Anatole Broyard: “Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village”

September 25th, 2007

Anatole Broyard: “Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village”, aus dem Amerikanischen von Carrie Asman und Ulrich Enzensberger, Berlin 2001 (zuerst, posthum, 1993), 188 Seiten, im Internet ab 3 Euro plus Versand

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buchDer Autor, Literaturkritiker und Herausgeber der ´New York Times´, starb im Jahr 1990 über der Arbeit an diesem kleinen, Fragment gebliebenen Werk. Dieses stellt den Versuch dar, so etwas subtiles, flüchtiges wie ein Lebensgefühl zu porträtieren. Das kann eine verdienstvolle Aufgabe sein wenn es gelingt, denn Spätgeborene haben kaum noch die Möglichkeit sich ein solches für eine vergangene Zeit zu rekonstruieren – sofern sie sich überhaupt dafür interessieren.
Das besondere an dem Buch ist sein lockerer Ton. Es liest sich sehr leicht, ist entspannt und humorvoll, eine angenehme Lektüre. Aber auch eine nicht ganz befriedigende. Manches erscheint zu obenhin, mit zu leichter Hand hingeworfen. Vielleicht, aber das muss Spekulation bleiben, spürte der Autor, dass er nicht mehr viel Zeit hatte?
Trotzdem ist es ein sympathisches Buch, das die Zeit und die Stimmung direkt nach dem Krieg in Greenwich Village schildert, das ein besseres Paris zu sein versuchte, obwohl es nur ein Ersatz-Paris war für diejenigen, die sich eine Europa-Reise nicht leisten konnten.

Zu dieser Zeit, der Autor ist ein gerade entlassener, sechsundzwanzigjähriger, aus Japan kommender GI, gehören zwei Dinge ganz zentral: Bücher und Frauen, beides in extenso.
Man liest: “Mir ist klar, daß die Menschen heute immer noch Bücher lesen und daß es auch noch Büchernarren gibt, aber was wir 1946 im Village für Bücher empfanden – ich spreche jetzt von mir und meinen Freunden -, ging über Liebe hinaus. Es war, als hätten wir nicht gewusst, wo Bücher anfangen und wo sie enden. Bücher waren unser Wetter, unsere Umwelt, unsere Kleidung. Wir lasen sie nicht nur, wir wurden zu Büchern.” (S. 41)
Es liest sich sehr nett von den Büchermaniaks, die die Grenzen zwischen Literatur und Leben verwischen.
Doch auch vom Leben wird berichtet, wenngleich auch hier die Grenzen zur Kunst verwischt werden. Sheri heißt die Frau, mit der er lebt, die ihm jedoch mehr wie ein Kunstwerk vorkommt oder wie “eine neuartige Krankheit”. (S. 12) Und wenn Broyard schreibt, dass er von ihr einberufen wurde wie zur Armee, (vgl. S. 11) wird deutlich, dass sie keine ganz gewöhnliche, keine unkomplizierte Beziehung führten – in einer besonderen Zeit: “New York City war noch nie so attraktiv gewesen. Die Nachkriegsjahre waren wie ein großes Lächeln in der düsteren Geschichte der Stadt. (…) Die Mieten waren niedrig, die Restaurants billig, und mir schien, das Glück selbst war billig zu haben.” (S. 16)
Er eröffnet ein Antiquariat, “eine klassische romantische Vorstellung”, (S. 39) wie er schreibt, und sieht die Bücher und ihre Autoren als seine Familie an. (Vgl. S. 40) “Niemand im Village hatte eine Familie. Wir waren alle unserer eigenen Stirn entsprungen, spontan entstanden, so wie man sich einst die Entstehung von Fliegen dachte.” (S. 41)
Kafka, Wallace Stevens, D.H. Lawrence und Celine gehörten zu dieser Familie. (Vgl. ebd.) “Ständig kamen Leute an, die mit wildem Blick, fast mit Schaum vor dem Mund, bereit waren, für Kafka jeden Preis zu bezahlen.” (S. 43)
Bücher und Sex, das war es, was ihn bewegte. (Vgl. S. 42) Seine Freundin Sheri, eine Bekannte von Anais Nin, bleibt ihm ein Rätsel, sie bringt ihn dazu, sie ständig zu interpretieren. (Vgl. S. 54) Er passt sich ihr an, macht sie zu seiner Bürde, ja sie bringt ihn schließlich so weit, dass er sie buchstäblich auf den Händen trägt. Doch er verlässt sie, als sie sich umzubringen versucht. Er, der von sich selbst sagt, dass er weniger eine Persönlichkeit war, als dass er aus Literatur bestand, aus einer Ansammlung fiktiver Vorstellungen von sich selbst. (Vgl. S. 66)
Sehr schön und sehr witzig ist das Kapitel über die Psychoanalyse. (S. 58 ff.)
Auch das Kapitel über Schapiro ist höchst amüsant zu lesen. (S. 70 ff.)
Auch andere Emigranten oder Persönlichkeiten der Zeit werden erwähnt und kommen in teils skurrilen Kurz-Porträts vor, Erich Fromm, Otto Rank, Dylan Thomas u.a.
Broyard interessieren die Schnittstellen und Interferenzen von Kunst und Leben und er erzählt anregend davon. Alles läuft etwas neben der Spur, doch er beschreibt es auf eher komisch wirkende, denn auf tragische Weise, was ja auch möglich wäre.

