Petri Tamminen „Mein Onkel und ich“

Mai 8th, 2007

Petri Tamminen: „Mein Onkel und ich“, die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel „Enon opetukset“ bei Otava in Helsinki, Roman, Frankfurt am Main 2007, aus dem Finnischen von Stefan Moster, 154 Seiten, 19,80 Euro.

Was hat Columbus und Vasco da Gama als erwachsene Männer veranlasst, so weite Reisen zu unternehmen?
Die Antwort ist einfach: Das Geschrei ihrer Ehefrauen. (Vgl. S. 53)
Aber mit nicht ganz von political correctness ausgezeichneten Bemerkungen seiner Figuren ist das Buch Tamminens freilich nicht zu erschöpfen. Trotzdem ist man damit bereits an einem der Kernpunkte: Das Verhältnis der Geschlechter respektive die Krise des Männlichen. Tamminen destruiert in seinem Roman die (mehr oder weniger) wilden Geschichten von ´männlichem Verhalten´ oder dem, was man (unter Umständen) unter ´männlicher Freiheit´ verstehen könnte – oder tatsächlich einmal verstanden hat. Das selbstherrlich gonadengesteuerte Benehmen löst er auf in Kläglichkeit. Oder? ´Helden´, die ihr Leben im Griff zu haben scheinen, gehen in Suff und Verwahrlosung unter und machen zutiefst unsicheren und desorientierten Nachfolgern Platz. Das Simpel-Heldentum hat die längste Zeit funktioniert; gleichzeitig äußern sie Interessantes.

Erzählt wird das in vielen extrem kurzen Kapiteln, die eher Szenen oder Schnappschüsse oder Skizzen als ´Kapitel´ im traditionellen Sinn sind. Das Buch ist in drei Teile geteilt und mit diesen in drei Zeitebenen: Juli 1981 – Oktober 1994 – Februar – Juli 2005.

Viel Zeit, die da auf weniger als 160 Seiten untergebracht werden muss. Und in der Tat hat man am Ende das Gefühl, ein wesentlich umfangreicheres Buch gelesen zu haben, kein uninteressanter Effekt. Der Roman erzählt auch von einer schwierigen Rückkehr in´s Elternhaus, eine, die mit vielen Erinnerungen konnotiert und belastet ist. Immer wieder schiebt sich die Erinnerung in und vor die Gegenwart und die ihr zugehörigen Empfindungen, beeinflusst und manipuliert diese; beeinträchtigt oder erweitert das gegenwärtige Erleben. (Vgl. etwa S. 111) Trotz der Kürze des Buches und der großen Zeitsprünge ergibt sich eine recht runde Geschichte. Tamminen erreicht das neben dem episodischen durch raffendes und aussparendes Erzählen.

So berichtet der überkontrollierte, stets abseits stehende Protagonist (vgl. z. B. S. 90), der krank vor Schüchternheit ist und der Depression nahe steht – was ihn freilich zum guten Beobachter prädestiniert – über seine Rolle als Mann. Er ist keins dieser draufgängerischen Geschlechtstiere mehr und noch nichts richtiges anderes. Wie wohl alle Modernen fühlt er einen Spalt in seinem Leben bzw. zwischen seinem Leben und sich. Oder zwischen dem, was er für das Leben hält und seinen Gefühlen. Oder…
So kann er kein ´Held´ im eigentlichen Sinn mehr sein, allenfalls ein Held auf der Suche – auch und vor allem nach seiner eigenen Identität – um überhaupt etwas zu sein. Von Beruf ist er Lehrbeauftragter – also auch hier noch in einem Zwischenstadium.
Mit dem Tod des Großvaters fiel noch eine Welt auseinander – obwohl er gar nichts zusammengehalten hatte. (Vgl. S. 16)

