Lesen
Juli 12th, 2007Lesen – darüber macht man sich schon eine Weile Gedanken.
Und inzwischen macht es den Anschein als sei es ein tendenziell leicht angestaubtes Thema.
Gibt es etwas Neues dazu zu sagen?
– Gibt es etwas Neues unter der Sonne? –
Wie auch immer, es gibt zumindest eigenes dazu zu sagen.
Ich eröffne den Reigen mit einem Zitat:
“Ein gutes Buch gibt dem Leser das Gefühl, daß es unsere eigene Erfahrung ist, von der wir lesen. Wenn Literatur auf der Höhe ist, glauben wir uns plötzlich an etwas Wichtiges zu erinnern, das wir gewußt, aber vergessen haben.”
Olof Lagercrantz
Natürlich kann man fragen was ein sogenanntes ´gutes Buch´ ist (da dürften sich schon die Geister scheiden) und wann Literatur ´auf der Höhe´ ist. –
Tun wir´s (erstmal?) nicht.
Vielmehr: Es geht um Erfahrung, um auf Papier geronnene Erfahrung, die sich über den Umweg des Lesens mitteilt. Um Erfahrung – und Erinnerung. Auch um das Zusammenspiel von Fremden und Eigenem. – Oder verlieren diese Kategorien hier ihren Sinn?!
Im Lesen nimmt man Kontakt auf zu Erfahrungen einer vielleicht längst gestorbenen Person. Lesen als eine Art Seance? Als Aufhebung der zeitlichen Beschränkung.
Spannend ist aber auch der Umstand, den Lagercrantz als Erinnerung beschreibt – als Erinnerung an etwas, das wir vielleicht tatsächlich oder auch nie gewusst haben. Jedenfalls aber an das Gefühl des Erinnerns. Das ist eine besondere Nähe: Das Fremde als Eigenes – denn Erinnerung ist etwas sehr eigenes – zu erleben. Dem haftet eine bestimmte Kraft, ja vielleicht eine bestimmte Macht an.
Dazu mag Thomas Manns Bemerkung passen:
“Wir finden in den Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.”
Der erste Satz, der die Bücher als Spiegel sieht, klingt gut – hält er aber stand, wenn wir ihn hinterfragen? Das kann allenfalls für eine bestimmte Art des (Roman-) Lesens Anspruch erheben, kaum aber in der Allgemeingültigkeit gesagt werden, wie es bei Mann getan wird. Man kann im Lesen auch ganz anderes finden, gerade dieses suchen.
Der zweite, böse Satz, der sich über den Leser belustigt hat etwas despektierliches, halb unsympathisches, weil der der sich so äußert, sich meilenweit über den etwas komischen, aber man könnte auch meinen naiven oder dämlichen Leser erhebt – oder sollte er sich selbst mit einbeziehen? Trotzdem könnte er ja richtig sein. Ist er es? Jedenfalls besteht hier eine Verbindung zu dem was Lagercrantz meinte – im Lesen wird Eigenes und Fremdes – ja, was?: zusammengeführt, einander gegenübergestellt, konfrontiert, harmonisiert…?
Das scheint zunächst aber immerhin etwas zu sein, das ´Lesen´ ausmacht. Wir setzen uns in Beziehung. Wir öffnen uns lesend und lassen fremde Eindrücke ein, lassen sie auf uns wirken.
Das kann seinen eigenen Zauber entfalten.
Den der Zeitvergessenheit etwa. Wir sind nicht ganz bei uns – sondern im Buch und bei seinen Helden – und doch, so haben wir den Eindruck, gerade dadurch vielleicht mehr bei uns als wenn wir uns nicht entfernt hätten. Scheinbar paradox ist Lesen Eigenzeit. Zeit, die frei zur Verfügung steht, Zeit, in der wir uns und vielleicht auch die alltäglichen Plagen der Welt hinter uns lassen um in eine Kunstwelt einzutauchen, die vielleicht spannender, vielleicht gerechter, vielleicht spannender und evtl. schöner ist als diejenige, von der wir uns gerade kurzfristig verabschiedet haben. So kann lesen zur Lust, aber auch zur Sucht werden, das 18. Jahrhundert wusste darum. Das Lesen von Geschichten, von Erzähltem zumindest. Denn es gibt viele verschiedene Arten des Lesens, die belletristische ist nur eine davon. Man kann auch lesen um etwas zu lernen, um sich zu informieren oder aus vielen anderen Gründen. Hier wird es, denke ich, zunächst um das Lesen von Belletristik gehen. Und was ein ´gutes Buch´ ist und wann Literatur ´auf der Höhe´ ist, darüber wird früher oder später noch ganz zwanglos das eine oder andere Wort zu verlieren sein.
Juli 14th, 2007 at 7:33 am
Lesen, das heißt auch: Innere Freiräume ausloten. Senkbleie (richtiger Plural?) in die Tiefen lassen.
Richtiges Lesen (was wäre das Falsche genau?) kann gegen Festlegungen in uns gehen – obwohl es zumindest an sie stoße wird. Aber lesend kann man andere Möglichkeiten – die Welt zu sehen, andere Lebensformen oder -weisen, andere… – imaginieren und auf diese Art ausprobieren.
Denn im Grunde ist uns dieses einzige Leben doch viel zu wenig. Auch wenn es uns manchmal zu viel ist. Und dann kann das Lesen einen Raum bereitstellen. Einen kleinen große Raum, in den man sich versenken, in den man fliehen und wo man sich erholen kann. Etwa so wie Jungs in Baumhäuser flüchten, wenn es ihnen gerade reicht.
So kann das Lesen eine Möglichkeit sein, die auch noch in uns steckenden ungelebten aber ebenso möglichen Leben, ja, nicht zu leben, aber doch wenigstens zu tagträumen, zu fühlen, sie vorzustellen.
Das mäandernde Bewusstsein sucht sich Halt und Richtung. Das tut es wo es ihn kriegen kann.
Juli 16th, 2007 at 8:14 am
“Worte sind Luft. Aber die Luft wird zum Wind, und der Wind macht die Schiffe segeln.”
Artur Koestler
Juli 22nd, 2007 at 12:58 pm
Lieber Helmut,
da ich einer derjenigen war, die sich diese Rubrik zum Thema Lesen gewünscht haben, will ich auch meinen Beitrag nicht schuldig bleiben und ein paar ungeordnete Gedanken niederschreiben.
Manche ändern ihr Leben, nachdem sie ein bestimmtes Buch gelesen haben, aber die meisten tun es wohl nicht und es bleibt bei der Rilkeschen Selbstaufforderung “Du musst Dein Leben ändern!”
Du beschreibst Lesen als eine Art Trockenübung in Sachen Erprobung neuer Seinsmöglichkeiten des Lesers. Darin steckt noch etwas von Aristoteles’ Idee, dass in der Literatur oder im Drama stellvertretend für uns Unglück erlitten oder Glück genossen wird und so beim Rezipienten eine Seelenreinigung stattfindet. Dieser Ansatz hat was für sich, es käme da aber weniger auf das richtige Lesen als vielleicht auf das “richtige” Buch an. Vermutlich kann diese Frage nur individuell von jedem Leser selbst beantwortet werden.
Deine Metapher der Baumhütte klingt fast eskapistisch, so dass man protestieren möchte, aber auch da müsste man ehrlicherweise zu sich sagen: es stimmt schon. Aber wenn man nur mal eine Absenz vom Wirklichen braucht, könnte man genausogut Filme gucken und es passiert bisweilen Ähmliches wie beim Lesen. Und doch ist es etwas anderes. Warum zieht es die passionierten Leser am Ende doch immer wieder eher zum Buch als zum Film? Vielleicht weil der eigenen Fantasie mehr Raum geboten wird zur Entfaltung? Oder ist der Rausch innerer Bilder beim Lesen doch intensiver als beim Film?
Es ist Sonntag mittag, ich habe etwas gegessen, könnte jetzt einen Film gucken und es mir gemütlich machen, da draussen schon wieder Regenwolken aufziehen. Und doch werde ich gleich den Wense wieder zur Hand nehmen, weil ich neugierig bin, was er mir schreiben wird, auf welche Wanderung er mich wieder mitnimmt, welche Lektürefrüchte aus der Göttinger Bibliothek er vor mir ausbreitet.
