Roberto Bolano: “Der unerträgliche Gaucho”
Juni 20th, 2007Roberto Bolano: “Der unerträgliche Gaucho”, aus dem Spanischen von Hanna Grzimek und Peter Kultzen, München 2006, die Originalausgabe erschien unter dem Titel “El gaucho insufrible” 2003 in Barcelona, 190 Seiten, 16,90 Euro
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Ein Kafka-Motto – aha, aber nein, mich hat dieses Buch nicht besonders beeindruckt.
So-what-Geschichten ohne Pointe. Das soll so sein, natürlich, wie im richtigen, absurden Leben vermutlich. Einzelne Szenen, ein paar Bilder, ja, aber ein großer Lesespaß war es insgesamt nicht. Mir wurde nicht klar, warum Bolano in letzter Zeit so hoch gelobt wurde.
Kann es mit seiner Biographie zu tun haben?
Der 1953 in Santiago de Chile geborene Autor, der zeitweise in Mexiko lebte, seit 1976 aber im spanischen Exil, starb bereits im Jahr 2004.
Am interessantesten für mich war das Kapitel “Literatur + Krankheit = Krankheit”.
Darin gibt es mehrere kurze Texte, deren Titel nach dem Motto “Krankheit + …” gestrickt sind, unter anderem “Krankheit und Kafka”, darin liest man: “Ich nehme an, ich will sagen, dass Kafka begriff, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgend etwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das was immer schon da war.” (S. 168)
Das ist mir etwas zu grob mystifiziert, zu einfach, zu aufgesetzt geheimnisvoll.
Es ist ja schon mutig, sich erklärtermaßen Kafka zu nähern und sich so gewissermaßen mit ihm zu vergleichen. Aber wenn das was man schreibt, dann nicht überzeugt…
Willkür und ein paar eingestreute Widersprüche, Merkwürdigkeiten oder Unlogisches genügen nicht, um Niveau oder Spannung oder auch nur eine Absurdität zu erzeugen, die es erlaubte, sich mit Franz Kafka zu vergleichen. Außerdem wirkt es etwas bemüht und angestrengt.
Und wenn man in “Krankheit und Tests” als Resümee des Textes liest, dass es gilt “tagaus, tagein die Würfel neu zu werfen” (S. 167), dann ist das sicher richtig, aber eine Einsicht auf dem Niveau von landläufigen Lebenshilfe-Ratgebern. Große Literatur darf man sich denn doch anders vorstellen.
Und auch in “Krankheit und Dichtung” – ein wie ich finde im Grunde hoch spannendes Thema, aus dem man viel, aus dem man eine Menge machen könnte, es würden einem gleich mehrere dicke Bücher einfallen, die da zu schreiben wären – wird, ähnlich wie in “Krankheit und Kafka” im halb mystischen verschraubt, was so wenig aussagekräftig ist und ein wenig plump wirkt und außerdem inhaltlich fast eine Wiederholung darstellt, auf kleinstem Raum: “Doch während wir nach dem Gegengift suchen, einem Heilmittel, dem Neuen, das sich nur im Unbekannten auffinden lässt, müssen wir weiter das Reich der Sexualität, der Bücher und Reisen durchqueren, auch wenn uns klar ist, dass sie uns in den Abgrund führen, zufällig der einzige Ort, wo sich das Gegengift finden lässt.” (S. 165)
Wie tiefschürfend.
Bolano schreibt nicht schlecht, das nicht. Man kann dieses Buch lesen. Man muss sich nicht darüber ärgern. Aber es bleibt blass, hinterlässt wenig Eindruck. Am meisten vielleicht noch der Rattenpolizist, der aber auch wieder nicht ohne Kafka-Reminiszenz auskommt und teils erzählerisch nicht überzeugt. Es ist mehr der Umstand, der diesen Text auffällig macht, dass er aus der Perspektive einer Ratte erzählt ist, was vielleicht an sich schon wenig Chance hat, gut auszufallen.
Für mich, angesichts der hymnischen Besprechungen seiner Bücher in der Presse, eine enttäuschende Begegnung, die wenig Lust auf mehr geweckt hat.
