Otto de Kat: “Sehnsucht nach Kapstadt”

Mai 23rd, 2007

Otto de Kat: “Sehnsucht nach Kapstadt”, aus dem Niederländischen übertragen von Andreas Ecke, Frankfurt am Main 2006, die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel “De inscheper” in Amsterdam, 156 Seiten, 17,80 Euro

Otto de Kat schreibt in kurzen, nach vorne drängenden Sätzen. Er schreibt in einer Sprache, die sachlich wirkt und doch oft von ausdrucksstarken Bildern und Metaphern durchschossen ist (vgl. etwa S. 26, 31, 33, 38, 59, 91) und gleichzeitig geradezu lyrische Qualitäten hat.
In dieser Sprache erzählt er die Geschichte von einem der auszog, ein anderer zu sein – und dem dies nicht gelang. Die Geschichte einer Flucht aus Holland im Jahr 1935, aus einer Familie, vor dem Vater, vor festgelegten, vorbestimmten Verhältnissen, vor einem zu geregelten, vorhersehbaren Leben. Mit dem Schiff macht er sich auf nach Afrika, zerreißt, als es ablegt und so, dass seine Eltern es sehen können, die Empfehlungsschreiben, lässt sie ins Meer fallen und arbeitet in Südafrika in einer Mine, anderthalb Kilometer unter der Erde. Er gräbt sich ein in sein selbst erwähltes Ausgeschlossensein, Heimweh lässt er nicht zu. (Vgl. S. 40) Halsbrecherisch das Erzähltempo, ebenso das Tempo und die Ruhelosigkeit, mit der der Held über den Erdball rast – und doch so verklammert und dargestellt, dass es möglich und natürlich wirkt. (Vgl. S. 36) Die Sätze de Kats sind wie gemeißelt und scharf wie Messer: Kurz, treffend, hart, ohne jede Gefühlsduselei und doch, wie bei Hemingway, voller Gefühl.