Gerade Wense ist ein so schönes Beispiel: er ist selber hungriger Leser, dessen Leben scheinbar nicht reich an äußeren Erfahrungen war. Aber gerade wie er dieses Einfache, fast schon Ritualisierte im Lebenslauf beschreibt, ist faszinierend. Das Faszinosum entsteht vielleicht auch aus dem Gefühl, das man beim Lesen hat, dass da einer schreibt, der sich tatsächlich mal die Ftreiheit genommen hat, zu machen, was er will und eine Existenz als Lebensdienstverweigerer zu führen; der das macht, wozu man selber nicht die Traute oder auch Kraft hat und uns zeigt, dass es auch ganz anders ginge.
Juli 30th, 2007 at 4:14 pm
Es sind verschiedene Aspekte interessant. Ganz allgemein: Ja, warum lesen? Was kann/ gibt das Buch, was Fernsehen oder Kino oder … nicht können? Was findet man da? (Freilich kann man sich auch fragen: Warum finden andere das nicht?)
Möglicher Weise hat das viel mit Kindheitserfahrungen zu tun, so etwa wenn man im oder mit dem Lesen eine Geborgenheits- oder eine andere positive Erfahrung gemacht hat und darauf immer wieder gerne zurückkommt.
Du erwähnst, dass das Lesen einen Raum bereitstellt. Das könnte auch so etwas sein. Ein Raum, der einem selbst gehört, ein umhegtes und geschütztes Gelände auf dem man sich gleichwohl Erfahrungen aussetzt und aussetzen kann, die man im wirklichen Leben nicht zwingend bräuchte oder scheuen würde.
Für mich ist es etwas ganz anderes, einen Film zu sehen oder ein Buch zu lesen und ich bin auf unterschiedleiche Art beteiligt.
Ob man beim Lesen mehr Phantasie braucht? Vielleicht. Ich benutze in diesem Zusammenhnag auch gern das schon lange aus der Mode gekommene Wort ´Einbildungskraft´, weil es noch einmal anderes betont. Habe ich beim Filme sehen innere Bilder? Falls ja, dann doch sehr viel seltener und weniger ausgeprägt als beim Lesen. Mir scheint man mit dem Lesen auch näher beim eigenen zu sein als mit einem Film.
Etwas unentschieden bin ich in dem Punkt ob man mehr das Andere oder doch mehr das Gleiche und Verwandte sucht; beides kommt vor.
Warum aber das Leben ändern? Woher dieser Affekt zum Tun?
Und warum angeregt durch ein Buch?
Aristoteles: Daran dachte ich nicht und ich glaube auch es zieht hier nicht so ganz. Um Katharsis ist mir´s nicht zu tun; es geht nicht um Reinigung. Die Erfahrung von Reichhaltigkeit ist doch etwas anderes.
Bücher erzählen. Und wenn sie gut sind, dann erzählen sie ganz nah an dem, was einen selbst angeht.- Wo hätte man sonst diese Erfahrung? Das ist etwas Tröstliches, auch etwas Kindliches: Etwas erzählt bekommen. Einen umhegten, geschützten, experimentellen Raum haben. Und Bücher sind genauer, differenzierter als es Alltag sein kann.
Insofern sind sie besser, repräsentieren ein Stück bessere Welt. So gesehen könnte man fast den Terminus der Utopie auf sie andwenden.
Wunderbar natürlich die Vokabel des ´Lebensdienstverweigerers´.
September 18th, 2007 at 10:57 am
so will ich nicht nachstehen und auch einen kleinen beitrag schreiben zum thema lesen.
meine letzte lektüre war “der weiße rabe” von andrzej stasiuk. beim lesen machte ich immer wieder die erfahrung, daß ich innehalten und einem eigentümlichen erinnerungssog nachgeben mußte. vor allem bei jenen passagen, in denen es um die anarchischen, selbstbezogenen spiele einer jugendclique ende der 70er jahre ging, wurde ich an die stimmung , die lebens- und welthaltung in meiner eigenen jugend erinnert. es tauchten unwillkürlich ganze ereignisketten und gedanken aus jener zeit auf, manchmal nur durch eine szene, eine vokabel oder einen dialog aus dem roman angeregt. es entstand beim lesen ein cross-over von fremd- und eigenerfahrungen, wodurch ich immer tiefer hineingezogen wurde in meine biographische vergangenheit. eine leseerfahrung, die ich schon des öfteren gemacht habe, auch ohne vorschnelle identifikation oder übereilte rückbezüge auf die eigene biographie.
ein buch zu lesen kann also auch bedeuten, sich besser, vielleicht auch genauer und im besten fall “gültiger” zu erinnern, an das, was das eigene leben strukturiert und bestimmt hat. klar ist jedoch, daß dieser prozeß veränderungen, mißdeutungen, fehleinschätzungen unterliegt. doch mit jedem buch, das diesen erinnerungssog auslöst, bewegen wir uns in einem größeren, durch worte ausgelösten und zusammengehaltenen deutungsspielraum für unser leben. so ergeht es mir jedenfalls.
bücher helfen dabei, sich zu erinnern – und manchmal besser, genauer, gültiger. das ist nur ein aspekt des lesens, aber einer, dessen bedeutung man nicht unterschätzen sollte. ich jedenfalls habe mich gleich nach der stasiuk-lektüre daran gemacht, szenen, personen und gedanken meiner jugendzeit, soweit sie mir erinnerlich waren, aufzuschreiben und für mich selbst zu bewerten. vergleichbares ist mir schon beim lesen von marais “die jungen rebellen” und wolffs “alte schule” passiert.
kennt ihr solche erfahrungen auch? wie bewertet ihr die in ihnen ausgelöste erinnerungsbewegung beim leser?
herzlich, uwe.
September 20th, 2007 at 8:58 am
Der weiße Rabe war das erste Buch, das ich, kurz nach seinem Erscheinen, von Stasiuk las. Und ich hatte auch einen starken Eindruck davon.
Aber Du fragst ja mehr nach der durch die Lektüre ausgelöste Erinnerungsbewegung, nach dem Crossover zwischen Fremd- und Eigenerfahrung.
Nun ist das ja eigentlich etwas, das jede Lektüre (mehr oder weniger) auslöst oder auslösen kann.
Das dürfte ja eine der spannenden Seiten des Lesens sein.
Allerdings in der Regel vielleicht (?) weniger bewusst gemacht, mehr das Lesen en passant begleitend, ich würde dazu neigen zu sagen: träumerisch.
Du hast Dir ja nun die Mühe (war es eine?) gemacht, Deine Erinnerungen aufzuschreiben und auch noch zu bewerten. Das ist eher aufklärerisch.
Natürlich kenne ich das auch.
Und vielleicht auch noch in anderer Form.
Die gefühlte Nähe zu einem Buch respektive Autor, wenn man das Gefühl hat, dem ganz nah zu sein, direkt angesprochen, berührt zu sein. Diese Erfahrung zeigt auch den Kontakt zwischen Fremdem und Eigenem und kann sehr eigentümlich sein. Sehr anregend aber auch fast belastend.
Wie es mir mit dem weißen Raben ging weiß ich nicht mehr genau zu sagen. Ich sehe bei Gelegenheit mal rein und nach, ob ich nicht etwa einen Zettel o.ä. reingelegt habe.
So wie Du es beschreibst, ist die Lektüre der Katalysator der eigenen Erinnerung, die Stimmgabel – deren Echo die Erinnerung der eigenen Erlebnisse ist.
Das ist ein Effekt den Lesen (Kunst überhaupt) haben kann. Mit dem Lesen – als Phänomen – selbst hat es aber weniger zu tun.
September 20th, 2007 at 2:17 pm
mit deinem letzten satz bin ich nicht ganz klar geworden.
was genau meinst du damit, wenn du den effekt, den lesen haben kann, vom lesen selbst unterscheidest?
wenn wir über das lesen sprechen, verständigen wir uns dann nicht vor allem über den wert, die bedeutung, die effekte, die es haben kann?
oder wolltest du weniger über die wirkungen als über die ursachen unseres lesens etwas erfahren?
expliziere dich, wenn möglich!