Man stellt sich die Frage, wie hier Skurrilität und Normalität zueinander stehen – und kommt zu dem Schluss, dass sie sich kaum unterscheiden lassen. Vielleicht auch nicht müssen.
Tamminens Erzählen hat immer wieder auch poetische Einsprengsel, etwa wenn er auf das Licht achtet, was aber fast etwas regelmäßig und gezielt eingearbeitet scheint; insgesamt ist es melancholisch gefärbt. Ein Beispiel:
„Vor dem Ladenfenster ließ der Wind die Laubbäume am Fluß erzittern, und ihre Schatten befleckten das Fenster. Die Bewegungen der Schatten waren nicht genau zu erfassen, sie liefen durch die Falten der Gardinen und sprangen übereinander hinweg. Oder bewegten sie sich im Staub auf der Fensterscheibe? Der Boden schien zu schwanken. Ich stand da und dachte, daß mein Onkel weiß, was er tut. Alle Kinder glauben, dass die Erwachsenen wissen, was sie tun. Die Kindheit ist eine glückliche Zeit.“ (S. 22)
Diese Meinung sollte sich mit dem eigenen Erwachsensein gründlich ändern.
Ob es eine gute Idee war, das Klatschspalten-Thema der Hochzeiten und Trauerfälle des englischen Königshauses zum Leitmotiv zu wählen, darf bezweifelt werden. Obwohl es der Autor noch ganz geschickt macht, gewinnt das Buch dadurch nicht, es verschmilzt nicht mit dem Erzählten, das Thema wirkt aufgesetzt und bemüht aktuell.
Schön, wenn auch selten sind dagegen Vergleiche wie dieser: „Das Auto roch wie ein warmer Fußball oder wie gebräunte Haut.“ (S. 32)

Im Zentrum steht das Sich-Abarbeiten des Erzählers mit der eigenen Familie und seiner wackeligen Identität. Die wichtigste Figur dabei ist die des Onkels, der im ersten Teil ziemlich unmotiviert beschließt Fotograf zu werden und der im zweiten Teil bereits sehr Spannendes über die Fotografie zu erzählen weiß. Überhaupt scheint er nicht nur gern zu trinken, sondern auch zu dozieren. Ein Beispiel:
„Wenn er im Leben überhaupt etwas gelernt habe, dann das: Man soll sich keine Frau als Lebensgefährtin nehmen. (…) Auf Frauen könne man nichts aufbauen, Frauen müsse man als Objekte nehmen. Schließlich seien sie Objekte, was denn sonst, wer etwas anderes behaupte, lüge sich selbst in die Tasche und fände sich bald schon wimmernd und in Embryohaltung in einem Ehebett wieder.“ (S. 53)

Der Erzähler sieht sich selbst im Gegensatz zu dem offenbar zupackenden Onkel als überreflektiert (vgl. S. 56) und erfährt sich als zögerlich. Wie ein Schauspieler agiert er im wirklichen eigenen Leben. Der Onkel sieht sich als positiv denkender Mensch (vgl. S. 42) und will selbst den Schmerz noch willkommen heißen und gut behandeln und hält die Scham für etwas Großartiges. (Vgl. S. 62 ff.) Diese Erfahrungsqualitäten gehen dem schüchternen Jussi ab. Darum ist er vom Onkel und dessen Compagnon Myrsky, dem Frauenhelden, auch fasziniert. Myrsky, der schon mal eine Frau mit der Pistole bedroht und in die Decke schießt, wenn die Situation es erfordert.
So stellt sich die Frage, ob es hier um ein Stück finnische Lebenshilfe geht oder um den Versuch einer Selbsttherapie. Denn auch wenn man den Gedanken immer wieder zu verdrängen sucht, er drängt sich doch stets von neuem auf: Der Autor ist seinem Erzähler vermutlich ziemlich nahe verwandt.

Den finnischen Männern wird kein gutes Zeugnis ausgestellt (wie fiele es in anderen Ländern aus?), es heißt: „(…) in ganz Finnland scheinen Männer zu leben, deren Leben schwer aus dem Lot war.“ (S. 70) Was heißt, dass sie Psychopharmaka zu sich nehmen.
Auffällig und an Yates´ „Easter Parade“ erinnernd, ist der Umstand, dass der Held wiederholt feststellt, dass er nichts fühlt – auch wenn es, wie er wohl meint oder von sich erwartet, etwas zu fühlen gäbe. Ob diese Gefühlsarmut ´normal´ ist oder auf der Schüchternheit oder noch etwas anderem basiert, bleibt offen. Der Onkel bringt das Eckensteher-Syndrom seines Neffen auf den Punkt und ein Bild, das an ein anderes platonisches Höhlengleichnis erinnert, wenn er sagt: „du meinst, du spähst von der Umkleidekabine aus in den Turnsaal, wo die anderen schon juchzen und wo die Turnschuhe quietschen?“ (S. 78 f.) Worum es geht, das ist nichts geringeres als das ungelebte Leben, ist das bittere Gefühl, „ein Amateur des Lebens“ zu sein. (S. 79)