Erzählt wird die Geschichte, das fällt immer wieder auf, von einem fast allwissenden Erzähler, durch Erinnerungen wird fragmentarisch nachgetragen, was dem Leser nach und nach Dinge an die Hand gibt, die Motivation des Helden mit Namen Rob besser nachzuvollziehen. In´s Exil getrieben hatte ihn neben dem Vater die Ablehnung eines Mädchens, auf das er gezählt hatte. Ein weiteres Schlüsselerlebnis stellt der Besuch Albert Schweitzers im Haus seines Vaters dar. (Vgl. S. 63-68) Er vergleicht die beiden und entscheidet sich für Schweitzer, der von Gabun erzählt. Er entschließt sich, die Schule nicht zu beenden, obwohl es kein Problem für ihn gewesen wäre es zu tun. Aber es ist ihm nicht wichtig, er hat anderes vor. Oder es ist ihm wichtig es nicht zu tun. Mehr, als dass er sich ausgeschlossen fühlte, von denen, die ihm in der Familie angeboten wurden, will er sich selbst ausschließen, sieht für sich keinen anderen Weg, glaubt in diesem Umfeld keine Luft zu bekommen. (Vgl. u. a. S. 61) Doch bald muss er in seinem freiwilligen Exil erkennen: “Freiheit ist ein schönes Kleid an einem plumpen Wesen, das überall aus der Form geht und auf nichts und niemanden hört.” (S. 48) Immer wieder auftauchende Erinnerungen an die Heimat, an die Mutter, will er nicht haben. Er verdrängt sie so gut er kann – natürlich langfristig ohne Erfolg. Weit davon entfernt, sich lösen zu können, ist er besessen von seiner Vergangenheit. Verdrängtes kehrt wieder. Und es rächt sich für die Verdrängung.
Er verdingt sich als Soldat, gerät 1943 in japanische Kriegsgefangenschaft und macht eine hammerharte, unmenschliche Zeit beim Bau der Birma-Eisenbahn durch. Dort freundet er sich mit Guus an, beide ergänzen sich und helfen sich zu überleben; verschiedene, komplementäre Charaktere. Erzählt in Sätzen wie Schlaglichtern (vgl. etwa S. 57/m), die wie mit kleinen Händen der Wirklichkeit ein paar Worte entreißen und daraus ein Bild oder ein Gefühl formen. Man fühlt sich zuweilen von der Stimmung her an den Film noir erinnert. Ohnehin ist das Buch sehr plastisch – der Autor versteht es, die Szenen dem Leser bildlich vor´s innere Auge zu rufen – und ruft damit zugleich auch ein Lebensgefühl auf, ein einsames, luftiges. Man könnte einen Moment versucht sein zu schreiben: Ein freies, aber damit läge man falsch, allenfalls ein vogelfreies. Es ist eine Schein-Freiheit in der sich dieser Rob bewegt und er merkt es selbst, auch wenn er fünfzehn harte Jahre braucht um es sich einzugestehen. Querköpfig und wütend ging er, wollte sich lösen, konnte es aber freilich nicht – jeder hat, wohin er auch geht, stets und unausweichlich sich selbst und das heißt: Seine Vergangenheit im Gepäck. Und wie schon Georg Christoph Lichtenberg wusste, ahmt, wer das Gegenteil von etwas tut, auch nach – nur eben das Gegenteil. Nach fünfzehn Jahren, Lagerhaft, Zwangsarbeit, einem einsamen Leben, einem torpedierten Schiff, bei dem er seinen Freund Guus verliert, an den er noch Jahre denken, nach dem er fahnden und von dem er träumen wird, eine bittere Erkenntnis. Guus ist vermisst und man kann davon ausgehen, dass de Kat das Buch “Das goldene Ei” seines Schriftstellerkollegen Tim Krabbé kennt (das Buch ist auch hier im Blog besprochen) und sich darauf bezieht, wenn er schreibt: “Vermißt, schlimmer als tot.” (S. 77) Oder: “Er hatte noch gemurmelt, alles sei besser, als vermisst zu sein.” (S. 140; vgl. auch S. 148) Und in der Tat ist, ähnlich wie Krabbés Stil, der de Kats extrem raffend und verdichtend. Er verdichtet die Sätze derart, und lädt sie dadurch auf, dass sie zu Bildern werden – und in der schnellen Abfolge kurzer Sätze zu Bilderkaskaden, was ein Gefühl der Leichtigkeit und Losgelöstheit ergibt, ein Schweben. Somit ist ihm das Kunststück gelungen, den kongenialen Stil für diesen Helden zu finden. Das Lesen dieser Sätze erzeugt ein eigenartig rauschhaftes Empfinden, ein Schweben und Gleiten – und gleichzeitig wird man der herandrängenden Bilder nicht satt.
Ein Beispiel, de Kat legt die Sätze Albert Schweitzer in den Mund:
“Eines Tages fuhr ich auf dem Ogowe nach Norden. Um sechs Uhr springt dort die Nacht wie ein Leopard aus den Bäumen. Links und rechts zogen Nilpferde vorbei, ruhige Kolosse, die uns nicht bedrohten. Es war gerade noch hell, aber die Dunkelheit sammelte sich schon. Die Hitze war etwas erträglicher geworden, Wind war aufgekommen, Vögel kreischten, an den Ufern sah man ihre Farben schimmern.” (S. 68)
Der Erzähler vermittelt einen Eindruck, warum der Junge von Schweitzer fasziniert sein konnte.
Doch irgendwann, nachdem er sich in´s gleiche Land aufgemacht hatte, spürt er: “Sein Leben war aus Erinnerungen zusammengeklebt. So war es nicht vorgesehen gewesen, so nicht gedacht, so nicht.” (S. 108) Wie geht es einem, der ganz auf sich allein gestellt, ohne Wurzeln, aus- und durchkommen will – und dem das nicht gelingt? “Alles, was er besaß, war Unsichtbares, das ihn störte.” (S. 108) Loslösen von Holland, von den Erinnerungen an die Menschen, mit denen er aufgewachsen war, das war eine Chimäre. Ganz anders als Schweitzer, der sagte, dass er stets denselben Fluss in´s selbe Dorf führe, findet Rob keinen Halt, ist getrieben, heimat- und aufgabenlos, immer eher willkürlich unterwegs, sucht Häfen auf, weil sie seinem Zwischen-, seinem Schwebezustand entsprechen: Nicht richtig weg, nicht richtig da, aber die Optionen offen. Es heißt: “Es kam ihm so vor, als würde er schon ein Leben lang auf Schiffen stehen und winken, wegfahren, ankommen, untergehen. Häfen auf eine Schnur gereiht, und nirgendwo blieb er. Dennoch hatte er es schätzengelernt, das Sich-Einschiffen war ihm zur zweiten Natur geworden. Öl und Wasser, Möwen und Kais, die Städte waren verschieden, aber Geruch und Geräusche überall gleich.” (S. 47)