September 20th, 2007 at 8:55 pm
Verstehe, stimmt, wenn ich es nochmal lese – man hätte es anders sagen können.
Was ich meinte, war:
LESEN – von Buchstaben, von dem Text, den man vor sich hat.
Assoziationen zum Lesen.
DAS wollte ich (unter)scheiden.
—Nun kann man – wirst Du? – sagen: Das ist doch EINS?
???
September 28th, 2007 at 9:03 pm
ich würde sagen, die beiden lesarten sind nicht eins, gehören aber zusammen. deiner unterscheidung, jetzt wo ich sie begriffen habe, stimme ich zu. ich kann sehr wohl ein buch lesen und verstehen, ohne daß es zu mir oder meinem leben in eine beziehung tritt. auch muß man diese rückkopplung mental ausblenden, wenn es darum geht, den text zu interpretieren. ich wollte allein einen effekt beschreiben, der durch bücher beim leser ausgelöst werden kann, nämlich eine erinnerungsbewegung, die sich vom buch gewissermaßen ab- und sich dem leser selbst zuwendet. unabhängig davon kann der leser aber auch zum verstehen und zur ästimation des werkes selbst fortschreiten. dazu bedarf es weniger der identifikatorischen einfühlung als der analytischen ratio. im besten fall gehen sie hand in hand.
September 29th, 2007 at 9:43 am
Ich stimme Uwe ganz zu, gerade die Lektüre von Kindheitserinnerungen kann diese besondere Erinnerungsbewegung im Leser auslösen, was sicher auch mit dem Phänomen der insistierenden, beständigen Kindheitsbilder zusammenhängt, die man bis an sein Lebensende mit sich trägt (oder auch von ihnen verfolgt werden kann), wenn man das, was letzte Woche war, schon vergessen hat.
Ein anderer, mir wichtiger Aspekt ist die Sprache: wie macht ein Autor das, mit welchen (sprachlichen) Bildern, intensiven Beschreibungen?
Stasiuk wurde ja schon erwähnt, Gracq und Wense wären weitere. Ihre Landschafts- und Witterungsbeschreibungen haben bisweilen etwas Betörendes, auch Überraschendes, was man selber nie so wahrnehmen würde. Manche dieser Bilder oder Metaphern sind fast “gefährlich”, sie könen bei einem Autor, der seine Wahrnehmung nicht so exakt betreibt oder der seine Sprache weniger fest im Griff hat, ins Kitschige, ins Dünmmliche oder Abgeschmackte abgleiten. Wenn der positive, oben erwähnte Effekt gelingt, ist indessen bei ausländischen Autoren oftmals gerade auch der Übersetzer zu loben.
September 29th, 2007 at 8:39 pm
Das Vorhandene und die eigenen Bilder.
Kindheits- und Jugendbilder kann/ sollte man ja durchaus auch getrennt betrachten.
Ob diese Vergangenheitsbilder anders ´gespeichert´ sind als spätere Bilder? Wäre interessant, ob´s dazu Untersuchungen gibt. Und was sagt die eigene Erfahrung?
Sind diese Bilder anders ´gespeichert´? Sind sie ´tiefer´, intensiver als andere, etwa spätere?
Das wäre ein eigenes, ganz spannendes Thema.
Diese Bilder sind das Reservoir, auf das sich die beschworene “Erinnerungsbewegung”beziehen kann. Auch auf verschiedenen Ebenen.
Die Gleichung Identifikation – Emotion respektive Analyse – Ratio ist zu naheliegend, als dass man sie nicht hinterfragen sollte.
Michal weist zudem zu Recht auf die Sprache hin: Wie ist das gemacht, wie werden die Bilder in uns erzeugt, was ruft sie auf den Plan? – Stasiuk – Gracq – Wense (es gäbe noch andere): Das sind gleich drei Autoren, die auch bei mir sehr eindrucksvoll funktionieren.
Das Wetter, ja, nur scheinbar das Allerwelts-Smalltalkthema, man kann eine Menge damit machen; Atmosphäre geben nämlich.
Übersetzer sind, wenn sie gut sind, Nachdichter. Ich habe gerade ein Buch gelesen, bei dem ich den Eindruck habe, dass die Übersetzung eine enorme Rolle spielt, leider in diesem Fall keine gute, Inoues “Jagdgewehr”. Ich werde es und meine Bedenken in den nächsten hier vorstellen.
Oktober 6th, 2007 at 5:57 pm
hier ein zitat zum neuen faß bücher lesen – filme anschauen. es stammt von dem holländer andriaan morrien und ist ein auszug aus einem kleinen feuilleton mit dem titel “Ein Buch ist mir lieber”. es wurde in den 50er jahren des 20. jhts. geschrieben (diese zeitbedingtheit empfehle ich bei der lektüre unbedingt mitzubedenken), hat also schon historische patina angesetzt, manches ist auch überholt, aber in ihm wird polarisierend argumentiert und so ist meine hoffnung, daß es als einstieg ins thema buch-film nicht schlecht geeignet ist. hoffentlich regt es an. also,
klappe auf:
“In einem Buch hat jedes Wort seinen Platz und seine Bedeutung. In einem Film übersieht man den größten Teil der Bilder, die auf der Leinwand erscheinen und die den Hintergrund bilden, vor dem sich die Ereignisse abspielen. [...] Wie können wir derartige Einzelheiten, die uns der Romancier mitunter bietet, bei der Geschwindigkeit bemerken, mit der die Bilder einander ablösen, und bei dem Trügerischen der Illusion, die vom Film ängstlich gehütet wird? [...] Die Illusionen, mit denen ein Schriftsteller seine Leser fängt, sind komplizierter und listenreicher als die Augentäuschungen, in die der Regisseur uns lockt. Im Kino verwandeln sich unsere Augen in große Löcher, durch die das zauberhafte Leben der Filmstudios in uns strömt. Wir werden zum riesigen Faß, das ungeheure Flüssigkeitsmengen füllen. Ein Film ist immer die Reproduktion einer Rekonstruktion, auch wenn es sich um Außenaufnahmen handelt, was dann stolz vermeldet wird. Im Roman ist der Unterschied zwischen Außen und Innen unwesentlich. Der Schriftsteler richtet seinen Blick auf ein Interieur, ohne erst eine Wand wegschieben zu müssen. Sein Auge ruht auf dem Tisch und guckt gleichzeitig durchs Schlüsselloch. Er greift in den Busen eines anderen. Er faßt tausend Bäume in dem einen Wort Wald zusammen. Er überläßt die Vorstellung eines regnerischen Tages dem Leser. Er kann beinah alles verschweigen, wenn er nur das ausführlich behandeln will, was ihm am Herzen liegt. Der Film vergrößert und hat es eilig. Alles Kleine wird unsichtbar. Sobald die Handlung träger wird, nimmt die Spannung zu. Es hat gewiß tiefere Bedeutung, daß die Dauer eines Film selten länger ist als die eines Gottesdienstes, während man mit ‘Krieg und Frieden’ den Winter verbringen und mit der Bibel in der Hand alt werden kann.”
(aus: Adriaan Morrien, Ein Buch ist mir lieber, in: Ders., Lass dir Zeit, übers. von Johannes Piron, München ca. 1955, S. 12-14)
Oktober 6th, 2007 at 6:18 pm
eine erste, eigene gegenüberstellung könnte lauten:
bücher zu lesen lebt zu großen teilen von der schöpferischen lust, vom text angeregte, eigene bilder im kopf entstehen und vagieren zu lassen.
sich filme anzuschauen bedeutet dagegen vor allem, sich gedanken zu den inszenierten bilderfolgen eines anderen zu machen und worte dafür zu finden.
