Gerhard Meier: “Die Ballade vom Schneien”

Juni 20th, 2007

Gerhard Meier: “Die Ballade vom Schneien”, Roman, Frankfurt/ Main 1988, zuerst Bern 1985, 108 Seiten, zwischen ca. 8 und 50 Euro

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barninsnow“Gehirnwälder” ist ein Wort, das in “Die Ballade vom Schneien”, einem Teil der Amrainer Tetralogie, mehrmals vorkommt.
Es bezeichnet gut, wovon Gerhard Meier schreibt. Er hält mit seinem als Dialog inszenierten Schreiben Bewusstseinszustände fest. Dieses Bewusstsein ist nicht so klar sortiert, wie es sich der abschneidende Normalverstand zuzurichten neigt. Vielmehr stellt es einen changierenden Teppich dar, der die Zeitebenen assoziativ mischt; Gegenwart und Erinnerung sind verbunden, ebenso Kunst- und Wirklichkeitserfahrung.
Dieses Schreiben braucht keinen besondern Anlaß, es ist nicht an der Konstruktion oder gar am Durchziehen eines Plots interessiert.
Es ist ein nachspürendes und nachdenkliches Schreiben, mit leiser Stimme, unprätentiös.
Der gewöhnliche Vorgang in unserem Bewusstsein ist ihm Schreibanlaß genug. Trotzdem ist es ein geordnetes Schreiben, das nicht einen wuchernden inneren Monolog abzubilden versucht – der wohl ohnehin nur wieder reines Kunstprodukt wäre.
Woran erinnert man sich, welche Eindrücke bleiben, am Ende eines Lebens?
Und wozu sind sie gut, diese Erinnerungen, in denen Lebenssituationen gleichberechtigt mit Gelesenem etwa rangiert? Und was wären sie ohne einen solchen (imaginären?!) Freund?

Die Situation in diesem Buch wird nicht vorgestellt, sie wird im Vorbeigehen explizit gemacht. Die Gegenwart ist eigentümlich vage – sie tritt zurück hinter den Erinnerungsstrom und diesen undialogisch wirkenden Dialog. Das ergibt ein indirektes Porträt des Erinnernden. Fragmente seines Lebens als vielleicht noch immer oder erst jetzt wärmendes Schlaglicht seines Bewusstseins werden genannt. Was fasziniert einen Menschen, was hat er getan, wohin ist er gereist, was hat er gelesen, welche Musik gehört? Und was bleibt am Ende?
Eine drastische Antwort darauf gibt S. 79: “Dort hat sich, wie gesagt, Philip mit einer Tochter aus Amrain geliebt, in einem Wagen der Lokalbahn eben, abgestellt unter Kastanienbäumen, während die Blätter der Kastanien das Licht der Kandelaber gleichsam in Bewegung gehalten, Lichtreflexe die Brüste des Mädchens zeitweilig liebkost hätten, Brüste, die vermodert sind, mittlerweile auf dem Friedhof zu Amrain, wie gesagt, wo´s heute das Grab der Einsamen gibt, markiert durch ein eichenes Bildwerk.”

Gerhard Meier ist Provinzler aus Überzeugung und wohl im besten Sinn, dem Aufmerksamkeit für die Seitenstraßen nachgesagt wird.
Am 20.06.1917 ist er geboren. “Amrain” ist sein Wohnort Niederbipp im Kanton Bern.
Mit über 50 Jahren begann er erst zu schreiben.
Das “Du”-Heft vom Januar 1990 war ihm gewidmet.
Peter Handke teilte 1979 den Kafka-Preis mit ihm.
Peter Hamm nannte ihn den bekanntesten Unbekannten der deutschsprachigen Literatur.
Werner Morlang hat mit ihm lange Gespräche geführt, die erweiterte Neausgabe erschien im Mai dieses Jahres: “Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche”.

Ein stilles kleines Buch.
Einen starken Sog entwickelt es nicht.
Erinnerungen, durchflochten mit Kunsterlebnissen in einer verschwimmenden Gegenwart.
Welche Eindrücke sterben unwiederbringlich mit einem Menschen?
Was wird da erzählt?
Erinnerungsbilder mit Ewigkeitswert?
Könnten es auch andere sein?
Im erzählenden Weitergeben werden sie verlängert. Warum? Was ist das Besondere an ihnen? Was zeichnet diese Momente aus? Vielleicht nur, dass sie ein Leben waren?
Handelt es sich vielleicht um Momente, die im Augenblick, da sie erlebt wurden, gar nicht als besonders ausgezeichnete erfahren wurden?
Geht es hier um Glück, um Einheitserfahrung? War da vielleicht etwas, das, ohne dass man sich dessen bewusst war, später selten oder nie mehr kam? Und teilt sich das mit, ist das nicht zu individuell?

