Yasushi Inoue: “Das Jagdgewehr”

Oktober 2nd, 2007

Yasushi Inoue: “Das Jagdgewehr”, aus dem Japanischen von Oskar Benl (Titel der Originalausgabe: “Ryoju”), Frankfurt am Main 1998, zuerst auf deutsch Frankfurt 1964, 97 Seiten, 6,50 Euro

Bild von morguefile.com: andreafantoni

Japan1Das Buch wird als Klassiker der japanischen Literatur gehandelt, Yasushi Inoue als einer der ganz großen japanischen Autoren.
Das kleine Buch erzählt mittels einer wenig überzeugenden Herausgeberfiktion eine Ehegeschichte in Briefen. Genauer: Die Geschichte eines verheimlichten, 13 Jahre andauernden Ehebruchs – oder einer verbotenen Liebe, je nach Standpunkt.
Zu lesen sind die Briefe dreier Frauen: Ehefrau, Geliebte, Tochter. Die beiden beteiligten Männer äußern sich nur am Rand und kaum zum Thema.
Bei der Lektüre taucht die Frage auf, ob es womöglich ´typisch asiatisch´ (in vorsichtig-dicken Anführungszeichen) ist, das Existentielle dieses Schreibens, das hoch Moralische, die Verdrängung der Gefühle durch Form und Gesetz – und nicht zuletzt dadurch eine extrem hochgespannte Emotionalität.
Das ist alles sehr edel, sehr moralisch, sehr dramatisch.
Allerdings so sehr, dass es auch eine Tendenz hat in´s Kitschige und gar Lächerliche zu kippen.
Dieser Eindruck hängt aber auch zusammen mit der sprachlichen Präsentation der Geschichte. Hier kommt also die Übersetzung in´s Spiel und damit die Frage, ob die steife Darstellung und die teils gesucht, ja kunsthandwerklich wirkenden sprachlichen Bilder in dieser ihren Grund haben.

Übersetzt hat das kleine Werk Oskar Benl (1914-1986), Literaturwissenschaftler, Übersetzer klassischer japanischer Dichtung und auch moderner japanischer Romane und Erzählungen. Das Buch ist 1949 erschienen, die deutsche Übersetzung stammt aus den frühen Sechzigern. Kann es sein, dass das Buch – es ist kein umfangreicher Text – inzwischen eine Neuübersetzung verdient hätte, die womöglich etwas frischer wirken und die Geschichte im 21. Jahrhundert besser transportieren würde?
Aber dann bliebe immer noch diese existentielle Aufgeladenheit, die den Ehebruch als “Verbrechen” bezeichnen muss und die es unausweichlich macht, dass man, vorausgesetzt die Untreue würde entdeckt, sich umbringen würde. (Vgl. z.B. S. 76 f.; immerhin etwas relativiert auf S. 81)
Das klingt heute einfach nicht mehr zeitgemäß und verhindert womöglich auch ein Stück weit den Zugang zu dieser Erzählung.
Diese Haltung geht einher mit häufig benutzten Vokabeln wie “Schicksal”, “Gott”, “ewiger Frieden”, “Schuld” und eben “Verbrechen”. – Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Liebe wird als Besessenheit gefeiert (vgl. z.B. S. 74).

Bild von morguefile.com: andreafantoni

Japan2Altbacken wirken Sätze wie dieser: “Irgend etwas in ihrem Aussehen vermittelte mir die furchtbare Gewissheit, daß ihre letzte Stunde unaufhaltsam näher rückte.” (S. 25) Oder: “Seit Mama nicht mehr auf Erden ist, bin ich einsam, – einsam bis auf den Grund meines Herzens. Du bist sicher schrecklich erschöpft! Du hattest ja alles übernommen, was bei einem solchen Trauerfall getan werden muß – von der Versendung der Traueranzeigen bis zur Sorge um das Nachtmahl für die Totenwache.” (S. 19) Oder: “Und ich bin nicht nur wegen Dir oder Mama oder über mich selber betrübt, (…). (S. 21)
Man stolpert aber eben auch über Stellen wie diese:
“Die vage, irre Traurigkeit, die aus Deinen Worten drohte, ließ in meinem Körper das Glück einer Frau, die sich geliebt fühlt, zu einer Blüte kristallisieren.” (S. 74)
Oder: “Alle nur erdenkbaren Traurigkeiten stürmten von allen Seiten auf mich los, – so wie an windigen Tagen die weißen Wogenköpfe am Strand von Ashija zerschellen!” (S. 21)
Und ist es nicht ein allzu plumpes Symbol, wenn etwas dem Ende entgegen geht und an dieser Stelle “welkes Herbstlaub” verbrannt wird und auch gleich noch ein Tagebuch mit verbrannt werden soll? (S. 84)
Auch das Symbol der inneren Schlange, die für negative Gefühle steht, wirkt überzogen und wenig modern.
Und selbst das im Buch enthaltene Gedicht gleichen Titels, das hier zum Auslöser der Erzählhandlung wird, wirkt – zumindest in der vorhandenen Übersetzung – wenig genial. Vgl. S. 8 ff) Es ist eine Variante des 1948 geschriebenen Gedichts desselben Titels.
Am Ende des Buches gibt es einige Wiederholungen, die auch nicht zwingend sein müssten: S. 84, S. 89, S. 91. Und es wird auch einmal ein einzelnes Wort – “sofort” – in einem Satz wiederholt: Vgl. S. 56.
Nimmt man dann noch die lapidaren Ausrufe wie “Was für furchtbare Dinge gibt es im Leben!” (S. 36) oder “Was für schmerzliche ´Geschäfte´ der Mensch doch fertig bringt!” (S. 60) oder “Was für ein wunderliches Ding ist doch ein ´letzter Brief´!” (S. 72) hinzu, erhöht sich auch nicht notwendig den Lesespaß.