Er sieht keinen Sinn, er stellt sich nicht und Flucht allein genügt wohl nicht, um ein Leben darauf zu gründen. So ist es ein Roman über das Scheitern. Mehr aber als über das Scheitern eines Lebens über das Scheitern der Flucht vor Familie, Vergangenheit, Erinnerung, vielleicht des Fliehens überhaupt.
Die Frage im Hintergrund ist: Was bestimmt ein Leben? Was setzt etwas in uns in Gang oder auf ein Gleis, dem nicht mehr zu entrinnen ist? Und: Könnte man es vorher ahnen, es verhindern? Das Buch stellt einige Fragen: Was ist Heimat? Was bedeutet Erinnerung? Was machen wir mit ihr, was sie mit uns? Kann man seiner Vergangenheit, kann man sich selbst oder dem was man früher ´Schicksal´ nannte, entgehen? “Die Augenblicke, in denen sich so vieles zusammenballt, wie erkennt man sie, wie erlebt man sie, wie verschwindet alles wieder, wo ist man dann. Das Ende der Zukunft, eine verstummte Vergangenheit, keine Träume mehr. Wie war das zu begreifen, Sekunden der Schwerelosigkeit, alles unersetzbar, unwiederholbar.” (S. 92)
Das Mädchen, das ihn nicht wollte, als er in einer rauschartigen nächtlichen Motorradfahrt zu ihm fuhr, es erzeugte “eine Kälte, die nie mehr enden sollte”? (S. 116) Oder ist das seine Deutung, will er sich das nur einreden?
Der so stark schien und in gewisser Weise auch war, stark genug die Schule abzubrechen und zu gehen, Eltern und Land zu verlassen, Krieg und Lager und Schiffsuntergang zu überstehen – der war nur aus Schwäche gegangen. Weil er die Ablehnung eines Mädchens nicht ertrug? Und das bestimmte sein ganzes Leben, drückte ihm den Stempel auf, machte ihn zu einem für immer Entwurzelten?
Doch die verdrängten Erinnerungen suchen ihn heim und er fühlt sich wie eine offene Wunde und ein “Schlachtfeld von Erinnerungen”. (S. 117) Er konstatiert: “Fast fünfzehn Jahre unterwegs, um nirgends anzukommen.” (S. 119) Sein von Flucht und Opposition geprägtes Leben, sein pseudofreies Gegenbild-Leben, es ist kaum ein eigenes. Herausgebrochen aus seiner Vergangenheit war er doch “immer und überall im Kampf mit ihr”. (S. 123) Den Satz Juliet Bertos, den Jean-Claude Izzo in seinem Buch “Die Sonne der Sterbenden” als eines von zwei Motti verwendet, hat er nicht beherzigt: “Man muss die Farbe seiner Verletzung im Gedächtnis behalten, um sie den Sonnstrahlen auszusetzen.” Er war in Afrika, es wäre hell und einsam genug gewesen, aber er versuchte in den Schatten zu stellen, was in die Sonne gehört hätte. Und auch der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, der einmal ein Buch mit dem Titel “Flüchten oder Standhalten” geschrieben hat und gegen die Flucht und für das Standhalten optierte, hätte wohl abgeraten, das zu tun, was Rob tat.
De Kats reduktives Schreiben verändert auch das Lesen. Es bekommt filmische Intensität, man liest langsamer, obwohl einen der erzeugte Sog unerbittlich nach vorne drängt. Man spürt, dass der 1943 geborene Verleger (sein Verlag heißt “Uitgevereij Balans”) und Kritiker, der in Amsterdam lebt, auch Lyriker ist. Für dieses Buch hat er in den Niederlanden den Halewijn Literaturpreis bekommen.
Auch den Atombombenabwurf auf Nagasaki im Jahr 1945 erlebt der Held in unmittelbarer Nähe mit und holt sich dabei und bei Aufräumarbeiten in der Stadt wohl die Strahlenkrankheit, was aber nur angedeutet, nicht ausgeführt wird; auch eine Qualität. Einmal hat er eine Bar, nirgends hält es ihn lange, er lebt mit Frauen zusammen, die ihm etwas bedeuten, doch man verliert sich wieder, alles bleibt fremd und unverbindlich. Als Fremder, als eine Art moderner Ahasver, jagt er über die Welt, auf der Flucht vielleicht mehr als auf der Suche, auf der Flucht vor dem Eigensten, das ihn nicht loslassen wird. Schließlich muss er Lexika verkaufen, er ist krank, verliert Hoffnung und Zeitgefühl, er verlottert – als die Nachricht vom bevorstehenden Tod seiner Mutter eintrifft – der Vater ist längst gestorben -, plus Ticket, und er sieht: “ein Entkommen gab es nicht”. (S. 131) Die “unsichtbaren Fäden” hielten unverbrüchlich. (S. 132) Er ist 38 und stellt fest, dass er mit seinem Tod zu spät kommen würde. (Vgl. S. 131)
Was er auf dem Flug und bei der Ankunft denkt und was sich in Holland ereignet, auch dass er wieder nach Kapstadt zurückgeht: Einfach großartig gemacht. Otto de Kat ist ein Erzähler mit hervorragendem Gespür für Sprache und für Komposition. Er schreibt ein Buch, das von dem berichtet, was fehlt, und das deswegen voller Seele ist. Wieder einmal – und endlich – eines, das einen von neuem lehrt, was Lesen ist. Oder sein kann. Ein Roman über ein extremes Leben, mit hohem Tempo in einer Sprache von höchster, lyrischer Intensität.
Das Buch beginnt in medias res, es springt mitten ins Geschehen, an einer Schlüsselstelle, der Abreise, und es behält dieses rasante Tempo bei. Schon auf der ersten Seite heißt es, und unterstreicht die Isolation des Helden: “Wer weiß schon von einem anderen, was er denkt und begreift.” (S. 7) Zwei Welten schieben sich auseinander (vgl. S. 7) und der Held wird mit seinem impulsiven Charakter und seinem “Hunger nach dem Ungebahnten” vorgestellt. (S. 8 f.) Doch dass es ihm nicht eben gut anschlagen würde, weiß der Erzähler von Anfang an, wenn er bei der Ankunft in Johannesburg fragt: “Hörte er eine Falle zuschnappen?” (S. 10) Er hatte eine “Illusion von Abenteuer”, und die musste er vor sich selbst verteidigen, nennt sich pathetisch “soldier of fortune” (S. 17), doch wird ihn das Leben davon heilen und ihm einen anderen Begriff eingeben. Er lehnt sich auf, ist wütend – Kontakt mit der Gegenseite hat er durch seinen Freund Guus, der in seine Familie integriert war, der sich mit seinem Vater gut verstand, der in sich ruhte – und den er dafür bewunderte und dessen Vater er fast umarmte.