Joseph Hanimann fand sich in der Süddeutschen vom 4.12.2006 tatsächlich an Kafka erinnert. Für mich unverständlich. Vor die Wahl gestellt würde ich immer zu Kafka selbst greifen. Hanimann sah Grauen wo ich eher Langeweile hatte. Uwe Stolzmann lobte in der NZZ mit diesem Buch einen typischen Bolano in Bestform. Schätze, dann brauche ich zu den anderen Büchern des Autors nicht zu greifen. In der FAZ sah Kersten Knipp ein Spiel an den Rändern des Wahns – für mich nicht nachvollziehbar, das stelle ich mir anders vor. Und Katharina Döbler meinte in der “Zeit” vom 22.03.2207 gar, sich, nein, nicht an Kafka, sondern an Borges erinnert fühlen zu müssen. Nun ja.
Ich fragte mich bei der Lektüre des unerträglichen Gaucho warum mir das erzählt wird und was mir das soll. Es hat mich nicht erreicht, ich fand es eher dröge und bemüht und recht willkürlich und, ja, teils auch etwas albern und an den Haaren herbeigezogen: Killerkaninchen, meine Güte. Weit weg von dem Verlangen nach Authentizität, das Kersten Knipp am Werk sah.
Juni 21st, 2007 at 12:07 pm
Roland Barthes hat in seinem kurzen Tagebuch eine Beobachtung festgehalten, die ich hier paraphrasieren möchte: “Und wenn die Modernen im Irrtum wären? Wenn sie gar kein Talent besäßen?”
Ich münze diese Polemik mal auf unsere, nicht Barthes’ Gegenwart (in der ja immerhin Leute wie Perec oder Queneau schrieben), und stelle mit Zufriedenheit fest, dass sich auch andere Leser nicht von dem Hype um die angeblich so grandiose Gegenwartsliteratur anstecken lassen.
Die vorliegende Rezension zeigt mir sehr schön, dass man ruhig seinem eigenen Geschmacksurteil vertrauen darf, ohne sich durch hymnische Feuilleton-Besprechungen auf zustimmenden Beifall eintrimmen zu lassen. So viel gute Literatur, wie die Zeitungen und Berufsleser (wir kennen einen) immer suggerieren wollen, kann es doch gar nicht geben! Natürlich gibt es auch die gute Gegenwartsliteratur, aber nicht jedes zweite Buch zählt dazu. Erfrischend, wenn jemand den Mut hat zu sagen, das taugt nix.
Für mich als Fazit: Zeit aufparen für die Lektüre wirklich guter Literatur. Warum nicht wieder einmal einen Autor von echtem Talent lesen – Kafka zum Beispiel?
Juni 26th, 2007 at 5:38 am
Kafka, ja, in jedem Fall! Etwa die Tagebücher.
Aber ich hätte gar nicht vermutet, dass man die Gegenwartsliteratur in Bausch und Bogen als so grandios einstufen würde.
Einerseits.
Andererseits kann es schon sein, dass einem der eigenen Zeit gegenüber der Blick etwas verstellt, und es schwer zu sagen ist, was von der Gegenwartsliteratur denn vielleicht übrig bleiben wird, in zehn, zwanzig, dreißig, hundert Jahren.
Es könnte aber auch ein Problem der Literaturkritik ansprechen: Wird zu viel gelobt, zu wenig verrissen?
Wann hat man den letzten, mit Verve geschriebenen Verriss gelesen? (Ich diese Woche, aber er handelte nicht von einem Buch, sondern von Frau Christiansens Talk-Sendung, die sie nun beendet)
Doch muss man auch nciht nach Verrissen geiern – es ist ja humaner, den Autoren ihre Chance und ihr Gesicht zu lassen.
Es ist noch etwas in Deinem Kommentar enthalten: Der Zeit-Faktor, der in unserer hektischen, stets zunehmend beschleunigten Zeit stets an Bedeutung zu gewinnen scheint. In der Zeit, in der ich ein mittelmäßiges oder schlechtes oder immerhin doch für mich uninteressantes Buch lese, kann ch kein gutes Buch lesen. – Und die Zeit ist begrenzt. Es wäre also naheliegend, dass man sich ein wenig Zeit nimmt um sich darüber zu orientieren, was etwas für mich sein könnte, um mehr Zeit und vielleicht Ärger und Geld zu sparen, indem ich nicht zum Falschen greife. Einen klitzekleinen Beitrag dazu möchte ja dieser Blog leisten – schön, wenn es bemerkt wird.
