Arkadi Babtschenko “Die Farbe des Krieges”
März 30th, 2007Arkadi Babtschenko: “Die Farbe des Krieges”, Berlin Januar 2007, ins Deutsche übertragen von Olaf Kühl, 255 Seiten, 17,90.-
J´accuse!!! schreit es von jeder Seite dieses Buches.
Angeklagt werden nicht nur die beiden Tschetschenienkriege, an denen Babtschenko teilnahm, angeklagt wird der Krieg an sich. Beklagt wird, dass Jungs, die noch nicht gelebt haben, sinnlos verheizt und als Kanonenfutter missbraucht werden, von Generälen, die es sich gut gehen lassen und auf ihren Schnitt bedacht sind. Beklagt wird der Krieg als mieses Geschäft. “Hier ist alles verkauft”, heißt es. (S. 156) Andererseits verkaufen die Soldaten absurder Weise, weil sie von ihren Vorgesetzten um Geld erpresst werden, LKW-Teile, aber auch Munition und selbst Raketen an ihre Feinde – um dann mit diesem Material wieder beschossen zu werden. Beklagt wird zudem, dass die Reichen und Schönen sich freikaufen können (vgl. S. 120 f.) und auch, dass, wie immer, nur die ohnehin schon armen Teufel sterben müssen – auf beschissene Art. Und “Generäle werden nicht getötet” (S. 214), sie sind nicht an der Front zu finden, schicken die anderen nur in den Tod und ziehen an den Drähten.
Krieg – Menschenrechtsverletzung – Gewalt – Folter – man kennt diese Vokabeln, hört sie alltäglich im Radio oder Fernsehen oder liest sie einigermaßen teilnahmslos in der Tagespresse, abstrakt und stumpf gewordene Worthülsen, längst nicht mehr plastische Begriffe. Aber dieses Buch füllt sie neu, die durch Abnutzung und weil es eben nur graue Worte sind, ihren Schrecken verloren haben. Es zeigt deutlich, was Gewalt sein kann. – Und keineswegs nur gegen den “Feind”. Denn die russische Armee wird hier – und man weiß es aus Zeitungsberichten – als Hölle dargestellt. Desorganisiert, chaotisch, an ihren Soldaten und deren Wohlergehen überhaupt nicht interessiert, im Gegenteil: Sie wird als superbrutale Folterorganisation beschrieben. Was so euphemistisch klingt: “Herrschaft der alten Männer”, steht für Barbarei und sinnlose Gewalt in einem Ausmaß, wie man es sich nicht vorstellen kann – und eigentlich auch nicht mag. – Unfassbar, dass so etwas, dass eine derartige Verrohung von einer Gesellschaft seit langer Zeit toleriert wird! Da gab es etwa den über Russland hinaus bekannt gewordenen Fall von Andrej Sytschow, dem nach Misshandlungen durch seine Vorgesetzten beide Beine und die Genitalien amputiert werden mussten. Ein Schicksal von Tausenden! Allein im vergangenen Jahr gab es ca. 3000 Todesfälle in der russischen Armee – durch Selbstmorde, Unfälle oder als Folge von Misshandlungen. Babtschenko schreibt: “Im Zivilleben, als man mir von der Herrschaft der alten Männer erzählte, dachte ich, ich würde so nicht leben können. Ich würde das einfach nicht aushalten. Ha! Wo zum Teufel soll ich hin! Entweder du hängst dich auf, oder du kriegst eins in die Schnauze – eine andere Wahl hast du nicht.” (S. 73) Oder: “Das Prügeln ist hier die Norm. Sterben tun sowieso alle – die, die prügeln, und die, die verprügelt werden.” (S. 86) Besonders perfide: Wem anzusehen ist, dass er zusammengeschlagen wurde, gilt als Denunziant. So müssen die Opfer möglichst die Spuren an sich vertuschen (Zahnpasta unter die Augen schmieren, vgl. S. 62) und das an die Wände und auf den Boden verspritzte Blut wieder wegwischen. Von einem anderen Bataillon heißt es: “Die Altgedienten bringen die Jungen mit Spaten um, schikanieren sie so, dass sie sich aufhängen.” (S. 88) Laut dem unten zitierten Artikel in der “Zeit” werden 40 % der offiziellen Todesfälle außerhalb von Kampfhandlungen von ihren Vorgesetzten zu Tode geprügelt. Ist das, wie es hierzulande hieß, ´die Schule der Nation´?
