Richard Yates „Easter Parade“

April 28th, 2007

Richard Yates: „Easter Parade“, Roman, München 2007 (im Original 1976 unter dem Titel „The Easter Parade“ erschienen), 296 Seiten, aus dem Amerikanischen von Anette Grube, 19,90.-

Eigentümliche Bücher schrieb dieser unglückliche Richard Yates, nun ist bereits das dritte in kurzer Folge auf deutsch erschienen, nach der späten Kenntnisnahme und dem Erfolg von „Zeiten des Aufruhrs“ und „Elf Arten der Einsamkeit“, zwei großartigen Büchern.
Dieses neueste, „Easter Parade“, ist ein Roman über das Leben und das Trinken. Und also über das alltägliche Lebenselend, so wie es nun einmal ist – in einer bestimmten Schicht? – mit seinen Lebensirrtümern, mit Verfehlungen, mit der drückenden Last all der traurigen Tage, die nur irgendwie überstanden werden müssen, mit dem Wegsehen, den Fluchtgedanken, den Peinlich- und Ekelhaftigkeiten, mit all dem vergeblichen Hoffen, diesem elenden Hoffen.

Es wird auf eindrückliche Art deutlich, wie es ist, eine unmögliche Mutter zu haben. So wird implizit auch die Frage gestellt, welche Weichen womöglich in der Kindheit gestellt werden, von einem Alptraum von Mutter oder auch anderen Lebensumständen. Aber Yates beschreibt nur, er theoretisiert an keiner Stelle und was er beschreibt wirkt an keiner Stelle plump deterministisch. Eher wirkt es, als würde er sagen: „So ist es. Seht es Euch an; wenn Ihr wollt. Oder könnt.“ Zunächst wollte das Publikum ja nicht. Traurig, dass er als quasi Vergessener, als Erfolgloser gestorben ist und sich zu Tode geraucht und getrunken hat. Nun wird er als Meister gefeiert. Aber was will man? So ungerecht geht es schon in seinen Büchern zu. So ist es eben. Was soll man machen? Aber immerhin: Man kann jetzt Yates lesen. Und wird es nicht bereuen. Auch das Vorliegende ist wieder ein sehr gutes Buch. Eines, mit ´Zug´, obwohl schon in einem genialen ersten Satz alles in einer tollkühnen Raffung gesagt scheint: „Keine der Grimes-Schwestern sollte im Leben glücklich werden, und rückblickend schien es stets, dass die Probleme mit der Scheidung ihrer Eltern begonnen hatten.“ (S. 9)

Was für ein furioser Einstieg in einen Roman! Was für ein radikaler erster Satz. Dieser signalisiert gleich zu Anfang: ´Hier wird dich kein Geschwätz erwarten.´ Es wird um das Leben gehen – und wie traurig es sein kann. Und, das gehört als Zutat wie als Fazit dazu, um die unhintergehbare, existentielle Einsamkeit. – Sie mag kaschierbar sein, für Momente, vielleicht auch für Jahre, aber das ändert an der Tatsache nichts. Es gibt keine wirklichen Brücken.
So ist ein weiteres der zentralen Themen des Buches die Nähe und die Ferne der Menschen untereinander. Und das heißt auch: Die Ferne bei und trotz aller Nähe. Oder: Die seelische Ferne trotz räumlicher Nähe. Die existentielle Einsamkeit, die notwendige, oft elende, die das Sich-Verfehlen als das Normalste überhaupt ansieht – nicht weil man es so möchte, sondern weil es unaufrichtig wäre, es anders zu sehen und zu beschreiben als es sich hier nun einmal darstellt. So schreibt Yates ein so trauriges wie aufrichtiges Buch. Eines, das den Figuren keine scheinbar positiven Motive durchgehen lässt, wo sie nicht vorhanden sind. Also zeigt er die Figuren schonungslos und doch ohne sie bloßzustellen in ihrer Armseligkeit und Dürftigkeit. Ganz besonders, wenn Emily gegen Ende des Romans einmal für, einmal gegen ihre Schwester Partei ergreift, auch aus egoistischen Motiven. Emily, für die das Leben verwirrend ist (vgl. S. 70), was sich bis zum Ende nicht ändern wird. Emily, die sich dafür hasst, dass sie ihr Leben lang „ich verstehe“ in Momenten sagt, in denen sie gerade gar nichts versteht. „Es geht“, wie auf einer Party gesagt wird, „immer nur ums Ego, Ego, Ego.“ (S. 68) Das kann man beklagen, aber man wird nichts daran ändern.

Der Erzähler bleibt mit seiner Perspektive bei Emily, der jüngeren der Grimes-Schwestern. Ihr Kenntnisstand ist weitgehend auch der des Lesers, der erfährt, wie sie die Welt sieht, die angeschlagene Familie erfährt, ihre um vier Jahre ältere Schwester Sarah und deren Ehe miterlebt. Früh bereits hat sie Fluchtimpulse, erträgt das Leben mit dieser Mutter, die sie als peinlich erlebt und vor der sie sich ekelt, im Grunde nicht, doch ihre Strategie ist: Durchhalten. Und das heißt: Aushalten, Überstehen. Eine vielleicht schon im Ansatz falsche Strategie – aber wer wollte das wissen? Ihre Schwester lebt ein anderes Leben als sie, aber auch sie folgt, ohne dass es ausgesprochen würde, dem Prinzip des Bei-der-Stange-Bleibens, wenn auch in ganz anderer Ausprägung und mit wohl noch üblerem Ende. Ihre Eltern waren, der erste Satz des Buches gibt darüber bereits Auskunft, einer anderen Maxime gefolgt, hatten sich nicht ausgehalten – und das wird, womöglich, als der Anfang des Untergangs gesehen. – Ist es also wie man es macht verkehrt? Gibt es keinen richtigen Weg? Es bleibt dem Leser überlassen, sich sein Bild zu machen, seine Schlüsse zu ziehen und, wenn er mag, den Roman nicht nur als Roman zu lesen, sondern auch nachdenkend auf sein eigenes Leben anzuwenden, was er bei guten Romanen ohnehin tut.
Haben Kinder die Möglichkeit, sich gegen beknackte Eltern zu wehren?
Gibt es Lebenswege, die man einschlagen kann, die nicht auf Desillusionierung hinauslaufen?