Oktober 6th, 2007 at 9:18 pm
Na, ist da Wolf nicht eingeladen, das ganz anders zu sehen? Da wart´ ich doch erst Mal ab was er meint…
Oktober 7th, 2007 at 11:28 am
Nun denn. Gegen Deine erste Gegenüberstellung, Uwe, lässt sich so manches vorbringen. Etwa Theorien zur filmischen Montage bei Kluge oder Eisenstein. Da soll durch die Montage der Bilder im Kopf des Zuschauers etwas Drittes entstehen, das gerade nicht in dem schon enthalten ist, was man sieht.
Oder, warum soll man für die “inszenierten Bilderfolgen” Worte finden? Erzählt der Film nicht gerade deshalb in Bildern, weil er nur so das darstellen kann, was er zeigen will? Ist der Film nur ein “laufendes Bilderbuch” für Dinge, die man ebenso gut in Worte fassen kann?
Oktober 7th, 2007 at 9:34 pm
Das war kurz, aber das hat auch Vorteile: Klarheit.
Ich muss zugeben: Das Worte-Finden hat mich auch irritiert. –
Ich sitze nach dem Film-sehen nicht da und versuche das Gesehene zu reformulieren.
Eines kann man sagen:
Bücher: Eigene Bilder (in Ermangelung tatsächlicher fremder)
Film: Fremde Bilder.
Herr Morrien bringt das Tempo in Anschlag, Wolf ging darauf nicht ein. – Diese Überforderung mutet heute vielleicht etwas merkwürdig an, denn das Tempo der 50er ist für uns heute doch fast Stillstand. Aber: Hat er denn ganz unrecht? – Es gibt ein Überwältigungskino, das mir auch nicht behagt. Und es gibt Werbung die so schnell ist, dass man fast nur noch ein Flimmern sieht: Das kann nerven.
Die Dauer der Sache dagegen könnte ein Argument sein. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich etwas 90 min auf mich wirken lassen oder, sagen wir, mehrere Wochen.
Allerdings sagt das nicht unbedingt etwas über die Intensität dieser Wirkung.
Oktober 8th, 2007 at 2:00 pm
Ich bin noch auf etwas anderes nicht eingegangen. In dem Zitat von Morrien heißt es:
Das ist eine gewagte Behauptung, um nicht zu sagen ein ewiges Vorurteil dem Film gegenüber. Als würde der Film das Außen bloß abbilden und es nicht erst durch die filmischen Mittel konstruieren.
Oktober 8th, 2007 at 6:16 pm
zu 15 und 16:
man soll nicht, man wird worte finden. wie anders lassen sich filme verstehen? es ist ein visuelles medium und vieles wird unverstanden nur vorüberziehen, aber den wie auch immer gearteten gehalt eines films, seine wirkung und auch die besondere ästhetische erfahrung, die er uns ermöglicht, versuchen wir doch zu verstehen – mittels der worte, die uns zur verfügung stehen. damit ersetzen wir doch nicht den film oder das medium, sondern bringen es nur zum sprechen – für uns. freilich nicht bei jedem film und nicht immer in extenso. die deutungsarbeit ruht auch bisweilen. aber filme, die mich anrühren, wecken bei mir die reflexion und damit die suche nach worten für das, was ich gesehen habe. das wird bei euch nicht anders sein, oder? so wollte ich die gegenüberstellung verstanden wissen: eigene bilder, die von fremden worten angeregt wurden – buch; fremde bilder, für die eigene worte gefunden werden (können) – film.
zu 17:
ich verstehe den von dir zitierten satz so, daß morrien genau das meint: der film zeigt eine zuvor mit seinen technischen mitteln re-konstruierte wirklichkeit. das liegt doch in der natur des mediums begründet. wo liegt da das vorurteil, von dem du sprichst? vielleicht reden wir auch nur aneinander vorbei. erkläre dich.
Oktober 8th, 2007 at 7:41 pm
Im Zitat heißt es “Der Film ist immer die Reproduktion einer Rekonstruktion…” “Immer” ist immer klasse und der Film ist auch klasse. Ein Film reproduziert nicht, sondern er produziert einen eigenen Wirkungszusammenhang, u.a. dadurch, dass er Elemente der Alltagserfahrung auf seine Weise zusammenbringt.
Welche Rekonstruktion soll diesem Prozess vorausgehen? Morrien spricht von “Außenaufnahmen”, auf die jemand “stolz” wäre. Das kann man im historischen Kontext sehen und dann kann man dieser Einschätzung etwas abgewinnen. Aber auch die Außenaufnahme – im Gegensatz zur Studioaufnahme – reproduziert weder Wirklichkeit noch liegt ihr eine Konstruktion derselben voraus, die der Film dann nur zu wiederholen hätte. Auch wenn das Filmbild Ähnlichkeiten besitzt mit dem Gegenstand, den es darstellt, ist es nicht zwingend, diese offensichtliche Abbildfunktion als das zentrale Moment des Filmbildes zu begreifen. Dass bei der Interpretation von Filmen häufig so verfahren wird, macht die Sache nicht besser.
Die Gleichungen Buch=eigene Bilder und Film=fremde Bilder sind zu naheliegend um die Sache ausreichend zu beschreiben.
Oktober 9th, 2007 at 12:45 pm
Schon bei den letzten Diskussionen, auch bei der sur-Seite, hatte ich öfter das Gefühl, dass es zu theoretisch war, dass es konkreter leichter gewesen wäre sich zu verständigen. Hier nun scheint mir Grundsatztheoretisches erstmal zu klären.
Und da ist mein Eindruck, dass Morrien nicht viel über Film nachgedacht hat. Es klingt zunächst ganz plausibel, aber bei näherem Hinsehen nicht mehr. Vielleicht ist es zu plausibel, zu einfach nämlich.
Zeigt eine Kamera Wirklichkeit? Die naive Betrachtung könnte sagen: Ja, klar. Wolf weist darauf hin, dass das kaum der Fall ist.
Uwe braucht Worte für Filme.
Wie wirken Medien?
Bücher anders als Filme.
Gute Filme und gute Bücher haben den nämlichen Effekt: Sie können uns in einen Rausch des zeitweisen Sich-Auflösens, Verschmelzens oder doch wenigstens Berührtwerdens versetzen.
Aber doch wohl auf unterschiedliche Art.
Film funktioniert über Bilder und was diese in uns auslösen. Das hat mit Identifikation zu tun. Mir scheint, je näher man hinsieht, desto mehr ähneln sich die Aufnahmeprozesse. Denn könnte man sagen, dass die Aufnahme beim Film direkter, unmittelbarer ist? Aber ist der gebannte Leser ein großer Reflektierer? Man könnte allerdings darauf abstellen, dass der Film – gehen wir vom Kino aus – ein Umfeld mit sich führt, das eine unmittelbare Wirkung verstärkt: Im Dunkeln sitzen und das Ansprechen des Hör- und Sehsinns zugleich.
Man müsste sich an dieser Stelle Gedanken über eine Hierarchie (?) der Sinne machen: Wer wirkt wie? Denn mir scheint schon, dass der Film das leichter konsumierbare und deswegen erfolgreichere Medium ist – auch wenn er im Grunde komplizierter angelegt ist. Und er scheint direkter ´reinzugehen´. Das buch erfordert zum Genuss das Erlernen einer Kulturtechnik, der Film nur offene Augen.