Und was enthält einem die deutsche Fassung noch alles vor? Denn, das erfährt man aus dem Internet, nicht aus dem Buch selbst: Die deutsche Übersetzung ist um besonders drastische Stellen gekürzt.
(Angesichts dieser Zustände wirken aktuelle Artikel, die auf Missstände in der Bundeswehr hinweisen, so etwa “Schimmelige Wände, undichte Zelte und frustrierte Soldaten” in der “F.R.” vom 21.03.07 auf S. 4 oder unter dem Titel “Soldaten klagen über schäbige Kasernen” in der “F.A.Z.” vom 21.03.2007 auf S. 1, doch eher vernachlässigenswert. Dort werden beispielsweise schmutzige Teppiche, durchgelegene Matratzen und Sanitäranlagen, die man nur in Gummistiefeln betreten kann, beklagt).
Man muss sehr mutig oder verzweifelt sein oder mit dem Leben in gewisser Weise schon abgeschlossen haben, um ein solches Buch, in dem auch höchstrangige Namen – von Jelzin bis Putin – genannt werden, bis hin zu der Feststellung: “ein Scheißstaat, den wir da haben” (S. 221), in Russland zu veröffentlichen. Zumal nach Autoren- und Reporterschicksalen, von denen das der Politkowskaja nur pars pro toto steht.
Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Was lesen wir hier?
Das Buch trägt keine Bezeichnung. Es ist kein Roman. Es wird auch nicht Dokumentation genannt.
Einerseits kann man es begrüßen, dass das Buch nicht künstlich in eine Kategorie gezwängt wurde. Andererseits neigt man dazu, das Gelesene als sehr authentischen Bericht zu lesen. Man weiß, dass Babtschenko in Tschetschenien war und im dortigen Krieg kämpfte. Das Buch wird von einem Ich-Erzähler vorgetragen, der ganz nah am Geschehen ist.
Und dieses ist oft schon für den Leser schwer zu ertragen. Sitzt dieser doch, zum Beispiel, im Sessel, im Warmen, und hat wahlweise etwas Warmes oder Kaltes zu trinken neben sich stehen, ganz im Unterschied zum ´Helden´ des Buches. Dieses stößt an Grenzen, macht auf sie aufmerksam. Was lässt sich mitteilen, mit Worten? Was kann man berichten? Es zeigt sich, dass die Worte nur Schatten des wirklichen Geschehens sein können. Und im vorliegenden Fall ist man mehr als heilfroh darüber! Babtschenko berichtet Furchtbares. Und auch dieses Wort scheint zu wenig für das, was es sagen sollte.
Gregor Ziolkowski schrieb in seiner Besprechung des Buches im Deutschlandradio, dass die “Nahaufnahmen eines Grauens” zunächst das Verstummen nahe legten. Das ist richtig. Man hat diesen Eindruck, das Buch macht betroffen.
Frank Raudszus schrieb bei www.egotrip.de von “Prügelorgien” in der dantesken Hölle der russischen Armee, die ihn an den Simplizissimus erinnerten. Auch das ist richtig und die Assoziation gut verständlich. Doch führt das auf die Frage zurück, was man hier vor sich hat und wie man es lesen kann oder will: Ein Dokument, eine Fiktion? Oder eine Überlagerung von beidem, wie Ulrich Seidler auf www.berlinonline.de meint? Denn, und das ist interessant und ein Argument: Er weist hin auf eine Szene des Buches, das an heftigen Szenen nicht arm ist, in der von einer zwangsweisen Massenkastration der männlichen Bevölkerung eines tschetschenischen Dorfes per Bajonett die Rede ist. – Diese Aktion soll, Seidler zufolge, nicht belegt sein. Das heißt nicht zwingend, dass sie nicht stattgefunden hat. Aber der Umstand weckt Zweifel und die Frage muss erlaubt sein. Amnesty international und andere Organisationen sind über einen solchen Vorgang nicht unterrichtet. Der tschetschenische Separatist Apti Bisultanov spricht diesbezüglich davon, dass es sich nur um “Männerphantasien” handele.
Das muss nicht so sein.