Yates ist ein Skeptiker und Desillusionist. Und man fragt sich unter dem Lesen unwillkürlich, wie viel Unglück einer erlebt haben muss, der so viel und so genau und exemplarisch Unglück (be)schreiben kann. Ein ganz zeitunabhängiges Unglück, das sich heute wohl so aktuell liest wie vor gut dreißig Jahren, als das Buch das erste Mal erschien. Es geht hier nicht um Zeittypisches oder –abhängiges. Zwar kommt die Zeit vor und Kennedy und der Vietnamkrieg zum Beispiel werden erwähnt, aber sie sind nicht das Thema, sie sind nur Kolorit, fallen kaum auf, ja könnten sogar beinahe stören. Was die Bücher dieses Autors u. a. zu großer Literatur macht, ist, dass die darin gestellten Fragen solche sind, die sich wohl jedem in der einen oder anderen Form stellen.
Yates´ Bücher streifen die Themen Kritik und Würde. Kritik gleich in mehrfacher Form und Würde: Wie lebt, wie stirbt man eigentlich? Und wie gottverdammt kurz und gottverlassen elend kann so ein Leben sein – unverschuldet im Grunde. Einfach vielleicht, weil man in der falschen Familie geboren wurde, in der man sich fremd ist und sich nichts zu sagen hat oder sich gar voreinander ekelt oder weil die Eltern sich scheiden ließen, weil man mit dem falschen Jungen oder dem falschen Mädchen ausging, weil man einen Augenblick nicht aufpasste oder mehr im Leben wollte oder zu wenig oder was immer.

Skeptisch ist Yates auch hinsichtlich der Veränderbarkeit von Menschen. Über die Mutter wird gesagt: „Es war hoffnungslos, Pookie ändern zu wollen.“ (S. 45) Gut, mag sein, was folgt daraus?
Liest man diesen Autor, dann sieht er wohl keine Rezepte für individuelles Glück. Das kann man auch kaum ernsthaft erwarten. Phasenweise mag es möglich sein, aber auf Dauer können Menschen wohl nicht anders, als sich verletzen – und in den entscheidenden Momenten steht man allein da oder begreift gar nicht oder erst viel zu spät, was überhaupt vorgeht.
Untergründig, wenn Sarah ihrer jüngeren Schwester empfiehlt zu heiraten, sich aber im Nachhinein herausstellt, dass sie selbst ihre ganze Ehe hindurch von ihrem Mann geschlagen und schließlich alkoholkrank wird. (Vgl. S. 118)

Emily prägt den geschickt wiederholten Satz: „Es ist nicht so, wie es sein sollte.“ (S. 155) Sie trennt sich daraufhin von einem ihrer Partner. – Aber am Ende gerät sie in grauenhafter Einsamkeit an den Rand des Wahnsinns. Was hat es also mit diesem Satz auf sich? Zählt er? Sollte man ihn beherzigen? Taugt er etwas? Was, bei Licht besehen, wäre denn, wie es sein sollte? Was darf, was sollte, was muss man aushalten? Und woher wüsste man es? Diese Fragen bleiben dem Yates-Leser.

Wie geht man miteinander um, wie sieht man sich gegenseitig, in einer Familie? Auch davon gibt der Autor ein schonungsloses Bild, wenn Emilie über einen der ihr zeitlebens am nächsten stehenden Menschen, ihre Schwester, denkt: „eine plumpe, kleine, ein wenig zu sehr herausgeputzte Matrone“. (S. 188)

Harte Wahrheiten enthält der Roman, auch dieser Satz ist interessant: „Es gibt nicht sehr viele Menschen, mit denen man gern den Sonntag verbringt.“ (S. 185)
Wie viel grundstürzende Bitterkeit dieses Werk enthält. Emily verlässt Jack, der mit ihr glücklich ist, später wird sie von Howard verlassen, mit dem sie glücklich ist. Auf fatale Weise ist immer alles nebendran, nichts läuft in der Spur, nichts wie es wirklich sollte, alles ist normal und keiner wird verschont. Das meiste geschieht ohne böse Absicht, einfach weil die Dinge so liegen wie sie liegen.

Emily agiert wie eine Schauspielerin. Auch wenn sie von anderen für eine Freigeistin gehalten wird – nur weil sie nicht heiratet bzw. nicht verheiratet bleibt und ihre Männer häufig wechselt? (und auch diesbezüglich kann man sich fragen, ob der Grund als Schlüsselerlebnis mitgeliefert wird, wenn man an ihre erste sexuelle Begegnung im Central Park denkt (vgl. S. 52) – so versteht sie doch das Leben nicht und ist in entscheidenden Momenten ohne Gefühle oder handelt unauthentisch. Selbst das einzige Mal, als sie es genießt als Racheengel für ihre Schwester aufzutreten – tritt sie eben auf. Sie spielt eine Rolle und ist dem entsprechend nur mit halber Empörung bei der Sache. Was ihr gefällt, ist die Eindeutigkeit, die Sicherheit in dieser Situation, die sie sonst nie hat.

