaren Macht der Gedanken und wie diese sich schrittweise in einem Verbrechen verwirklichen. Die Entführung Saskias ist die Initialzündung dafür, dass beide Männer ihre Gedankenspiele bis in eine unumkehrbare Wirklichkeit hinein weiterverfolgen. In diesem Sinne sind sie einander komplementär.
Der Leser hat also eine Geschichte mit einem großen Spannungsbogen vor sich, in der er mit gleichbleibender Lust an der gekonnten Verknüpfung der Handlungsfäden teilnehmen und den schauerlichen Einblicken in die Motive der Handelnden folgen kann. Es geht um den Aberwitz einer Liebe, welche die Einheit der Liebenden absolut setzt, und um die Planung und Durchführung eines Verbrechens, das zuletzt wie das Komplement dieser Liebe erscheint. Jenseits dieses Plots wird dem Leser aber auch Einiges zum Nach- und Weiterdenken mit auf den Weg gegeben. Wir finden die Größe einer Liebe beschrieben, die sich erst im Verlustschmerz offenbart, und zugleich wird die lebensverhindernde Macht von Illusionen sichtbar gemacht, die einen über die Unmöglichkeit räsonieren lässt, mit dem geliebten Wesen eins werden zu können. Wir erfahren etwas über die Notwendigkeit des ersten Schrittes, um zu ermessen, was es bedeutet, etwas wirklich werden zu lassen, aber auch, wie durch diesen ersten Schritt ein Verhängnis seinen Lauf nehmen kann. Das Schicksal in Gestalt eines Schlüsselanhängers macht uns darauf aufmerksam, wie durch ein Nichts alles im Leben sich verändern und wie das sukzessive Umsetzen einer Phantasie bestürzend real in das Leben anderer einwirken kann, die von all dem nichts ahnen können. Auch erfahren wir etwas über die Unerträglichkeit des Alleinseins oder Alleingelassenwerdens, und dass es nahezu unmöglich ist, etwas nachzuvollziehen, das ein anderer erlebt hat. Und über allem steht das Rätselhafte eines Augenblicks, in dem sich etwas entscheidet. Das Erschreckende daran ist, wie wenig für die Beteiligten die Motive des jeweils anderen einsichtig oder sichtbar sind, die diesen Moment bestimmen. Dieser Thrill einer jederzeit möglichen Schicksalswende war es auch, der bei mir nach der Lektüre den Gedanken aufkommen ließ, dass Krabbe die Unvorhersehbarkeit des Zukünftigen und unser Ausgeliefertsein daran an einem drastischen Beispiel darstellen wollte, und dass das Verlangen, alles erfahren, jedes Rätsel lösen zu wollen, bisweilen tödliche Zusammenhänge heraufbeschwört. Es ist also gut möglich, dass in einer Tiefendimension dieses Psychokrimis die Frage gestellt wird, wie wir mit dem Verschwinden oder dem Verlust als einem zentralen Bestandteil unserer conditio humana umgehen. Interessant ist dabei, dass dies in einem Roman geschieht, der auf besonders spannende Weise von zwei Personen erzählt, die vom Erdboden verschwinden und die dadurch – im Rahmen der Erzählfiktion – ein oder besser: ihr gemeinsames Schicksal zu erfüllen scheinen: Saskia, indem sie in ihrem Alp-, und Rex, indem er in seinem Wunschtraum landet. Dass dies durch die kriminelle Energie eines Verbrechers bewerkstelligt wird, könnte man als Mahnung auffassen, nicht jedem Drang nach (letzten) Gewissheiten nachzugeben.
März 21st, 2007 at 11:21 am
Lieber Uwe,
freut mich, Dich als Gast-Besprecher begrüßen zu dürfen!
Ich hatte mir das Buch neulich gekauft, weil es gerade im Ramsch zu haben war und ich den Autor schätze (siehe die Besprechung hier im Blog). Dann ist mir aufgefallen, dass es mir verdächtig bekannt vorkam und ich bereits vor Jahren und nicht nur einmal die Verfilmung dieses Buches gesehen hatte, die wirklich gruselig ist und einem nachgeht. So habe ich es erstmal beiseite gestellt, weil auch noch zu viel anderes wartete und drängte.
So kann ich zur Zeit nur vom Film her sprechen. Es gibt zwei Verfilmungen.