Und selbst wenn es in diesem Fall, Babtschenko bleibt hier auch in der Tat auffallend vage, nennt etwa keinen Ortsnamen, tatsächlich so sein sollte – was hieße das für das Buch? Es muss dessen Wert nicht in Frage stellen. Die grausigen Schilderungen aus dem Inneren des russischen Militärs kann man, wenn man andere Quellen hinzuzieht, als realistische Darstellung der tatsächlichen Umstände nehmen; auch die der Gefühlswelt eines Neunzehnjährigen, der in eine solche Hölle auf Erden gesteckt wird. Der Umstand macht nur aufmerksam darauf, dass hier weder das Etikett “Roman” noch ein anderes vergeben wird. – Und man könnte – müsste dafür allerdings sehr hartgesotten wenn nicht zynisch sein – das Buch ja tatsächlich auch ´nur´ als Roman lesen, den Ich-Erzähler als modernen Simplizissimus nehmen. Andererseits: Es ist ein Buch, ein Stück erzählende Literatur und muss sich darum auch den üblichen Kriterien der Kritik unterwerfen. Babtschenko wurde in den bereits vorliegenden Besprechungen auch mit allerlei Autoren verglichen: Isaak Babel, Remarque, Hemingway, Michael Herr. Ist es also ein Bericht, ist es Literatur? Oder ist diese Frage an dieser Stelle obsolet? Sie muss hier nicht geklärt, es sollte nur auf sie und die damit verbundene Problematik aufmerksam gemacht werden. Vielleicht hat jemand auch weitergehende Kenntnisse oder Informationen?
Es gibt ein paar kleine Widersprüche – vielleicht sind sie auch beabsichtigt -, so etwa die Aussagen zur Nacht oder zum Tag (vgl. etwa S. 168, S. 175, S. 179), den berühmten Brontosaurus (S. 150) gab es, wie man inzwischen weiß nicht, aber das sind Lässlichkeiten.
Das Buch kann eine Ahnung davon geben, was das ist: Krieg.
Und deutlich machen, was man ohnehin – aber wie abstrakt! – weiß: Dass Krieg – immer – ein schmutziges, widerliches, menschenunwürdiges Geschäft ist.
Eine Ahnung, gewiss, mehr kaum. Babtschenko weiß es selbst, er schreibt: “Im Krieg ist der Mensch überhaupt kein Mensch. Wir haben nicht fünf Sinne, sondern viel mehr. Wir haben einen siebten, achten, zehnten Sinn, sie wachsen wie Fühler aus unseren Körpern heraus, wachsen in den Krieg ein, und wir spüren den Krieg mit ihnen, wir kennen jede seiner Bewegungen und können sie vorausahnen. Einem Menschen, der nie im Krieg gewesen ist, kann man den Krieg nicht erzählen – nicht, weil er zu dumm oder begriffsstutzig wäre, sondern einfach, weil er nicht die nötigen Sinnesorgane besitzt, um den Krieg zu begreifen.” (S. 155)
Dieses Isoliertsein und die Wut über das Unverständnis der anderen, die diese Erfahrung nicht teilen (vgl. S. 236), ja der Hass auf sie, ist verständlich: Man wird zu etwas gezwungen, das man nicht will (und wie “Freiwillige” gemacht wurden, das wird auch erörtert: Vgl. S. 175!), das man für sinnlos hält und das einen fürs Leben schädigt – ohne etwas davon zu haben, nicht einmal Verständnis. (Anna Politkowskaja hatte darüber recherchiert, wie traumatisierte Soldaten und die Angehörigen der Gefallenen vom Staat im Stich gelassen wurden – und das wird mit ein Grund dafür gewesen sein, dass sie am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordet wurde. Vgl. dazu z.B. den Artikel von Karl Grobe in der “F.R.” vom 21.03.2007, S. 33. Ihr “Russisches Tagebuch” darf in Russland nicht veröffentlicht werden; eine Zensur findet statt.) Babtschenkos Wut ist einer der Motoren seines Schreibens. Als er wieder zu Hause war, sieht und hört er Popsongs im Fernsehen – es interessiert nur wenige, dass Jungs in Tschetschenien sterben. Er sagte: “Ich hatte eine wahnsinnige Wut in mir, hätte alle erschießen können.” So war, wie Jana Simon schreibt, der Krieg furchtbar und der Frieden unerträglich. (S. 62 im unten zitierten “Zeit” – Artikel)
Das ist bitter, man kann daran zerbrechen.