Oktober 10th, 2007 at 10:47 am
ich wollte die sache auch nicht ausreichend beschreiben, sondern eine erste gegenüberstellung versuchen, indem ich das zentrale element der beiden medien kontrastiere: worte – bilder. zum schärferstellen sind die kommentare ja da.
als einstieg war auch morrien gedacht. er sollte polarisierend und anregend wirken. und wir sind ja ins thema damit gekommen. großes filmverständnis hatte ich auch bei ihm nicht bemerkt. zudem sind seine aussagen historisch bedingt und in teilen überholt in dem, was du, lieber w-d, ansprichst und zu recht kritisierst. deine bemerkungen zur abbildfunktion versus autonomie der filmbilder stimme ich zu. jetzt habe ich deinen einwand auch begriffen.
ich brauche für filme keine worte. ich bin zwar sehr verkopft, aber jeder logozentrismus liegt mir fern. die worte stellen sich ein, während des sehens oder danach, oder bleiben aus. ich kann auch die bilder abspeichern, ohne sie zu versprachlichen, etwa so, wie ich werke der bildenen kunst memoriere, ohne alle ihre bedeutungsschichten zu kennen. mir kam es darauf an zu benennen, wie das verstehen vor sich geht, beim film und beim buch. da sah ich unterschiede.
helmuts beitrag hat für klärungen gesorgt. ich finde zwar nicht, daß wir zu theoretisch diskutieren, aber sein hinweis, konkreter zu werden, ist berechtigt. ich hätte da auch ein paar konkrete fragen:
funktioniert das angesprochene berührtwerden durch film und buch auf vergleichbare weise? in welchen punkten ähnelt sich die rezeption und worin untercheidet sie sich? und wie läuft der verstehensprozeß ab? in beiden fällen ja linear (von wort zu wort bzw. von bild zu bild), wobei man im buch zurückblättern kann, beim film (geht man vom kino aus) nicht. und zuletzt:
worin liegt der unterchied, wenn man eine geschichte mit worten oder mit bildern und dialogen erzählt? denn es ist doch ein unterschied, ob sich die handlung auf dem bewußtseinsschirm des lesers vollzieht oder ob sie auf der leinwand dem zuschauer vorgeführt wird. wir können ja versuchen, die fragen anhand eigener erfahrungen zu erläutern.
Oktober 10th, 2007 at 8:40 pm
Werden wir von Büchern und Filmen auf die gleiche Weise berührt?
Nein, ich denke nicht.
Filme gehen direkter ´rein´.
Aber sie halten nicht so lang. Mit ganz wenigen Ausnahmen.
Gewagte These (ich weiß): Es gibt viel mehr gute Bücher als Filme.
Unterschiede des Erzählens: Die sind vermutlich größer als die Unterschiedlichkeit der Wirkung?
Aber so pauschal kann man dazu wohl nichts sagen, weil man sich einzelne Filme oder Bücher vornehmen müsste um sinnvoll zu reden?!
Bei mir gibt es Filmbilder, die sehr lange, wie eingebrannt im Gedächtnis haften. – Allerdings ungute. Man kann Sachen sehen, die nicht gut sind.
Gibt es das bei Büchern auch? Ich denke nicht in gleicher Weise.
Kann es sein, dass Du chronologisch meinst, wo Du ´linear´ schreibst?!
Erstmal nur so viel.
Oktober 11th, 2007 at 2:22 pm
nur ein nachtrag zum verständnis:
ja, mit linear meinte ich chronologisch: eine rezeption der zeitlichen abfolge nach, wobei der film (gemeint ist immer der kinofilm, also einer, den man nicht anhalten und zurückspulen kann) diesem gesetz mehr unterliegt als das buch. und das moment der zeit scheint mir ein zentrales unterscheidungskriterium zu sein. beim buch hat man immer die freiheit der unterbrechung und wiederaufnahme der lektüre; beim film würde dies ein abbrechen des schauens bedeuten, wobei dieser jedoch weiterliefe. auch das tempo der rezeption ist sehr unterschiedlich: beim buch habe ich es innnerhalb gewisser grenzen selbst in der hand, die lesegeschwindigkeit zu bestimmen; beim film geben einstellungen, montage und schnittfolge das tempo vor. vielleicht erklärt sich daraus auch das längere haftenbleiben von büchern im gedächtnis, wobei es auch da ausnahmen geben wird: es ist wahrscheinlich von mensch zu mensch verschieden, ob und wie er eher mit filmbildern oder mit bucheindrücken lebt. je nach temperament und sensibilität fürs medium, und auch je nach sozialisation und dem grad der erreichten lesekompetenz. aber das wäre wieder ein anderes thema, auch eines, bei dem man sich über die physiologie der sinne und das abspeichern von bildern oder wortfolgen im gedächtnis unterhalten müßte. ich wollte nur auf die unterschiedliche gewichtung der zeit in der rezeption von büchern und filmen hinweisen. davon unangetastet bleibt die tatsache, daß filme und bücher unseren zeitsinn, unser zeitgefühl verändern können. doch das ist wieder ein anderer punkt, auf den wir vielleicht später zurückkommen können. ich will versuchen, nur einen gedanken pro kommentar zu entwickeln, so daß darauf besser und direkter reagiert werden kann.
Oktober 11th, 2007 at 11:35 pm
Äpfel schmecken nach Äpfeln, Birnen nach Birnen.
Man kann einen Gegenstand präzisieren, wenn man ihn in einen Vergleich mit einem gänzlich anderen setzt, der aber wenigstens eine Eigenschaft als gemeinsame Schnittmenge mit dem ersten Gegenstand teilt: Es geht bei Büchern und Filmen um Bilder, bene; aber es sind jeweils ganz andere – äußere, innere, konstruierte, bewegte etc.
Das ist hier schon zur Genüge eingebracht worden. Der Vergleich ist problematisch, weil es DEN Film ebenso wenig gibt wie DAS Lesen (hat schon Wolf-Dieter angedeutet).
Die Diskussion erscheint ein wenig verzettelt, ich habe schon vor ein paar Tagen überlegt, wie ich mich einschalten könnte, ohne gleich eine Abhandlung zu schreiben. Bereits das von Uwe gebrachte Zitat von Morrien fand ich recht lang – und auch langweilig. Da zündete bei mir nichts (wir sind wieder beim Thema “Lesen”).
Beim Lesen geht es doch gar nicht immer um Bilder. Wenn ich z.B. ein Stück von Shakespeare lese, stelle ich mir keine Theaterszene vor, auch keine Leute in Wams und Hut vor einem Renaissancepalast (diese “Leistung” erbringen z.B. Filme). Und doch ist man auch von Dialogen bisweilen fasziniert, auch hier wird durch Sprache ja ein Lesetempo vorgegeben, will sagen, es kann sehr spannend sein, was da geäußert wird. (Nebenbemerkung: viele von Ingmar Bergmans Filmen funktionieren auch, wenn man die Augen schließt und sie wie ein Hörspiel rezipiert).
Also, geht es wirklich immer um Bilder?
Oktober 12th, 2007 at 1:39 pm
Lieber Michael,
´verzettelt´ kommt es mir nicht vor, vielleicht noch nicht sortiert. – Aber um ´Abhandlungen´ geht es ja auch nicht. Wir verständigen uns über das, was uns interessiert. Wir sind hier ja nicht im Seminar.
Deswegen finde ich auch den Äpfel- Birnen- Vergleich unpassend.
Wir konsumieren Bücher und Filme und unterhalten uns darüber, wie das aufuns wirkt – was soll daran nicht legitim sein?! Außerdem sehe ich nicht nur den Begriff des Bildes als tertium comparationis – wenn es das überhaupt braucht, wie Du ja meinst.
Und Shakespeare: Da muss ich ja nicht an die Renaissance denken – ein Shakespeare-Stück kann bei mir auch Assoziationen und Erinerungen an Selbsterlebtes auslösen.
Was mich interessiert (u.a.), ist: Wie fühle ich mich nach, sagen wir, zwei Stunden lesen und zwei Stunden Film sehen. Was regt das in mir an? Usw. – Dass wir den Hinweis nicht zwingend benötigen, dass es DEN Film und DAS Buch oder DAS Lesen und DAS Sehen so nicht gibt, das glaube ich, weißt Du auch. Doch darum ging es auch nicht. – Ist das ein deutsches Bedürfnis, alles immer schön rein und unterscheidbar haben zu wollen?
Und dass ich es gern etwas konkreter hätte – hatte ich ja schon gesagt. – Zum Beispiel auch an einzelnen Filmen oderBüchern entlang zu argumentieren.
Wir sammeln erstmal Eindrücke, Meinungen, Stimmen, das ist für mich noch nicht verzettelt.
Zu Uwe: Du setzt Kino voraus – und in der Tat neigt man dazu, aber sind wir mit Film in Form von Fernsehen und DVDs, Youtube o.ä. nicht viel häufiger konfrontiert? Warum also das (in diesem Zusammenhang ´hehre´ ?) Kino?
Damit es nicht zu lang wird erstmal so viel.