Was die Einschätzung des Onkels und seines Freundes angeht, ist Jussi sich aber auch nicht sicher, nicht einmal das. Er weiß nicht, ob der Onkel und seine Freunde wirklich und immer Helden sind. (Vgl. S. 85) Für ihn haben sie das Zeug dazu, weil sie anders sind als er und etwas haben – oder ihnen etwas fehlt -, das kann man sehen wie man will, das er nicht hat. Er, die halbe Portion, sieht sich konfrontiert mit finnischen Manns- und Weibsbildern – wobei es die Frage ist, ob das ´finnisch´ hier etwas zu bedeuten hat. Vermutlich eher nicht. Zwar haben die Finnen sich ein schräges Image erarbeitet – ob man an die wortkargen melancholischen Filme Kaurismäkis denkt oder an den finnischen Brüllchor – aber sind alle Klischees richtig, eine Position, die man, mehr um sie auszuprobieren, mal mit frecher Verve ausprobieren könnte, oder sind es eben ´nur´ Klischees? Ist es Kommunikation auf finnisch, wenn man einen Selbstmord mit Pillen vortäuscht? (Vgl. S. 102) Und wie steht es mit der Selbstmordrate? (Vgl. S. 100 f) Und hat es überhaupt etwas Finnisches, wenn der superbetrunkene Onkel von sich sagt: „Aber ich könnte der Morgendunst für diese Welt sein“. ? – (S. 109)
Tamminen hat ein gutes Buch geschrieben – aber ist es ein zwingendes?
Eines, das einen nicht mehr losläßt, das ganz neue Welten eröffnet oder das auf besondere Art erzählt ist? Es ist ein gutes, aber vielleicht kein großes Buch. Aber es hat einen starken Beginn, der allerdings an irische Geschichten ähnlicher Art erinnert, und es nimmt gegen Ende mehr Fahrt auf, wo es tolle Stellen enthält.

Seite 108 etwa ist eine großartige Seite, auf der mit viel Atmosphäre ein fast schmerzvolles, sehr raffendes erinnerndes Zusammenfassen vorgenommen wird. Interessant, auch weil es eine Ausnahme darstellt, das Gespräch mit seiner Frau (S. 113 ff), die die Ansicht vertritt, dass es keine Helden gäbe. Sie sagt: „Du solltest die Menschen besser kennen! Die Menschen denken gar nichts. Du mußt selbst denken, und du mußt dein Leben leben.“ (S. 114) – Auf wirklich einfühlsame Weise geht sie mit den Problemen ihres Gatten und dem Umstand, dass er sich öffnet und ihr davon erzählt, um. Sie will keinen Jammerlappen, sie nennt ihn einen Schoßhund, er nervt sie. Hier zeigt sich das Dilemma des großen Aneinandervorbeiredens zwischen Männern und Frauen. Die Missverständnisse, auch die Undankbarkeit. – Könnte sie doch, auch wenn sie ein Stück weit recht haben mag, auch dankbar sein, keinen Mann wie seinen Onkel oder Myrsky zu haben, sondern einen wie ihn. Oder wollen Frauen gerade Myrskys? Das ist genau eingefangen.
Und folgerichtig lässt die Scheidung nicht lange auf sich warten.
Mit dem Onkel setzt er sich über seine Scheidung auseinander. Dieser sieht es positiv, als das wahrere Leben, als Abenteuer und Befreiung – Jussi selbst leidet wie ein Hund und ist potteinsam. Und sie machen sich Gedanken darüber, ob es so etwas wie ein eigenes Leben überhaupt gebe. Es könnte immerhin sein, dass „die Menschen über gar nichts“ entschieden, sondern alle sich und ihrem Leben ständig hinterherfahren. (Vgl. S. 123)

Zunächst fühlt sich Jussi „komplett außerhalb des Lebens gelandet“, er ist verzweifelt, dann will er aber, nach vier Wochen, kein Selbstmitleid mehr zulassen und überrascht sich selbst. Etwa mit den Versuchen, Kontakt zu anderen aufzunehmen, nur scheitert er dabei. Er ist 39 und es will ihm nicht einmal gelingen, seine Frau zu hassen. (Vgl. S. 129)
Diese hatte ihn mit seinem Vorschlag, gemeinsam einen Therapeuten aufzusuchen, zum Teufel geschickt. (Vgl. S. 129) Und er kommt zu dem Schluss: „Die Liebe ist ein Weg, der von rosa Flausch gesäumt wird, aber dieser Flausch ist nichts als Napalm, (…).“ (S. 129 f.)

