Jean-Claude Izzo: “Leben macht müde”
Juni 4th, 2007Jean-Claude Izzo: “Leben macht müde”, die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel “Vivre fatigue” in Paris, die deutschsprachige Ausgabe erschien am 25.07.2005 in Zürich und wurde von Ronald Voullié übertragen, 103 Seiten, 12,90 Euro
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Ein schmales Bändchen, groß gedruckt und mit Holzschnittillustrationen von Joelle Jolivet versehen, nicht viel Text. Enthalten sind sieben kurze Erzählungen, fast Minutennovellen. Auch sie wirken holzschnittartig, allerdings im weniger positiven Sinn, hart, grob gezimmert, teils schroff und unbedarft.
Hart an der Realität wird hier von ganz unten berichtet, fragmenthafte Milieuschilderungen von Arbeitlosen, von illegalen Einwanderern, von den Ausgemusterten und Rechtlosen und Überflüssigen der Gesellschaft . Der Schauplatz ist die Hafenstadt Marseille, Heimatort des Autors und der heimliche Held seiner Kriminalroman-Trilogie, durch die er bekannt geworden ist.
Man kann es sympathisch finden, dass Izzo sich mit diesen Geschichten zur Stimme der Schwachen und Gestrandeten der Gesellschaft macht, man kann es hoch berechtigt finden, dass sie Beachtung finden, man kann das für überaus lobenswert halten – aber ergibt das gute Literatur?
In diesem Fall, wenn man bereit ist, diese beiden Aspekte zu trennen, nicht.
Die Absicht ist gut, aber das ist alles zu eindeutig, zu gewollt, zu sehr auf ein Ziel hin geschrieben. Diese Geschichten wollen etwas und sie zeigen es. Es gibt keinen Spielraum, kein wirkliches Überraschungsmoment. Das ist gut gemeint aber als Literatur nur eingeschränkt wirkungsvoll, es kann plump wirken. Sie sind nicht unwahrscheinlich, diese Geschichten, sie könnten genau so passiert sein. Und vielleicht sind sie das, die Motti könnten so etwas andeuten. Trotzdem, sie wirken allzu lapidar, sind allzu eindeutig positioniert.
Ist das Literatur von unten? Für unten?
Aber Literatur ist es, keine Reportage oder ähnliches, bei allem Sozialrealismus. – Wobei man noch erörtern könnte, was ´Realismus´ in der Literatur überhaupt genau… aber das soll und muss in diesem Zusammenhang nicht sein.
Julius Meier-Graefe schrieb am 10.Mai 1894 an Eberhard von Bodenhausen:
“Heute produziert alles, jeder der mal geliebt, gehungert, genossen, gelitten hat schreibt und publiciert; die Leute verwechseln das Sympathische ihres Schicksals oder Persönlichkeit mit dem Künstlerischen, das damit gar nichts zu thun hat. Es liegt etwas Subalternes in dieser Auchdichterei; Herr Gott, Sie sind ein so durch und durch aristokratischer Mensch; halten Sie es einer Ambition würdig, gemeinsam mit all diesen Leuten II. Ranges Ihre Gefühle zu prostituieren. All diese Leute prostituieren sich, sie suchen durch ihre Leiden oder Freuden zu rühren, sie sind keine Künstler, sondern Menschen, die etwas erleben, das Leben allein thut´s nicht.”
Der Autor ist 1945 in Marseille geboren und im Januar 2000 an Lungenkrebs gestorben. Er war der Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Halbspanierin. 1987 ging er als Journalist nach Paris, später nach St. Malo. In Deutschland wurde er erst nach seinem Tod bekannt. Erst mit 50 Jahren hatte er seinen ersten Roman geschrieben, “Total Cheops”, der gleich zum Bestseller wurde.
Die Holzschnitte von Joelle Jolivet passen gut zum Dargestellten, sie sind graphisch gedacht, mit harten Kontrasten und interessanten Licht-Effekten, insgesamt ein hübsch gemachtes Halbleinen-Bändchen.
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