Hans Jürgen von der Wense: “Wanderjahre” II
Juli 11th, 2007Hans Jürgen von der Wense: “Wanderjahre” II.
Wie erlebte Wense, jemand, der nicht aus-, sondern herumwandert, den Beginn des ´Dritten Reiches´?
Im Dezember 1932 schreibt er:
“Opfer – das Wort, das alles in sich fasst, was uns von dem Bürger, dem Deutschen trennt: sie wollen haben. Wir aber wollen Sein.” (S. 36)
Zwei Wochen später kommentiert er das Feuerwerk zum Jahresende so:
“Nebel, drüber Raketen, Lustspiele des Feuers. Bis 2 läuteten Glocken. Wie Krieg, Umsturz!! (…) I Ging warf ich: Rückzug. Das will ich.” (Ebd.)
Am 22.06.1933 heißt es:
“Schauerlich diese neue Religion: es gibt keinen Gott als den Staat. Du bist Staatsbürger. Mehr Ehre hast Du nicht. Im Gleichschritt marsch! [...] Ach, nur aus dieser Folterkammer hinaus ins Freie, in meine Wälder, meine grünen Huten; meine Gefährten, die Sterne, die gleichmütige, vorn ihr selbst demütige Gottheit. Unser Herz.”
Am 3.07.1933:
“Tiefe Depression. (…) Meine ganze Seele, was ich mir erworben habe, was ich glaube und bin: es ist das rechte Gegenteil von dem, was heute gilt; (…). Was heute in die unschuldigen Herzen eingepflanzt wird, die jetzt zu aller Entsetzen sich enthüllende Absicht und Methode des Staates, ist für mich schwarze Kunst. Gift. [...] Gefühl: auf falsches totes Gleis geschoben, der Tod breitet die Arme aus, dies Volk zu empfangen. Aber ich bin abgesprungen – lieber in der Wüste der Einsamkeit umkommen als in einer falschen Nachfolge.” (S. 37)
In den folgenden zwei Jahren ist Wense ständig wandernd unterwegs. Wenn man seinen Angaben glaubt, unternimmt er hunderte Wanderungen über eine vierstellige Zahl von Kilometern.
1935 hat er Angst, zum Heer eingezogen zu werden.
Er schreibt: “Ich bin ein mittelalterlicher Mensch – damit bin ich erklärt. (…) Die Leute in Herzenstrunkenheit verblödet – es ist schwer, wenn man so ein allgemein großes Gefühl gar nicht hat.” (S. 37)
Er beklagt die Abwesenheit aller Nuancen und hält fest: “Alles Richtung, Fahrplan und Kurs. Jeder ist nur bedacht auf den Anschluß, jede Sekunde ein schriller Wecker.
Im Museum: in Scharen uniformierte Jungen, breitbeinig, versunken vor wem? Rubens: der Sieger – jenem Bild, das Napoleon sich über den Tisch hing, von dem er Europa kommandierte.” (S. 38)
Der Kommentar des Herausgebers auf S. 40 stellt Wenses Krisen – Krankheiten, Zusammenbrüche, Weinkrämpfe, Zweifel an seinem Werk, seiner Existenz und Unfähigkeit zum Wandern – in Zusammenhang zu den politischen Verhältnissen, “die ja zu Wenses Welt in diametralem Gegensatz standen”.
An seine Mutter schreibt er am 12.02.1937 über Leute, bei denen er unterwegs zu Besuch ist: “Der echte lebensbehäbige Spießer, ach, fern dem Volke, ohne Instinkte, ohne Misstrauen (je mehr Negatives man ahnt, um so taktvoller). Die richtigen Nazis. Sie denken nicht, sie gehorchen. Glücklich, daß sie unter der Peitsche sind. (…) Die widerliche Schwiegermutter richtete sich steil auf wie ein Hahn und krähte los: Blut und Ehre!!!! Dann krallte sie ihre manikürten Finger in die erloschenen Augen einer Maske von Friedrich dem Großen und schrie: Blut!!! Heiliges Blut!!! –
Nein! WIR – Genie und Aristokrat: nie werden wir imstande sein, uns diesen KLEINEN Leuten zu fügen! Der Geist, indem er der Welt dient, herrscht er über die Welt. Wir, die das dumpfe stumpfe Volk zu Menschen erhoben, weigern uns zu verpöbeln!” (S. 42 f.)
Diese Zusammenstellung macht deutlich:
Wense war kein Freund der Nazis.
Unwillkürlich fällt einem der umstrittene Begriff der ´Inneren Emigration´ ein, der auf ihn, den ruhelosen Wanderer, vielleicht eher passt als auf viele andere, für die er benutzt worden ist.