Yates´ Figuren sind Verwirrte. Sie schuppern und schlingern durch die Wirklichkeit und manchmal kollidieren sie mit ihr. Es sind Desorientierte, die nur irgendwie versuchen ihr Leben halbwegs zu leben – so gut es halt gehen will, wenn die Dinge sind wie sie nun einmal sind. Doch auf ihre Weise sind alle Versager. Es wird gleich zu Beginn gesagt: Erwartet hier keine Berichte über das Glück – es wird sie nicht geben.
Vielleicht scheint Glück auf, auch in diesem Buch und in diesen Leben, aber von Dauer sind sie nicht. Das aber liegt in der Natur des Glücks, dass es nur ein kurzer Gast zu sein pflegt. Man könnte an Yates eine Theorie anschließen über das Glück, seine Bücher könnten einen, aller enthaltenen Desillusionierung zum Trotz, dazu führen, den, wenn auch seltenen, guten, ja, vielleicht glücklichen Moment, zu genießen. Denn anderes wird sicher und früh genug kommen, ohnehin. Oder hat seine Art des Schreibens doch etwas Entlarvendes? Gäbe es vermeidbare Fehler?

Gut gemacht ist, wie er immer wieder Situationen bricht, wie er sie schon im Moment ihres Geschehens nicht für sich stehen lässt. So etwa, wenn, zu Beginn des Buches, die Mutter Pookie lacht und flirtet – aber das sich zurückziehende Zahnfleisch mit den Fingern zu verbergen sucht. (Vgl. S. 36) Allerdings schien mir diese Technik im vorliegenden Buch ein paar Mal zu oft benutzt worden zu sein. Diesen Eindruck bekommt man spätestens auf S. 153, als Jack Emily einen Antrag macht, während er einen winzigen Tropfen Eidotter an seinem Kinn kleben hat. Peinlichkeit ist eines der Themen des Buches – in diesem Fall erinnert es ja fast an Loriotsche Szenen, nur dass es weniger komisch als tragisch ist. (Vgl. S. 153) Jedenfalls scheint der Autor derartige Szenen konterkarieren und destruieren zu müssen.

Auch kritisch kann man sehen, dass er das Umfeld der einen Familie auch im Äußeren zu deutlich geformt hat: Schimmel und Muffigkeit, die freilich auch als Symbol gemeint ist, was aber das eine oder andere Mal zu oft erwähnt wird. Hier wäre etwas weniger Deutliches oder Variation schön gewesen. Druckfehler gibt es auch, aber dafür kann der Autor nicht verantwortlich gemacht werden: S. 54, 116, 137, 198, 211, 251.

Schön sind Formulierungen wie „nahezu unerträglich reizend“ (S. 37) oder „verzog das Gesicht im süßen Schmerz des Geschmacks“ (S. 249). Ebenso kann man seine Genauigkeit und Aufmerksamkeit schätzen, etwa wenn er anlässlich der titelgebenden ´Easter Parade´ von einem Foto berichtet, von dem gesagt wird, es würde „für alle Zeiten geschätzt“ werden (S. 40), viel später aber, und ganz nebenher, diese gleiche Bild noch einmal erwähnt, aber in ganz anderem Kontext. Über diese Trauer, die einen anhand solcher Szenen ankommen kann, hat Harald Hartung einen klugen Satz geschrieben – allerdings nicht über Yates, sondern über Max Blecher: „Das Paradox aller bedeutenden Kunst gilt auch hier, in Blechers wunderbarer Prosa: Das so suggestiv beschriebene Unglück wird zum intellektuellen Glück des Lesers.“

Über diesen Umweg, das Buch, das Lesen, kommen Glück und Unglück doch zusammen. So heißt es auch an einer Stelle (S. 206 f.) man solle niemanden als selbstverständlich nehmen, eine Bemerkung, die ja beinahe etwas Appellatives hat: Gib Dir trotz allem Mühe, sieh genau hin…
Yates´ Figuren kämpfen einen aussichtlosen Kampf um ein bisschen Würde. Sie kämpfen gegen das Schicksal und unterliegen, versuchen aber, auf ihre Art und so lange es geht, den Kopf, und sei es zum Schein, oben zu behalten. Doch selbst die Beerdigungen in diesem Buch wollen ihren Protagonisten noch die Würde nehmen, gleichen eher beiläufigem Verscharren denn einer anständigen Zeremonie. (Vgl. etwa S. 243 f) Aber wie heißt es gegen Ende des Romans: „Das Leben ist voll solcher Dinge.“ (S. 255)

Die besseren Figuren stehen fremd vor ihrem eigenen Leben und leben es zwar, aber im Grunde wissen sie nicht was das alles soll. Es sind Halt- und Orientierungslose, sehr moderne Charaktere. Dazu gehört auch, dass sie sich vielleicht gar nicht wirklich klar sind, in welcher Welt sie leben (vgl. S. 272 f) und was überhaupt wirklich erscheint (vgl. S. 241). Missverstehen und Fehldeuten, Einsamkeit und sich verfehlen, das scheint mit Yates zur conditio sine qua non des Lebens zu gehören.