Schöne Grüße,
Helmut
Mai 2nd, 2007 at 9:51 am
Für alle Interessenten:
Der Film “Spurlos” läuft am 3. Mai (Donnerstag) im Fernsehen:
VOX, 22,30 – 00,30.
Aber Vorsicht!:
Könnte Langzeitwirkung haben!
“Viel Spaß” passt hier nur bedingt: “Fröhliches Gruseln” würde besser passen.
Mai 2nd, 2007 at 2:29 pm
lieber helmut!
vielen dank für den hinweis.
bin gespannt, wie der film mit den bildern meiner leseerfahrungen korrespondiert oder eben nicht.
welche der verfilmungen ist es denn: das original oder das amerikanische remake?
grüße, uwe.
Mai 2nd, 2007 at 2:53 pm
Tja,
mir scheint es war eine Fehlinformation – ich hatte es unserer Programmzeitschrift entnommen, aber jetzt noch im Internet nachgesehen – und da wird der Film nicht für diese Zeit und diesen Sender annonciert.
Vermutlich verdruckt?!
Tut mir leid, zumindest Dir schon den Mund wässrig gemacht zu haben. –
Die amerikanische Verfilmung mit Jeff Bridges ist, finde ich, sehr gut. – Das Original kenne ich leider nicht.
Grüße,
Helmut
Mai 6th, 2007 at 7:06 pm
So, nun, endlich, seit langem überfällig. Allerdings schon wieder Wochen her, dass ich es nochmal gelesen habe – es war einfach zu wenig Zeit und Möglichkeit.
Also spät aber doch: Ein Kommentar dazu.
Ich finde dieses Buch ein ganz abgründiges Werk!
Eines, das einen verfolgen kann: Ein Alptraum reinsten Wassers.
Aber gut gemacht, in seiner für Krabbé typisch verdichteten, elliptischen Art. – Mit voller Wirkung, weil Erklärungen fehlen. Gerade dieses Nebenbei ist das Entsetzliche oder steigert es noch. Dieses Willkürliche, letztlich Unmotivierte. –
Gut auch – und vielleicht die einzig angemessene Art, die einzige Art mit Stil – der Horror wird nicht beschrieben. Das Buch ist so konstruiert, dass er sich da abspielt, wo er hingehört: Im Kopf des Lesers. Er wird evoziert, aufgerufen, aus alten Schubladen geholt. Es ist ja eine Urangst angesprochen – Poe hat darüber bereits geschrieben.
Und was hier präsentiert wird, ist ja in der Tat eine der horribelsten Vorstellungen, deren man sich hingeben kann. Dass das aber wie ein Spiel sich vollzieht – und wie leicht es im Grunde geht! und dass der Zufall und psychologische Folgerichtigkeit Hand in Hand arbeiten -, das steigert den Horror. Die Tat wäre leicht möglich – fast überall – und könnte so auch jedem passieren. Das Opfer war ja recht beliebig.
Fast eine Konstruktion des perfekten Mordes – wenn da nicht die Frage wäre, wer das Buch schreibt – wer also von der Sache wissen muss. (Der Mörder selbst?)
Es ist die alte Sache, die alte Crux: Was ist ein perfekter Mord wert, wenn niemand davon weiß? – Weiß aber jemand davon, ist er nicht mehr perfekt. -
Das Abgründige an dem Buch ist aber das Überschreiten kleiner Grenzen. So fegt es Gefühle von Geborgenheit und Normalität beiseite. Das absolut Gräßliche ereignet sich ja beispielsweise unter der Rama-Familien-Oberfläche. Und toll, wie so ganz nebenbei erwogen wird und ohne jeden weiteren Kommentar gelassen, eine der Töchter zu nehmen. Oder auch der Probemord – um die Lautstärke zu testen.
Genial, die Antwort, die er im Grunde auf die Frage des “Warum?” gibt: Weil es möglich ist.
Allerdings bleibt für mich die Frage, wie ich es gelesen hätte, wenn ich nicht zunächst den Film mit Jeff Bridges, Kiefer Sutherland und Sandra Bullock gesehen hätte: “The Vanishing” von 1988, “Spurlos” in der deutschen Übersetzung.
Denn der Film drängte während der Lektüre immer wieder in den Vordergrund. – Obwohl es lange her ist, dass ich ihn gesehen habe. Und mein Eindruck war, dass der Film teils stärker ist als das Buch. Dass er mehr aus den Szenen herausholt.