Damit muss der Stab über Bolano nicht ein für alle Mal und nicht für jedrmann gebrochen sein.
Juni 26th, 2007 at 10:15 am
Lieber Helmut,
gerade an die Tagebücher Kafkas hatte ich auch gedacht, aber man kann so starken Tobak auch nicht immer vertragen. Für mich ein zentraler Punkt beim Lesen: wann welche Lektüre?
Nach der Rezension Deines Buches von Meier bekam ich z.B. Lust, den mittleren Teil der Trilogie zu lesen, den ich “zufällig” habe. Ich kam am Sonntag nur auf knapp zwei Seiten. Irgendwie fand ich keinen Zugang zu dem Buch, ärgerte mich über zwei Formulierungen, hatte wohl auch zu wenig Geduld, schweifte mit den Gedanken ab. Vieleicht finde ich nochmal den richtigen Zeitpunkt…
Deine Frage “Wird zuviel gelobt?” möchte ich zögernd mit ja beantworten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Rezensenten schon dankbar sind, wenn Tiefe in einem Text zumindest suggeriert wird (bei Deiner Besprechung fiel auf, dass offenbar die Tiefe künstlich erzeugt ist, ohne von einem hinreichenden Erfahrungsgrund getragen zu sein). Verrisse liest man schon gelegentlich, aber nach meinem Geschmack könnten es wohl mehr sein – und damit sind wir an einem schwierigen Punkt: welches Buch für wen? Ich stimme zu, dass man sich orientieren muss, ruhig auch mal auf Autoren einlassen sollte, von denen man zunächst nichts erwartet. Der eine verlässt sich auf die Bestsellerlisten, der andere jagt dem Geheimtipp hinterher.
An einer gut gemachten Besprechung kann man als Leser schon sehen, ob das beschriebene Buch den eigenen Geschmack treffen könnte. Bei vielen Rezensionen auf dieser Seite geht es mir durchaus so (das mal als Lob), übrigens nicht nur bei Verrissen, oft merke ich auch bei gelobten Büchern: das ist nix für mich.
Die Fragen, warum etwas “für einen” ist und warum man überhaupt liest, gehören vielleicht in die gut verschlossene Büchse der Pandora. Aber ob man nicht gelegentlich den Deckel lüften sollte?
Juni 27th, 2007 at 8:37 am
Lieber Michael,
Kafka ´starken Tobak´ zu nennen bedürfte vielleicht der Erläuterung wie das gemeint ist. Denn mir scheint, dass er ein zu Unrecht düsteres, schwieriges Image hat. Er kann auch ganz leicht und sogar komisch sein. Vor allem aber sind etwas seine Tagebücher Sensibilisierungsmaschinen. Welch feine Wahrnehmung!
Bei ´starkem Tobak´ kann man an anderes denken.
Das Meier-Buch mit dem Du es versucht hast, habe und kenne ich nicht – aber natürlich spielt der Zeitpunkt eine Rolle. Der Zeitpunkt, das heißt ja: Die eigene Gemütslage, die momentane Situation, die derzeitigen Gedanken und Bedürfnisse.
Der Frage nachzugehen, was etwas für einen ist, auch wie man es findet, finde ich durchaus beherzigenswert. Aber man begibt sich damit auf spekulatives Gebiet, auch auf fast gefährliches, womöglich. Vorausgesetzt man hätte den Mut und die Kraft zur Analyse.
Und dann hat es ja schon manchmal fast etwas magisches.
Zumindest ein Stück weit sind Bücher Spiegel. Wir suchen etwas in ihnen. Zum Beispiel Antworten auf Fragen, die uns gerade beschäftigen. Es gibt sicher diverse Lese-Motivationen, eine mag sein, dass man Auskunft über sich selbst sucht und, pathetisch und etwas überzogen gesagt, so etwas wie Erlösung.
Juni 27th, 2007 at 5:25 pm
Lieber Helmut,
natürlich ist es relativ, was mit “starker Tobak” gemeint sein könnte. Überlebensschilderungen von ehemaligen KZ-Häftlingen sind sicher der stärkere Tobak, wenn man darunter die Unvorstellbarkeiten zählt, zu denen der Mensch anderen Menschen gegenüber fähig ist.