Ebenso modern und wie man sieht kein Thema nur der letzten Jahre: Arbeitslosigkeit. Wie Yates sie schildert, wie er deutlich macht, was das für die Protagonistin heißt: arbeitslos sein, das ist großartig. (Vgl. S. 274 ff.)
Trotzdem streift man mit den Büchern von Yates, wie es Sarah, die Schwester von Emily in „Easter Parade“ einmal, Steinbeck oder einen anderen zitierend, ausdrückt: den „Winter unseres Missvergnügens“ – aber eben auf eine Art, die doch wieder, durch die Hintertür, etwas mit Glück zu tun hat. (S. 219)

15 Antworten to “Richard Yates „Easter Parade“”

  1. 1 ewu simpel
    April 30th, 2007 at 2:59 pm

    lieber helmut!

    ich habe beim surfen eine interessante stelle in einer rezension zur “easter parade” gefunden. sie stammt aus der “london review of books” vom 3.2.2003, der autor heißt theo tait. er zieht folgendes resümee über “easter parade”:

    “the persprective theat yates offers is depressive in the clinical sense: an emotional state characterised by feelings of dejection, lack of worth and, most of all, hopelessness. this is, i think, why his readership has always been small: very few people enjoy reading about a world washed clean of meaningful aspirations. his characters are doomed to mistakes, and learn nothing and repeat them. his books deny the ususal satisfactions of reading sad or savage stories. and the fact that his charcters are so often writers, of one kind or another, makes it clear that recording the misery, and recording it, brings no relief.”

    wie steht es nun also um das glück des lesers bei der lektüre unglücklicher lebensläufe?
    wenn im literarischen kosmos von yates die fehldeutungen und das sich-verfehlen der figuren die conditio sine qua non des lebens sind, wie kann die lektüre solcher bücher dann temporäres glück bedeuten?
    welcher art ist dieses glück?
    schiffbruch mit zuschauer?

    ich bin mir nicht sicher. ob es
    einen ausweg aus der tragischen, aussichts- und illusionslosen welt gibt, die uns yates vorführt?
    kann es in ihnen figuren geben, die progredieren, die einen erkenntniswandel vollziehen, die womöglich eine katharsis durchmachen, oder die als positive charaktere dem leser identifikationsangebote machen? man denke im falle der “easter parade” an peter wilson, dem mittleren sohn von sarah, der unbeirrt seinen weg geht und sogar seine “wahr gewordene phantasie” heiratet.

    grüße, uwe.

  2. 2 Helmut
    Mai 1st, 2007 at 7:29 pm

    Lieber Uwe,

    schön nach der länglichen Pause wieder unvermittelt in die Diskussion einzusteigen:
    Ein interessantes Zitat (wenn auch mit mind. drei Schreibfehlern?!):
    Eine Depression im klinischen Sinn? –
    Kann sein – ABER: nicht als besinnungsloser Suff, sondern als Kunstwerk. –
    Ist das der Punkt?!
    Hoch spannend finde ich das (fast alchimistische) Argument:
    Wir machen – via Kunst – aus Unglück – Glück.
    Das Argument das in dem von Dir angeführten Zitat gegeben wird: Es wollte (natürlich) keiner lesen, weil es depressiv war. –
    So einfach, finde ich, geht es nicht. – Da gäbe es reichlich Gegenbeispiele. von Kafka über Borchert bis Celine.
    Ausserdem: Offenbar gibt es da nationale Rezeptionsunterschiede: Der amerikanische Traum unterscheidet sich, so scheint es, vom europäischen.
    Wichtiger aber, scheint mir:
    Beim Lesen, beim ästhetischen Wahrnehmen auch, ja, von Unglück, kann Glück entstehen, wenn es gut gemacht und in die rechte Form gebracht ist. Hier ändert sich etwas. Das Leben ist Rohform, der Roman kann für das Gekochte stehen – und das ist leichter verdaulich – auch wenn es sich um Produkte handelt, die in Ähnlichkeit verbunden sind. Es ist die Art des Ausdrucks, die das Unglück erfährt, die für die Erfahrung von Glück stehen kann.
    Ich bin übneraus skeptisch gegenüber sich rein medizinisch oder klinisch gebenden Argumenten in Bezug auf die Kunst, so interessant sie sein können.
    Muss Hoffnungslosigkeit Krankheit sein – oder ist es vielmehr Realismus? Wie heißt es bei Morrison: Keiner kommt hier lebend raus. – Dieses Leben ist mit der Todesstrafe gegeben – man kann das als Skandal empfinden – was spräche dagegen?
    Wilson fiel mir allerdings auch auf – aber keineswegs als so positiv.
    Man könnte ihn auch als Scheinheiligen sehen. Als einen, der weder seine Mutter schützen wollte oder konnte, noch als einen, der überhaupt wahrzunehmen imstande war, was ihr geschah. – Und wie verhält er sich am Ende Emily gegenüber? – Ist das positiv? Man könnte sich darüber streiten! (Tun wir´s!)

    Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    Mai 2nd, 2007 at 2:55 pm

    lieber helmut!

    für die tippfehler entschuldige ich mich.

    den klinischen begriff fand ich auch nicht zulässig, da es sich ja um fiktionale “patienten” handelt. die diagnose ist auch nicht so wichtig. die grundaussage stimmt trotzdem: ein hoffnungs- und auswegloses buch. es schildert eine welt als hölle der selbstentfremdung und figuren darin, die nur immer wieder dieselben fehler, wie nach einem vorher feststehenden plan, begehen. kein ausweg, kein erkenntnisfortschritt, keine erleichterung – auch nicht beim leser. denn was ist das für ein glück, daß auf dem gekonnten ausdruck für unglück gründet? also doch schiffbruch mit zuschauer? der leser empfindet anläßlich des so präzise und einfühlsam geschilderten unglücks das glück, von solchen lebenswiderfährnissen verschont zu sein, oder er genießt die geglückte formulierung. was auch immer. doch was ist das für ein glück? ist es der selbstgenuß eines lesers, der nicht betroffen ist? wie kann man glück empfinden angesichts von figuren, die marionetten vergleichbar an unsichtbaren fäden hängen und notwendigerweise scheitern, immer wieder, ohne ausweg, höchstens mit zeitweiligen erleicherungen? das will mir noch nicht recht einleuchten. expliziere dich.