Es gibt sehr schöne, anregende Kunst- und Literaturbetrachtungen über Robert Walser, Marcel Proust und andere, die ganz selbstverständlich auf gleicher Höhe wie gelebtes Leben in den Text einfließen.
Es gibt Schweizer Sonderworte (?!): Ennet (S. 66), “Frassee” (S. 79).
Es gibt wohl auch einen Druckfehler oder sollte es tatsächlich “das pestversuchte Venedig” und nicht das ´pestverseuchte´ heißen? (S. 72)
Es gibt schöne Formulierungen: “und überließ sich dem Licht” (S. 74), “an der Westwand seiner Seele” (S. 82).
Aber es gibt auch gespreizte Formulierungen: “dabei gewahrend” (S. 69), “Vasen werden hergestellt, Früchteschalen, Weingläser, Karaffen und Kristalleuchter kunstgewerblicher Art, auch Souvenirs, die in Japan, Amerika, Germanien auf Kommoden zu stehen kommen und einen Klang aufweisen, den anzuschlagen ich das Vergnügen hatte auf dem Klavier der Wirtstochter vom Pfauen.” (S. 70)

Das Licht ist wichtig in diesem Buch, ihm wird Aufmerksamkeit gewidmet, ob es das Winterlicht einer Reise ist (S. 66 f.) oder jemand sich wie schon erwähnt dem Licht überlässt (S. 74) oder wenn es heißt: “Ich dachte an den Rundgang in Olten, wo Baur gesagt hatte, es sei vermutlich so, daß Gott letztlich nicht die Liebe ist, sondern das Licht. Die Liebe zeitige neues Leben. Die Liebe sei ein Brand mit viel Licht darum herum. Auch im Tod sei viel Licht mit dabei. Das vom Tod und dem Licht sei verbürgt.
Und ich sah über dem Jura die offene Stelle im Gewölk, die eine Tiefe freigegeben hatte, eine lichterfüllte, wie man sie antreffen kann auf Bildern Caspar David Friedrichs.
Das Licht spiele also eine immense Rolle, auch jenes, das den Bränden der Lenden entspringe, (…).” (. S. 97)

Zärtliches Festhalten von Qualitativem, von Atmosphärischem, steht, nur kurz erwähnt, dem statistischen Schrecken, der Entwertung oder Entseelung durch die nichts aussagende Quantität gegenüber: “Zweieinhalbmillionenmal pumpe das Herz, wiederholte ich mir. Es pumpe jeden Tag zwölftausend Liter, dreihundertzwanzig Millionen während des Lebens, was achttausend Tanklastwagen füllte.” (S. 105) Die allgegenwärtige Vergötzerei des Objektiven wird hier in ihrer naiven, ja kindischen Unbeholfenheit und Fremdheit dem Phänomen gegenüber dargestellt und im Text sofort konterkariert, wenn es heißt: “Und dabei fliege der Monarch immer wieder in den Norden der Vereinigten Staaten und nach Kanada, von wo seine Nachkommen im Herbst jeweils nach Mexiko zurückkehrten, so daß sie am Fest zugegen seien, an jenem für die Toten, wo die Herzen höher schlügen.” (S. 105)
Vermutlich ist das Proust-Referat auf S. 84 f. durchaus in eigener Sache angeführt:
Eine Ansicht, die sich “von den gewohnten unterscheide, eigenartig und neu, aber dennoch wahr…”. (S. 84)

Ein Buch mit Kopfreisen durch die Gehirnwälder des Alltags; ein ´Buch über nichts´, wie es bei Flaubert heißt, als schönes Buch.
Ich bekam es geschenkt, es war das erste, das ich von Gerhard Meier las, wohl nicht das letzte.

Eine Antwort to “Gerhard Meier: “Die Ballade vom Schneien””

  1. 1 Helmut
    Juni 27th, 2007 at 8:25 am

    Unter dem Titel “Umweg, Dienstweg, Abweg” gratulierte die “Zeit” vom 21.06.2007 auf S. 58 Gerhard Meier zum 90. Geburtstag.
    Von seinem monologischen Erzählen wird berichtet und Meier selbst zitiert:
    “Zur Funktion der Kunst wäre vielleicht zu sagen: Kunst könne einen nicht einfacher und somit nicht tüchtiger machen. Kunst könne einen höchstens für Augenblicke glücklich und vor allem menschlicher machen, was aber keine Kleinigkeit sei, denn das Gegenteil von menschlcih sei ja eben unmenschlich. Wobei es sich erübrige, näher einzugehen auf die Unmenschlichkeit.”
    Jean Paul hatte bezüglich der Kunst – in seinem Fall: der Bücher – bereits ähnlich geurteilt.
    Recht hübsch ist der hergestellte Konnex zwischen Einfachheit und Tüchtigkeit. – Ob da die Tüchtigen (wer/ wo sind sie?) ohne weiteres zuzustimmen bereit wären?
    ´Menschlich´ allerdings halte ich für einen schwierigen, belasteten Begriff. – Muss man ihn notwendig positiv besetzen, wie es hier gemeint ist? Insofern wäre es doch gerade nötig, näher darauf einzugehen.