Nicolas Bouvier: “Lob der Reiselust”
Juni 25th, 2007Nicolas Bouvier: “Lob der Reiselust”, aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni, Basel 2007, zuerst unter dem Titel “L´Echappée belle” Genf 1996, 190 Seiten, 18,50 Euro
Bild von Helmut Kaffenberger
“Lob der Reiselust” – ein ziemlich nichtssagender, fast alberner Titel, der nach einem gesichtslosen, beschaulichen Buch für die Sommerurlaubs-Strandlektüre klingt. Auch das Äußere des Buches ist wenig ansprechend: Ein eher missfarbener, langweiliger Schutzumschlag, darunter ein blauer Pappband – nichts Schönes, nichts was reizt oder gefällt, nichts was auf den Inhalt verwiese als der Name, ihn jedoch sollte man kennen:
Nicolas Bouvier, der Autor der “Erfahrung der Welt” – ein wunderbares Buch! – , des “Skorpionsfischs”, von “Das Leere und das Volle”, von “Blätter von unterwegs” und anderen Reise-Büchern.
Dieser Name garantiert hier dafür, dass in diesem unscheinbaren, wenig ansprechenden Äußeren ein tolles Buch steckt.
Kann das sein, schließlich geht es doch nur um Schweizer, die im Laufe der Geschichte die Schweiz reisend verlassen – claustrophobia alpina? – und sich auf den Weg in die große weite Welt gemacht haben? – Ja, das kann sein – wenn Bouvier das Buch schreibt. Er ist einer der Großen. Und noch immer viel zu wenig bekannt und womöglich unterschätzt. Es geht in diesem Werk nicht nur um ein paar landflüchtige Eidgenossen – es geht um´s Ganze: Um Glück, um Wahrnehmung, um´s Lesen und um´s Schreiben; Zeitkritik findet sich, aber fast nicht beabsichtigt, sondern ganz indirekt und elegant, sie ergibt sich quasi von selbst, im Grunde geht es darum, wie man richtig leben könnte, wie man mit sich und der Welt zurechtkommen kann – etwa durch die Methode des Reisens.
Ein Buch von tiefer Kenntnis und Humanität und großer, ansteckender Begeisterungsfähigkeit für andere Reisende und Autoren. Bouvier entfaltet, was wenige können, einen Wärme- und Erkenntnisstrom, der das Kleinste als dem Größten innig verbunden zeigt. So macht er Lust auf´s Lesen, Reisen, Erfahren, Leben. Erschrocken konstatiert man hin und wieder, wie schnell und leicht sich das Buch wegliest, es scheint zu schmelzen. Von diesem Werk besäße man gern eine schöner, würdiger gestaltete Ausgabe mit einem dem Inhalt gewachsenen Kleid – vielleicht sogar mit Fotos.
Glück spielt für´s Lesen, Reisen und Schreiben eine nicht unbeträchtliche Rolle, das Verlangen nach Glück. Erfüllen lässt es sich wohl nicht ohne Mut, aber dann, vielleicht, erlebt man einen der raren Momente der Präsenz (vgl. S. 60) mit dem Gefühl einer fraglosen Einheit der Welt (vgl. S. 142). – Diese Momente, diese Epiphanien sind es wohl, die einen wesentlichen Teil und ein Movens des Reisens in seinem Sinn ausmachen. Kaufen und erzwingen kann man solche Momente nicht. Sie stellen sich ein. Die augenblicksweise gelebte Erfahrung, dass alles verbunden ist (vgl. S. 151), ist die Beschreibung eines solchen epiphanischen Glückserlebens. Und natürlich muss das Glück sparsam sein (vgl. S. 51), sonst würden wir es gar nicht ertragen. Die Vorstellung eines Glücks in Permanenz ist schon wieder keine gute. Was schade ist, gern sähe man die Menschheit begabter dafür. Vielleicht aber erfüllt sich im Reisen, und sei es nur sekundenweise, die Sehnsucht nach der anderen, wünschenswerteren, der besseren Welt. Die Sehnsucht nach Wesentlichem, nach mündlichem Erzählen, das noch einen Platz auf der Straße und eine Bedeutung hat, nach einem Meer aus Zeit, wie man es noch aus Kindertagen kennt und wie es der Orient damals vielleicht noch zu versprechen oder zu bieten schien. Eine Sehnsucht, die vielleicht Strapazen, die andere und doch zugehörige Seite des Glücks, notwendig machte wenn nicht zur Voraussetzung hatte.