Das ist im Nachhinein aber nicht mehr zu beurteilen.
Vielleicht läuft er ja doch demnächst nochmal?
Grüße!
Mai 8th, 2007 at 11:08 am
hallo!
vielen dank für den kommentar!
du bewunderst die konstruktion und wie das horrible geschehen wie beiläufig ins rollen gebracht wird. das sehe ich genau so. nur meine überlegungen zielten dabei noch auf einen anderen aspekt:
treffen die beiden opfer und der täter wirklich per zufall aufeinander? sind nicht vielmehr rex und raymond in ihrem psychologischen programm komplementäre figuren und saskia gleichsam das medium ihrer schicksalshaften begegnung? geht es wirklich nur um den horror, der immer und zu jeder zeit an jedem beliebigen ort geschehen kann? oder zeigt krabbe nicht auch die psychologischen und emotionalen dispostionen auf, die den horror mitbestimmen oder erst zur tödlichen katastrophe werden lassen? wird die “warum?”-frage wirklich nur mit”weil es möglich ist” beantwortet? geht es nicht auch darum, aufzuzeigen, wie man selbst tödliche oder todbringende zusammenhänge und konstellationen hervorbringt? oder ist das eine zu sophistische lesart?
die verfilmungen kenne ich nicht.
vielleicht liegt es daran, daß ich gar nicht so sehr die schilderung der beiläufigkeit des horrors an dem roman so beeindruckend fand, sondern eher die psychologisch raffinierte konstruktion einer figurenkonstellation, die dem kriminalistischen fallbeispiel – für mich zumindest – eine tiefendimension verleihte.
grüße,
uwe.
Mai 8th, 2007 at 4:07 pm
Sicher,
nie geht es ´nur´ um…
Gib mir mal einen Tip:
Worin wären der Mörder und das Opfer psychologisch komplementär?
(Im Roman mag so ein Argument angehen – im wirklich Leben kann es fatal sein, dann es weist dem Opfer allzu leicht auch noch Schuld zu… Oder wie Du schreibst: “wie man selbst tödliche oder todbringende (…) Konstelltationen hervorbringt” Das kann das Täter-Opfer-Verhältnis zur Unkenntlichkeit entstellen, ja auf den Kopf drehen)
Wo stecken die Notwendigkeiten?
Grüße,
Helmut
Mai 10th, 2007 at 11:06 am
hallo!
ich dachte, das wäre durch meine besprechung schon klar geworden. noch einmal, in kürze:
ich meinte, daß die beiden männer einander komplementär seien und saskia das medium ihrer begegnung. sie ist das opfer einer kaltblütigen gewalttat, daran besteht kein zweifel. die beiden männer aber, so meine lesart, ähneln sich darin, daß sie beide gerne spielen und eine fixe idee bis zum äußersten treiben müssen. die entführung und tötung saskias ist die initialzündung dafür, daß beide männer ihre gedankenspiele (rex: die idee der einheit der liebenden; raymond: die faszination an der unsichtbaren macht der ideen) bis in eine unumkerhbare wirklichkeit hinein weiterverfolgen. insofern schienen sie mir psychologisch komplementär. das alles natürlich im fiktiven rahmen des romans. es scheint mir eine bewußte pointierung, eine erzählerische zuspitzung zu sein, die krabbe hier vornahm, um auf spannende weise die frage danach zu stellen, wie wir mit verlusten umgehen.
deinem einwand hinsichtlich einer solchen deutung im wirklichen leben stimme ich voll zu. doch in der erzählfiktion des “goldenen eis” schienen mir rex und raymond zueinander zu passen wie die faust aufs auge. saskia bleibt dabei das schuldlose, zufällige opfer, eines, daß mit seinem alptraum vom “goldenen ei” dem roman seinen titel und sein thema gab.
nachvollziehbar?
grüße,
uwe.
Mai 11th, 2007 at 10:48 am
Hallo,
ja, nein. –
Geschrieben hattest Du es, nur klar geworden ist es mir nicht. –
Ich habe die beiden nicht als komplementär gelesen. Und es leuchtet mir auch nicht ein.
Ich denke auch, dass diese Konzeption das Buch eher abwerten würde. –
Mein Eindruck ist, dass es eine Stärke ist, dass es im Grunde jedem so oder so ähnlich ergehen könnte. –
Wäre es ein Sonderfall – der einer bes. psychischen Konstellation -, dann ginge es wesentlich weniger Leute an – oder jeder könnte sagen: Betrifft mich nicht.