Wenn man etwas Wasser in den Wein kippen will, ließe sich folgendes anmerken:
-Albert Schweitzer und Minenarbeit in Südafrika und Birma-Eisenbahnbau und Nagasaki sind ein wenig viel auf einmal. Ist das noch wahrscheinlich?
Und wenn nicht: Warum macht es der Erzähler so? Will er auch darin auf Verdichtung hinarbeiten? Will er einen exemplarischen, gleichsam mythischen Helden der Zeit erschaffen? Rührt die existentielle Einsamkeit dieses Helden daher?
-Ob die Ablehnung eines Mädchens als wesentliche psychologische Motivation ausreicht – “eine Kälte, die nie mehr enden sollte” (S. 116)-, so ein Leben zu führen?
-Ist der nahezu allwissende, aber immerhin hin und wieder auch kritische Erzähler eine gute Wahl?
-Wird Otto de Kat auch etwas ganz anderes schreiben können? Denn sein erstes Buch, es gibt zwei von ihm in deutscher Übersetzung, scheint dem vorliegenden in mehrerlei Hinsicht sehr ähnlich zu sein. – Aber selbst wenn nicht, ist das kein Argument gegen dieses Buch.

9 Antworten to “Otto de Kat: “Sehnsucht nach Kapstadt””

  1. 1 ewu simpel
    Mai 26th, 2007 at 4:23 pm

    hallo!

    auch hier sind wir uns weitgehend einig.
    hab’ dank für den hinweis, autor und buch waren mir bisher unbekannt. eine trouveille.