    peter wilson ist scheinheilig. ich hatte auch danach fragen und nicht feststellen wollen, daß es sich bei ihm um eine positive identifikationsfigur handelt. in dieser beurteilung sind wir uns einig. vielleicht habe ich das nicht klar genug fomuliert.

    es gibt keine figur, die einen erkenntnisprozeß durchläuft. sie bleiben alle in einem handlungsmuster befangen, daß man duchaus deterministisch nennen könnte. man sehe sich doch nur mal die parade der an sich oder den ansprüchen der mitwelt scheiternden liebhaber von emily an. und fast einem biologistischen muster folgend muten mir die schicksale der drei frauen an: alle drei leiden an krankhafter alkoholsucht und alle drei scheitern an ihren “lebensträumen”: pookie erlangt nie das “flair”, das sie anstrebt, sarah’s ehe, die sie als “heilig” einstufte, endet in einem alptraum brutaler gewalt, emily’s intellektuell-journalistische ambitionen landen in der schublade mit der aufschrift “meine akten”. sarah landet wie ihre mutter in der irrenanstalt, emily wird auch von wahnsinnsattacken geplagt. die weitgehende ausblendung von sozialen und politischen verhältnissen oder bedingungen könnte auch zu der auffassung führen, yates wollte einen innerfamiliären kosmos schildern, der mit seinen determinanten den beteiligten kein entkommen läßt. wie siehst du das: enden die töchter, bei aller verschiedenheit, zum schluß wie ihre mutter?

    grüße,
    uwe.

  4. 4 Helmut
    Mai 4th, 2007 at 8:50 am

    Lieber Uwe,

    -Hölle der Selbstentfremdung: Also so ziemlich Normalität?
    -Deterministisch: Wie ´frei´ ist man?
    -Kein Erkenntnisfortschritt: a.) Wieviel Erkenntnisfortschritt sieht man – etwa in seiner Umwelt?
    b.) Nimmt man einmal einen Erkenntnisfortschritt an – folgt in der wirklichen Welt etwas daraus?
    -Schiffbruch mit Zuschauer: Vielleicht nicht ganz, nicht nur, aber auch, ja, sicher – das wird beim Lesen in gewisser Weise immer eine Rolle spielen.
    -Biologistisch: Halte ich für unangebracht.

    Sehen muss man den Kontext: Dieser Roman spielt auf der Folie des ´Amerikanischen Traums´, auf dem Hintergrund eines Staates also, der in seine Verfassung die Formulierung ´pursuit of happiness´ eingeschrieben hat.
    Yates liefert eine Kritik; keinen Gegenentwurf, aber eine Analyse.
    Diese genaue Beschreibung ist es vielleicht, die etwas mit ´Glück´ zu tun hat. Das genaue Hinsehen, die exakte Beaobachtung, die Aufmerksamkeit – und die Kunst, das in angemessene Worte zu fassen.
    Kein ´Glück´ der guten Sicht – aber eines, das Analyse und Erkenntnis voraussetzt.
    Das Glück davon verschont zu sein – ja ist man´s denn, ganz? – ja, wenn es so ist, auch, warum nicht, das ist nur menschlich. Aber vielleicht auch – und mehr? – das ´Glück´ ausfallender Beschönigung und Lüge?

    Vor allem aber vielleicht: Was ändert sich, wenn normales Unglück beschrieben und zu einem Roman wird?
    Man kennt das: Bei Filmen oder Büchern: Selbst unsympathische, ja abstoßende ´Helden´ kommen einem merkwürdig nah, wenn man sich eine Zeit mit ihnen – der Erzählung über sie – einlässt und beschäftigt.

    Da ist etwas geschrieben, man kann es lesen – ist das hoffnungslos?
    Der Erkenntnisprozess mag im Buch nicht geschehen – aber er kann sich im Leser vollziehen. Nur: Noch einmal, wie wenig ist mit irgendeiner Erkenntnis getan? Nichts. Aber wo findet man Beispiele, dass aus Erkenntnissen positive Handlungen entstünden? Mag man es deterministisch oder normal nennen.

    An dieser Stelle, determiniert: Grüße,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    Mai 4th, 2007 at 11:08 am

    hallo!

    auf die biologistische schiene bin ich geraten, als mir aufffiel, wie wenig gesellschaftliche und politische realität in dem roman geschildert wird. sie ist als hintergrundrauschen präsent, aber eben nicht als bedingungen des romangeschehens. dieses ist auf die figuren und ihren handlungs- und beziehungszusammenhang bzw. auf das fehlen eines solchen fokussiert. es ist doch die geschichte zweier töchter, die zuletzt am erbe ihrer gemeinsam kindheit mit einer fürchterlichen, trunksüchtigen mutter scheitern. diese fokussierung auf das familiäre und die vergleichbarkeit der lebenswege der drei frauen – ich hatte die vergleichsmomente im vorgänger-kommentar geschildert – ließen mich an einen biologischen determinismus denken. damit wollte ich die konstruktion des romans nicht kritisieren, sondern nur schärfer umreisen, was die bedingungen des literarischen kosmos’ bei yates sind. in diesem sind die figuren unerbittlich auf das scheitern und der prinzipiellen unerfüllbarkeit ihrer lebenspläne programmiert, d.h. für sie gibt es keinen ausweg aus der depression. das mag vor dem hintergrund des “amerikanischen traums” und des verfassungsmäßig garantierten glücksversprechens eine klare und illusionslose kritik daran darstellen, nur:
    wie aus dieser “power to depress” das “glück ausfallender beschönigung und lüge” beim leser entstehen soll, ist mir zumindest in diesem roman nicht nachvollziehbar geworden.