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pin Er resümiert, was im Jahr 1947 Sex war und was pornographisch und bezeichnet den Sex als Spielart der modernen Kunst. (Vgl. S. 160 ff.)
Die Annäherung und Überlagerung von Kunst und Leben, der Generalbaß des Buches, geht sehr weit, allerdings geht sie ihm selbst am Beispiel anderer auch zu weit und er fordert eine gewisse Ding- und Wirklichkeitsnähe, die ihm andere bereits verloren zu haben scheinen. (Vgl. S. 134)
Auch beklagt er die einengenden Rollen der Geschlechter, so wären die Frauen der Zeit wartende und duldende Schweigerinnen gewesen, was ihn deprimierte – so sehr, dass er sich, ganz konsequent, schließlich ein taubes Mädchen zur Freundin nahm. (Vgl. S. 147 f.)
“Schon das Sichausziehen war ein Drama. Ein stehendes Mädchen mit den Armen hinter dem Rücken, die Hände am BH-Verschluß, hatte etwas von der Schönheit einer Kreuzigung.” (S. 168) Diese Umstände führten dazu, dass Broyard die Wahrnehmung des weiblichen Körpers zu einer “Grenze des Irrsinns” fortgeschritten und die USA als “eine Nation von Voyeuren” sah. (S. 169)
In einer seiner wenigen psychoanalytischen Sitzungen stößt er, für sich selbst unvermittelt, auf die Formulierung, dass er transfiguriert werden möchte. “Im Roman transfiguriert die Liebe die Menschen (…). Sie hebt sie auf eine höhere Stufe, sie zeichnet sie aus, sie erhebt sie über die Alltäglichkeit. (…) Diese Menschen sind keine Lehrer oder Ingenieure mehr, oder was sie vorher auch immer waren, sondern heroische Gestalten. Sie sind erhaben; sie sind gesegnet.” (S. 65) Sex war für ihn zwar wie fliegen, aber er war der Ansicht, dass er die “Mühe nicht wert” wäre, wenn dahinter nicht noch etwas anderes, größeres zu vermuten wäre. (Vgl. S. 65)

Anatole Broyard hat ein wenn auch vielleicht nicht uneitles, so doch unprätentiöses Buch hinterlassen, das auf sympathisch lockere, witzige und doch nicht unanspruchsvolle Art ein Zeitporträt versucht, aber im Ganzen kann man doch auch den Eindruck gewinnen, er sei zu oberflächlich geblieben, habe zu willkürlich aneinandergereiht, zu locker erinnert. Es fallen große Namen, aber mehr als skurrile oder groteske Anekdoten über deren Träger kommen kaum vor. Zudem wirkt dieses name-dropping wie ein `Ich gehörte dazu´. So kann das Büchelchen, das nicht beendet wurde auch nett an einem vorbeirauschen ohne sich allzu tief ins Gedächtnis einzugraben. Schön allerdings ist dennoch sein Versuch, das Lebensgefühl dieser Zeit noch einmal literarisch aufleben zu lassen, eine prickelnde Atmosphäre des Positiven und des Aufbruchs, die anderen Zeiten wie etwa der unseren so sehr mangelt und durchaus als Gegengift vorgehalten oder -gelesen werden können. Doch könnte man auch hier den Eindruck haben, dass er dieses Gefühl mehr abstrakt benennt, als wirklich literarisch aufleben lässt. Das Buch wirkt fast ein wenig eilig.
Merkwürdig und befremdend dann noch, wenn in den nachgestellten Texten darauf hingewiesen wird, dass der Autor ein Schwarzer war, was im Leben niemand bemerkt hätte und er auch im Buch geflissentlich verschweigt. Philipp Roth ließ sich von ihm zu seinem “Der menschliche Makel” anregen, verfilmt mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle. Eine Grundidee, die nicht uninteressant ist, mich aber nicht überzeugen konnte.