Oktober 12th, 2007 at 9:17 pm
Tja, es ist ja inzwischen auch deutsche Eigenart geworden, jemanden mit der Keule “Das ist typisch deutsche Eigenart” zu bedrängen… Aber lassen wir diesen Diskurs mal beiseite. Mir schwante schon, dass meine gestrige polemische Einleitung Gegenpolemik auslöst. Und darum ging es mir ja eigentlich gar nicht. Ich könnte bei meinem Vorschlag, Filme nicht mit Büchern zu vergleichen, mit Derrida argumentieren, der mal gefordert hat, dass man die spezifischen Eigenheiten einer Gattung oder eines Mediums für sich berausarbeiten und betrachten solle. Aber eben: keine Abhandlungen.
Dem Wunsch nach Konkretion will ich gerne nachkommen. Als Jugendlicher hat mich Weischedels “Philosophische Hintertreppe” ENORM begeistert. Nichts mit Bildern, auch – scheint mir – nichts mit Innenräumen, sondern stattdessen: ein Heraustreten, eine Befreiung, ein Modell, bestimmte Fragen immer wieder neu und anders zu denken, das Kaleidoskop zu schütteln und etwas Neues zu beatunen. Das Buch kann heute keinem Uniseminar genügen (auch damals nicht), dafür ist es auch nicht geschrieben worden. Es wendet sich an den jugendlichen Leser, der mit ihm ein Werkzeug der Denk-Befreiung in die Hand bekommt. Als pubertierender Jugendlicher habe ich das jedenfalls so empfunden. Mit einem Klassenkameraden, der das Buch ebenfalls gelesen hatte, führte ich immer wieder Diskussionen um die Inhalte des Buches – wie fühlten wir uns klug und bereichert. So eine jähe Erweiterung des Denkhorizonts hatte uns kein Lehrer vermitteln können. Das geht, glaube ich, mit Filmen nicht. Und vielleicht geht es in der Intensität auch nur in der Jugend, wenn man ausbrechen will.
Viele Fragen könnte ich (auch mir) jetzt stellen: Versuchen wir als Erwachsene, diesen Zustand der euphorischen Lektüre zurückzugewinnen (was bedeuten müsste, dass wir ihn verloren hätten)? Erleben wir diesen Zustand bisweilen noch? Wenn ja, wie müssen diese Bücher sein?
Oktober 13th, 2007 at 10:25 pm
Ach na ja, nur nicht so empfündlich – wer austeilt, muss auch einstecken können, oder?! ABER: SO polemisch war meine Replik ja nun wirklich nicht, das sähe GANZ anders aus. Und überhaupt: Hast Du was dagegen mit ´deutsch´ in Verbindung gebracht zu werden?! Wo ist denn da die Keule? Aber gut, Du komst mit einem anderen Thema, und einem konkreten, schön:
Weischedel spielte in meiner jugendlichen Lesebiographie auch eine Rolle, allerdings eine sehr viel bescheidenere. Und wir hatten uns schon als Schüler Gedanken gemacht, inwiefern dieses Buch zitierfähig ist – unser Philosophielehrer bejahte das allerdings. Uns war er etwas zu einfach, zu klar, zu zusamenfassend.
Ich habe mich an manchem entzündet – je nach Alter.
Ich habe, ich stehe dazu, eine intensive Hesse-Phase gehabt, aber vielleicht war das Buch, das eine ähnliche Rolle wie der Weischedel bei Dir spielte, bei mir Camus´ “Der Mythos von Sysiphos”, ein harter Brocken in diesem Alter (und vielleicht später auch noch?!).
Was Du ansprichst, die Erfahrung der Erweiterung der (eigenen, kleinen) Welt, des eigenen Blicks und Denkens, das kann man mit diesem oder jenem Buch erleben, wichtig ist, dass man es erlebt. – Und vielleicht ist das, Deine Argumentation geht ja auch in diese Richtung, eine buchspezifische Erfahrung, also eine, die man mit Filmen SO nicht macht, nicht machen kann?
Mein Eindruck ist schon, dass man dem ein Stück weit nachhängt, was heißt, dass man etwas verloren hat. – Nicht alles, und man hat viel dazugelernt, liest viel reifer, mit viel mehr Hintergrund usw. – aber die Intensität ist eine andere.
Und vermutlich kommen erwachsene Leseerfahrungen nur noch in die Nähe einer solchen Intensität.
Wo man am ehesten noch solche Erfahrungen machen kann? Um es allg. zu sagen: Mit Büchern, die Innerstes berühren, die im Augenblick wie für einen selbst geschrieben scheinen.
Aber mit diesem jungen Lesen geht es uns wohl wie mit der Kindheit überhaupt. Da ist etwas, das war – und wir bemerkten es – notgedrungen – erst, als es vorbei war, und dann hinterließ es eine nicht mehr wirklich füllbare Lücke. Jean Paul hat sehr hübsch und sehr gescheit darüber geschrieben.
Könnte man das so zusammenfassen, dass Bücher halt doch nähere Verbindung zu Wissen und Denken (…) haben als Filme? Oder gibt es jemanden, der dagegen argumentieren kann und will?
Andererseits gibt es auch frühe Filme in der Guck-Biographie – und die werdeen auch anders wahrgenommen worden sein, als die die wir heute sehen: Abgebrüht, zynisch geworden, durch nichts mehr richtig zu schocken. – Und das ist vielleicht ein Effekt, der bei Büchern anders stattfindet?!
Oktober 15th, 2007 at 4:50 pm
Ich habe den “Weischedel” auch in der Schule gelesen und fand ihn damals nicht schlecht. Heute geht es mir ähnlich wie Michael mit dem Buch. Aber was davon geblieben ist, ist die Idee eines anderen Zugangs zur Philosophie. Die Hintertreppe ist nicht der Königsweg, aber manchmal macht man Entdeckungen, die einem entgehen, wenn man durch den Haupteingang kommt. Für heute heißt das: Keine Sehnsucht nach früher (Leseerfahrung), aber versuchen, die Augen offen zu halten.
Helmut hat die offenen Augen als ausreichende Bedingungen genannt, um Filme zu gucken. Das trifft sicherlich in den späten Abendstunden zu, wenn man auf dem Sofa liegt. Allein, es reicht nicht aus, um differenzierte Filmerfahrungen zu machen. Aber es genügt, damit Filmbilder eindringlich wirken, auch über die Jugendzeit hinaus.
“Moby Dick” ist ein Film, der mich als Jugendlicher nachhaltig beeindruckt hat. Es gibt einzelne Bilder, an die ich mich lange Zeit spontan und immer wieder erinnert habe, etwa wenn Ahab nachts mit seinem Holzbein übers Deck wandelt. Und vor allem die Szene, wenn er auf sein Bett blickt und die denkwürdigen Worte spricht: “Das Bett ist ein Sarg, das Bettuch ist ein Leichentuch.” – Sie haben mich bei so manchem Versuch, schnell einzuschlafen, begleitet.
Wirken diese beiden Szenen deshalb so nachhaltig, weil sie so konkret sind? Ja, das auch. Aber durch die konkrete Beobachtung hindurch entstehen auch Spielräume für Interpretationen, die sich nicht indem erschöpfen, was der Film an seiner Oberfläche zeigt.
Noch eine allgemeine Bemerkung: Hier ist oft die Rede vom Tempo, das der Film vorlegt. Gemeint ist wahrscheinlich, dass die Einstellungen kürzer und ihre Abfolgen schneller werden. Vielleicht geht es auch um den zunehmenden Einsatz von Einstellungen, die mit einer Handkamera gedreht sind. Das sind für das Hollywoodkino u.ä. treffende Beobachtungen. Aber geht es im Film darum, jede Einzelheit zu erfassen, soll das Filmbild abbilden, was es zeigt? Und: Würde man eine solche Vorstellung mit Büchern verbinden? Soll der Buchautor alles haarklein beschreiben? Beschreibt diese schnelle Abfolge vielleicht eine veränderte Wahrnehmung, die gerade nicht auf das Einzelne als das Besondere zielt?