Spielt die Übersetzung hier eine, vielleicht entscheidende, Rolle?
Oder ist das Buch in den vergangenen 60 Jahren einfach etwas angestaubt?
Freilich, geliebt und Schuld aufgehäuft wird immer noch. – Aber würde man heute noch so erzählen? Doch wohl selbst in Japan kaum! Ist dieses Buch also wesentlich nur noch historisch interessant?
Sicher, es gibt auch ein paar gelungene Bilder und ein paar schöne Stellen, der Gesamteindruck jedoch war kein günstiger, steif und den Kitsch streifend wirkte es doch altfränkisch. Auf S. 26 gibt es die Worte “fortfahren”, “Gewänder” und “zerstreuen” – allesamt Worte, für die man aktuell wohl andere finden würde.
Verstellt das alles den Zugang zum Buch?
Die Situation mit dem einen, fremden Adressaten der drei Briefe ist so interessant wie gesucht und unrealistisch. Wer würde einem Unbekannten aufgrund eines Gedichts, das in einer Jagdzeitung abgedruckt ist, in die es nicht passt, solche Briefe schicken, die das Privateste enthalten? Schon die zugrunde liegende Konstruktion weiß nur bedingt zu überzeugen.

3 Antworten to “Yasushi Inoue: “Das Jagdgewehr””

  1. 1 MB
    Oktober 3rd, 2007 at 10:25 am

    Lieber Helmut,
    ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, es steht bei mir in der Warteschlange, wird aber immer wieder von interessanter erscheinenden Lektürekandidaten zurück in die hintere Reihe gedrängt. Deine Rezension macht nicht gerade große Lust, das Buch zur Hand zu nehmen, was aber keine Kritik sein soll. Im Gegenteil, ich finde es – habe das schon mal gesagt – erfrischend, ein von der gängigen Einschätzung abweichendes Urteil zu lesen. Und es ist ja auch begründet. Die moralinsaure Sprache der Adenauerzeit ist sicher nicht mehr geeignet, uns ein Buch aus einem fremden Kulturkreis näher zu bringen. Die japanische Sprache verfügt meines Wissens über sehr unterschiedliche Stillagen, für die es in europäischen Sprachen kaum Entsprechungen gibt (Nicolas Bouvier beschreibt in einem seiner Bücher, wie er einem japanischen Schauspieler Französisch beizubringen versucht und irgendwann daran scheitert, noch höflichere Formulierungen zu finden, die der Japaner ständig fordert).
    Ob eine modernere Übersetzung ohne Schaden die ja etwas altertümlich wirkende Geschichte auffrischen kann, wage ich zu bezweifeln. Im übrigen bin ich nicht der Meinung, dass ältere Bücher für den heutigen Leser “aufgemotzt” werden müssen, um Interesse zu wecken (vielleicht habe ich Dich da mißverstanden). Kann es sein, dass der Reiz an diesem Buch für japanische Leser gerade in dem Altbackenen liegt, an den Wert- und Moralvorstellungen, die heute in dieser Form keine Gültigkeit mehr haben? Gewissermaßen als Ausdruck für eine Sehnsucht nach der “guten alten Zeit”, wohl wissend, dass man selber in so einer Zeit ungern gelebt hätte? Es gibt ja auch hierzulande nicht wenige Leser, die angeblich mit Vergnügen Thomas Manns Doktor Faustus lesen.
    Es wäre interessant, wenn sich ein begeisterter Verehrer des “Jagdgewehrs” hier zu Wort melden würde…

  2. 2 Helmut
    Oktober 3rd, 2007 at 10:47 pm

    Lieber Michael,

    was Du über die japanische Sprache schreibst, ist wohl richtig. Das Japanische verfügt über einen größeren Ausdruck an Höflichkeit, als andere, vor allem europäische Sprachen. Darauf dürfte Bouviers Anekdote rekurrieren.
    Und was das übersetzen angeht: Es gibt in dieser Sprache Sätze, in denen das Subjekt und/ oder das Objekt fehlt.
    Außerdem gibt es viele Sondersprachen; etwa eine spezifische Männer- und Frauensprache.
    Es ging mir nicht darum, etwas hoffnungsloses evtl. ´aufzumotzen´. Es wäre aber schon interessant, wie das Buch in einer anderen Sprache wirken würde. Aber es ist möglich, dass das den Eindruck nicht wesentlich ändern würde.
    Wie das kleine Buch allerdings auf japanische Leser wirken mag, das weiß ich beim besten Willen nicht zu sagen – Dein Vorschlag könnte richtig sein.