Politisch in irgendeiner Weise aktiv zu werden, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen, das ist offenbar nicht seine Welt. Er versucht den Dingen so gut als möglich und ganz buchstäblich, aus dem Weg zu gehen – was freilich nur begrenzt gelingen kann.
Ob man allerdings seine Krisen so ganz den gegebenen politischen Umständen zuordnen kann, darf bezweifelt werden, muss aber so oder so offen bleiben.
Interessant ist, dass er bereits Ende 1932 anhand eines Silvesterfeuerwerks von Krieg und Umsturz schreibt. Oder bereits im Juni 1932 von Folterkammern, im Juli 1933 davon, dass der Tod die Arme ausbreite.
Er moniert den Staat, seine “schwarze Kunst”, tote Gleise, und dass alles beschnitten ist auf Fahrplan und Kurs, auf große, vorgefertigte Richtungen also, unter Wegfall der kleinen und feinen.
Und er porträtiert oder karikiert sie, die angepassten Kleinbürger, die aber große Worte mit inbrünstigem Haß – worauf eigentlich? – ausstoßen.
Von einem ästhetischen Standpunkt aus war Wense sensibel, politisch gesehen ist sein Verhalten kaum diskutabel. – Aber wäre von ihm etwas anderes zu erwarten oder zu verlangen gewesen?
Die Differenzierung von Haben und Sein kehrt bei ihm öfter wider, sie ist ihm wichtig. Was er allerdings scheinbar selbsterklärend damit gesagt zu haben meint, er sei ein mittelalterlicher Mensch, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
Juli 12th, 2007 at 12:02 pm
Lieber Helmut,
mit den von Dir zitierten Passagen gelingt es doch sehr gut, auch die anderen Facetten Wenses aufzuzeigen. Er schreibt eben nicht nur über sich selbst oder über die Orte, die er erwandert hat, samt ihrer Geschichte, sondern ist auch ein hellsichtiger Kommentator seiner Zeit. Ich bin mit der Lektüre des Werkes inzwischen auch fortgeschritten und muss mein etwas hartes Urteil aus einem der letzten Kommentare zu Wense abmildern. Mein Eindruck vom Großsprecherischen, von der Egozentrik Wenses, kam noch von der Lektüre der “Werke von A-Z” her, wo es mir gelegentlich auf den Senkel ging. Das “Wanderbuch” ist ja doch von anderem Zuschnitt.
Du zweifelst zu Recht an, ob Wense wirklich vor allem wegen des Nationalsozialismus in tiefe Depressionen, von denen er ja selber berichtet, gefallen ist. Dennoch darf man nicht vergessen, dass Wense ja als atonaler Musiker in den 20er Jahren nicht gänzlich unbekannt war, also sicher auf der Liste “entarteter Künstler” stand (er war aber bestimmt nicht der große Erneuerer der Musik, für den er sich hielt – ein relativierendes Urteil zu Ws. Musik liefert z.B. Ernst Krenek in seiner Autobiographie “Im Atem der Zeit”). Wense war also durchaus gefährdet, nicht nur aufgrund seiner abweichenden politischen Meinung, die man ja immer auch verbergen konnte, wenn man wollte. Die unzähligen Wanderungen in diesen Jahren sind sicher auch von einem Fluchtimpuls motiviert, der Wense aber eben nicht über die Landesgrenzen, sondern in eher “nazifreie” Gegenden führte.
Über seine Selbsteinschätzung als mittelalterlichen Menschen habe ich auch schon gegrübelt, ohne so recht zu einem Ergebnis zu kommen. Auffällig finde ich seine Vorliebe für die Sachsen, die er beharrlich “Saxen” schreibt und mit ihnen eben nicht die Ossis meint, sondern sich auf die Karolinger- und Ottonenzeit bezieht. Auch die Chatten und Westfalen als germanische Stämme haben es ihm ja angetan. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass auch die gleichgeschaltete Kunstgeschichte der 30er Jahre versucht hat, regionale stilistische Eigenheiten aus dem Charakter der “Volksstämme” herauszulesen. Zumindest dafür dürfte Wense anfällig gewesen sein.
Ein Zitat über Westfalen wollte ich noch bringen und kurz kommentieren, nun finde ich es nicht auf die Schnelle – egal.
Wo ist eigentlich die neue “Lesen”-Rubrik zu finden?
Juli 13th, 2007 at 6:27 am
Lieber Michael,
er schreibt nicht nur über sich selbst, das stimmt, aber ich habe überlegt, ob man ihn nicht dennoch als Egomanen bezeichnen könnte. Ich denke man kann. Er beschreibt alles in sehr intensivem Bezug zu sich selbst. – Wobei in dieser Form gegen Egomanie gar nichts einzuwenden ist, das ist kein Argument gegen Wense oder das was er schreibt.