Oktober 17th, 2007 at 12:36 pm
komisch,
auch ich habe den weischedel in meiner jugend gelesen. wie kommt das? ich habe ähnliche erfahrungen wie ihr mit ihm gemacht. erste “fingerübungen” im philosophischen denken, in einer sprache, die nicht so begriffsschwer daherkommt. als einstieg durchaus geeignet.
das mit dem euphorischen lesen in der kindheit und jugend ist wirklich spannend. meine eigene lesebiographie beginnt erst mit etwa 15 oder 16 jahren. zuvor war ich motoriker und lausbub, kannte das leben zwischen zwei buchdeckeln überhaupt nicht. das lesen begann erst mit 15 oder 16 und löste eine veritable adoleszenzkrise aus, die sich bis in die mittzwanziger meines lebens hinzog. was ich davon in erinnerung habe ist mit dem von euch beschriebenen vergleichbar. ein lesen, das einen sich selbst und seine um-welt fremd und zugleich vertrauter werden ließ. ein lesen, bei dem man in eine fremde welt abtauchte und mit dem gefühl, beschenkt und in gewisser weise erweitert worden zu sein, wieder auftauchte.
war es beim lesen das innenleben der figuren , ihre gedanken und ideen, die bei mir zündeten, so waren es bei den filmen in meiner jugend die rollenbilder, die verhaltensmuster der “helden”, die mich faszinierten. aber auch dialogzeilen und filmeinstellungen, ganz allgemein bilder prägten sich mir ein und blieben im gedächtnis erhalten, bilder, oftmals so obskur, daß mir bis heute worte dafür zu fehlen scheinen. auch sind sie nicht immer abrufbar, tauchen nur bei bestimmten gelegenheiten wieder auf, werden erinnert aus einem aktuellen anlaß. interessanterweise gab es sogar eine korrespondenz zwischen den büchern und den filmen meiner jugend: ich las die existentialisten um sartre und camus, und war von der nouvelle vague oder dem film noir angetan (die ich vor allem im fernsehen sah). vergleichbar war die intensität des eindrucks: vielleicht war die gehirnmasse noch weicher und empfänglicher für die “paßformen” der bücher und filme. jedenfalls lies ich mich leichter und unbekümmerter mitreißen, mitnehmen auf eine reise, mehr emotional ansprechen. auch war die bereitschaft zur identifikation größer: die lust auszubrechen aus dem, was einen tagtäglich bestimmte. das wiederherzustellen, ist unmöglich, da habt ihr recht. aber unterbewußt bleibt die sehnsucht nach einer solchen intensität der ästhetischen erfahrung, denn davon sprechen wir doch, auch bei meinen heutigen lese- und filmreisen tätig.
und zuletzt, ein neuer gedanke, provokativ und bewußt verkürzt mit hilfe von hans peter piwitt formuliert:
“lesenwert bleibt und wird bleiben, was nicht verfilmbar ist.” (piwitt, steinzeit, s.8)
gibt es das, etwas unverfilmbares und was wäre es? könnte man das zitat auch umkehren und wie würde diese umkehrung lauten?
mit mb sollten wir also danach fragen, was das je eigene medium ausmacht, um vielleicht noch genauer deren wirkweisen unterscheiden oder auch vergleichen zu können.
Oktober 18th, 2007 at 11:37 am
Uwes jüngster “Lausbubenstreich” ruft mich auf den Plan, denn das Zitat ist sehr gut geeignet, um eine Differenzierung der Gattungen weiter vorzunehmen. Der Aussage von Piwitt wäre wohl nur unter der Bedingung zuzustimmem, wenn man Filme als Eins-zu-eins-Übersetzung eines Textes definieren würde, aber das sind sie ja nicht. Auch schwingt in der Aussage sicher das alte Vorurteil mit, dass der Film den Betrachter, der zuvor ein Leser war, aus dem Paradies seiner inneren Assoziationen vertreibe und ihm die Bilder raube. Natürlich gibt es Momente bei Literaturverfilmungen, bei denen man sich denkt “Das hätte man jetzt anders machen müssen oder können”. Es kommt ja auch immer darauf an, was aus der Fülle des Textes in Szenen umgesetzt werden soll – Handlung, Gesichter, Interieurs oder Landschaften? Am besten natürlich alles. Abr wenn einem bei einer Dostojewski-Verfilmung nur die Kullertränen von Maria Schell und die Klangsoße kitschiger Musik in Erinnerung bleibt, ist was schiefgelaufen.
Konkretes Beispiel für eine m. E. geglückte Umsetzung, die aber keine Übersetzung ist: Queneaus “Zazie in der Metro” ist ein übersprudelndes, sprachwitziges Buch (sicher, könnte mal eine aktuellere Übersetzung brauchen). Louis Malles Verfilmung, die ich kürzlich zum ersten Mal sah, ist ebenso funkensprühend, aber mit filmischen Mitteln. Malle schafft etwas Neues, man käme nicht auf die Idee, dass man das Gesehene in Literatur umsetzen könnte. Und doch gab es ja vorher das Buch…
Anderes Beispiel, etwas skeptischer, “Spiel mir das Lied vom Tod”, einer meiner Liblingsfilme. Beim ersten Sehen haben sich Bilder eingebrannt, die ich bei der Lektüre eines entsprechendnen Buches vor dem inneren Auge nie so “gesehen” hätte. Ich denke da an das melancholische Lächeln von Henry Fonda, als er den kleinen Jungen abknallt. Das wirkt noch beim wiederholten Anschauen des Films (wie Helmut sagt, bleiben häufig die unangenehmen Bilder besonders stark in Erinnerung). Aber z.B. auch die Szene, als der schurkige Eisenbahnunternehmer vor dem Gemälde mit dem Pazifik einem sehnsuchtsvollen, kurzen Tagtraum verfällt und sich das Meer als Ziel seines Unternehmens real vorstellt. Der gequälte, sehnende Blick in der Überblendung mit der Meereszsene schafft bei mir ein Neues, löst wieder etwas aus, eine Kette von Assoziationen, die kulturell überformt sind: das Meer als Symbol für Seelenruhe, für Unfassbares, aber auch für den Tod. Interessant ist, dass diese Konnotationen sicher durch Texte geprägt sind.
In diesem Kontext würde mich noch interessieren, ob bei Wolf-Dieter diese ihn so lange beschäftigende Szene aus dem Moby-Dick-Film durch das Bild oder eher durch den Text so einprägsam wurde. Oder war es die Kombination aus dem Bild und dem Text?
Oktober 18th, 2007 at 11:47 pm
Ein starker Eindruck, das heißt doch wohl: Die Emotionalität eines ´Bildes´. Das kann etwas überindividuelles sein – oder etwas doch mehr persönliches: Warum spricht mich GERADE DIESES in besonderer Weise an?
Ich hätte auch Beispiele. Als Kind sah ich zwei Filme, die mich enorm beeindruckt haben und mir nachgingen – im Grunde bis heute, da ich mich ihrer noch erinnere. Den einen hab ich verloren. Das heißt ich hab ihn nie mehr gesehen und weiß nichts darüber. Ich glaube es war ein schwarz-weiß-Film. Es ging um einen Mann, der einen Hund hatte und der – warum weiß ich nicht mehr – seinen Hund ersäufen musste. Er ging mit ihm in die Kneipe, bestellte einen Teller Suppe und stellte sie dem Hund hin.
Der andere begegnete mir viel später wieder – ein merkwürdiger ´Fund´. Es war “Mutter Krauses Fahrt ins Glück”, im Grunde ein Propagandafilm. Darin braut sich eine alte, arme Frau nochmal einen mehr als starken Kaffee, bevor sie sich umbringt.
Nimmt man nur diese beiden Beispiele, muss ich zu der Zeit vom Melodramatischen stark ansprechbar gewesen sein.
Eine ganz andere Szene, die ich echt gruselig fand – worüber ich heute vermutlich lachen würde, entstammt dem “Tiger von Eschnapur”. Es ist der Moment, als das Tor zur “Unterwelt” geöffnet wird – und die darin verwahrten Kreaturen zuerst gar nicht reagieren, sie sind erstarrt, dann bewegen sie sich sehr langsam, wie in Zeitlupe – um schließlich auf das Tor zuzustürmen, um in Freiheit zu gelangen.