Und wo steht, dass das Opfer gerne spielt? -
Und wieso hat Rex eine fixe Idee? – Darunter verstehe ich etwas anderes.
Das psychologische Spiel dieses Buches sehe ich um die Begriffe und Gegenstände ´Obsession´, ´Ungewissheit´, ´Berechenbarkeit´. –
Der Umstand, dass die Ungewissheit schlimmer ist als eine schlimme Gewissheit, ist doch interessant.
Und toll die Szene oder Idee, es quasi dem Opfer, das man an der psychologischen Angel hat, selbst zu überlassen, ob es zum Opfer werden will (!) oder nicht. – Und es – dieses wenigstens – will, weil eben die Unsicherheit die (vermeintlich!!!) schlimmere Wahl ist. –
Rex treibt eigentlich nichts bis zum äussersten. Er leidet – und kann nicht anders. Sein Gegenspieler glänzt durch psychologischen Scharfsinn und sezierende Kälte sowie eine abartige Phantasie.
Ich sehe da keine psychische Entsprechung.
Und ist nicht die Wirklichkeit immer unumkehrbar?!
Und dieser Traum vom goldenen Ei, der dem Buch seinen merkwürdigen, vielleicht irreführenden Titel gibt, ist als Ahnung oder Vorwegnahme schon auch eine gespenstische Zutat. – Interessant hierbei, dass ein eher verblasener Alptraum – sich in der Realität um ein vielfaches schlimmer, ja als Horror ins unendliche gesteigert, tatsächlich vollzieht. – Keine gute Vorstellung: Dein schlimmster Alptraum wird wahr – aber noch viel schlimmer, als Du ihn geträumt hast.
Träumerische Grüße,
Helmut
Mai 11th, 2007 at 8:32 pm
hallo!
da kommen unsere lesarten wohl nicht zusammen. müssen sie auch nicht.
ich kann all dem, was du schreibst, auch zustimmen, mit dem zusatz, daß es für mich eben kein beliebiges zusammentreffen ist, sondern eines, das von den figuren – ich spreche von den beiden männern – mitverantwortet wird:
rex, der das “angebot” des verbrechers annehmen muß, um endlich das rätsel von saskias verschwinden zu lösen, und raymond, der diesen obsessiven drang, gewißheit zu erlangen, raffiniert für seine eigenen mörderischen absichten ausnutzt. das empfand ich als eine konstruktion, bei der beide auf ihre kosten kommen – so aberwitzig das sich auch anhört: rex nimmt die eigene vernichtung als “schöne” vorstellung in kauf, raymond kann sich einmal mehr als “königlich verdorben” empfinden. das erschien mir als eine in diesem sinne komplementäre figurenkonstellation. du siehst das nicht so. auch gut.
unumkehrbare wirklichkeit: ja, das war sicherlich mißverständlich formuliert. gemeint hatte ich, wie sich die gedankenspiele der beiden männer sukzessive in realität umsetzen, die dann eben nicht mehr umkehrbar ist, d.h. nicht mehr nur möglich sind, sondern wirklich :
bei rex die vereinigung mit der geliebten, die er zuvor innig herbeiphantasierte, erreicht im nachvollziehen ihres schicksals, und bei raymond die umsetzung eines perfiden plans in einer mörderischen tat, die ihn einmal mehr erfahren läßt, wie eine absicht wirklichkeit wird. so wollte ich es verstanden wissen.
so viel dazu.
grüße,
uwe.
Mai 11th, 2007 at 8:55 pm
Aber Rex ist doch mit der Geliebten gar nicht vereint. – Er liegt mutterseelenallein lebendig in einem Scheiß-Sarg.- Vereinigung stelle ich mir anders vor.
Und dass er die eigene Vernichtung als schöne Vorstellung nimmt – er weiß doch gar nicht, dass er vernichtet werden wird. – Er weiß, dass er ein Risiko eingeht – auch ein hohes, aber wenn er wüßte was ihm blüht, würde er es doch nicht machen.
Ausserdem kommt es auf den Standpunkt an, dem man einnimmt, ob man seine Entscheidung als eine freie ansehen will. –
Natürlich könnte er ablehnen.
Aber er handelt nach jahrelangem Suchen, das für ihn eine Quälerei war. – Dass diese relativ und durchaus steigerbar ist, wird er dann belehrt.