Er weigert sich für sein Land oder einen Wert gekämpft zu haben. (Vgl. S. 160) Es ist die totale Desillusion. Das einzige was ihm einfällt, wofür er gekämpft hat, sind die Kameraden. Doch auch diese, die die eigenen Erfahrungen teilen, will man nach dem Krieg nicht mehr sehen, weil sie einen als “Tier” erlebt haben. (Es ist klar, was der Autor damit meint, trotzdem: “Tier” ist hier wohl nicht der passende Ausdruck, denn ein solches Verhalten ist – leider – in all seiner ´Unmenschlichkeit´ rein menschlich) Die Soldaten fühlen sich im Krieg schuldig (”Man schlägt uns hier so raffiniert, dass wir uns dafür auch noch schuldig fühlen.” S. 76) und anschließend leiden sie auch noch unter der Scham.
Wie erzählt der Autor diese Erfahrungen?
Man hat den Eindruck, er erzählt es einfach.
Relativ trockene Beschreibungen des Herbsten lassen dies sicher besser zur Geltung kommen, als wenn man sich um Effekte bemühte. Hin und wieder benutzt er Ironie (vgl. etwa S. 65, S. 166 f.), die mag auch mal in den Zynismus kippen, so etwa wenn er empfiehlt, tote Soldaten nicht zurückzuschicken, sondern weiter zu verwenden (vgl. S. 184), und es gibt Hyperbeln. Manchmal ist er sehr lapidar oder er betont durch Untertreibung. Auffällig ist die mehrfach beschriebene Zeitdehnung oder -stockung (vgl. u. a. S. 104, S. 121, S. 128, S. 136). Das Erleben unter extremer Anspannung verlangsamt und intensiviert sich. – Das mag einer der Gründe sein, der ihn dazu bewogen hat, sich – aberwitzig und paradox im Grunde – freiwillig für den zweiten Tschetschenienkrieg zu melden. Ein Umstand, der besonders fatal ist und verdeutlicht, wie sehr der Krieg ihn – und, so muss man vermuten, mit ihm viele andere auch, über eine Million russische Soldaten kämpften in Tschetschenien – seelisch versehrt hat. Er hasst den Krieg und doch braucht er ihn – der Vergleich mit einer Droge liegt nah und Babtschenko zieht ihn selbst, ja er sagt, dass Krieg “die stärkste Droge überhaupt” sei. Dieses Dilemma formuliert der Autor in der Coda seines Buches, in der er den Krieg persönlich anspricht. (Vgl. S. 247)
In der “Zeit” gab es am 8.03.2007 einen Artikel über den Autor (”Der Kriegsversehrte”, “Zeit” Nr. 11, S. 61 f.). Jana Simon besuchte ihn in Moskau und beschreibt ihn als einen hochgradig geschädigten Menschen, der extrem nervös und gestresst ist, der es ohne Alkohol und Zigaretten nicht lange aushält, vermutlich auch Angst hat und an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Angst wäre nur zu begründet: Jana Simon weist darauf hin, dass drei Journalisten der “Nowaja Gaseta”, dem Blatt, bei dem Babtschenko arbeitet, in den vergangenen Jahren ums Leben kamen und er selbst hat das Gefühl, dass Frau Politkowskaja nicht die Letzte gewesen ist. (Vgl. den “Zeit” – Artikel, S. 61) Sie, die er ein Vorbild nennt, wollte das Vorwort für die englische Ausgabe seines Buches schreiben und er weiß nicht, ob sie es noch geschafft hat. (Vgl. ebd.) Andere kritische Journalisten, wie Grigori Pasko, sind für Ihre Arbeit in´s Russische Gefängnis gegangen.