Es geht um Intensität, es geht um Emotionalität.
Uwe sprach ja vom sich mitreißen lassen.
Der Satz von Piwitt ist so eine Sache: Mir scheint er nicht zu stimmen, bzw. von falschen Voraussetzungen auszugehen. Es kommt darauf an wie er es meint. Meint er es inhaltlich, ist es Unsinn. Meint er es anders, ist der Satz nicht bes. glücklich gewählt, finde ich.
Was Michael schrieb, ging vielleicht in eine ähnliche Richtung. “Zazie” kenne ich, glaube ich, nicht.
“Moby Dick” und “Spiel mir das Lied vom Tod” allerdings schon. Beides auch Filme, die mir etwas sagen, die mich aber zu unterschiedlichen Zeiten erwischt haben – das spielt ja auch eine Rolle. – WANN sieht man etwas in seiner Guck-Biographie.
Einer der ersten Filme, die ich im Kino sah, war “Little Big Man” – keine schlechte Einführung in´s Kino.
Man könnte nun im Austausch solcher Pathos-Bilder schwelgen und sich erinnern – und darüber die Frage vergessen, wie denn die Bilder oder der Text auf uns wirken. Wolf hat anhand des Tempo-Begriffs auf die veränderte Wahrnehmung abgehoben, außerdem stört ihn, dass der Film abbilden soll was er abbildet (sag ich mal polemisch). Übrigens könnte man dem Verweis auf die Literatur nachgehen: Es gibt extrem alliptisch und parataktisch schreibende Autoren und es gibt solche, die einem immer die Physiognomie der Figur mitgeben müssen, oder wie Proust Sätze über Seiten dehnen und dabei mehr als genau beschreiben.
Heute hatte ich anläßlich des Ausräumens einer privaten Bibliothek Anlass, darüber nachzudenken, wie es sich eigentlich mit erotischer Literatur verhält. Könnte das etwa klären helfen? Es gibt erotische Bücher, deren einziges erotische Bild auf dem Cover zu sehen ist – und es gibt Erotik-Filme – was macht das eine, was bedient es – und was das andere?Oder zurück zu Piwitts Satz: Passiert da nicht etwas völlig verschiedenes auf der einen und der andren Seite – und ist dieser Vergleich deswegen gar keiner?
Oktober 18th, 2007 at 11:49 pm
((der allgegenwärtige Weichschädel))
Oktober 19th, 2007 at 6:39 pm
@ Michael: Bei “Moby Dick” war es die Kombination, um nicht zu sagen die Montage von Bild und Ton, die den bleibenden Eindruck verursacht haben. Zunächst sieht man, wie Ahab mit seinem Holzbein übers Deck wandert. Dann hört man das Geräusch, das er dabei macht und man sieht die Besatzung unter Deck lauschen.
Die Intensität, von der Helmut gesprochen hat, ist nicht primär eine die dem Filmbild zuzuschreiben ist. Dasselbe Bild, ein anderer Ton oder andere Musik, und die Wirkung ist bei vielen Filmbildern eine andere. Ich gebe zu, dass das gegen manche Filmbilder spricht. In “Spiel mir das Lied vom Tod” ist das Mundharmonikaspiel ebenso zentrales filmisches Moment wie die Bilder, die Michael beschrieben hat.
@Helmut: Noch ein paar Bemerkungen zum Filmbild. In meinem Verständnis soll es nichts abbilden, auch keine pipe/Pfeife. Der Gegenbegriff zur Abbildung heißt Darstellung. Im Medium Film wird etwas dargestellt, dessen Bedeutung und dessen Struktur nicht daran gemessen werden kann, in wieweit es identisch oder ähnlich ist, mit dem, was das gefilmte Objekt ist. Das ist besonders augenfällig im pornografischen Film, um auf die Erotikdiskussion zu kommen. Der nackte Körper, der im Porno zu sehen ist, ist in extremen Maß aufbereitet und arrangiert, um im Film seine maximale Reizwirkung entfalten zu können. Als bloß abgefilmter würde er i.d.R. mehr verdecken als zeigen.
@ Ewu: Andrej Tarkowskij vergleicht in seinen Schriften die einzelnen filmischen Mitteln mit kommunizierenden Röhren. Sie stehen gleichberechtigt nebeneinander und, was wichtiger ist, der Begriff “kommunizieren” ist nicht symbolisch gemeint. Sie spielen zusammen wie die Instrumente in einem Orchester, wie eine Band, in der Motive und Improvisationen aufgenommen und weiter getragen werden. Dadurch entsteht eine Intensität, die im Zuschauer eine Resonanz hervorruft, die ihn anrührt. Ein Buch weckt anders und es ruft andere Resonanzen hervor. Deshalb mag es Bücher geben, die nicht verfilmbar sind.
Vielleicht hat die Intensität auch etwas damit zu tun, dass Filme oft gemeinsam angeschaut werden oder angeschaut werden können.
Oktober 21st, 2007 at 7:15 pm
Replik zu Wolf:
Ich beginne am Ende, denn das ist am einfachsten:
Das gemeinsame Schauen als Steigerung des Eindruckes? – Bei mir ist in der Regel das Umgekehrte der Fall.- Mich stört im Kino vieles – ich bevorzuge möglichst leere Kinoräume. Mich stört des Gekraschpel von Chips- und Haribotüten ebenso wie das Rollen von Bier- und Colaflaschen, Bierdunst und Popcornduft – Popcorn auf den Sitzen und in den Ritzen. Mich stört das Gequatsche von anderen, die Lacher an der falschen Stelle, mich stört das penetrante Notausgangslicht von der Seite, das einem den ganzen Film über in die Optik grinst – ich bin wohl eigentlich kein Kinogucker!? Ich will konzentriert sehen. Das Gute am Kino ist halt das Format, die große Leinwand.
Noch einmal zur Intensität des Eindrucks von Filmbildern: Mir scheint hier eine andere Wirkungsweise als die von Literatur vorzuliegen. Und mir scheint, dass es evtl. einen Widerspruch bei Wolfs Kommentar gibt: Zu Beginn ist von den Filmbildern die Rede, dass nicht nur sie Intensitäten mit sich führen – später noch einmal, von anderen Resonanzen bei einem anderen Medium. Letzteres scheint mir triftiger. Mangels einer Begrifflichkeit würde ich sagen, dass Filmbilder ungefilterter, direkter – fällt jemandem etwas besseres ein? – auf uns wirken. Ist das Auge der weniger ´geschützte´ Sinn? Und diese Ausgesetztheit könnte eben mit der Erfahrung höherer Intensität zusammenhängen.
Gut finde ich, den Begriff der Darstellung einzuführen. – Aber (das muss natürlich kommen) ich bin so nicht ganz einverstanden. Denn das völlige Absehen davon, dass eben doch auch etwas abgebildet wird, scheint mir nicht überzeugend zu sein. – Und hat ja auch seine Wirkung. – Wenn ich in einem, sagen wir, 50 Jahre (beliebig) alten Film einen Baum sich im Wind wiegen sehe, dann löst das konnotativ u.U. etwas anderes aus, als wenn ich einen Baum in einem Film aus diesem Jahr… Das gleiche it Menschen. – Wie ist es, einen Film zu sehen, von dem ich weiß, dass sämtliche Menschen, die darin mitspielen, mittlerweile gestorben sind?
Ich habe eine DVD, auf der vor über 100 Jahren britische Filmer Leute aufnahmen, wie sie aus einer Fabrik oder aus einer Schule kommen etc. – Das ist einfach abgefilmt. Ist es trotzdem Darstellung in Wolfs Sinne?
Den Begriff der Darstellung finde ich auch etwas problematisch. Wie ist das mit aktiv und passiv? Der Aufnehmende stellt nicht eigentlich dar. Er wählt aus, stilisiert… Und das Gefilmte – stellt es dar?
Oktober 21st, 2007 at 7:17 pm
Die Kommentarschlange ist inzwischen so lang, dass man sie vielleicht kappen und eine zweite beginnen sollte, weil es eine Weile dauert, bis man von oben nach unten kommt?