Benjo Maso: “Wir alle waren Götter”
September 19th, 2007Benjo Maso: Wir alle waren Götter”, aus dem Niederländischen von Christoph Bönig, 319 Seiten, 19,80 Euro
Wenn man den Spruch Sepp Herbergers zweckentfremden und vom Fußball auf den Radsport übertragen darf, dann könnte man sagen: “Nach der Tour ist vor der Tour.”
Die Tour dieses Jahres ist längst Schnee von gestern. Doping war leider wieder das beherrschende Thema. Und dennoch kann man sich des Gefühls nicht erwehren: Vielleicht nicht beherrschend genug. Alles sehr fragwürdig, sehr am Spaß am Sport zehrend.
Bildquelle: cycling4fans.de
(Danke für das Recht zur Veröffentlichung)
Benjo Maso nun berichtet in seinem Buch von anderen Zeiten, er richtet den Blick zurück und schildert die Tour des Jahres 1948 und er tut es auf ambitionierte Weise. Sehr nah am Geschehen, mit vielen deutlichen Charakterisierungen der Fahrer und ohne sie bloßzustellen, lässt er die Tour von 1948 lebendig und spannend wieder auferstehen.
Unendlich schade, dass dem Buch nur zwei Bilder, nämlich die auf den Umschlagdeckeln, mitgegeben sind. Denn diese Fotos sprechen eine ganz eigene Sprache, eine die der Text nur bedingt vermitteln kann. Würde man dieses Buch mit den heutigen High-Tech-Rädern und aerodynamischen Anzügen und Helmen im Hinterkopf unbedarft lesen, läge man doch um einige Meter neben der Strecke. So wäre eine Bebilderung dieses Bandes keineswegs bloß Buchschmuck, sondern im Gegenteil handfeste, sehr wünschenswerte Information gewesen.
Maso zeigt, dass der Radsport früher wesentlich individueller war, es ging einfach noch bei weitem nicht so durchprofessionalisiert zu. (Vgl. S. 252) Die Tour war noch nicht das Medienspektakel, zu dem sie längst geworden ist. Damals starteten 120 Fahrer, sie fuhren 26 Tage und 40 von ihnen kamen in Paris an.
Natürlich wird auch Kurioses berichtet, etwa dass einer der Stars der damaligen Tour, Bartali, Raucher war (vgl. S. 58 f.) oder dass Abdelkader als Mittel gegen seine Erkältung Petroleum mit Zucker zu sich nahm – möge ihm das bedenkliche Hausmittel wohl bekommen sein. (Vgl. S. 58) Die Straßen waren oft noch schlecht, teils auch die Reifen, und die Fahrer hatten keinen Service, der mit dem heutigen auch nur annähernd vergleichbar wäre. So dürfte Wim de Ruyter über seine 28 Platten ordentlich geflucht haben. (Vgl. S. 96)
Weniger witzig war, dass in den Gazetten der Zeit in Kriegsmetaphern geschrieben wurde, was man von den Fahrern erwartete. (Vgl. S. 78) Die Tour wurde schon seinerzeit ernstgenommen, sechs tägliche (!) Ausgaben des “France Soir” gab es – allerdings doch teils mit einem Gemisch aus Dichtung und Wahrheit gefüllt.
Und es wurde auch bereits schnell gefahren, Durchschnittsgeschwindigkeiten von 36 oder 41 km gab es – wenn man dann noch die Räder, Straßen und Bedingungen bedenkt, eine enorme Leistung. (Vgl. S. 92 und 81)
Auch die Trainingsmethoden waren noch uninformiert, individuell und aus heutiger Sicht sehr einfach. Eine medizinische Betreuung existierte quasi gar nicht und auch über den Zusammenhang zwischen Herzfrequenz und Leistung wusste man nichts, das Intervalltraining war noch nicht vom Laufen zum Radsport vorgedrungen. Entsprechend unterschieden sich die Methoden der Einzelnen (vgl. S. 101 f.), was auch für das Verhalten am Ruhetag galt. (Vgl. S. 102 f.)
Sehr dramatisch und lesenswerter Höhepunkt des Buches ist die Schilderung einer Etappe, die als epische in die Geschichte des Radsports eingehen sollte. Sie führte am 16. Juli des Jahres über 263 km von Briancon nach Aix les Bains. (Vgl. S. 196 ff.)
Proteste wegen schlechter Wetterbedingungen gab es noch nicht. (Vgl. S. 196) Auch nicht, als das Feld bei 4 Grad Celsius über den Galibier geschickt wurde und die Hände von Fahrern so steifgefroren waren, dass sie platte Reifen mit den Zähnen von den Felgen zerren mussten, um sie zu flicken (vgl. S. 202) oder eine 30 cm hohe Schlammschicht den Straßenbelag bildete. (S. 203) Es waren eben – in mancher Hinsicht – andere Zeiten. Doch damals wie heute kann man sich über den Sinn und die gesundheitlichen Folgen von extremem Leistungssport Gedanken machen.
Maso hat ein ebenso informatives wie spannendes Buch geschrieben und ein unterhaltsames Porträt der 48er Tour geliefert.
Leider hat man Anlass, wie auch in anderen Büchern des kleinen Verlages, sich über Druckfehler zu ärgern, unter denen sich auch peinliche befinden.
Zum Beispiel:
Auf S. 45 ist in der 8. Zeile von unten ein Wort zu viel: “der”.
S. 112: “Ausbisque” ist kein Berg der Tour de France.
S. 145: ´das´ und ´dass´ sollten wenigstens in Büchern auseinander gehalten werden.
S. 187: “Wiederstandsfähigkeit” tut schon richtig weh. Und was sind, auf derselben Seite, “Bergwertungsfaktionen”?
Schön ist, dass es im Anhang ein Literaturverzeichnis gibt und vor allem die Ergebnislisten mit abgedruckt sind. So kann man die Teams, Teilnehmer und Ergebnisse mit den Zeiten nachlesen und vergleichen. Der bereits erwähnte Bartali, Lapébie, Robic, Impanis, Bobet, Vietto, Ockers, Schotte, Kirchen, das waren die großen Namen von damals. Zumindest für den, der sich für die Materie interessiert, haben sie noch heute ihren Klang. Einen etwas melancholischen vielleicht, doch wenn man an die Schilderung etwa der berühmten ´epischen Etappe´ denkt, ist Nostalgie hier wohl nur sehr bedingt angesagt. – Hätten uns Verlag und Autor nur mit Fotos versorgt!
Auch im nächsten Sommer wird es eine Tour geben, sie dürfte ebenso problematisch sein wie die der vergangenen Jahre, ihre ´Helden´ zweifelhafte. Insofern liefert die Tour wohl nur das passende Porträt unserer Gesellschaft. Wozu brauchen wir auch immer ´Helden´, und sei es nur ´Helden der Landstraße´, was allerdings allemal besser ist solche auf etwelchen Schlachtfeldern? Vielleicht weil wir selbst zu wenig Rad fahren?
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