Bouvier gelingen traumsicher so sensible wie hellsichtige Bemerkungen wie die, dass etwas Metallisches in der westlichen Art zu denken liegt. (Vgl. S. 93) Unnötig zu sagen, dass er den Müßiggang schätzt ohne das herausstellen zu müssen und ihn für einen schöpferischen Zustand hält. (Vgl. S. 93)
Durch dieses Buch wird deutlich, dass wir nicht nur viel zu beschäftigt sind oder tun – womit eigentlich?, lohnt es sich? -, sondern dass uns – hängt das zusammen? – das sinnliche und gedankliche Instrumentarium mangelt, der Gegenwart überhaupt adäquat zu begegnen. (Vgl. S. 124) Diesen Gedanken muss man ja erst einmal fassen – und hat damit noch nicht auf ihn reagiert. Der intellektuelle Komfort sei für Reisende verboten; die Freiheit des Reisenden bestünde darin, bei jeder Etappe eine Sicht der Welt zu verlieren – zugunsten einer richtigeren Wahrnehmung. (Vgl. S. 124) Erklärtermaßen war das Reisen für Bouvier eine Methode, Schuppen von den Augen zu beseitigen. (Vgl. S. 55) Unsere monodische Aufmerksamkeit sieht er als der polyphonen Welt gar nicht gewachsen an. (Vgl. S. 60) Er sieht den Menschen, wenigstens den Modernen, als Überforderten.
So braucht er die Fremdheit, braucht die Reise auch aus Erkenntniszwecken – doch kommt seine Lust des Unterwegsseins, zu dem es ihn bereits mit 16 Jahren trieb, auch aus dem Zauber früher, berauschter Lektüren. Damit ist Reisen für ihn, den manischen, begabten Leser, einer sehr alten Metaphorik zufolge eine Lektüre der Welt. (Vgl. S. 100 f.) Dabei ist ihm klar, dass Reisen auch etwas mit Flucht zu tun haben kann, die Reise aber, ist man erst auf dem Weg, ein Eigenleben entwickelt. (Vgl. S. 117)
Wie oft – immer? – sind Reiseberichte Nachrichten von einer versunkenen Welt, einer, die permanent weniger Zeit zu haben meint, die immer noch ein Stück kleiner, hektischer und noch überfüllter und unwirtlicher geworden ist. So haftet älteren Reiseberichten, ja Reiseberichten an sich immer auch etwas Melancholisches an. Die Zeit ist unwiederbringlich vergangen, die abgelichteten oder beschriebenen Personen gestorben, die Autoren ebenfalls und die Welt ist eine andere geworden. Das ergibt einen eigenen Zusammenklang zwischen Spontaneität, zwischen aktuell empfundenen Unbequemlichkeiten oder Glücksmomenten des Reisens und der eisern fortschreitenden Zeit und ihrem bleiernen Anhängsel, der Vergänglichkeit. So schreibt Bouvier sicher zu Recht, dass das Asien durch das Ella Maillart zwischen 1930 und 1960 reiste, “mit Mann und Maus für immer verschwunden ist”. (S. 130)
Und ganz nebenbei, eher zwangsläufig als beabsichtigt, ergibt sich aus dem Geschriebenen luzide Zeitkritik. Einfach weil er als Reisender – das Reisen bezeichnet Bouvier als Geisteszustand (vgl. S. 38) – einen anderen Blick auf die Dinge und daher eine andere Wahrnehmung der Umstände hat. Das ist der Boden, der es ermöglicht, dass ganz en passant solche einfachen, unprätentiösen und untendenziösen und doch alles in Frage stellenden Sätze fallen: “Die große Häresie der abendländischen Moral und Quelle viele unserer Sorgen und Neurosen scheint mir unsere Manie zu sein, das HANDELN dem SEIN vorzuziehen.” (S. 91; Hervorhebungen im Original) –
Von ähnlicher Qualität ist auch die Einforderung des Rechts auf Horizonterweiterung (vgl. S. 140) oder die Aufforderung an jeden, sein eigenes Mondtal zu suchen (vgl. S. 135 – in Anspielung an, wie er meint, Jack Londons schönsten Roman “The Valley of the Moon”) oder die in ihrer Einfachheit kühne Feststellung, dass totalitäre Regime immer nur hässliche Gegenstände produziert hätten (vgl. S. 149).
