Leonard Gardner: “Fat City”

September 1st, 2007

Leonard Gardner: “Fat City”, aus dem Amerikanischen von Ursula Locke-Groß und Michael Naumann, Reinbek bei Hamburg 1991, die Originalausgabe erschien 1969 unter gleichem Titel , 198 Seiten, ab 1 Cent plus Porto (drei Euro) bei Amazon

Ein finsteres Buch.
Es spielt unweit der Gosse in stinkenden, muffig-verschwitzten Räumen, die so verzweifelt nach Hoffnung riechen. Und ab und zu auch zu Recht riechen könnten, wenn diese Helden nicht so typisch charakterlose Kerle wären: Vielleicht harte Fäuste und notgedrungen einigermaßen hart im Nehmen – aber dann doch so unendlich schwach, wenn es um etwas Disziplin und Konsequenz ginge, wobei die ihnen weniger fehlt als Sinn, schlichter Lebens-Sinn. Oder Überblick. Oder Erziehung. Oder Harmonie.
So kämpfen Verlorene gegeneinander, die Verlierer sind, auch wenn sie mal gewinnen. Sie sind nicht in der Lage etwas daraus zu machen; das haben sie nicht gelernt, das kam in ihrer Kinderstube nicht vor. Wurden sie bereits mit einem Stempel auf der Stirn geboren?
Ebenso wenig gelernt haben sie – ist das erlernbar? – den Umgang mit Frauen. Entsprechend fatal fällt das Ergebnis auch aus. Dies wird besonders in den wie aus dem Leben gegriffenen Schein-Dialogen deutlich, in denen sich die Protagonisten so wunderbar herzzerreißend verfehlen und in denen haltlos aneinander vorbei geschwafelt wird. (Vgl. S. 142 ff.) Einsame treiben durch´s All. So oder ähnlich wird es auch schon zwischen Sokrates und Xanthippe gewesen sein. Doch ob es rappelt in der Beziehungskiste oder nicht, man sehnt sich nach einer Frau – und hat man eine, erträgt man sie nicht. Oder umgekehrt. (Vgl. S. 114 f. und S. 126 f.)

Es ist ein sprachlich überzeugendes Buch, das in einigen Passagen ebenso mitreißend wie niederschmetternd ist. Temporeich und sinnlich wird erzählt (vgl. etwa S. 146) und selbst die Schilderung der Kämpfe kommt ohne falsches Heldenpathos und ohne jede Rocky-ähnliche Allüre aus. Der Ton erinnert bisweilen ein wenig an Chandler oder die Schwarze Serie: Schnell, hart, trocken, ohne Zimperlichkeiten.
John Huston hat das Buch unter gleichem Titel 1972 verfilmt.
Von schwachen Menschen wird berichtet, von Menschen wie im wirklichen Leben. Ein Buch über den allzu alltäglichen Kampf ums Dasein, den unwürdigen Fight für einen Job, ein bisschen Geld oder eine nächste Chance.
So trennt man sich von der Schlampe mit der man zusammen ist, säuft sich kaputt und sehnt sich auch wieder nach ihr, die selbst mehr trinkt als ihr gut tut. Schließlich landet der Held in einer Erotik-Show, die an trauriger, heruntergekommener Widerlichkeit nicht viel Ebenbürtiges haben dürfte. (Vgl. S. 166)

Ein Boxer-Roman?
Ja, aber nicht nur.
Es ist auch ein Roman über modernes Empfinden in einer bestimmten Schicht und einem bestimmten Alter. Beziehungsporträts, das fatale Verhältnis der Geschlechter (vgl. S. 114 ff.) gehören ebenso dazu wie die Schilderung des Verhaltens in einer Gesellschaft, in der nichts umsonst ist, in der das bloße Leben oft genug durch entwürdigende Arbeit ´verdient´ werden muss. (Vgl. S. 81 ff.) Abgewrackte Menschen treiben durch eine ungerechte und gleichgültige Stadt .
Also ein Buch, das so schwarz ist wie sein Einband.

