Per Petterson „Pferde stehlen“
März 24th, 2007Per Petterson: „Pferde stehlen“, München und Wien 2006, zuerst Oslo 2003 unter dem Titel „Ut og stjoele hester“, aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, 246 Seiten, 19,90 Euro
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Dieses Werk ist vor etwa einem Jahr erschienen, es ist häufig besprochen worden und hat, zu Recht, viel Lob erfahren. Gesammelte Pressestimmen in Kurzzitaten kann man auf der Seite des Verlags nachlesen: www.hanser.de.
Es ist ein leises, sensibel beobachtendes, auch Gefühle genau beschreibendes oder besser: Evozierendes Buch.
Eines, das Geheimnisse stehen lässt.
Es erzählt von einem Sommer und einem Winter, die durch gut vier Jahrzehnte getrennt sind.
Ein Junge – ein alter Mann, dieselbe Person.
Ähnlich wie in Pettersons Erstling „Sehnsucht nach Sibirien“ besteht eine große zeitliche Kluft zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit, was an sich schon eine eigene Art von kompositorischer Spannung bereithält; darin liegt ein Teil des Pathos dieses ruhigen Buches, das ausführlich etwa vom Holzfällen berichtet; wie ohnehin Genauigkeit ein wesentliches Merkmal guten Erzählens ist. Genau aber ist Petterson nicht nur bei der Schilderung des Holzfällens, des Reitens, des einsamen Wohnens, genau und dabei sehr verhalten ist er auch bei der indirekten Schilderung von emotionalen Stimmungslagen. Beeindruckend, wie er in der Lage ist, Gefühlsnuancen wie nebenbei zu evozieren ohne sie zu benennen, beeindruckend auch seine Kunst des Aussparens. Viel, das Meiste, in gewisser Hinsicht vielleicht sogar das Wesentliche, erzählt er uns nicht. Oder nicht direkt. Vieles geschieht durch das Schauen, es gibt eine ganz eigene Poetik des Blickens in diesem Roman. Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Erzähler vorgeht wie das wirkliche Leben: Keine Gründe. Die Dinge passieren – und wir entscheiden selbst wann es wehtut; eine Sentenz, die leitmotivischen Charakter in diesem Buch hat. Diese Formel ist ein Vermächtnis seines Vaters. Und von der Beziehung zu diesem, von der lebenslangen Erinnerung an ihn handelt das Buch. Vieles bleibt nur angedeutet, vielleicht weil es der Ich-Erzähler selbst nicht weiß. So arbeitet die Geschichte im Leser weiter, sucht nach Erklärungen und, vielleicht, nach Lösungen. Trotzdem kann man sich fragen, ob der Erzähler hier nicht an einigen Stellen etwas zu sparsam gewesen ist und er dem Affen ruhig noch den einen oder anderen Zuckerwürfel hätte zuwerfen können.
Die Spannung entsteht aus dem weiten Bogen, den Petterson schlägt – er umfasst den Großteil eines Lebens. Und aus den Lücken: Der Protagonist – und mit ihm der Leser – weiß vieles einfach nicht. Er muss mitdenken, aufmerksam sein, aber das fällt leicht bei diesem Text.
Erzählt wird eine Adoleszenz-Krise und ihre lang andauernden Folgen.
Im Zentrum steht das Verhältnis des Jungen zu seinem Vater, der genau geschildert, aber dennoch nicht recht fassbar wird: Was ist er für ein Mensch? Was treibt ihn um? Was motiviert ihn? Wohin geht er und warum?
Gezeigt wird ein Vater in seiner Ambivalenz: Ein guter und ein schlechter Teil. Einer, dessen erste Priorität nicht die Familie ist, sondern das eigene Leben – worin immer es bestehen mag. Einer, den die Leute mögen und der seinen Sohn mag – ihn aber dennoch verlässt; eine lebenslange Kränkung. Was Fragen aufwirft und den Sohn, vielleicht vor der Zeit, vor Lebensentscheidungen stellt und zum Erwachsenen macht – am Ende des Buches durch den Kauf eines neuen Kleidungsstückes symbolisiert.
Der Vater betätigt sich in der Kriegszeit als Fluchthelfer, zusammen mit einer Nachbarsfrau, der Mutter des besten Freundes des Ich-Erzählers, in die er sich schließlich verliebt und mit der er wohl ein neues Leben anfängt. – Offenbar ohne sich jemals wieder zu melden, obwohl, so ist Trond, die Hauptperson, sicher, er das Land und den Fluss nicht verlassen haben wird.