    man kommt ja beim lesen kaum zum atemholen, so temporeich ist dieses erzählen, so lakonisch-knapp die sätze und so suggestiv-dicht die immer wieder dazwischengeschalteten bilder oder vergleiche und metaphern. ein erzählsog, so wie du ihn glänzend beschrieben hast. mir kam es so vor, als ob de kat eine formale und sprachliche entsprechung zu dem getrieben- und unterwegssein von rob herstellen wolle. perfekt greifen dessen ewiges nicht-ankommen und zugleich gebanntsein an die vergangenheit mit den parataktisch aufeinanderfolgenden, kurzen, verdichtenden sätzen und den assoziationsreichen und hochemotionalen bilderkaskaden ineinander. eine komplizierte, aber perfekt umgesetzte komposition aus ereignissen und erinnerungen, gegenwärtigem und vergangenem. und dies wird von von einem auktorialen erzähler präsentiert, der zwischen dem, was er erzählt, und dem, was er ausspart, eine schwebende balance zu halten und immer wieder neue spannungsbögen zu öffnen versteht. ein lesevergnügen der besonderen art, so als ob vor einem sich eine filmrolle abspult. auch dieses lesen ein flugerlebnis, wie schon bei petterson – doch durch welch unterschiedlichen erzählverfahren hervorgerufen: hier die lakonie eines summarischen, aus weiter distanz agierenden erzählens, dort ein kosmos kindlichen erlebens, vergegenwärtigt durch ein langsames, genaues, intensives, bisweilen pathetisches erzählen. und doch kann der leser mit beiden büchern gleichsam abheben: bei de kat schwebt er über dem geschehen und den figuren, bei petterson dagegen taucht er ein in die geschichte und ihre akteure.

    wie du siehst, stimmen wir überein in der einschätzung dieses kleinen großen romans. selbst die abstriche, die du am ende summarisch aufführst, kann ich unterschreiben. auch mir kam das konstrukt mit dem mädchen als der quelle seiner entwurzelung etwas zu dürftig vor. ein unbehagen ergriff mich auch an einigen stellen angesichts der eloquenz und sprachmacht des auktorialen erzählers, bisweilen ist mir der abstand zu den figuren zu groß, so daß sie mir nicht recht nah rücken wollten, oder die gewählten bilder rückten das geschehen in eine sphäre, die ihm nicht gerecht wurde. zu schön, um wahr zu sein, etwa die passage: “das lager, das an den ufern aufgeschlagen wurde, sollte in den kommenden monaten das spielkasino ihres lebens sein. die chance, es lebend zu verlassen, schätzten sie auf vierzig prozent. dreihundert mann unterwegs gestorben, dreihundert mann krnak. wie schnell würden die kranken sterben, und wann würden die übrigen krank werden? roulette war es. die croupiers harkten die einsätze zusammen.” (23-24)da ist mir das leiden zu weich gezeichnet, und davon gibt es noch andere stellen.

    das einzige, was mir bei dir zu wenig beachtung bekam, war die geschichte von guus, dem alter ego von rob. es ist doch im ganzen eine doppelbiographie: die geschichte zweier männer, die ihre lebensentwürfe in abhängigkeit von ihren vätern entwickeln. zum einen der “söldner des horizonts” und zum anderen der “equilibrist des bewährten”, der eine ziellos, der andere zielbewußt – und was sie verbindet ist, daß beide am ende scheitern: sowohl der, der standhält, guus, als auch der, der flieht, rob. und trotzdem ist es guus, der als leitbild für den leser übrigbleibt, und auch rob erkennt an einer zentralen stelle, daß die haltung, die ihm guus im lager vorlebte, die richtige ist: “so muß man leben” (144-145), wie er die szene resümiert, in der guus nach einem nackenschlag wieder seine position in der reihe einnimmt. das ist die vorbildliche entscheidungssicherheit, die aus einem inneren gleichgewicht resultiert, was von rob nie erreicht oder erlebt wurde, er bleibt bis zuletzt auf der flucht. trotzdem erleiden beide das gleiche schicksal: der zielbewußte wie auch der ziellose lebensentwurf scheitert am ende, beide sterben an den folgen des krieges. das gibt der geschichte eine noch größere wucht, wie ich finde. wie siehst du das? ist dir guus nicht so wichtig vorgekommen, da du dich fast ausschließlich auf die deutung von robs lebenslauf konzentriert hast? oder habe ich was überlesen?

    schöne grüße, uwe.