Ein Beispiel:
“Inmitten einer Phantasmagorie ausgelaugter, armseliger Gesichter, narbiger Wangen und Nacken, schiefgeschlagener, pockenzerfressener, eingedellter und geschwollener Nasen, fehlender Zähne, brauner Zahnstümpfe, zahnloser Kiefer, Stoppelbärte, wulstiger Lippen, Schlappohren, offener Wunden, Schorf, herunterlaufenden Tabakspeichels, eingezogener Schultern, aufgeschlagener Stirnen und müder, verzweifelter, verwirrter Augen sah Tully im Licht der Straßenlaternen der Center Street einen jungen Mann mit gebrochener Nase, der ihm bekannt vorkam.” S. 128

Gut auch, dass Gardner den Boxer Billy Tully später im Roman einen Zweifel, ja Ekel an dem bekommen lässt, was für einen Boxer selbstverständlich sein sollte: Das Kämpfen im Ring.

Denis Johnson las Gardner, der 1933 in Kalifornien geboren wurde, mit Begeisterung und berichtet freimütig darüber, dass er von ihm geprägt ist, ja dass jedes von ihm selbst geschriebene Wort von Gardner beeinflusst ist.

6 Antworten to “Leonard Gardner: “Fat City””

  1. 1 ewu simpel
    September 13th, 2007 at 12:28 pm

    lieber helmut!

    ein finsteres, pessimistisches buch! ja das ist es wohl. und als literatur sehr gelungen, wie ich finde.

    eine präzise, unsentimentale, bisweilen verzweifelt nüchterne sprache; viele detailsatte milieuschilderungen; genaue beziehungs- und charakterporträts; exemplarische situationen, welche die figuren und ihr innenleben ausleuchten; eine in sich stimmige atmosphäre des ewigen kampfes ums über-leben.

    das thema ist niederschmetternd, der stil illusionslos und doch mit anteilnahme für die figuren ausgestattet, denen er selbst im scheitern ihre würde läßt.

    ich wurde neben den von dir genannten autoren auch an yates erinnert, von dem ich im übrigen den tip hatte, mir dieses buch einmal anzusehen. ich habe es nicht bereut: alltägliches unglück, unvermögen, scheitern, präsize beobachtet, klar und lakonisch dargestellt – was will man mehr.

    bei der frage: boxer-roman oder mehr? bin ich noch zu keinem ende gekommen. geht es gardner nur um die darstellung eines einer bestimmten klasse zugehörigen menschentyps und des ihm gemäßen schicksals oder hat die schilderung der beiden, parallelen boxer-lebensläufe auch allgemeingültige aspekte? etwa: der kampf und das scheitern als immer wiederkehrende struktur der conditio humana. ich bin mir nicht sicher. aber die ausgewählten episoden und die charakterzeichnung der beiden in diesen agierenden und scheiternden haupthelden sind so klar und exemplarisch gelungen, daß ich mitunter an eine parabel erinnert wurde. wie ist es dir ergangen? die immer wieder unternommenen versuche, erfolg zu haben, und das immer wieder eintretende scheitern: wie deutest du diese struktur der wiederholung, einer wiederholung, die zu nichts neuem führt, keine entwicklung auszeigt? selbst mit der in ihm aufkommenden erkenntnis, daß der kampf sinnlos und die kämpfenden verrückt sind, träumt billy tully doch bis zuletzt von einem comeback.

    herzliche grüße, uwe.

  2. 2 Helmut
    September 13th, 2007 at 1:05 pm

    Lieber Uwe,

    das Buch, Du weißt es, habe ich als Tip von Dir gelesen, es lag schon ewig und dreit Tage, aber immer noch eingepackt wie es kam, neben dem Schreibtisch, nun endlich hab ich´s mal gelesen.

    Wie bei Yates scheint es hier ein ´eingebautes Scheitern´ zu geben, ein zwangsläufiges, eines das einfach kommen muss.

    Insofern scheint es mir auch Gardner mit dem Buch weniger um das Porträt eines oder zweier Boxer zu gehen als, ja, parabelhaft, wieso nicht, darum, den Kampf, gleichsam ums Dasein, als allgemein darzustellen.