Eigentümlich blass dagegen und negativ im Gegensatz zur profilierten Darstellung des rätselhaften Vaters: Die Mutter; sie kommt nur am Rande vor. Von ihr heißt es: „Sobald ich länger als drei Minuten am Stück in dieses Gesicht sah, klemmte mich die Welt an beiden Schultern ein.“ (S. 235)
Doch immerhin gilt von dieser wohl, was er für seine Tochter, die ihn besucht, hofft: „dass das Leben sie nicht zu einem keifenden Weib gemacht hat“. (S. 203; Hervorhebung im Text)
In dem besonders zu Beginn und am Ende teils wunderbar sinnlich erzählten Buch – man meint den Sommer, die Pferde und das Licht zu spüren, zu riechen und zu sehen -, dabei wirken die Sätze oft wie nur leicht hingetuscht, wird von Dingen erzählt, die man zum ersten und letzten Mal tut. Das enthält ein gewissermaßen sachliches Pathos.
Ein Beispiel: „Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel, es war warm zwischen den Bäumen, es roch warm, und von überallher waren Geräusche zu hören: Flügelschlagen, Äste, die sich bogen, und Zweige, die knackten, ein Habicht, der schrie, der letzte Ruf eines Hasen und das leise Brummen, wenn eine Biene auf einer Blume landete.“ (S. 34)
So gewinnt dieser Sommer des Jahres 1948, der letzte mit seinem Vater und seinem Freund Jon – sehr eindrücklich, fast erschütternd die Szene, als Jon und Trond auf einen Baum geklettert sind und ein Wintergoldhähnchen-Nest finden -, paradigmatische Bedeutung. Er brennt sich ein in die Seele dieses Jungen und obwohl er gut und stark darauf reagiert – ein Ergebnis der Erziehung seines Vaters? – wird er prägend, beschäftigt ihn immer noch als siebenundsechzigjährigen Mann, kurz vor der Milleniumswende, verwitwet und alleinlebend.
Der Vater, der sich entzieht, der andere Prioritäten hat, der sich neu verliebt, der zeitweilig ein Doppelleben führt, der seiner Verantwortung nicht nachkommt und der wohl, und vielleicht ist das das Unverzeihlichste, nicht offen, nicht ehrlich war, dies aber vielleicht auch nicht sein konnte, ist für Trond der Rucksack, den es durchs Leben zu schleppen gilt. Das anfängliche Vertrauen (vgl. S. 42) geht im Lauf dieses Sommers verloren (vgl. S. 181).
Erzählt ist dieses Schwere auf fast leichte Art, die es aber gerade dadurch ausdrücklicher und nachhaltiger werden lässt. Erzählt wird nichts so sehr Spektakuläres; Dinge, die passieren können, auf dem Land, im oder kurz nach dem Krieg. Im Wesentlichen: Ein Sohn wird von seinem Vater verlassen. Das passiert alle Tage. Tausendfach vermutlich. Vor allem aber wie es erzählt wird, macht es bemerkenswert. Sicher, es gibt auch zwei Tote im Buch, aber sie stehen nicht so sehr im Mittelpunkt, bilden nicht den Drehpunkt der Geschichte.
Trotz allem ist das Buch nicht anklagend, nicht auf schwere Art melancholisch. Wichtiger scheinen der Versuch der Erinnerung, der Rekonstruktion und die Genauigkeit: Was war eigentlich? Genauigkeit kann auf unterirdische Art mit Zärtlichkeit verwandt sein.
Man ist geneigt zu schreiben: Petterson schreibt, wie das Leben ist: Es gibt Zufälle, es gibt Unfälle, es gibt wenige oder keine Erklärungen, allenfalls Andeutungen, es ist sinnlich und ein wenig traurig und immer im Zweifel oder noch auf der Suche.
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Das nüchterne Pathos meint: Es gibt offenbar eine tiefgehende Verletzung, einen großen Schmerz – aber er wird nicht benannt. Keine direkte Äußerung weist darauf hin, aber man spürt ihn, er lässt sich nicht leugnen. Das scheint ein Teil der Kunst Pettersons zu sein: Etwas nicht zu benennen und dennoch genau davon zu erzählen. Das kann Dezenz, das kann Haltung bedeuten oder auch noch zu großen Schmerz: Dinge, an die man nicht rühren könnte. Vorgänge vielleicht, an die man zunächst nicht rühren kann – weil sie zu nah sind oder man noch gar nicht die Worte oder das Gefühlsinstrumentarium besitzt, mit ihnen umzugehen – und später nicht mehr will – weil es inzwischen zu lange her ist, weil es Teil von einem geworden ist, weil man stillschweigend einen Weg gefunden hat, damit umzugehen oder es auch nur zu ertragen oder zu verdrängen. Und so bleibt ungesagt, was innen schwelt.