  2. 2 Helmut
    Mai 30th, 2007 at 8:38 pm

    Lieber Uwe,

    freut mich sehr, dass wir uns einig sind und dass es Dir gefällt!
    Es ist für mich immer die Frage: Was gibt man Preis von einem Buch, was sollte man, auch wenn man es gern erwähnen würde, verschweigen, damit der Leser selbst noch etwas entdecken kann.
    Selbstverständlich ist Guus wichtig. – Aber ich wollte die Besprechung nicht zu lang machen – und das wäre sie, noch länger jedenfalls, geworden, wenn ich mich noch mit Guus beschäftigt hätte. Ausserden hat der Leser so noch was zu entdecken – und etwas, sich selbst Gedanken zu machen.
    Allerdings ist die Geschichte ja mit dem Fokus auf Rob geschrieben und Guus taucht nur in Erzählungen über … auf. von daher fand ich es gerechfertigt, auch bei Rob zu bleiben.
    Guus als Leitbild?
    So hat er bei mir und meiner Lektüre nicht gewirkt.

    Selbstverständlich schreibt de Kat ganz anders als Petterson.

    Über den filmischen Eindruck könnte man noch etwas nachdenken.

    Etwas anders als Du sehe ich die Schilderung des Leidens im Lager, die Du zu schwach fandest. – Diese ins Extrem getriebene Lakonie arbeitet mit großem Abstand, sie arbeitet summarisch. Es ging ihm hier schlicht nicht um die Darstellúng des Leidens – er setzte, so wollte mir scheinen, die Kenntnis von dergleichen, wie ich finde zu Recht, voraus – und findet selbst in diesem Zusammenhang noch zu einem ironischen Ton. Dieser Ton mag für einen Abstand stehen, der das Überleben im Lager evtl. möglich gemacht hat. Da wird eine lakonische Summe gezogen.

    Wie atmet der Leser?

    Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    Mai 31st, 2007 at 2:29 pm

    lieber helmut!

    daß du nicht alles verraten willst, ist mir schon bei den anderen besprechungen aufgefallen. auch legst du ja nicht viel gewicht auf die inhaltswiedegabe oder die zusammenfassung des plot. du setzt, je nach buch verschiedene, andere schwerpunkte, und dies sehr zu recht. auch verfolgst du keine konzise deutung der erzählten geschichten, was ohnehin in der egel nicht zu leisten ist und auch nicht gegenstand einer besprechung sein muß.

    bei guus allerdings bin ich der meinung, daß er eine bedeutendere rolle im buch spielt, als deine besprechung vermuten läßt. die erzählperspektive ist an die hauptfigur angelehnt, und das ist rob. das ist richtig. aber insgesamt ist der roman eine doppelbiographie, man könnte sogar von biographien in schwarz und weiß, in dunkel und hell sprechen. die beiden lebensläufe sind eng verknüpft, stark aufeinander bezogen, und die rückblenden auf guss’ leben sind sehr bewußt gesetzt und stark erzählt. dort tauchen auch die intensiven und bilderträchtigen momentaufnahmen einer glücklichen kindheit und geglückten vater-sohn-beziehung auf, die mir als kontrastfolie zur vater- und kindheitserfahrung von rob sehr wichtig erscheinen.
    aber sei es wie es soll: du weißt sicherlich von der bedeutung dieser figur im romanganzen, und du hattest ja deine gründe, nicht näher darauf einzugehen.

    was das summarische erzählen betrifft: anfangs war ich regelrecht erbost darüber, aus welch großer ferne der auktoriale erzähler das schicksal seiner figuren berichtet, wieviel distanz er zwischen sich und ihnen bringt. ich fand sie bisweilen gar nicht recht anschaulich und konkret faßbar – bis ich das tempo annahm, mich einließ auf diese überschauperspektive und der rasanten folge von überaus gelungenen formulierungen und bilderkaskaden. auch konnte ich, je länger die leküre dauerte, den erzählstil und die -struktur mit der charakterlichen disposition des haupthelden rob korrespondieren sehen und fand es immer besser.
    beachtenswert finde ich, daß er bei der geschichte von guus noch andere stilmittel anwendet, nicht mehr nur die lakonie kurzer sätze und das raffende erzählen großer zeitblöcke, sondern auch prosaminiaturen, die augenblickserlebnisse (meist aus der kindheit von guus) sprachlich vergegenwärtigen, etwa die szene im jägerzimmer (91-92, 154-155) oder das bild vom jagenden vater (152-153). Dort rücken die figuren sehr nah an den leser heran und die sprache wird konkret und detailsatt, wohingegen der größte teil des buches in dem lakonischen, summarischen und distanzierten erzählstil gehalten ist, was ja auch seine qualität ausmacht. dieser unterschied, der vielleicht nur in nuancen besteht, ist mir aufgefallen und interessant fand ich, daß diese stellen in den rückblenden auf guus’ leben auftauchen.