Die Droge Krieg mag damit zu tun haben, dass man aus ihm als ohnehin bereits Gestorbener heimkehrt. Er schreibt: “In Tschetschenien ist unsere ganze Generation getötet worden – eine ganze Generation russischer Menschen. Und selbst die von uns, die am Leben blieben – sind das noch wir? Sind das wir – jene achtzehnjährigen, frohgestimmten Jungs, die damals in die Armee verabschiedet wurden? Nein, wir sind gestorben. Wir alle sind in diesem Krieg gestorben.” (S. 161)
Bitterer geht es kaum. Selbst als Überlebender überlebt man nicht wirklich: Der Krieg gibt einem keine Chance. Wer mit ihm konfrontiert wird, wird vernichtet – auf die eine oder auf die andere Art. “Kahlgeschorene Jungs, manchmal missmutig, manchmal witzig, in den Kasernen blutig geschlagen, mit gebrochenen Kiefern und gequetschten Lungen – so trieb man uns in den Krieg und tötete uns zu Hunderten. Wir hatten ja nicht einmal schießen gelernt, wir konnten nicht einmal Menschen töten, wir wussten nicht wie man das macht, alles was wir konnten war weinen und sterben. Und wir starben.” (S. 118)
Unter diesen Umständen zählt trotzdem nur eins: Überleben, egal wie. Manche desertieren und leben wie Hunde in der Wüste, wie es heißt, andere erwägen Selbstverstümmelungen oder begehen sie. (Vgl. S. 95) Schließlich ist das Regiment der alten Männer so, dass die armen Schweine darum betteln, an die Front zu kommen. (Vgl. S. 99) Und dann: “Jedes Mal, wenn ein Verwundeter, und sei es auch ein Schwerstverwundeter – ohne Arme oder ohne Beine, aber lebendig-, ins Lazarett gebracht wird, wäre jeder gern an seiner Stelle. All diesen Unsinn, dass man lieber sterben würde, als ein beinloser Krüppel zu sein, den haben sich Autoren missratener Büchlein über den Krieg ausgedacht. Das ist völliger Quatsch, so denkt niemand von uns. Wir wissen genau, Leben ist besser als alles andere, und leben wollen wir um jeden Preis – und wenn ich meine Tage als halber Mensch, als blau angelaufener Stumpf ohne Arme und Beine auf einem Rollbrett verbringen müsste. Hauptsache, Leben! Leben! Leben!” (S. 144 f., vgl. auch S. 154 ff.) Leben um jeden Preis, das ist die Losung. Verwundet, verstümmelt: Egal, nur weg von diesem Ort.- Um dann, nach dem ersten Mal noch einmal zurückzukehren, weil man diese Situation vermisst und braucht?! Doch vor allem: “Wir haben keine Zukunft; nichts erwartet uns in diesem Leben, an das wir uns so klammern, und das ist ein weiterer Verrat an uns, den jugendlichen Veteranen.” (S. 195)
Wie gesagt, dieses Buch ist eine Anklage. Eine Anklage des russischen Militärs, seiner Führung, der gesamten Zustände im Militär und letztlich wohl auch der Gesellschaft, die einem solchen Geschehen gleichgültig oder gar wohlwollend gegenübersteht, zugleich aber auch eine Anklage des Krieges schlechthin. Zum Teil in quälenden Beschreibungen, so wenn man liest, wie jemand stirbt, dem die Kehle aufgeschlitzt wurde (vgl. S. 142 f.), offenbar alles andere als eine Seltenheit im Tschetschenienkrieg (vgl. S. 157), oder wenn man die ekelhafte und ungeheuerliche Schilderung liest, wie zwei Diebe aus den eigenen Reihen ´bestraft´ werden (S. 203 ff.). Da sind Geschwüre, Läuse, Wasserknappheit und schlechte Ernährung, Hitze und Kälte nur die üblichen kleinen Zugaben des Krieges. Kekse und Kondensmilch erscheinen als das Paradies auf Erden. (Vgl. S. 224)
Babtschenko schreibt über das Entsetzen angesichts solcher Zustände, über das jugendlich-naiv wirkende und doch auch wieder so verständliche Erstaunen, dass “nichts passiert, wenn jemand umkommt”(S. 137), er schreibt über die Ohnmacht (vgl. u. a. S. 118 f.) solchen Zuständen gegenüber und darüber, was diese aus einem Menschen machen, denn “im Krieg verändert sich der Mensch sehr rasch”. (S. 119) An anderer Stelle heißt es: “Der Soldat ist die einfachste Lebensform im Weltall.” (S. 149)
Arkadi Babtschenko hat ein beeindruckendes und wichtiges Buch geschrieben, dem Leser zu wünschen sind. In Russland hatte sein Buch keine große Resonanz.
Er hat ein Anliegen – oder dieses hat ihn – und er kann schreiben, man darf gespannt sein, wie er sich als Autor entwickeln wird.
Dem Übersetzer Olaf Kühl verdankt man im Nachwort einen Kurzdurchlauf durch die wesentlichen politischen Fakten des Tschetschenienkriegs.
Keine Antwort zu “Arkadi Babtschenko “Die Farbe des Krieges””