  3. 3 ewu simpel
    Oktober 17th, 2007 at 12:01 pm

    es gibt eine neuausgabe des “jagdgewehrs” zum 100. geburtstag von inoue bei suhrkamp mit einem nachwort von nooteboom. vielleicht könnt ihr ja bei gelegenheit im buchladen mal reinsehen und das nachwort lesen, es sind nur vier seiten. nooteboom ist ein “verehrer” und sein nachwort kündet von seiner bewunderung für diese novelle. allerdings fand ich seine worte wenig erhellend. er spricht von psychologischer kammermusik, geht den einzelnen “stimmen” und ihren perspektiven nach, beurteilt die motive nur am rande und spricht eher im hymnischen ton der bewunderung von diesem klassiker der japanischen literatur. auf die übersetzung geht er gar nicht ein. aber wenn ihr zeit und lust habt, lest es doch einmal, zur information.

    ich selbst fand die novelle nicht ganz so schlecht wie helmut. sicher, die sprache mutet etwas steif und altertümlich an, was mich allerdings nicht so sehr störte. die von h. angeführten stellen sind mir gar nicht aufgefallen. da habe ich wohl drüber hinweggelesen. auch maße ich mir nicht an, ohne kenntnis des originals, stilistische eigenheiten des textes zu kritisieren, denn ich könnte nicht entscheiden, was wirklich der übersetzung geschuldet ist und was den sprachlichen eigenheiten des japanischen, dem die übersetzung gerecht zu werden versucht. wir sind alle drei nicht des japanischen mächtig und folglich fehlt uns das zentrale kriterium, um über das gelingen oder mißlingen einer übersetzung wirklich zu urteilen. worüber wir urteilen können ist, ob die übersetzung unseren lesespaß verringerte oder vergrößerte. bei mir war es so, daß ich mich zumindest nicht an ihr stieß: die sprache mutet altbacken, in teilen sentimental und klischeehaft an, das stimmt, aber ich habe es hingenommen und dem autor / übersetzer unterstellt, daß dies dem fremden sprach- und kulturkreis zuzuschreiben ist.

    zum inhalt noch dies:
    die rahmenhandlung wirkt konstruiert, das stimmt. aber sie muß auch nicht meinem realitätsverständnis oder dem gesunden menschenverstand genügen, sondern einzig in sich selbst stimmig sein. und das ist sie meiner meinung nach. es geht ja letztlich um die nicht mitteilbare einsamkeit eines jeden menschen, um die unmöglichkeit, wirkliche nähe in menschlichen beziehungen herzustellen – ein thema, für das der autor eine erzählkonstruktion wählt, in der drei briefe drei unterschiedliche perspektiven auf eine geschichte und ihre zentralen akteure werfen. und die drei briefe offenbaren die kenntnislosigkeit, in denen die akteure sich selbst und den anderen beteiligten gegenüber befangen sind und die es ihnen unmöglich macht, sich wirklich zu begegnen oder über das, was sie in ihrem innersten bewegt, auszutauschen. um dies zum ausdruck zu bringen, fand ich die konstruktion überzeugend, auch wenn es zunächst wenig plausibel klingt, daß diese drei briefe in die hände eines unbeteiligten dritten, dem schriftsteller, gelangen, der sie dann veröffentlicht. aber liegt nicht darin auch eine besondere aussage, nämlich die, daß der schriftsteller etwas in einem gedicht ausdrückt, was den jäger so anrührt und an eigenes erinnert, daß er sich an ihn wendet und ihm die besagten briefe überläßt? wird damit nicht auch etwas über die möglichkeiten und wirkungsweisen von literatur ausgesagt? mir jedenfalls schien es so: der schriftsteller rührt mit seinen worten an etwas, was den menschen im innersten betrifft und bringt es in einer gestalteten form zum ausdruck. man muß mit einer solch “hehren” auffassung von literatur und auch mit dem welt- und menschenverständnis, die in der novelle beschrieben wird (stichwort: “unsagbare einsamkeit”), nicht einverstanden sein, auch ich habe da meine bedenken – aber ich konnte trotzdem das erzählwerk gemäß der formalen entscheidungen goutieren, die ich beim lesen in ihm entdeckte.