Sehr gut, am Ende wird das Buch wie gesagt noch einmal besser und man könnte sich evtl. sogar mit der Einbindung der Charles und Diana bzw. Camilla-Romanze anfreunden, ist das 4. Kapitel im III. Teil, in dem es eine tolle Tirade des Onkels gibt und noch einmal interessante Äußerungen zur Fotografie: Wenn er noch einmal fotografieren wolle, dann keinen Kitsch, sondern „das Licht im späten Winter, wenn der Herr des Hauses gestorben ist“, so der Onkel. (S. 131) Angesichts solcher Bemerkungen und auch seiner zwei unerfüllten Wünsche wegen, (vgl. S. 133) versteht man, dass dieser Typ, im äußeren Leben wohl ein Gescheiterter, für Jussi das Zeug zum ´Helden´ hat. Lebt der Onkel ein unentfremdeteres Leben? Ist er einfach nur mutiger? Rücksichtloser? Bedenkenloser? Einfach ein anderer Typ?
Es ist alles nicht so einfach. Doch auch der Onkel vermisst die „tiefe, innere Freude“. (S. 135)
Was sucht Jussi im Onkel? Eine Art Vorbild? Einen, der ihm zeigt, wo´s langgeht? Wie man dieses Leben einigermaßen leben könnte? Eine Art Guru?

Er ist weit weg von sich. Vielleicht fordern das die Zeiten. So weit, dass er nicht mal seine Gefühle fühlt. Oder nur eingeschränkt. Ähnlich wie Yates´ Emily. So etwa beim Tod des Onkels. (Vgl. S. 141 f) Er mag an seiner mangelnden Identität als Mann leiden, mehr aber noch an seiner bodenlosen Einsamkeit. Den Roman einer ´Lebenskrise´ kann man das Buch kaum nennen, denn die Krise, die angeschlagene Sicht auf die Welt, scheint eher Regel aus Ausnahme zu sein.
Er regelt den Nachlass des Onkels, wirft dessen Sachen in einen Container und da, ganz am Ende des Buches, nach dessen Tod, fällt zum ersten Mal der Name des Onkels.

Der Roman handelt zugleich ständig immer auch von dem, was Heimat sein könnte, was Wurzeln bedeuten könnten – und dokumentiert eine Entfremdung und erzwungene Ablösung davon. Ein Stück Erwachsenwerden, auch und immer noch, für einen Neununddreißigjährigen.
Man kann leicht sehen, dass Tamminens „Verstecke“ vom gleichen Autor stammen. Aber „Verstecke“ scheint mit das bessere Buch, eines, das das Zeug zum Bleiben hat. (Vgl. die Besprechung von „Verstecke“ hier im Blog: Januar 2007)

6 Antworten to “Petri Tamminen „Mein Onkel und ich“”

  1. 1 ewu simpel
    Mai 22nd, 2007 at 10:28 am

    hallo!

    mir hat das buch gut gefallen, und es erinnert stark an seinen erstling “der eros des nordens”.
    mir liegen die helden von tamminen, ich freunde mich immer sehr schnell mit ihnen an. sie erinnern mich an mich selbst und meinen lebensgang. und auch an meine lektüre zur jugendzeit: die bücher des französischen existentialismus, mit ihren anti-helden, die in die welt geworfen und bodenlos einsam trotzdem auf der suche nach so was wie “heimat” sind. mir erscheint tamminen als eine finnische variante davon, schräger und vielfach skuril, aber mit derselben wucht, mit der ein grundgefühl menschlicher existenz beschrieben wird: das nicht angekommensein in der welt und im (eigenen) leben, das fortwährende abmühen mit der eigenen identität, wohl und weh des erwachsenwerdens. (das soll kein literaturkritisches label sein, sondern meine assoziationen beim lesen beschreiben.)

    der erzählerische ton gefällt mir. diese mischung aus melancholie und humor, aus trauer und skurilität.

    die poetischen einsprengsel haben mich an die “verstecke” erinnert. augenblickserfahrungen, in denen vergangenes oder kindheitserinnerungen, in denen ein gefühl für vergangene zeit entsteht und wieder verschwindet, genau und anschaulich beschrieben.

    interessant finde ich, wie in finnland die tour, die reise, der ausflug, vornehmlich von männern unternommen, als selbsterfahrungs- und bestätigungstrip genutzt wird, immer wieder: die reise als identitätsprobe aufs exempel, ob nun zum angeln, zum saufen, zum tanzen oder zur familie. ein spannendes motiv, das ja in tamminens büchern oft vorkommt.

