Hans Jürgen von der Wense: “Wanderjahre”

Juni 28th, 2007

Hans Jürgen von der Wense: “Wanderjahre”, hg. von Dieter Heim, Berlin 2006, 602 Seiten, 44 Euro.

Dies ist ein dickes Buch, Wense kein neuer aber ein noch relativ unbekannter Autor.
Die anschließenden Gedanken sollen der erste Teil einer in loser Folge hier erscheinenden und einer noch unbestimmten Anzahl von solchen zu diesem Buch und Autor sein.
In den letzten Jahren sind mehrere Bücher über Wense erschienen und auch positiv besprochen worden – allerdings wurde er, so scheint es, im Wesentlichen als ´komische Nummer´ wahrgenommen – um ihn alsbald wieder zu vergessen oder vergessen zu können; eine schrille Blüte am Rande des Literaturgartens.

Was aber, wenn man Wense ernst nähme?
Ernst, das heißt: Ihn nicht als Kuriosum abtun.
Mit welchen Maßstäben will man sich diesem Autor, diesem Menschen nähern?
Er erscheint als ein aus dem Rahmen gefallener – oder nie darin gewesener. Er ist, auch damals, zu Lebzeiten, ein unorthodoxer, kaum zuzuordnender Typ. Vielleicht ist er auch weniger ein ´Typ´ als im Gegenteil ein Individuum.
Diese eigenartige Euphorie, die sich am Haltlosen festmacht: Am Blick, an einer wenig spektakulären Landschaft. Dann wieder die Depression, das sich nicht konzentrieren können.
Normal – klinisch?
Wense wandert.
Er geht, meist hochgemut, durch die Mittelgebirge.
Gähnende Langeweile?
Nein! Im Gegenteil! Und wie kommt es dazu, wie macht er das?
Etwa indem er nicht nur sieht was zu sehen ist, also nicht nur an der sichtbaren Oberfläche bleibt, sondern indem er diese so harmlos und beschaulich aussehenden Landschaften aufreißt – und in ihre Tiefe schaut. Diese ist zeitlich. Seine Erregungen stammen häufig aus den Geschichten der Geschichte, die er mit diesen Landschaften in Verbindung bringt.
Woher weiß er das alles?

Es wirkt locker, aber er muss im Vorfeld intensiv recherchiert und gelesen und sich am erworbenen Wissen oder dessen Zusammenklang mit Landschaft und Bewegung entzündet haben. Und so kann er für den geneigten Leser als Augenöffner fungieren. Einer der seltenen Kategorie: ´Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!´ Obwohl man sich Wense auch als Forschungsreisenden und Entdecker in exotischen Gebieten vorstellen kann. – Doch er ist es in Niedersachsen und Hessen.

Und er ist es beim oder nach dem Gehen. Das Gehen scheint hier beinahe als Erkenntnisform, ja als Lebenseinstellung: Weitergehen, schnell, auf zu neuen Ufern, Anderes sehen, Neues kennenlernen. Was passiert beim Gehen? Bei geringem Tempo schweift der Blick, lockert sich das Innere, setzt sich das Wesentliche. Dennoch: Wense ist ein Selbsterleuchter. Was er tut und beschreibt hat mit Wandern vielleicht weniger zu tun als mit Fliegen, Wirbeln, Schweben. Ein Luftgeist. Einer, der im Elend hauste, immer abhängig, immer knapp bei Kasse, aber im Geiste in anderen Sphären unterwegs war. Ein Umgetriebener, der nicht anders konnte – und gerade deswegen ein Magier des Wortes. Er macht den Eindruck von jemandem – und kennen wir noch jemanden? -, der sich jeden Tag freihielt, um die Welt als Wunder zu feiern. Wir sind wohl alle nur Versuche. Mehr oder minder geglückt. Aber als Experiment oder Exempel sinn- und vielleicht gar wertvoll. Wense stand schräg zur Wirklichkeit, war aber vollkommen möglich. Er war ein Enthusiast. Ihn einen späten Romantiker zu nennen, hätte wohl etwas abwertendes. Aber berührt seine Art von Romantik nicht ein Grundbedürfnis: Das nach frischer Luft, Bewegung, weiten Blicken… – ohne Wandervogelromantik, Lagerfeuer, Gruppenerlebnis. Wäre Wense anders denn als Einsamer vorzustellen? Solche Gefühle hat man wohl in Gruppen nicht. Dennoch braucht er die Mitteilung dessen, was ihn ankommt und bewegt, weil er sich in der Natur und der Geschichte bewegt; gleichfalls braucht er die Distanz der Adressaten.
Was ist so anziehend, interessant, faszinierend am Obsessiven? Ist es, weil wir in ihm Stellvertreter sehen, für Dinge, die wir nicht leben?