    abschließend:
    ich mußte mich einlesen, das tempo an- und den rhythmus der sätze aufnehmen – als dies erreicht war, konnte ich die überschauartige distanz der erzählperspektive akzeptieren, wodurch mir allerdings – und das bis zuletzt – die figur merkwürdig ferngerückt vorkam. ich konnte mich ihr nicht empathisch nähern. der lesegenuß war folglich eher ein intellektueller und weniger ein emotioneller. was auch sein gutes hat. ich habe es sehr genossen – nach der eingewöhnung von einem dutzend seiten.

    ulu liest es gerade. ich werde sie fragen, was sie davon hält und es dich wissen lassen.

    grüße,
    uwe.

  4. 4 Helmut
    Juni 2nd, 2007 at 8:10 am

    Hallo,

    ja, es geht schon immer wieder auch darum:
    Wie bespreche ich ein Buch?
    Und diese Frage hat im Hintergrund: Welche Art von Besprechungen lese ich selbst gern oder würde ich selbst gern lesen.
    Bei mir ist es so, dass ich Rezensionen nicht mag – obwohl man ihnen andererseits zuweilen auch dankbar sein kann -, nach deren Lektüre ich das Buch nicht mehr lesen brauche oder keine Lust mehr dazu habe. – Etwa weil alles schon verraten scheint.
    Darum spare ich ganz gezielt ausführliche Inhaltsangaben oder Plot-Zusammenfassungen aus, versuche aber dennoch mitzuteilen waorum es geht oder was mir wichtig erscheint. – Es wäre manchmal sehr viel leichter, einfach Inhalte zu referieren. Besonders spannend aber vielleicht nicht.
    Vor allem:
    Was erzählt wird ist ganz sicher nicht unwichtig.
    Aber dominant für die Entscheidung, ob man ein gutes Buch vor sich hat oder nicht, dürfte doch der Umstand sein, Wie es erzählt ist bzw. was es bei mir auslöst.
    Und darüber berichte ich.
    Ich nehme ein Buch immer auch als Stimmgabel – und sehe, was für Töne es bei mir anschlägt.
    Denn eines der Ziele ist es ja, den Leser der Besprechung vielleicht auch als Leser eines Buches zu gewinnen, das ich gut finde. Das kann ich nicht, wenn ich ihm von vornherein die Spannung nehme.

    Trotzdem und andererseits:
    War Dein Kommentar eine Kritik dahingehend, dass Du gern mehr Inhaltsreferat hättest? Fehlt Dir das?
    Wenn ich etwa an de Kat denke: Wenn man dieses Buch ausführlich – und vor allem das Ende – in Kürze erzählt bekommen hätte – wäre da nicht viel kaputt gewesen und die Luft schon halb draussen?
    Ich finde ein Buch sollte auch nach der Lektüre einer Besprechung noch ein Geheimnis haben dürfen, man sollte noch Endtdeckungen machen können, Überraschungen erleben.
    Guus wäre so eine.
    Was Du schreibst ist richtig: Man kann ihn absolut stark machen – obwohl ich den Terminus “Doppelbiographie” hier nicht verwendet hätte – und Recht behalten. Für eine eingehende Interpretation wäre er zentral, ganz klar. In der Besprechung habe ich ihn aus gesagten Gründen fast vor der Tür gelassen.
    Teils entsprach das aber auch meinem Leseeindruck: Mir scheint er nicht ganz so zentral wie Dir.
    Sicher, er steht für ein Gegenbild, für eine andere Möglichkeit, stellt einen Reibungs- und Reflexionspunkt dar.
    Wichtiger als Guus selbst allerdings erschien mir der Schluss: Die Begegnung mit Guus´ Vater. – Denn Robs Vater war ja der Stein des Anstosses und zumindest mit ein Grund seiner ´Flucht´. – Dass er in der Lage war einen anderen Vater zu achten, auf gewisse Weise anzunehmen, ihm auf positive Weise zu begegnen und ihn – und das fand ich gut! – fast (!) zu umarmen, das erschien mir eindrücklicher als Guus. Und darauf lief die Bekanntschaft mit ihm ja hinaus.
    Ein wenig merkwürdig erschien mir dieses Kleben an ihm, nachdem er verschwunden war. – Es erinnerte mich an “Das goldene Ei” und die gleichfalls jahrelange Suche des zweiten Opfers dort.
    Über die gewesene Bekanntschaft oder Freundschaft zu Guus nähert sich Rob einer Vaterfigur an – und wohl so nah, wie es ihm möglich ist.
    Gut fand ich auch, keine drastischen Erklärungen für die
    Dissonanz zu seinem Vater aufzufahren, sondern sie allenfalls anzudeuten.