    übrigens wird der name des onkels schon sehr früh verrraten: olli. mir war er schon auf seite 29 aufgefallen, später wird er immer wieder mal genannt, in den dialogen, als anrede. das wirst du wohl überlesen haben.

    grüße, uwe.

  2. 2 Helmut
    Mai 23rd, 2007 at 5:09 pm

    Lieber Uwe,

    ja, das Buch ist ok., aber vielleicht auch nicht mehr, oder?
    Mich hat es auch an den “Eros des Nordens” erinnert, sicher, aber ich fragte mich, ob das gut ist, ob er evtl. nicht genug Stoff hat für ein ganz anderes Buch?
    Tut mir leid, da muss ich in der Tat den Onkel-Namen übersehen haben, danke für den Hinweis!
    Die Männer-Tour, tja. – Fällt mir so ad hoc gar nicht SOO viel ein, muss ich gestehen. – Warum oder was daran interessiert Dich?
    Nett fand ich die ´finnische Art des Existentialismus´.

    Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    Mai 24th, 2007 at 10:04 am

    hallO!

    die tour, ja, was interessiert mich daran?
    vielleicht das unterwegssein zu etwas anderem, das herausfefallensein aus dem vertrauten, gewohnten auf zeit.

    bei tamminen kommt das roadmovie-motiv in allen drei bisher ins deutsche übersetzten büchern vor.
    im “eros des nordens” als sauftour zweier sehr unterschiedlicher männer in die mittsommernächtliche finnische provinz: leben im augenblick, draufgängertum, alles ist in bewegung, reine gegenwärtigkeit, erleben des augenblicks, aber auch die tumultgeplagte männliche seele in brunstzeiten, ihre banalität und lächerlichkeit, und auch ihr scheitern an einem im zupacken bestehenden männer-rollenbild.

    in den “verstecken” gibt es u.a. die miniatur mit dem titel “die fischerhütte”, ein ausflug zum angeln, bei denen die männer ihre selbstkontrolle verlieren, für augenblicke aus der gewohnten welt fallen, fern von zu hause, von der arbeit, ihren frauen.

    und in “mein onkel und ich” nun die tour des depressiven helden ins ehemalige elternhaus, hin zum onkel: als ein projekt gedacht, das bisherige, defizitäre leben hinter sich zu lassen, hin zu etwas anderem zu kommen, etwas geschehen zu lassen, um von sich loszukommen, das eigene “ewige langweilerdasein”.

    ich finde dieses motiv auffallend. immer sind es männer, allein oder in gruppen, die unterwegs sind, um die probe aufs exempel zu machen: ihre identität zu wechseln oder zu festigen, zu fliehen oder zu bestätigen, und dies mit hilfe des reisens, dann irgendwo ankommen und dort dann die sich bietenden gelegenheiten nutzen.

    ein altbekanntes motiv in der literaturgeschichte, und doch nicht überaltert, und bei tamminen wieder ins skurril-finnische idiom übersetzt. mir scheint es fast ein finnischer “volkssport” für männer zu sein: die tour als selbsterfahrungstrip, scheitern inbegriffen. und mit interessanten einsichten im gepäck zurück in altbekannte leben.

    grüße, uwe.

  4. 4 Helmut
    Mai 24th, 2007 at 1:33 pm

    Lieber Uwe,

    ich bin nicht sicher ob es sich hier um eine finnische oder eine tamminensche Spezialität handelt. –
    (Wo sind die finnischen Soziologen?)
    Ob man also berechtigt von Tamminen auf den Rest der Finnen schließen und von einem “Volkssport” reden darf?