    anders verhielt es sich bei dem werk “zeiten des aufruhrs” von yates. dort hatten wir ja schon eine ähnlich lange diskussion darüber, wie der leser mit einer solchen schonungslosen, realistischen analyse der condition humaine umgehen soll. dort vertrat ich die ansicht, daß gerade der auktoriale erzähler, der die fehler der figuren aufzeigt und zugleich distanz dazu wahrt, zu einer instanz für den leser werden kann, einer instanz, die ihm gleichsam vormacht, wie er zumindest zu einer realistischen, angemessenen und entsentimentalisierten wahrnehmung seiner selbst, der anderen und der welt gelangen kann. dort hast du mir entschieden widersprochen. in der “easter parade” nun ist es dir möglich gewesen, aus der dezidierten beschreibung des unglücks das “glück” eines lesers zu folgern, in dem ein erkenntnisprozeß ausgelöst wird, der den figuren im roman verwehrt bleibt. die frage ist: warum? ist der leser etwa aus einem anderen “holz” geschnitzt? du selbst sagst es ja, auch wenn erkenntnisse gewonnen werden, in die realität des eigenen lebens sind sie dadurch noch lange nicht angelangt und umgesetzt.

    noch einmal also:
    yates schildert den worst case und bietet keinen wie auch immer gearteten “trick” an, davon abzusehen. das ist seine stärke, die unerbittlichkeit unbeschönigte klarheit SEINER vision der welt. genau das soll, deiner meinung nach, das “glück” des lesers ausmachen, weil er so einer illusionslosen, “wahren” und einer von sentimentalität und selbsttäuschung befreiten welt- und selbstwahrnehmung teilhaftig wird. bei den “zeiten” hätte ich das nachvollziehen können, bei der “easter parade” nicht.

    grüße,
    uwe.

  6. 6 Helmut
    Mai 4th, 2007 at 9:10 pm

    Hallo,

    ok., einverstanden: Kein Glück. Nirgends.

    Aber was schadet´s?

    Tut der Güte keinsten Abbruch.

    Ja fast vielleicht: Im Gegenteil?!

    YYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYY

    Auf Deinen Rückgriff zu dem anderen Buch von Yates gehe ich gerne ein – muss aber erst noch lesen.

    Aber auf mein Argument bist Du auch nicht wirklich eingegangen, oder?!

    Grüße,

  7. 7 ewu simpel
    Mai 6th, 2007 at 11:17 am

    hallo!

    kein glück, nirgends.
    so weit wollte ich gar nicht gehen.

    dein argument, daß aus der beschreibung des unglücks beim leser so etwas wie zeitweiliges, ein für die zeit der lektüre weilendes glück (und darüber hinaus!?), entstehen kann –
    wie gerne würde ich dem beipflichten.
    das wirst du wissen, denn schon oft habe ich dir von meinen hoffnungen auf eine das eigene leben verändernde, erkenntnisstiftende lektüre berichtet.

    doch:
    in diesem speziellen fall und bei diesem autor habe ich meine zweifel, ob das gelingt. die figuren haben weder die fähigkeiten, den “wahrheiten” ihres lebens entgegenzusehen und -treten, noch können sie sich vor der wucht schützen, mit der diese in ihr leben eingreifen. wir schauen ihnen beim unvermeidlichen scheitern, versagen zu. und darin ähneln sie uns, was die sache mit dem glück des lesens so schwierig macht.

    “…nobody learns anything but the reader…”, wie es ein journalist einmal 1972 als frage an yates fomulierte, worauf dieser desillusioniert antwortete:
    “It’s an interesting idea, but I’m not sure I can agree with it. Because I can’t honestly see the progression.”

    dein argument also ist mir bekannt und sympathisch – nur kann man es auf die literarische welt eines richard yates beziehen?

    das illusionstheater durchschauen und zu beenden versuchen – d’accord! doch träume und sehnsüchte, womöglich auch falsche und lebensverhindernde, werden bleiben. wer kann schon ohne “als ob” leben. aber da sind wir schon wieder auf einem anderen, weiten feld.

    wie gesagt: gerne hätte ich mit dir das “glück” geteilt – bei diesem buch fiel es mir schwer, daran zu glauben. bei den “zeiten” hatte ich eine etwas andere, positivere leseerfahrung gemacht.

    bis bald!

    grüße,
    uwe.