Auf Kafka bezogen, meinte ich, neben der Schilderung düsterer Stimmungslagen, vor allem die Konzentriertheit der Beobachtungen und eingefangenen Momente – die sind natürlich auch nicht immer ohne Humor, zugegeben, aber ich kann Kafkas Tagebücher nicht einfach runterlesen, kann es oft nur in kleinen Dosierungen und manchmal mit großen Zeitabständen dazwischen lesen. Wenn ich z.B. lese, wie Kafka beschreibt, er liege auf dem Sofa und überlege, ob er zum Fenster laufen und sich runterstürzen solle, dann kann ich an der Stelle nicht einfach zum nächsten Eintrag wechseln.
Zu Deiner Spiegel-Metapher: in Texten von fremder Hand etwas über sich selbst erfahren, mag – neben dem viel banaleren Motiv des Zeitvertreibs und Genusses – ein gewichtiger Grund sein, warum man liest. “Erlösung suchen” ist mir aber zu pathetisch, zumindest ich suche so etwas nicht bei der Lektüre. Meint diese Erlösung vielleicht den Dispens von den Zumutungen der banalen Alltagswelt? Dann könnte ich wohl eher zustimmen. Auf jeden Fall führt der von Dir genannte Aspekt wieder zur Frage der Stimmung und des Zeitpunkts – der eher ein Zeitpunkt innerhalb eines Lebensabschnitts, nicht eines Tagesabschnitts ist.
Am Ende Deines Kommentars klingt das Motiv des magischen Spiegels an, der einen anzieht und in eine andere Welt führt – finde ich sehr schön!
Juni 28th, 2007 at 5:13 am
Lieber Michael,
es ist sicher richtig, dass Kafka kaum eine Literatur darstellt, die man ´fressen´ kann oder mag, das geht mir auch so.
Mir fällt auf, das kann anderen auch so gehen, dass ich Kafka dunkler besetzt abspeichere als er ist. Das kann etwas Unterschwelliges sein, etwas das sich unter der Textebene mitteilt.
Wenn Du mit dem Tobak die Konzentriertheit meintest, bin ich vollkommen einverstanden. Die ist da, unbedingt, in einem Maß, dass es fast schon wehtut, aber eben darum sind seine Texte ja (u.a.) eine Wahrnehmungsschule.
Zu der Stelle, die Du anführst: Also nicht Rilkes ´Du sollst Dein Leben ändern´, sondern ´Du sollst Dein Leben beenden´? Das ist natürlich eine drastische Position, da kann und darf man auch mal in´s Nachdenken geraten. Das spart Geld: Dann muss man nicht gleich wieder ein neues Buch kaufen.
Trotz und, ja, auch mit und durch solche Stellen ist die Literatur, und die Kunst allgemein, dazu angetan, die bessere Welt im Vergleich zur richtigen zu sein. Eben u.a. weil sie konzentrierter ist, genauer, subtiler, weil es mehr und wirkliche Aufmerksamkeit darin gibt und dadurch alles wenigstens ein wenig gerechter wirkt. Denn diesen Hunger nach einer gerechteren, bedeutungsvolleren Welt bringt der Leser wohl mit. Und, ja, das hattest Du richtig gesehen, genau diese ´Erlösung´ – ich hatte ja gleich angefügt, dass das eine überzogene Formulierung mit dem Vorzug der Deutlichkeit ist – hatte ich gemeint. Zeitvertreib und Genuss, ja, aber das ginge auch anders: Man kann auch Tischfußball spielen, Daumen drehen, Spazieren gehen, Eis essen… Warum also Bücher?
Kleine Fluchten, der kurze Absens in der Anderswelt.
Was man sagen kann ist, dass einen nicht jedes – auch nicht jedes gute – Buch jederzeit erreicht. Ob das an der Tages- oder der Lebensphase oder einer sonstigen liegt, scheint mir müßig. Interessant ist das Phänomen, dass man aus der Masse der verfügbaren Bücher oft das herausfindet das im Augenblick das genau richtige ist (oder eines der möglichen richtigen), als fände eine Art merkwürdiger Kommunikation statt. Dann liest man wirklich, in emphatischem Sinn. Man fühlt sich in Beziehung gesetzt, erhoben, mitgenommen. Es kann ein Stück Glück sein.
Wie finden die Finger das Buch, wenn man in eine Buchhandlung geht in der Tausende andere stehen? Wäre interessant zu wissen, ob das schon mal ernsthaft untersucht oder wenigstens thematisiert wurde.