    Kampf und notwendiges Scheitern: So siehts aus in der Welt, könnte die Botschaft sein.
    Ob und wo da die Würde der Personen gewahrt bleibt – ich bin nicht sicher. – Die Würde der verlassenen Trinkerin bestände worin?

    Steckt die Illusion im Stil?
    Oder was ist ein illusionsloser Stil? Was wäre das Gegenteil?

    Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    September 17th, 2007 at 8:20 pm

    da sind wir uns ja weitgehend einig.
    ad würde: vielleicht liegt sie darin, daß die figuren immer wieder antreten, trotz der immer drohenden und dann auch – zwangsläufig – eintretenden niederlagen. und trotzdem treten sie wieder an.
    ad illusionsloser stil: gemeint war die nüchterne präzision, das nah an den dingen und personen bleibende der sprache, das genaue ausleuchten der figuren und ihrer widersprüche, das fehlen eines entwicklungsprozesses bei den charakteren, die konsistenz der atmosphäre.

  4. 4 Helmut
    September 19th, 2007 at 2:15 pm

    Tja,

    ist das Würde: Immer wieder aufstehen? .

    Vielleicht.
    Allzu sichere Zuweisungen reizen mich immer zum Widerspruch.
    Diese Woche war ja auch ein Politiker zu hören, der sich genua in diese Richtung äußerte: Die Pflicht zum Aufstehen, egal wie oft, wenn man auf die Fresse geflogen ist.

    Ja, mag sein, und dennoch: Warum wird das so betont? Warum wird so viel Wert darauf gelegt? Warum ist das den Leuten – und manchmal auch und gerade den falschen – so wichtig? Da muss doch auch noch was Ungutes hinter sein, wa?

    Könnte es sein, dass man diese Haltung, gerade in schlechten Zeiten (welche wären gut gewesen?), allzu leicht benutzen kann, ausnutzen kann?
    Und was ist es dann mit der Würde?

    Wäre es nicht manchmal ganz fruchtbringend, sich die Geschichte aus der halbhohen oder gar der liegenden Perspektive anzusehen? Vielleicht schon. Vielleicht gerade. Vielleicht einfach mal liegenbleiben.

    Wie reagieren dann die anderen?
    Lachen sie dich aus, treten sie auf dich ein, beachten sie dich nicht?

  5. 5 ewu simpel
    September 20th, 2007 at 2:29 pm

    liegenbleiben – sicher, das ist bisweilen auch eine praxistaugliche strategie. und eine veränderte perspektive aufs leben könnte es auch mal bieten. nur im roman wird sie nicht ausgeführt. dort unternehmen die figuren immer wieder den versuch, “ganz zu sein”, sich “ganz” zu fühlen mit ihren wünschen, hoffnungen und sehnsüchten. vielleicht liegt ihre würde darin, daß sie trotz ihres wiederholten scheiterns an diesen versuchen der sinnstiftung der eigenen existenz festhalten. wir müssen uns aber nicht am begriff der würde festbeißen. wie könnte man es noch nennen?

    wollten wir über das liegenbleiben sprechen, müßten wir den roman und seine charaktere und vor allem die in ihm herrschende atmosphäre des unvermeidlichen, zwanghaften scheiterns verlassen und uns allgemein, ohne konkrete vorlage dazu äußern. das muß ja nicht hier geschehen. es gibt ja noch andere blogs.

  6. 6 Helmut
    September 20th, 2007 at 9:05 pm

    Nun es ist eine Haltung – aber vielleicht die einzige, die erlaubt (!) ist. Wohl gerade (!)in den USA.
    Man kann diese Haltung als eine würdevolle ansehen. – Muss man?
    Dieses zwanghafte Müssen ist mir irgendwie ein Stachel im Fleisch. Vielleicht stört mich ja auch Müssen an sich.

    Andererseits: Völlig falsch ist es ja nicht: Immer einmal mehr aufstehen als hinfallen, ja ja.