Es mag selten geworden sein, es mag überhaupt nicht in unsere Zeit passen und auch nicht wirklich in die seine, aber: Wense ist ein Enthusiast. Er ist einer, der eine enorme Begabung zur Begeisterung hat, leicht entflammbar, ein phosphorischer, ein E.T.A. Hoffmannscher Typ der quecksilbrig schreibt, dessen trockene Berauschung sich in Wortclustern und Satzkaskaden bahnbricht und ergießt. Wo fände man Ähnliches? Über Wenses Schreiben könnte als Motto der Satz Alexander von Humboldts stehen: “Die Natur gefällt, reißt an sich, begeistert, bloß weil sie Natur ist.”

Naheliegend, dass das den Rationaleren, Normaleren wenig sagt, ja suspekt ist, dass man ihn, wenn man ihn überhaupt wahrnehmen will, als Spinner, als Kuriosum, als klinischen Fall sehen und damit abtun will. Das hätte Gründe für sich, man kann es sich vorstellen.
Was aber, wenn man Wense ernstnähme? Was, wenn man sich, und sei es nur eine Weile und probehalber, dazu herbeiließe, ihn mit seiner Begeisterung für die unspektakuläre Natur und ihre Geschichte ernst zunehmen?

Nebenbei bemerkt:
Ein umfangreiches Buch, einige Schwarz-Weiß-Bilder enthalten, immerhin fadengeheftet, aber auch Druckfehler, kein Glossar, grellweißes, nicht besonders schönes Papier: 44 Euro, das sind in alter Währung über 80 Mark – und für so ein Buch einfach viel zu viel Geld.

2 Antworten to “Hans Jürgen von der Wense: “Wanderjahre””

  1. 1 MB
    Juni 28th, 2007 at 11:24 am

    Lieber Helmut,

    der sich selbst entündende Wense reicht die Flamme der Begeisterung offenbar weiter an seine Leser. In Deinen etwas unsortiert erscheinenden Äußerungen (so unsortiert wie Wenses Gedankenlandschaft – und das ist weder eine Kritik an Wense noch an Deinem hier angewandten Rezensionsstil, ja, dieser ist vielleicht der einzig Sinnvolle!) erkenne ich eigene Leseerlebnisse und Gedanken wieder. Wense Ernst nehmen, ja, warum nicht!
    Aber da Zustimmung langweilt, seien Ergänzungen und vielleicht punktuell widersprechende Einwürfe erlaubt:
    Für mich gar keine Frage, dass Wense ein Romantiker war, ich sehe darin auch nichts Abwertendes, wenn man unter Romantik eben nicht die Kitsch- oder Wandervogelromantik meint, sondern die Frühromantik um 1800. Autoren wie Novalis, Tieck oder Wackenroder ging es wie Wense um die Erfahrung der Natur als eine Art allumfassendes Wesen. Hier spielen die mystischen Theorien des Wanderers Jakob Böhme, der im Mikrokosmos den Makrokosmos gespiegelt sah und Natur als Sprache Gottes empfand, eine entscheidende Rolle. Ich habe nicht alles gelesen von Wense, aber interessant fände ich, ob er die Frühromantiker oder die Schriften Böhmes erwähnt. Landschaft als zu entziffernde Hieroglyphe oder Chiffre (wie es wortwörtlich ja bei Wackenroder steht) zu interpretieren, ist doch auch das Konzept von Wense.
    Beim Lesen seiner Briefe – auch diese kann man sich immer nur portionsweise zu Gemüte führen – habe ich gelegentlich das imaginäre “Bild” vor Augen, wie er in seinem studentenbudenartigen Zimmer sitzt und sein Kopf erfüllt ist von den am Tage gesehenen, als gewaltig empfundenen Räumen. So überträgt sich die Begeisterung, man wünscht sich selber, die beschriebenen Landschaften zu sehen, und vor allem: sie so zu sehen wie Wense.
    Ein Wermutstropfen bei der Wenselektüre ist für mich aber der großsprecherische Ton: “ich habe entdeckt”, “ich habe herausgefunden” usw., womit er suggeriert, dass vor ihm niemand diese besonderen Entdeckungen, die sich meist auf historische Fakten beziehen, gemacht hat. Entdeckt hat Wense aber alles in den Bibliotheken, in bereits veröffentlichter Literatur, nicht in unpublizierten Quellen aus staubigen Archiven. Und vieles, was sich auf Kunst oder Architektur bezieht, ist oft klischee- oder fehlerhaft. Es schmälert mir gelegentlich den Lesegenuss, wenn er bereits Bekanntes als Neuheit von wissenschaftlichem Wert seinen Brieflesern präsentiert. Gerechterweise muss man sagen: für diese wurden die Texte ja geschrieben, weniger für die größere Öffentlichkeit. Manches ist daher wohl auch als Rechenschaftsbericht für seine Gönner zu verstehen.
    Aber alles in allem bleibt die ansteckende Begeisterung…