Juli 3rd, 2007 at 11:48 am
hallo ihr beiden!
zu bolano kann ich nichts schreiben. nicht gelesen.
eure diskussion, die ja von ihm weg führte, habe ich verfolgt. das letzte thema interessiert auch mich: buch sucht leser und vice verso.
gabriel zaid, so viel bücher, s. 113-132, meint:
bücher brauchen vermittlung, und vermittler stellen sinnvolle ordnungen her und erleichtern den dialog zwischen autor und leser. eine binsenwahrheit, wie ihr mir sicherlich zustimmen werdet. und doch trifft sie zu: wer bräuchte nicht einen führer durch und über die bücherberge. man kann auch stöbern und trouveillen entdecken. aber ein filter, eine vorauswahl, so subjektiv sie auch sein mag, ist allemal hilfreich und spart zeit, womöglich kostbare lebens-lesezeit. also, lieber helmut, weiter so, und auch so in der art wie bisher.
letztlich wird man jedoch, denke ich, immer auf seine eigene lesemotivation zurückverwiesen: warum und zu welchem ende lese ICH? diese frage kann bei jedem buch neu gestellt und auch neu und anders beantwortet werden.
es hat etwas von magie, wenn ein autor SEINEN leser findet. es scheint dann, als ob sich die rollen verkehrten: nicht ich lese das buch, sondern es mich. so ist es mir mit tamminen ergangen, jüngst. sätze, mit denen ich mir auf die schliche kam. oder ist das eine selbsttäuschung mehr, nachträgliche rechtfertigung eines letztlich müßigen unternehmens?
grüße, uwe.
Juli 3rd, 2007 at 5:03 pm
Lieber Uwe,
zunächst danke für die Blumen, natürlich freut´s.
Gabriel Zaid hattest Du mir ja seinerzeit WÄRMSTENS empfohlen und ich hatte ihn mir auch gekauft, seitdem steht er, ein wenig verloren und vorwurfsvoll, angelesen im Regal. Mir gefiel der Ton nicht und ich spürte ich hatte keine Lust dazu. Anderes drängte nach vorne, war spannender. Trotzdem: Aufgeschoben ist auch in diesem Fall nicht aufgehoben. Kann sein, dass ich ihn mir mal vornehme, aber dann muss er sich auf Kritik gefasst machen.
Spannend, wenn man sich ernsthaft darauf einließe, wäre in der Tat die Frage: “Warum lese ICH?” – die ich ergänzen würde um die Frage: “Warum lese ich gerade DAS?”
Das könnte womöglich zu einer netten Analyse führen. – Oder kann man so ehrlich gar nicht sein zu sich selbst?
Wie findet ein Autor seinen Leser – ist das identisch mit: Wie findet der Leser das Buch?
Da schließt sich die Frage an, wie wir das Lesen beschreiben.
Man kann es als müßig betrachten – und wird gute Gründe dafür finden. Man kann es als aktiv und kreativ beschreiben – ebenfalls mit guten Gründen.
Als höchst nutzlos und als lebensnotwendig.
Etc.
Juli 3rd, 2007 at 5:12 pm
By the way und weil es mir in letzter Zeit öfter Mal auffiel, Du benutzt es hin und wieder: “Trouvaillen” schreibt man es.
Beckmesserische Grüße,
Helmut
Juli 3rd, 2007 at 7:46 pm
hab’ dank für die korrektur.
aber damit solltest du erst gar nicht in meinen mail-kommentaren anfangen. ich halte mich dort an fast keine regeln oder zumindest nicht immer an dieselben. ich schreibe ins unreine, und nur selten redigiere ich den text noch einmal. da schleichen sich fehler ein. am besten: über-lesen.
übers lesen hatten wir schon oft geschrieben. ich wollte das faß auch gar nicht nochmal aufmachen. es reicht, wenn immer mal wieder anläßlich einer besprechung die frage aufkommt und darüber weiter nachgedacht wird. für eine eingehende und ernsthafte analyse der eigenen lesemotivation ist das hier nicht der ort. das siehst du ja auch so. du fragst nur immer so suggestiv, und schon kommen einem gedanken dazu, die man dann freimütig und ungeschützt äußert.
grüße an den mann mit der goldwaage,
uwe.