So fragt Trond Lars, als er ihn später wieder trifft und durch Zufall sein Nachbar wird, nicht ´die offensichtliche Frage´. (Vgl. S. 205) Vielleicht ja irgendwann später, außerhalb der Berichtszeit des Buches.
Petterson erzählt vom Seelenleben dieses Jungen und später des alten Mannes dadurch, dass er berichtet was er tut und wie er diesen Sommer verbracht hat, in den Vierzigern in Norwegen, an einem Fluss nahe der schwedischen Grenze oder nun, in einem einsamen, schön gelegenen Haus Ost-Norwegens.
Noch als alter Mann liest der Protagonist die Bücher von Dickens. Ein Treffer für dieses Buch, aber auch hier: Wie dezent eingewebt ist das Zitat der Eingangssätze von David Copperfield: „ Ob ich als Hauptperson meines eigenen Lebens hervortreten werde oder ob sonst jemand diesen Rang einnehmen wird, müssen diese Seiten erst erweisen.“ (S. 204) Ein Satz und eine Frage, die freilich auch über diesem Buch stehen könnte und die zu beantworten auch nach der Lektüre des Buches nicht ganz leicht fallen würde.
Das Verhalten des Vaters wie der Erzählgestus mit Leerstellen, macht deutlich, dass Unterbrechungen oder Auslassungen oft die größere Macht haben als das Fortführen und Bei-der-Stange-bleiben. Ob sie allerdings die bessere Variante darstellen, steht auf einem anderen Blatt.
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Sehr schön formuliert Antje Ravic-Strubel ihren Eindruck in einer Besprechung des Deutschlandfunks vom 21.03.2006: „Per Pettersons Roman ist ein Buch über Enttäuschung, das sich liest wie ein Buch über Glück.“ Und: „Petterson baut seinen Roman so geschickt, dass deutlich wird, wie das Realitätsgewebe eines Kindes durchsetzt ist mit Dingen, die es nicht versteht, die aber später umso stärker Lebenseinstellungen und Gemütslagen bestimmen.“ Schließlich: „´Pferde stehlen´ ist ein Buch über das Glück, weil die Enttäuschungen, von denen es handelt, die Sprache zum Glühen bringen.“
Sehr gut gesehen, wunderbar ausgedrückt, dem kann man sich nur anschließen.
Viele Rezensenten gingen auf Pettersons Sprache ein, fanden sie ruhig, gelassen, unprätentiös, poetisch, klar und schnörkellos, langsam, sich Zeit nehmend, selbst wie ein Fluss. Dies so ins Deutsche gebracht zu haben, muss man der Übersetzerin danken und ihr ungeteiltes Lob zollen. Der Ich-Erzähler des Buches heißt Trond; das Buch trägt die Widmung an einen Trond – nicht wichtig, aber der Neugier halber wäre es interessant zu wissen, ob dies ein Zufall ist oder ob hier die Geschichte dieses Trond erzählt wird, ob sie sich so ähnlich zugetragen hat.
Es ist ein sehr empfehlenswertes, unbedingt lesenwertes, leises Buch mit langem Nachhall. Das Zusammenkommen von Lebenstrauer und Glück, Genauigkeit und Gelassenheit macht seinen Reiz und, ja, seine Größe aus.