  8. 8 Helmut
    Mai 6th, 2007 at 6:40 pm

    Hallo,

    ich bin noch nicht dazu gekommen, bei den Kommentaren zu “Revolutionary Road” nachzulesen, will aber schon nochmal zu verdeutlichen versuchen, was ich meinte, denn es ist, auch wenn ich keinen Begriff dafür habe – gibt es einen? – eine wichtige ästhetische Erfahrung wie ich finde. Eine, die sich freilich nicht auf Yates beschränkt, sondern auch anderswo zu machen ist:

    Im genauen hinsehen und der genauen Beschreibung liegt etwas besonderes, die Dinge bekommen eine andere Qualität.
    Genau beobachtetes und beschriebenes Unglück oder die genaue Schilderung von selbst unsympathischen Charakteren ändert gleichsam deren Aggregatzustand.
    Die detaillierte, vielleicht auch empathische Beschreibung erzeugt eine Art Annäherung, eine Art Verstehen.
    Das muss noch nicht Glück bedeuten, kann aber bereits auf halbem Wege dahin sein.
    Gibt es so etwas wie ein Glück der genauen Sicht? Oder ein Glück der genauen Beschreibung?
    Schon ein Satz wie: Es war der erste Sonntag im Mai…” löst Assoziationsketten aus, bereitet etwas vor, schlägt Töne an, gibt evtl. Ansichten oder Erfahrungen frei, Gerüche, Schicksale… Eine kleine Welt tut sich auf. – Und selbst wenn die dann geschilderte Welt düster und traurig oder hart und melancholisch oder alles zusammen ist – der genaue Blick auf sie, das Erzählen einer Geschichte, hat, wenn es gut gemacht ist, eine Qualität, die das geschilderte Negative umschmelzen und in etwas anderes verwandeln kann – via Lektüre.
    Die These ginge in die Richtung:
    Die gehobene Aufmerksamkeit und die genaue Beschreibung haben Anteil an so etwas wie Zärtlichkeit. Für diese Figuren wird Mühe aufgewendet, wir sind bei ihnen und bleiben einige Stunden bei ihnen, erfahren etwas über sie, nehmen Anteil an ihrem ´Leben´.
    Und so erfahren wir etwas über ihre Sehnsüchte. Sie wollen ja das Glück, sie bemühen sich darum und auch wenn sie scheitern bei ihrer Suche, sie gebührt ihnen als Suchende doch auch zumindest Respekt. Diese Zärtlichkeit und diese Sehnsucht – zugegeben weiche Begriffe, aber vielleicht geht es hier nicht anders? – sind Dinge, die mit Glück – oder doch wenigstens der Suche danach zu tun haben – und also auch mit uns, denen es nur begrenzt anders gehen wird.
    Die Suche nach dem Glück hat ja, wenn auch vielleicht zu bescheidenen Teilen, Anteil am Glück selbst.

    Hierbei geht es nicht darum, das ist hoffentlich deutlich, im Buch Positives zu finden – Du magst Du recht haben: Viel ist da nicht. Obwohl in einigen Momenten schon. – Und vielleicht gibt es nciht mehr als diese ausgezeichneten Momente? Diese wären, als geglückte, dann das erreichbare Glück. – Auch wenn ein Scheitern im Ganzen nachfolgt. So gab es doch den Erfolg im Kleinen, Partiellen.
    (Daran könnte man noch eine Theorie des Erinnerns anknüpfen…)

    Außerdem, das sei am Rand auch noch angemerkt, liegt in Yates´ kritischer Sicht auch ein Glück: Das der Ehrlichkeit, das Glück der anderen Sicht, auch wenn die Perspektive des Außenstehenden meist keine lustige ist. Das Glück der ungeschönten, ehrlichen, realistischen Beschreibung.

    So viel als Zwischenrede.

    Grüße!

  9. 9 ewu simpel
    Mai 8th, 2007 at 10:46 am

    hallo!

    wir müssen den kalten kaffee unserer kommentare zur “revolutionary road” nicht mehr aufwärmen.

    bleiben wir bei der “easter parade”. aber eigentlich könnten wir es auch dabei belassen, du hast dich expliziert, ich habe meinen senf dazugegeben, und ich denke, wir sind gar so weit nicht auseinander. denn nach deinen neuesten erläuterungen wurde es mir deutlich, was du meintest mit dem intellektuellen glück, das der leser bei der lektüre scheiternder lebensläufe empfinden kann.

    diese lese-erfahrung habe ich auch schon gemacht, auch bei yates: leben, exemplarisch verdichtet in einer sprache, die klartext redet und dabei die von ihr erfundenen figuren in ihren selbsttäuschungen entlarvt, schonungslos, ohne ihnen jedoch die würde zu nehmen. was in dieser art der beschreibung des alltäglichen unglücks zuletzt aufscheint, vielleicht: die würde des scheiterns oder der scheiterenden, denen man als empathischer leser doch immer wünscht, sie mögen mehr lichte, geglückte momente haben.

    und doch:
    das glück der anderen sicht gewährt yates nur dem leser, nicht oder nur selten seinen figuren. diese bleiben in der regel ungeschickte marionetten ihrer ambitionierten lebenspläne, die sich nicht verwirklichen lassen. der leser allerdings – und da komme ich dir entgegen – gerät via lektüre in die situation, die der des autors vergleichbar ist: er überschaut die konstellationen, nimmt teil an dem schicksal der figuren, bleibt aber auch in distanz zu diesen und kann so vielleicht das “glück” einer ehrlichen, entsentimetalisierten beschreibung exemplarischen lebens genießen. genaues hinsehen, ungeschöntes beschreiben, anteilnehmendes verstehen – im ganzen also: klartext statt schönfärberei, dem kann und will ich gerne zustimmen und auch als eine art glückliches verstehen oder verstehendes glück auf seiten des lesers (und autors) auffassen.

    der israelitische schriftsteller david grossman hat in seiner PEN-rede vom 29.4.2007 folgendes fomuliert (abgedruckt in der ZEIT nr. 19, s.51):
    “ich entdecke, dass der bloße akt des schreibens über willkür mir bewegungsfreiheit vor ihr verschafft. dass ich allein durch die auseinandersetzung mit der willkür freiheit erlange, die höchste, zu der man als schriftsteller fähig is: die freiheit, die tragik seiner lage in eigene worte zu kleiden, sich neu zu definieren, dem zu trotzen, was einen in beschränkte definitionen zwängt.”

    vielleicht ist es das, was wir anstreben, wenn wir bücher lesen:
    via lektüre eine klarsicht aufs leben gewinnen, die bei aller tristesse des nicht-zu-ändernden doch auch bewegungsfreiheit verschafft, und sei es auch nur – wie im falle richard yates – die freiheit des genauen hinsehens.

    it’s time to face the worst!

    grüße,
    uwe.