Du findest er trägt hier weniger dick auf? Nun gut, desto besser.
Kreneks Bemerkung zu Wense hatte ich auch gelesen, aber es ist eine einsame Stimme. Trotzdem kann es gut sein, dass er selbst da mehr wollte oder sich selbst schien, als es anderen vorkam.
Was den ´Fluchtimpuls´ angeht hast Du sicher recht – er erscheint – oder inszeniert sich – als ein Getriebener. Das, das (fast) fortwährende Getragenwerden von der Begeisterung über die Schöpfung dürfte ein wesentlicher Zug der Charakterisierung Wenses sein.
Und nicht nur diesbezüglich möchte ich dafür plädieren Wense weniger psychologisch, was, das sehe ich schon, durchaus nahe läge, als vielmehr ästhetisch zu betrachten.
Ist nicht schon dieser Fluchtimpuls im Grunde ein durchaus vernünftiger? – Hübsch die Vorstellung, das hätten alle so gemacht in dieser Zeit; einfach gerade nicht da. Natürlich ist das keine politische Haltung, mit der man reussieren oder mit der man Staat machen kann. Trotzdem könnte man es auch fast wieder merkwürdig, dass es offenbar so selten – überhaupt noch einmal? – praktiziert worden ist.
Seine Wanderlust – wobei man sich schon die Frage stellen müsste, wie viel ´Lust´ dabei war und was sie ergänzte – hat etwas von einem Erobern, wenn auch des eigenen Landes. – Wense erscheint heute vielleicht allzu leicht als komische Figur, als Don Quijote von Göttingen und Umgebung. Dass dieser Eindruck aufkommen kann, ist nicht völlig von der Hand zu weisen, dennoch wäre es gerade interessant, ihn mal beiseite zu lassen und näher hinzusehen. Das soll noch in weiteren Teilen geschehen.
Was die Bedeutung regionaler Charaktere in der fraglichen Zeit angeht, kennt man ja auch das Werk von Nadler – oder spieltest Du auf ihn an? -; allerdings darf man sich auch hier vielleicht fragen, ob das alles barer Unsinnn ist – oder ob man es doch mehr aus dem Zusammenhang heraus diskreditiert?
Wenn Du das Zitat noch findest…?
Die Lesen-Rubrik war quasi unsichtbar – bis der erste Beitrag geschrieben wurde. Das habe ich mal getan und bin gespannt auf Eure Einlassungen und worauf wir stoßen werden.
Juli 22nd, 2007 at 1:25 pm
Lieber Helmut,
meine Bemerkung aus dem letzten Kommentar zu den “völkischen” Eigenschaften möchte ich noch kurz relativieren. Es ist völlig offensichtlich, dass Wense mit der Blut-und-Boden-Politik der Nazis oder dem auch schon halbbraunen Volk-und-Sein-Geraune à la Heidegger nichts am Hut hat.
Er versucht ja, in den Landschaften immer wieder den Anfang, das Ursprüngliche, den Beginn von Geschichte herauszulesen und kommt so natürlich auch zu den Germanenstämmen, die tatsächlich unterschiedlich waren. Aber das Fass will ich jetzt gar nicht aufmachen, zumal wir doch zuwenig über die ollen Germanen wissen.
Stattdessen hier ein Westfalen-Zitat aus den Wanderjahren:
“Wieder das Wesentliche: Eindruck ist ein Gesamter, nicht im Einzelnen. Und so einfach-groß, daß er viel stärker und durchgreifender ist als bei jeder anderen Landschaft; darin Gefühl einer ungeheuren Fülle von Einzelheiten, die nicht ausgedrückt, beschrieben werden kann, aber in Wirklichkeit ist Westfalen nur eine große Einfachheit, ein urstarkes Erlebnis von Linie und Terrasse, darin höchste Primitivität, in der alle feingegliederte Fülle sich einfügt, zusammenklingt, ganz flach geballter Akkord, letzte Reife, Summa, Finale. Ergebnis. Letztes Werk.” (S. 59)
Es ist doch bei aller Spurensuche nach Anfängen, die Wense in der Natur betreibt, erstaunlich, dass die Landschaft hier als abgeschlossenes, vollendetes und nicht mehr überbietbares Werk beschrieben wird und musikalisch empfunden wird. Ausgerechnet Westfalen! könnte man jetzt kopfschüttelnd und lachend ausrufen, aber zu dieser fast schon zen-buddhistischen Sichtweise müsste man erstmal kommen. Auch das wäre etwas für die Rubrik “Lesen”.