Ich sehe nicht, dass es hier darum geht, dass jemand ´auf seine Kosten´ kommt.
Und wie gesagt: Von der Produktionsseite her schiene mir das auch eher eine Schwächung zu sein, eine Einschränkung der Wirkung.
Aber auch der Mörder handelt bei aller Kälte und Überlegtheit der Planung als wäre er unter einem Zwang. Es wird ja auch ein kleiner Hinweis auf seine Kindheit gegeben, die mir als Motivation jedoch nicht ausreicht. – Aber gerade diese Offenheit sehe ich als Stärke.
Grüße,
Helmut
Mai 14th, 2007 at 2:26 pm
noch einmal:
rex weiß nicht konkret, was ihm blüht, er geht das risiko des eigenen todes aber ein, insofern willigt er in die situation, die von raymond für ihn geschaffen wird, ein. warum tut er das? um die ungewißheit loszuwerden, auch um den preis des eigenen lebens. er ist nicht nur opfer, sondern er begibt sich in eine lage, wohl wissend oder doch ahnend, daß sie für ihn tödlich enden wird. so jedenfalls meine lesart.
raymond handelt unter einem anderen zwang, wird von einer anderen obsession getrieben. doch bei ihrer verwirklichung geht er wie ein demiurg berechnend und sachlich-nüchern vor. er wählt seine opfer aus, und gerade in rex erkennt er eines, das seine anweisungen befolgen wird bzw. muß.
für mich greifen also diese beiden figuren wie zwei teile einer maschine ineinander. ich sehe sie aufeinander bezogen, du nicht. in dieser offenheit, in der möglichkeit, daß das jederzeit an jedem ort geschehen kann, siehst du die stärke der konzeption. und ich füge hinzu: nur passiert das nicht voraussetzungslos, sondern – wohlgemerkt, immer im rahmen der erzählfiktion – aufgrund psychischer dispositionen der beteiligten figuren.
ich denke, wir haben beide gute gründe für unsere lesarten.
eine frage bleibt noch:
gibt es neben dem thrill noch eine inhaltliche tiefendimension der geschichte?
geht es auch um den umgang mit verlusten und unserem drang nach letzten gewißheiten?
warum läßt krabbe rex das gleiche schicksal erleben wie saskia?
warum läßt er ihn auf ihren mörder treffen?
ich denke:
damit dieser ihm ermöglicht, etwas zu tun, “was eine sehr hohe instanz von ihm verlangte” (130), wie es an einer zentralen stelle heißt.
ich setze meine lesart ohnehin nicht absolut, wie könnte ich. ich versuche nur die gedanken zu formulieren, die mir beim lesen, auch beim wiederholten lesen, kamen. wie du auch.
grüße,
uwe.
Mai 15th, 2007 at 10:20 am
Raymond wählt seine Opfer aus – aber nach nicht individuellen, sondern rein funktionalen Gesichtspunkten.
Tiefendimension: Ist da nicht auch eine Kritik des instrumentellen Denkens enthalten? Ein Denken, das in sich vollkommen konsistent und logisch ist – aber abseits eines guten Weges.
“was eine sehr hohe Instanz von ihm verlangte” finde ich eine auffällig verwaschene Formulierung. Da wird doch was umgangen. Was hieße das denn konkret? Wer oder was wäre denn diese Instanz?
Dass es hier nicht um asolute Lesarten geht, ist doch vollkommen klar und nicht nötig zu erwähnen. Es geht um genaueres Lesen, um Annäherung, jedenfalls um Bereicherung der eigenen Sicht.
Was vielleicht besonders schockierend oder abstoßend ist, ist der Umstand, dass diese Tat keine wirkliche Motivation hat. – Das ist interessant. – Sonst wird allerorten psychologisiert und dem Täter ein Motiv unterstellt – bis hin zur berühmten, schon abgenudelten ´schlechten Kindheit´. Hier dagegen nichts davon. Ja im Gegenteil, es geschieht mehr aus einer Laune, gleichsam aus einem perfekten Moment heraus: “Aber wäre ich jetzt wohl auch imstande, ein Verbrechen zu begehen?” (S. 69) Einen perfekten Moment, Glück vielleicht, an so etwas Übles zu koppeln, das hat schon Finesse. Und gespenstisch auch sein perfektionistisches, vollkommen unaufgeregtes, langsames Vorgehen. Er hat es nicht eilig. (Vgl. S. 71) Es ist für ein spannendes Gedankenspiel. (Vgl. S. 72) Mehr noch, er genießt es, sonnt sich in seinem Doppelspiel: “Er fühlte sich königlich verdorben…”. (S. 74) Das Schlummern des Gräßlichen unter der Rama-FamilienOberfläche und der Eperiment- und Spielcharakter machen für mich einen großen Teil der Stärke des Buches aus. Das heißt: Das absolut Böse ist ganz nah und sehr dicht unter der Haut.