9 Antworten to “Anatole Broyard: “Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village””

  1. 1 ewu simpel
    Oktober 2nd, 2007 at 12:52 pm

    ich stimme dir und deiner einschätzung zu.

    wie du dir denken kannst, hat mich vor allem das leben-literatur-thema interessiert und begeistert. für mich war der text so was wie das porträt des jungen mannes als leser. im vordergrund stand bei meiner lektürerfahrung eher die identitätsproblematik und wie broyard schildert, mit welchen mitteln er versuchte, sein leben zu “transfigurieren”, sich ein anderes leben, eine andere existenz und identität zu zimmern – mit den mitteln der literatur und sexualität. das fand ich spannend, analytisch genau und humorig geschildert. der hohe ernst, den er an die literatur anlegte und zugleich von ihr verlangte, wie auch die anspruchshaltung, mit der er liebe praktizierte und wie diese praxis sein leben, seine identität verändern sollte, empfand ich sehr zutreffend beschrieben und erinnerte mich sehr an meine eigene zeit als jugendlicher lese-enthusiast. das buch zeigte für mich also – neben den detailsatten milieuschilderungen und personenporträts und dem, was du hervorhebst – vor allem den reifeprozeß eines intellektuellen, dem zuletzt das lesen und die literatur nicht mehr als substitut des lebens dient. so jedenfalls lese ich das resümee, das broyard auf s. 134 hinsichtlich seiner büchermanie zieht:
    “Intellektueller wollte auch ich sein, und das Leben von einer hohen Warte aus betrachten, dafür wollte ich aber das Gefühl, mit den Dingen verbunden und vertraut zu sein, nicht opfern. Wenn ich ein Buch las, blieb immer ein Auge auf die Wirklichkeit gerichtet, so wie man auf die Uhr schaut.”
    für jemanden wie mich eine durchaus erhellende lektüre: lesen kann einen auch fürs leben blind werden lassen. diese gefahr fand ich sehr gut beschrieben. und so verstand ich auch den titel “verrückt nach kafka” – verrückt danach, sein leben in literatur zu verwandeln.

    und trotzdem bleibt broyard – du weist darauf hin – bis zuletzt unaufrichtig und nicht authentisch, wenn er seine hautfarbe verschweigt oder nur an wenigen stellen kryptisch andeutet, daß sie ein – wenn auch helles – schwarz ist. eine rest-befangenheit im willen zum anderssein herrschte also bis zuletzt vor.