  10. 10 Helmut
    Mai 8th, 2007 at 4:02 pm

    Schön,

    übrigens habe ich, wie es der Zufall (?) will, vorhin, vor der Lektüre Deines Beitrages, das Grossmann-Interview gelesen, das mir sehr gut gefallen hat. Eher eine Besonderheit im feuilletonistischen Einerlei.

    Sicher, die Figuren und der Leser stehen auf ganz verschiedenen Blättern.
    Die Figuren stehen – im Buch – quasi in ihrem Leben. Und das mag chaotisch, ungerecht uns sonstwie sein und böse enden.

    Der Leser darf frei flottieren – auch zwischen Buch und sich, zwischen Nachricht und ästhetischer Erfahrung. Aber in jedem Fall scheint genaues Hinsehen Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Zuwendung zu bedeuten und zu vermitteln. – Und gelesen ist das gleiche etwas anderes als gelebt.

  11. 11 ewu simpel
    Mai 10th, 2007 at 10:47 am

    Hallo!

    D’accord!

    hinsehen und
    zwingend schreiben,
    dingfest machen,
    der wunsch nach konturen,
    etwas fixieren,
    genau und anteilnehmend,
    bevor es verschwindet – oder wie es in
    schnurre’s “schattenfotograph” heißt:
    “einen eindruck festhalten. das ist es:
    den ein-druck des fußes, den in kürze schon wieder der flugsand verweht.
    nichts anderes bedeutet schreiben.”

    und geschrieben ist das gleiche etwas anderes als gelebt – ein mittel der ästhetischen und formalen distanzierung und objektivierung, die letztlich dem leser helfen kann, sich SEINEM leben aufmerksam und genau zuzuwenden. solcherart könnte die prosa eines yates im übertragenen sinne zu einem optischen instrument, einer lupe vergleichbar, werden. man müßte dazu nur dem “geheimnis” seiner klaren und unprätentiösen sprache auf die spur kommen. denn darin liegt – neben der depressiven wucht seiner welt- und menschensicht – für mich die eigentliche stärke seiner sprachkunst, nämlich wie er in unmißverständlichen, sich jeder metafiktionalen spielerei oder stilistischen spiränzchen versagenden sätzen das ungeheuerliche im normalen, die schicksalstiefe im alltäglichen offenlegt.

    grüße,
    uwe.

  12. 12 Helmut
    Mai 11th, 2007 at 10:26 am

    Das lassen wir doch mal so stehen!

    Grüße,

    H.

  13. 13 ewu simpel
    Mai 11th, 2007 at 7:47 pm

    danke!

    durchatmen und ab in die nächste runde.

    grüße,
    uwe.

  14. 14 ewu simpel
    Mai 26th, 2007 at 12:44 pm

    hallo!

    noch ein kleiner nachtrag zu yates. gestern wurde in “kulturzeit” auf 3sat andreas isenschmidt zu diesem roman befragt. hier einige gedanken von ihm, die mir erinnerlich blieben:
    - ein buch über die “schicksalsverfallenheit” dreier frauen, oder über einen “familiensog, der alle drei nach unten zieht”;
    - scheitern wird hier fast tragödienhaft geschildert;
    - ein eher rohes, unprätentiöses, aber dadurch auch punktgenaues schreiben, mit einem sehr guten gefühl für szenen und was in ihnen im dialog gesagt werden muß, und einem perfekten “plot-traktor” (was genau meint er wohl damit?), der die geschichte vorantreibt, hin zu einem “punkt des seelischen erkennens” (für den leser, nicht oder nur bedingt für die figuren selbst);
    - “kein schönschreiber, sondern ein gutschreiber”, der seine figuren liebt, der ihnen die “würde vollgesehener figuren” in einer detailsatt geschilderten romanwirklichkeit gibt.

    was bei isenschmidt fehlte, war die von uns bemerkte depressive wucht der welt- und menschensicht, die sich auch in diesem buch ausdrückt.

    nachgetragene grüße, uwe.

  15. 15 Helmut
    Mai 31st, 2007 at 10:29 am

    Lieber Uwe,

    zu Deinem Yates-Nachtrag:
    Im wesentlichen wird man zustimmen können, aber wirklich Neues oder Aufregendes fand ich nicht.
    Yates´ Schreiben ´roh´ zu nennen wäre mir nicht in den Sinn gekommen, unprätentiös, das schon – aber das tun viele, das ist nichts Spezifisches.
    ´Würde voll gesehener Figuren´ ist eine ganz nette, zutreffende Formulierung hinter der auch noch etwas mehr steckt – ich denke wir haben es schon hie und da mal gestreift.
    Ein Plot-Traktor – wohl einfach eine Metapher, für etwas, das den Plot vorantreibt oder, um ihm Bild zu bleiben, zieht. Ob das ein terminus technicus ist weiss ich nicht – mir ist´s auch noch nicht begegnet. Ist ein sehr formal-distanziertes Argument.

    Mal sehen, was als nächste von Yates kommt.

    Grüße,

    Helmut