    Aufgefallen ist es mir aber auch – vor allem als er im letzten Buch wieder ein solches Thema anschnitt.
    Es geht wohl um eigene Unsicherheiten und Probleme – aber womöglich auch um eine Krise des Mannseins in der heutigen Zeit überhaupt.
    Um das Konstatieren von Unsicherheit, von mangelnder Rollengewißheit – und also um die Suche nach einer passenden, neuen oder alten, um Identität.
    Männer unter sich verhalten sich anders als in gemischten Gruppen. – Das dürfte auf Frauen in gleichem Maß zutreffen. Und das Mann-Frau-Thema ist ja seit Jahren ziemlich viel besprochen. Bis hin zur These der Unvereinbarkeit der Geschlechter.
    Nun ja – und was finge man mit so einer Erkenntnis praktisch an?
    Reisen – davon, finde ich, kann man bei Tamminen streng genommen gar nicht sprechen. Eher von Ausflügen oder Ausbrüchen, von kleinen Fluchten. Unter einer Reise stelle ich mir etwas anderes vor.
    Und so hat es noch einmal eine andere Note. Es ist nicht die große Reise, nicht die große Geste, es ist ein holpriger, tastender Versuch, ein ziemlich ratloses Gucken was geht.
    Ob das wirklich zu so etwas wie ´Selbsterfahrung´ taugt? Zumal T.´s Held ja einer ist, der sich nichts traut und kaum etwas zutraut. Ihm passieren Dinge, er tut oder macht oder sucht sie nicht. Sie stoßen ihm zu. Er ist eher ein Gestoßener als ein Aktiver. Unerwachsen wirkt er, zumindest.

    Grüße,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    Mai 24th, 2007 at 2:17 pm

    gebongt!
    keine reisen, eher touren – so ja auch die bezeichnung in den texten selbst.

    ob es sich um ein spezifisches motiv nur bei tamminen handelt und nicht doch öfter in der finnischen oder allgemein skaninaviscvhen literatur finden läßt, muß offen bleiben. interessant wäre es, darüber mehr zu erfahren.

    du hast recht:
    die helden scheitern regelmäßig auch auf diesen touren. deshalb versuchen sie es auch immer wieder. aber was auch in diesem scheitern aufscheint, wenn auch nur in wenigen geglückten momenten, ist ein mögliches anderes leben. es sind jene momente, die gleichermaßen von angst und sehnsucht entfernt sind, in denen der held aufhört schwermütig zu sein oder in distanz zu sich zu gehen, sondern im augenblick aufgeht, ja sagen kann zur welt. “wolldecken des lebens” nennt tamminen solche momente im “eros des nordens”. in “mein onkel und ich” gibt es auch einige davon, doch sie werden immer gleich wieder konterkariert: für sekunden hat die “welt absolut begreifliche ausmaße” für jussi und wenig später schwindelt es ihn wieder vor der unendlichkeit des universums. (60-61) es gibt sicherlich noch andere stellen, diese ist mir spontan eingefallen. ich müßte mir das buch noch mal vornehmen. ich wollte damit nur zum ausdruck bringen, daß die touren ganz so ergebnislos nicht sind: obwohl das projekt einer selbstüberwindung scheitert, gibt es momente eines positiven identitätsgefühls, immer nur kurz und es überwiegt nicht die ansonsten gebrochene selbsterfahrung, das will zugeben. aber vielleicht ist für einen helden, dem die dinge passieren, der sich meist – mit ausnahme der von ihm initiierten rettungsaktion nach dem selbstmordversuch – dem geschehen passiv überläßt, nicht mehr möglich.

    grüße, uwe.

  6. 6 Helmut
    Mai 25th, 2007 at 8:27 am

    Einen schönen guten Morgen,

    im Augenblick aufgehen – weg von sich, von den Bedenken, den Zweifeln, der Sucherei: Einfach nur da sein, die Melancholie nicht spüren wollen – und dann die Ironie [oder den Sarkasmus] der Wirklichkeit, in der es Kollisionen gibt, kleinere oder größere Unfälle.
    Tröstlich wären dann die ´Wolldecken des Lebens´ – was ein wenig fatal an Linus´ Schmusedecke erinnert -, die herausgehobenen Augenblicke, die sich im Gedächtnis festsetzen und wichtig werden. Epiphanien sind es vielleicht nicht mehr, aber noch weitläufige Verwandte.
    Das ist ein ganz realistisches Bild, so kann man´s sehen.

    Helmut