  2. 2 Helmut
    Oktober 3rd, 2007 at 7:30 am

    Zustimmung freut immer, aber es scheint mir doch auch Unterschiede zu geben – vielleicht schon in der Art woraufhin (und dadurch sicher auch wie) wir den Text gelesen haben.
    Du nennst ´Deine´ Themen: Identität (auch in anderem Zusammenhang schon öfter aufgetaucht) und
    das ineinander von Leben und Literatur.
    Zum ersten ist bezüglich des Buches zu sagen, und Du tust es am Ende Deines Kommentars, dass es in diesem Buch eine Merkwürdigkeit gibt: Der Autor scheint zu verhehlen, dass er ein Schwarzer ist. – Und wenn man das Buch liest, fragt man sich, ob er es nötig gehabt hätte das zu tun.
    Natürlich fragt man sich auch wo Dein Identitätsproblem liegt, hält das aber für ein zu persönliches Thema, als die Frage im Ernst zu stellen.
    Das Ineinander von Literatur und Leben übt freilich, auch auf mich natürlich, seinen Reiz aus. Auf der anderen Seite glaubt man dieses Changieren bereits als tendentiell romantisch und in extenso nicht im Guten lebbar erkannt zu haben. (Ich war auch einmal lesesüchtig, habe das aber immer zugleich auch als Manko, nicht als Glück empfunden.Das Leben in Literatur auflösen zu wollen: Eine Utopie. Pessoa hat sinngemäß einmal geschrieben, das Leben sei die angenehmste Art, das Leben zu verweigern. Ohnehin habe ich mich gefragt, welche Rolle die späte Niederschrift für Ton und Inhalt des Buches womöglich hatte. Broyard ist ja quasi über dem Buch gestorben. Möglich, dass hier eine verklärende Sicht und Darstellung der geschilderten Zeit seines Lebens stattfand.
    Transfigurieren: Warum wollen alle anders sein als sie sind? Klar muss auch nicht sein, warum Bücher und Sex nicht integrale Bestandteile des Lebens, sondern transfigurierende sein sollten.
    Du hast Dich (wieder einmal) offenbar stark mit der Lektüre identifiziert – aber mir scheint nicht unwichtig, dass Du Dich als Jugendlichen siehst – wohingegen der Held in Broyards Buch ein 26jähriger Kriegsveteran ist.
    Bücher haben ihm vielleicht auch nicht als Ersatz gedient – nach der Zeit des Krieges waren sie wohl eher, so verstehe ich es, [trockene] Rauschmittel. Aber dazu gehört die vorhergehende Zeit des Krieges, gehört Unterordnung und Entbehrung etc. – und dann diese Aufbruchsstimmung, die er so hübsch beschreibt.
    Was das Zitat angeht:
    Man ist vermutlich kein Intellektueller, wenn man sich nur Bücher-Räuschen hingibt. Und wie könnte man überhaupt das Leben darüber verlieren? Könnte gut sein, dass einen das Leben schon immer einholt – ob man will oder nicht.
    Dass allerdings im Lesen dennoch ein Gefahrenpotential, eine Möglichkeit der Wirklichkeitsverweigerung oder -verdrängung, zumindest der zeitweisen Wirklichkeitsflucht liegt, das sehe ich auch so, scheint mir aber kein neuer Gedanke, weder historisch noch individuell.
    Beneidenswert allerdings erscheint einem heute eine Zeit, die “verrückt nach Kafka” war – wonach ist man heute verrückt? Gibt es da Niveauverluste zu verzeichnen?
    Insgesamt habe ich den Eindruck, hast Du das Buch positiver gelesen als ich. Es hat Mängel, bei aller Sympathie, die man ihm entgegenbringen kann. Mir scheint es zu wenig detailliert, zu wenig in die Situation hineinzugehen, zu sehr drüberweg und auch auf Effekte hin zu erzählen. Das wirkt locker, aber nimmt auch an Ernst und Wucht etwas weg, was möglich gewesen wäre.

  3. 3 ewu simpel
    Oktober 4th, 2007 at 1:45 pm

    ich teile deine bedenken dem buch gegenüber durchaus, nur hat mich gerade das identitätsthema sehr an meine adoleszenz-krise erinnert, weshalb meine lektüre sicherlich stärker identifikatorisch geprägt war als deine. ich bin mir auch nicht sicher, daß ich die hoffnungen oder illusionen auf eine lebensbereicherung, mit denen ich ein buch lese, ganz werde begraben können. vielleicht muß ich es auch gar nicht wirklich, nur etwas gemäßigter, nüchterner betrachten. aber das hängt sicherlich mit meiner biographie zusammen und die muß hier nicht in extenso verhandelt werden. nur so viel: das pessoa-zitat (lesen als art, das leben zu verweigern) ist wahrscheinlich dicht dran am eigenen empfinden. immerhin bin ich soweit gekommen, meine diesbezügliche schwäche oder macke (oder was auch immer es sein mag) nicht mehr zu kultivieren, was ich in früheren zeiten durchaus tat.

    aber die moderne kunst und literatur als “initiationsritus”, wie ihn broyard beschreibt, ja, so was hat es in meiner biographie auch gegeben. und deswegen hat mich das leben-literatur-thema vor allem interessiert und wird es auch in zukunft tun. die form des “verrückt-seins”, die er beschreibt, spricht mich ungemein an, ungeachtet der gefahren, die darin lauern und die ich durchaus sehe und kenne. ganz gebannt habe ich sie jedoch nicht. (im gegensatz zu dir: was ist an seine stelle getreten, was hat die sucht, den rausch abgelöst?) für mich hat es immer noch etwas für sich, dieses setzen auf auf einen quasi-magischen verwandlungsprozeß, diese hoffnung, ein anderer werden zu können (das muß ja auch nicht nur duch ein buch ausgelöst werden). romantisch oder nicht: die fähigkeit und bereitschaft, sich im wörtlichen sinn begeistern lassen zu können – aus welchen gründen und zu welchem ende auch immer – stellt für mich EIN wert des lesens dar. und davon handelte das buch von broyard in einer weise, die ich so nicht kannte. vielleicht kennst du ja vergleichbare bücher und läßt es mich wissen.

    ungeachtet dessen kann ich mich selbstredend auch vom leben und was es für mich bereitstellt, meiner frau, meinem sohn oder was auch immer begeistern lassen oder einfach auch unbegeistert meine tage fristen. die besondere form des außer-und-zugleich-bei-sich-seins, wie es das lesen bereitstellen kann, stellt da nur eine möglichkeit unter anderen dar.