Bild von Helmut Kaffeneberger
Das Reisen, die Langsamkeit, die Lektüre, das Sich-Aussetzen gerinnen hier zu einem Plädoyer für ein menschlicheres Maß. Ein Plädoyer vielleicht zunächst aus eigener Notwendigkeit heraus, doch entspricht ihr im nächsten Schritt Einsicht, ja Weisheit und Humanität. Dazu gehören Umwege und die Zeit dafür. Der kindliche Lektüre-Träumer, der sich eine phantastische Welt imaginiert und in dem Namen Fernweh aufrufen, ist es, der als Erwachsener solche Sätze schreibt: “Man muss doch etwas unternehmen, wenn das Leben und die Welt so viel zu wünschen übrig lassen.” (S. 171) Einem solchen kann das Scheitern als hohe Schule erscheinen.
Wunderbar auch was er über das Schreiben weiß: Dass es etwas mit innerer Freiheit zu tun hat, die doch nicht zu erreichen scheint (vgl. S. 59), dass Mut, Mut zum eigenen, ungekünstelten, sich den Schablonen verweigernden Ausdruck eine Essenz des guten Schreibens ist (vgl. S. 60), ganz besonders aber: “Wenn das Schreiben sich dem nähert, was es sein müsste, ist es der Reise sehr nahe, weil es ein Verschwinden ist wie das Reisen. Weit davon entfernt, eine Bestätigung des Reisenden zu sein, wie man allgemein glaubt, bietet es dessen Auflösung zugunsten einer Realität, die man erreichen möchte. Diese Leichtigkeit ist das grösste Geschenk, das das Leben einem machen kann, doch man muss bereit sein, es anzunehmen.” (S. 125) Schön auch, was er von den Geschichtenerzählern schreibt: “(…) durch die Allgegenwart des Erzählers; dank fliegender Teppiche und Wolkenkutschen spinnt er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Wesen und den Dingen ein enges Netz von Beziehungen, von heimlichem Einverständnis, von Echos und Widerscheinen, lässt nach und nach das ganze Universum entstehen zum Entzücken seines Publikums, das von der Süsse der Sprache in einer Art klebrigem türkischem Honig schwelgt.” (S. 165) Man spürt dieser Sprache an, dass sie glaubt, es gäbe trotz allem ein Heil dank der Worte, “dank dieser von blosser Hand herausgerissenen, wie das Anthrazit aus der Tiefe des Stollens, aus dem schwärzesten Schwarz geförderten und dann zum Glühen gebrachten Worte, um die Verzweiflung in Kristall zu verwandeln.” (S. 170)
In diesem Buch, für das man sich trotz der Biographischen Notizen sehr einen Namensindex wünschte, wird von Thomas Platter erzählt, von Paracelsus, Cendrars, Maria Sybilla Merian, Gobineau, Ella Maillart, Albert Cohen, Henri Michaux und manchen anderen.
Das Reisen im Raum ernstgenommen, sieht es als Lebensweise und Erkenntnisinstrument. Vielleicht ist es eine Art, in der Moderne Not zu erzeugen, und lässt den einzelnen, der sich derart aussetzt, auch dadurch gewinnen. Wie Roberto Bolano lapidar meint: “Vom Reisen wird man krank.” (”Der unerträgliche Gaucho”, S. 155) Zumindest im Falle Bouviers traf das zu. Aber er hat diese Erfahrung umgeschmolzen, das Anthrazit in Kristall verwandelt.
Wer reist heute noch? Reisen im emphatischen Sinn wird vermutlich täglich schwerer. Wer wirklich reist, der weiß nicht, ob er zurückkehren wird. Und das ist kategorial getrennt von der Um-die-Welt-Fliegerei für ein paar Tage oder zwei, drei Wochen. Mag es Urlaub sein, mit wirklichem Reisen hat es nichts zu tun. Dieses bräuchte schon ein anderes Tempo: Langsamkeit. Es bräuchte Zeit, viel davon. Und den Willen, sie auch zu nutzen, Erfahrungen zu machen, Erfahrungen der Welt – der äußeren und inneren, was sich beim echten Reisen nicht trennen lässt.
Keine Antwort zu “Nicolas Bouvier: “Lob der Reiselust””