Juli 4th, 2007 at 10:24 am
Lieber Uwe,
ich könnte mir schon vorstellen, dass wir – hier oder in anderem Rahmen (was man äußert, liegt ja bei einem selbst) – der Frage nach dem Lesen mal in einer etwas konsequenteren Form nachgeht. Offenbar interessiert und beschäftigt es uns ja. Und ich könnte mir schon vorstellen, dass wir da was interessantes zusammenbringen, als …-Leser.
Ich fände es ein interessantes Projekt. Man könnte dem einen eigenen Raum geben und dann sammeln, es mit der Zeit wachsen lassen und auch aufeinander eingehen. Ich wäre bereit dazu.
Man könnte dem etwa auf der Sur-Seite ein Plätzchen geben und dann das work in progress mal laufen lassen und sehen was passiert. Fände ich nicht schlecht – und vielleicht beteiligten sich auch noch andere.
Man könnte auch verschiedene Sparten einrichten: Zitate zum Thema etwa; Eigenes;…
Natürlich gibt es hin und wieder Fehler, ist ja auch kein Problem, nur kam das Wort Trouvaille in letzter Zeit mehrfach vor und es war jedesmal gleich geschrieben, ich dachte ich merk´s mal an.
Juli 5th, 2007 at 9:12 pm
Liebe Mitstreiter!
Das Thema “Lesen” als Work-in- Progress-Kommentar mit eigener Rubrik einzurichten klingt nicht verkehrt. Kann aber natürlich sein, dass niemand mehr so “ins Blaue” hinein formulieren mag und es daher zum Stillstand kommt. Aber versuchen sollte man’s ruhig, vielleicht springen auch andere Leser noch auf den rollenden Zug.
Die Frage “Wie findet der Autor seinen Leser” ist tatsächlich ein neues Fass, das hier reingerollt wird. Aber man könnte die Frage vielleicht auch mit Uwes Beobachtung, dass das Buch gelegentlich den Leser liest, ihm etwas in seiner eigenen Innenwelt auf- und erschließt, verbinden. Manch Autor mag wohl schreiben, um über sich Klarheit zu erlangen – für die Gattungen Tagebuch oder Autobiographie gilt das sicher. Der erste und idealerweise einzige Leser solcher Textgattungen wäre also der Autor selbst. Dennoch gibt es das uns allen wohl bekannte Phänomen, dass gerade Autobiographisches oftmals etwas in uns auslöst, was mit uns und nicht mit dem Autor zu tun hat und uns anbelangt. Lesen als partielle Therapie (so wie ja auch das Schreiben von vielen Autoren therapeutisch empfunden wird)?
Juli 6th, 2007 at 9:49 am
lieber h.,
ja,
auch ich wäre zu so einer lesen-rubrik bereit. die müßte eingerichtet und dann begonnen werden. die sur-seite fände ich da auch passend. mal sehen. hast du eine idee, wie das zu bewerkstelligen wäre? ob es auch andere teilnehmer reizen könnte?
lieber mb,
lesen als / schreiben als therapie – darüber liese sich trefflich gemeinsam nachdenken in so einer rubrik. wie weit sich jeder dort – autobiographisch – ent-äußert, ist jedem selbst überlassen. es gibt ja vorbilder solcher lese/r-biographischer reflexionen, man denke an nick hornby oder alberto manguel oder michael maar. damit können, müssen, wollen wir uns nicht messen. aber vergleichares, eigenes beisteuern, das wäre sicherlich möglich. ich erinnere mich noch sehr gut an den kommentar-bandwurm zu der besprechung von anne fadimans “ex libris” in diesem eckfenster, da steht schon sehr viel zum thema “warum lese ich?” drin und es schien uns sehr anzugehen und zu beschäftigen. also, ran an die leselust, die eigene und die der anderen.
grüße, uwe.
Juli 9th, 2007 at 11:52 am
Dann richten wir doch hier eine Rubrik “Lesen” ein – und sind gespannt was passiert.
Uwes Hinweis auf die Kommentare zu Anne Fadimans “Ex libris” ist richtig und kann ich nur bekräftigen.
Freilich kann man sich auch auf Referenzfiguren beziehen, das wird gar nicht ausbleiben. Ob die Hornby, Maar oder anders heißen – werden wir sehen.
Wolf wird die Rubrik respektive Spielwiese platzieren; danke schon mal dafür.