  5. 5 ewu simpel
    Juni 17th, 2007 at 1:17 pm

    hallo!

    nur noch ein kleiner nachtrag, denn über das buch herrscht bei uns ja einhelligkeit, im großen. und im kleinen sind die unterschiedlichen gewichtungen klar herausgestellt worden.

    deine frage, ob ich bei deinen besprechungen ausführlichere inhaltsangaben vermisse, will ich gerne beantworten.
    nein, vermißt habe ich sie nicht. bisweilen gehen mir die besprechungen zu schnell in medias res. aber man kommt trotzdem rein, je weiter man mit der lektüre deiner überlegungen kommt. du sagst selbst, daß du das “wie” des erzählens vor das “was” des erzählten stellst. das hat seine berechtigung. aber sicherlich ist das zusammenspiel von “wie” und “was”, von form und inhalt das entscheidende. ein gemeinplatz, auf dem du dich ja auch tummelst. du nennst die inhaltlichen schwerpunkte und kommst auf die darstellunsgweisen zu sprechen und wie sie mit der geschichte korrelieren, wie bei petterson etwa, oder eben nicht, wie im falle von tasic.

    an meinem eigenen kleinen beitrag zu krabbe kannst du allerdings erkennen, daß ich eine lesart vorgebe, mehr verrate und inhaltlich paraphrasiere. mir geht es um den roten faden, an dem meine lektüre sich vollzog oder eben nicht, um eine, wenn auch vorläufige und nur ansatzweise verwirklichte, erste interpretatorische deutung. wie habe ich die geschichte verstanden und was an ihr und ihrer darstellung hat mich dazu bewogen, sie so zu verstehen. aber das ist mein zugriff, der sich ja auch in den ausführlichen kommentaren immer wieder finden läßt. neben dem rückbezug auf die eigene lebenspraxis, der ja auch nie ausbleibt, bei büchern, die mich anrührten oder bestürzten. jeder wie er kann und muß.

    liebe grüße und
    weiter so!
    uwe.

  6. 6 Hauskauf
    Dezember 6th, 2007 at 9:16 pm

    Huhu, ich finde deinen Blog wirklich informativ und moechte nur sagen WOw. Einige Infos wuerde ich gerne genauer nachlesen. Falls du Quellenangaben ueber diesen Beitrag hast, waere es echt lieb von dir, mir Diese mitzuteilen.

  7. 7 Helmut
    Dezember 6th, 2007 at 10:59 pm

    Hallo – Hauskauf ?!?),

    danke, mache ich gerne – wenn ich genau weiß, um welche Informationen es geht, denn Quellenangaben nenne ich, wenn ich etwas benutze, der Rest ist von mir. –
    Tit mir leid, dass ich erstmal mit einer Gegenfrage antworten muss, schöne Grüße,

    H.

  8. 8 Australien-Fan
    Dezember 23rd, 2009 at 12:33 am

    Ich hab das Buch auch gelesen und war begeistert. Der Schreibstil des Autors ist wirklich fesselnd und man hat das Gefühl hautnah dabei zu sein. Alles ist wie aus Erinnerungen erzählt, sehr schön.

  9. 9 Helmut
    Dezember 25th, 2009 at 8:16 pm

    Danke für die Stellungnahme – ist immer schön eine, noch dazu positive, Rückmeldung zu bekommen!
    De Kat hat in der Tat einen eigentümlichen, sehr verknappenden Stil, der einem das Gefühl vermittelt, ein viel längeres Buch gelesen zu haben.