Eine besondere Rolle, aber auch diese dezent und im Hintergrund, obwohl sie im Zentrum steht, spielt die Natur. Spielen der Fluss und der Wald und die glückhaften Erlebnisse eines lang vergangenen Sommers in ihnen, dessen Sonne noch scheint und dessen Wärme noch zu spüren ist, innen. Der Ich-Erzähler gibt davon in einem der Schlüssel-Absätze des Buches dem Leser etwas an die Hand, wenn es heißt: „(…) Ich weiß nicht recht, worüber ich mich mit jemandem unterhalten sollte. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich hier wohne. Ein anderer Grund ist der Wald. Er war vor vielen Jahren Teil meines Lebens, auf eine Weise, wie nichts mehr später es je war, und dann verschwand er für lange, lange Zeit, und als es plötzlich ganz still um mich wurde, begriff ich, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Bald dachte ich an nichts anderes mehr, und wenn nicht auch ich sterben wollte, da und dort, musste ich in den Wald. So fühlte es sich an, so einfach war es.“ (S. 119)
Die in der Jugend erfahrene mimetische Naturnähe scheint nicht recht von der Nähe zum Vater zu trennen zu sein. Dieser ist weg, uneinholbar, er muss ja längst gestorben sein, er hatte sich nie mehr gemeldet, aber die Erinnerung bietet, nach der erneuten Verlusterfahrung durch den Tod von Frau und Tochter, den Weg frei, hin zum Wald, zum Erinnerungsglück. Das ist ja schon ein starkes Wort: „Teil meines Lebens (…) wie nichts mehr später es je war“. Ein Glück, das so gar nicht mehr erlebbar ist, nicht nur weil es Spätherbst oder beginnender Winter ist, sondern auch weil der Körper nicht mehr so will wie früher, weil er mit diesem nicht mehr auf Bäume klettern und fremde Pferde reiten wird, weil es kein Teilen mehr gibt, keine Gemeinsamkeit. Allenfalls alleine und sinnierend am See sitzen und mit dem Hund spazieren gehen, das geht noch. Die Erfahrung der Einheit mit dem Wald, des in ihm Aufgehens, wird wohl Erinnerung bleiben.
Und wer ist nun die Hauptperson dieses Buches?
Er selbst, der Vater?
Mai 23rd, 2007 at 10:22 am
lieber helmut!
ich kann dir in allem nur zustimmen!
welch herrliches buch!
alles lob und alle bewunderung sind berechtigt!
ich hatte es mir lange aufgehoben, dieses buch, wollte es, wenn möglich, an einem stück lesen. letztes wochenende war es dann soweit: an zwei aufeinanderfolgenden tagen habe ich es verschlungen, vollkommen verzaubert und für einige stunden abgetaucht in eine erzählerische fiktion, die meine lektüre zu einer erfahrung der hingabe machte. ich fühlte mich verführt und zugleich befreit von einer sprache, die gleichbleibend rhythmisch und einfach und klar von einer versunkenen welt erzählt, von einem verlorenen gleichgewicht, einer fundamentalen enttäuschung also, die unvermeidlich ein früheres von einem späteren leben trennt. selten war ich durch ein buch so von der mir gewohnten welt wie abgetrennt, verzaubert durch eine erzählerische vision, der ich mich hingeben mußte. eine großartige erfahrung, ein inneres flugerlebnis, bei dem auch das lebensgefühl der eigenen kindheit sekundenweise aufkeimte. große literatur, die das schafft: momente des einsseins beschwören und selbst ihren unvemeidlichen verlust noch so schön beschreiben, daß sie den leser nicht verzweifeln lassen, sondern trösten. dieser schriftsteller hebt die zeit auf, er geht in der kindheit ein und aus. beneidenswert, wenn er das auch noch in einer komplexen geschichte so gelassen und unprätentiös erzählen kann.
du fragst am ende, wer denn eigentlich die hauptperson des romans sei: der vater oder der sohn?
vielleicht beide zusammen, in der gelebten einheit jenes sommers im jahre 1948, die dann zerbricht und eine lebenslange wunde hinterläßt.
begeisterte grüße,
uwe.
p.s.: ich freue mich schon auf das lesen des neuen romans von petterson: im kielwasser. auch darüber wirst du sicherlich hier berichten. ich bin schon jetzt gespannt.
Mai 23rd, 2007 at 5:21 pm
Lieber Uwe,
offenbar hattest du ja den richtigen Moment für das buch abgepasst – manchmal kann/ muss man das.
So ist es eine Hymne geworden.
Ja, er kann´s wohl.
Fast noch hypnotischer, wenn auch auf ganz andere Art, fand ich Otto de Kat´s Buch.
Zeit aufheben, inneres Flugerlebnis, von der Welt getrennt sein – was will man mehr? Und was kann ein Buch mehr erreichen?
Sind wir´s also (erstmal) zufrieden.
Sicher habe ich auch “Im Kielwasser” im Auge, aber es gibt so viele Bücher – und so viele gute! Und man braucht Geld sie zu kaufen und Zeit sie zu lesen – Banalitäten, aber die regieren die Welt.
Mal sehen, vielleicht demnächst. Ich besitze das Buch noch nicht.
Jedenfalls freut´s mich, dass Dir das Buch und die Einschätzung derart zugesagt haben.
Ich weiß nicht ob Du “Sehnsucht nach Kapstadt” besitzt, wäre aber gespannt, ob die Einigkeit diesbezüglich auch so groß wäre.
Grüße,
Helmut