Und dazu gehört auch, dass es sich nicht um einen Spezialfall handelt, nicht um einen Ausnahmetäter und sein Ausnahmeopfer.
Wie sehr Ausnahme ist auch Rex´ Obsession. – Es heißt: “Sie verloren zu haben ist ok, aber das Nicht-Wissen nicht.” (S. 60) – Wem ginge das wesentlich anders?
Ich denke Krabbé will mehr auf die Allgemeingültigkeit des Geschilderten hinaus. Rex kann sich nicht zufrieden geben, weil sie Phantasie qua Unwissenheit arbeitet. Mit etwas Konkretem, dem Tod der Freundin, hätte er sich vermutlich (besser) arrangieren können.
Man könnte beide Haltungen, die des Täters und des Opfers, als Kritiken an zwei Aspekten der menschlichen Organisation lesen.
Mai 16th, 2007 at 11:16 am
hallo!
die instanz ist saskia, sie ist als verschwundene geliebte die autorität seines lebens, das wird an der von mir zitierten stelle (und an anderen, etwa 124 unten bis 125 oben) deutlich.
auf den spielcharakter von raymond, und auch auf den von rex (man sehe sich das zweite kapitel diebezüglich einmal an), hatte ich schon hingewiesen.
als ausnahmetäter und -opfer wollte ich die beiden auch nicht verstanden wissen, eher als menschen, die aufgrund ihrer geistig-psychischen disposition, aufeinander bezogen sind. die anderen opfer von raymond geraten zufällig in sein mörderisches spiel. rex allerdings wird ausgewählt, als person, die in seine versuchsanordnung paßt. er meldet sich ja bei ihm nach dessen anzeigenaktion und beitet ihm die “chance” zu erfahren, was mit saskia passiert ist (126-127).
dabei stellt jeder einzelne der beiden männer die pointierte verkörperung von etwas dar, das auf allgemeingültiges verweisen könnte:
rex den drang, gewißheit um jeden preis zu erlangen;
raymond die – wenn man so will – gottähnliche macht, durh die aus einer phantasie realität wird.
insofern sind es zwei aspekte menschlicher organisation, wie du schreibst, oder zwei aspekte menschlicher hybris, wie ich formulieren würde. dir geht es um die wucht, mit der das alles immer und an jedem ort passieren kann; mir geht es darum, daß es nicht bedingungs- und vorausstzungslos geschieht.
grüße,
uwe.
Mai 19th, 2007 at 8:48 pm
Lieber Uwe,
nicht bedinguns- und voraussetzunglos:
Ja, es gibt Bedingungen – aber die sind, wenigstens von der Tendenz her, doch wieder sehr allgemein, sehr menschlich, sehr normal. Das trifft (hoffentlich, haha) auf Rex mehr zu als auf Raymond. Doch beide, wie soll man sagen, Regungen, Neigungen, Charaktereigenschaften – kennt jeder, mehr oder weniger.
Vielleicht wäre schon auch die spekulative Frage was Krabbé mit diesem Buch, mit dieser Konstellation zeigen bzw. darstellen wollte interessant.
Auch wie er auf diese Idee kam.
Mag sein ein Teil davon war, zu zeigen was möglich ist. Und was vielleicht gar nicht allzuweit von uns ist. – Und damit – berechtigten – Horror erzeugen.
Auf andere Weise und weniger fiktiv verdeutlichen das Bücher wie das von Babtschenko oder Stasiuk oder Pasko.
Grüße,
Helmut
Juli 4th, 2007 at 3:51 pm
Wieder einmal ist der Film “Spurlos” (1993) im Programm angezeigt. Diesmal: Donnerstag, den 5.07. um 22.25 auf VOX. (Bis 00.35)
Wer also Lust hat, sich zu gruseln – falls der Film diesmal zur Aufführung kommt.