  4. 4 Helmut
    Oktober 4th, 2007 at 11:34 pm

    Ich liefere das Zitat nach:

    “Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren.”

    Ein sehr ichzentriertes Lesen.

    Die Hoffnung, ein anderer zu werden, bezieht die sich auf den Moment der Lektüre – oder auf danach?

    Das mag ein Impuls sein – es gibt auch andere.
    Ein anderer kann sein, sich anhand des Gelesenen anders zu sich ins Verhältnis zu setzen als man es ohne diese könnte, also über den Umweg des Gelesenen etwas anderes, neues, ausformulierteres…über sich zu erfahren. Das wäre dialogischer. Es ginge auch um Identität, nicht aber um den Wechsel derselben.

    Wer hätte etwas gegen Begeisterung?

  5. 5 Helmut
    Oktober 4th, 2007 at 11:38 pm

    Ich würde aber gern noch ein anderes Faß aufmachen
    (Auf ein Gespräch mit W. zurückgehend):

    Was können Bücher, was kann der Film?

    Was tun Bücher an uns, was Filme?

    Welche verschiedenen Gegenden in uns sprechen sie an?

  6. 6 ewu simpel
    Oktober 5th, 2007 at 12:15 pm

    auf den moment der lektüre und auf danach. es geht um eine neue perspektive, so wie du es auch schreibst. ein wechsel vollzieht sich nicht ad hoc. auch habe ich den eindruck, daß meine leseerfahrung, die schon einige jahrzenhte andauert, mich sukzessive verändert oder etwas in mir stimuliert und zum ausdruck gebracht hat. lese- ist vielleicht auch ein stück weit lebenserfahrung – aus zweiter hand, die dann, beim richtigen andressaten etwas aus-lösen kann.

    ichzentriert? ja. die ewige baustelle ‘ich’. aber nicht nur. bisweilen empfinde ich lesen auch als eine angenehme art, von sich selbst abzusehen, selbstvergessen in einer fiktiven welt sich zu bewegen. suspension. aber auch das fällt ja auf einen selbst zurück. das alles gilt für bücher, bei denen ich den eindruck habe, sie gingen mich persönlich an. womöglich eine illusion. daneben allerdings gibt es auch bei mir andere lesarten, die wenig oder auch gar nichts mit dem zu tun haben, wie ich mein leben führen oder deuten will. identiikatorisches lesen ist auch oder selbst bei mir nicht das non plus ultra. aber der suchimpuls, etwas zu finden, was für mich wichtig und gültig ist, der ist sehr stark und meist auch unterbewußt tätig. so viel dazu.

    was genau ist der unterschied des dialogischen lesens zu dem, was ich beschrieben habe? letztlich geht es doch auch bei diesem dialog um veränderung, um ein abstand-nehmen – wechsel muß ja nicht sein. diese not kennt oder hat ja offensichtlich nicht jeder.

    ignorieren und verweigern – beides trifft auf eine lesehaltung bei mir zu oder wird sich auch bei anderen finden lassen. bei mir kommt dann noch die zugegebenermaßen romantische hoffnung auf einen qualitätssprung hinzu – der freilich ist ausgeblieben bisher oder besser: er scheint sich in kleinen schritten zu vollziehen. woher diese hoffnung kommt? nun, das würde an dieser stelle zu weit führen. aber ich bin sicher, andere werden sie auch kennen.

    zur neuen baustelle nächstens mehr. wo soll ich die beiträge einspeisen? die lese-rubrik wäre ja auch möglich.

  7. 7 Helmut
    Oktober 5th, 2007 at 12:30 pm

    Zunächst nur – Zeit!! – ganz kurz auf Deine letzte Frage hin:
    Ja, ´einspeisen´ am besten unter “Lesen”!

    Weiteres später, evtl. mit Verzögerung – viel zu tun.

  8. 8 Helmut
    Oktober 5th, 2007 at 10:25 pm

    Dialogisch ist vielleicht kein guter Begriff.
    Was ich damit meinte:
    Eine Seite: Ich-Zentrierung. Einseitig. (Das Buch nur als Anreger für´s eigene
    Erleben)
    Andere Seite: Hin und her zwischen Leser und Buch: Dialogisch, zweiseitiger. (Eigen e Seite – Buch-Seite)

  9. 9 Helmut
    Oktober 5th, 2007 at 10:30 pm

    Die kleinen Schritte – da könnte ich an das Marai-Zitat erinnern.