  2. 2 Helmut
    Juli 2nd, 2007 at 4:01 pm

    Lieber Michael,

    zwischen Begeisterung und Rechenschaftsbericht besteht ja durchaus eine gewisse Spannweite…
    Dass Wense aus Gelesenem schöpft, daraus macht er ja gar keinen Hehl.
    Dass er – in seiner Begeisterung? – schwärmt und auch mal dicker aufträgt als man als nötig empfinden würde, ist richtig.
    Und ich habe mich gefragt, wie ´echt´ diese Begeisterung ist – oder ob nicht schon diese ein Kunstprodukt darstellt. Etwas für den Adressaten fingiertes.
    Was aber die Klischees und vor allem Fehler angeht, könntest Du was Dir auffällt, doch mal sammeln und in einem Kommentar niederlegen. Das wäre interessant, womöglich auch für den Herausgeber respektive Verleger?
    Du plädierst für den Romantiker Wense – es kommt darauf an, was man bei dem weiten Feld Romantik assoziiert.
    Mir ist nicht aufgefallen, dass er sich auf die von Dir angeführten Autoren beriefe. Aber es ist denkbar, dass er es dezidiert vermied. Man kann einiges spekulieren, etwas Genaues weiß man nicht.
    Unter bestimmten Vorzeichen bzw. mit bestimmten Definitionen könnte man ihn als späten
    Romantiker bezeichnen. Interesse für die Chiffrenschrift der Natur oder Parallelen dazu wüßte ich bei ihm jetzt keine. (Seinerzeit war sie wohl ein allseits benutztes Klischee – selbst in den Werken E.T.A. Hoffmanns fand sie Niederschlag.) Von einem unendlichen Reflexionsprozeß könnte man schon eher reden – Wense brachte ja seine Werke kaum zu Ende. Es kommt auf den Maßstab und den Romantik-Begriff an, den man anlegt.
    Interessant ist das Phänomen der Übertragung. Das ansteckende Moment jedes Lesens. An sich doch merkwürdig, dass kleine schwarze Zeichen auf weißem Papier Gedanken anzustossem, Gefühle zu erregen oder Sehnsücht zu erwecken in der Lage sind. Und wenn man Autoren Revue passieren läßt: Wer hätte eine vergleichbare Verve wie Wense? Man kann sie naiv finden, belächeln, abtun. Aber offenbar kann sie etwas bewegen. Und Bewegung spielt eine zentrale Rolle in seinem Schreiben. Nicht nur, dass er sich wandernd bewegt. In seinem Schreiben fielen mir Bewegungsbeschreibungen auf, sehr dynamisch zum Teil, seine Briefe gleichen ja teils abbrenn enden Feuerwerken.