Ella Maillart: “Turkestan Solo. Eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse”

Oktober 3rd, 2007

Ella Maillart: “Turkestan Solo. Eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse”, ins Deutsche übertragen von Hans Reisiger, München 1990, zuerst Paris 1934 unter dem Titel: “Des monts célestes aux sables rouges”, 339 Seiten

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moskau Man ist sich nicht sicher: Ist Ella Maillart noch immer ein Geheimtip oder trägt man Eulen nach Athen, wenn man sie vorstellt? Sie lebte von 1903 bis 1997, war als Jugendliche eine begeisterte Leserin von Abenteuerromanen und Landkarten, gewann mit einer engen Freundin 1916 Segelregatten auf dem Genfer See und segelte mit ihr 1923 sechs Monate auf dem Mittelmeer, 1924 nahm sie bei den Olympischen Sommerspielen in Paris als Mitglied des Schweizer Segelteams teil und war auch Mitglied der Schweizer Ski-Nationalmannschaft. Schon im Jahr 1919 hatte die Schulabbrecherin den ersten westschweizerischen Landhockey-Club für Frauen gegründet. Ihr sportives Naturell scheint sie von ihrer dänischen Mutter geerbt zu haben, die ebenfalls eine leidenschaftliche Sportlerin war. 1924 ist sie auch in England und unterrichtet französisch, 1925 segelt sie wieder im Mittelmeer und beginnt in diesem Jahr erstmals mit der journalistischen Auswertung ihrer Reisen. 1927-29 arbeitet sie bei der UFA in Berlin – und das sind nur Ausschnitte ihres reichen Lebens und einige ihrer Reise-Stationen.
Sie stammt aus dem schweizerischen Wallis und war eine abenteuerlustige Frau mit starkem Charakter. 1930 bis 1932, das beschreibt das vorliegende Buch, war sie auf eigene Faust in Russland, in Turkestan, der Mongolei und Usbekistan unterwegs.
Das war – man vergegenwärtige sich die Zeit – ungewöhnlich.

Liest man die Bücher, die von ihrem Unterwegssein berichten, hat man jedoch diese zu bewerten, nicht den Menschen, nicht seine Unerschrockenheit und seine Neugierde.
Dem vorliegenden Buch vorangestellt ist ein Kapitel mit der selbstreflexiven Überschrift:
“Warum ich reise”.
Darin erläutert die Autorin, dass sie sehr früh Wert darauf legte, ihr eigenes Leben zu leben – und diesen Wunsch zu schützen. (Vgl. S. 7)
Man spürt aber auch einen deutlichen kulturkritischen Impetus, den man nicht teilen muss und der einen merkwürdig berühren kann. (Vgl. z.B. S.8) Schon während des ersten Weltkriegs empfindet sie Europa als egoistisch und dekadent.
Reisen ist für sie eine Suche nach Einheit, nach Verbundenheit, letztlich nach Liebe (vgl. S. 10), die sie als “die einzig mögliche Lösung für das innere und äußere Chaos, das uns zerstört”, sieht. (S. 10)
Sie denkt nach über wirkliches und fiktives Reisen und darüber, was das Reisen mit oder aus uns macht. Den ´wahren Reisenden´ sieht sie als Getriebenen; Reisen dürfte für sie demnach eine Obsession gewesen sein (vgl. auch S. 13) – welche biographischen Ursachen das gehabt haben mag, bleibt im Dunkeln, die zeitgeschichtlichen sind klar.
Jedenfalls plädiert sie für ein aktives Leben, nur darin sieht sie Genuss und, vielleicht, Erfüllung. (Vgl. S. 12)
Das in kurzer Folge von Weltkriegen geschüttelte Europa unterstützt ihr Bestreben, sich nach heileren Weltgegenden aufzumachen. (Vgl. S. 14)
Sie reist am liebsten allein, weil es ihr Ziel ist innerlich leer zu werden. (Vgl. S. 15)
Sie sucht nach Reinheit, gut möglich, dass Reisen für sie, unbeschadet vom Hang zum aktiven, eine Utopie war, denn sie will auch “die große Diskrepanz abbauen, die zwischen unserem Handeln und unserem Denken liegt; man muß aufhören, eine lebendige Lüge zu sein.” (S. 16)
Es wird deutlich: Reisen ist für sie kein neutrales, sondern ein aufgeladenes Thema. Sie reist nicht um von A nach B zu kommen, ihre Reisen sind keine Lust-, keine trockenen Informations- und auch keine wirklichen Forschungsreisen; sie sieht sich selbst als Abenteurerin und verdient Geld durch den Journalismus und Vortragsreisen, ähnlich wie spätere Kollegen wie etwa Reinhold Messner und Arved Fuchs etc. noch heute.
Mit dem “Times”- Reporter Peter Fleming (1907-1971) bereist sie später, 1934, sie schreibt für “Le Petit Parisien”, den Norden Chinas, um nach Kaschmir zu gelangen. Flemings Buch über diese Reise trägt den Titel “Tataren-Nachrichten. Ein Spaziergang von Peking nach Kaschmir” und wird seinerseits noch in diesem Jahr auf dieser Seite besprochen werden.
Doch Männer, das macht sie klar und auch keinen Hehl daraus, haben sie stets weniger interessiert als “der Beginn einer Kreuzfahrt”. (S. 18)
Bevor sie zu Land reiste, segelte sie zehn Jahre lang intensiv und betätigte sich auch als Bergsteigerin (vgl. S. 18), dann geht sie mit wenig Geld und gegen den Willen ihrer Familie nach Moskau, den Ausgangspunkt der in diesem Band beschriebenen Reisen. Allerdings dürfte der Hintergrund einer zumindest wohlhabenden Familie hier eine wesentlich Rolle gespielt haben – im Zweifelsfall wäre sie sicher weich gefallen und Mut und Selbstbewusstsein – Voraussetzungen für ein Leben wie ihres, kann man auch in Abhängigkeit von im Zweifelsfall gesicherten finanziellen Verhältnissen sehen.
Was sie sucht ist, einmal nicht mehr suchen zu müssen, (vgl. S. 19) nur die innere Reise sieht sie – darf man´s glauben – als wirklich an.
Doch der kulturkritische Appell dringt wiederholt durch: “Die Menschen im Westen leiden, weil sie nicht in der Lage sind, sich in einen Lebenszusammenhang einzufügen, der größer ist als sie selbst. Sie haben noch nichts gefunden, was die Idee der Nation ersetzen könnte.” (S. 20)
Eine mutige, anscheinend getriebene, dabei jedoch vermutlich glückliche Frau, sicher dankbares Vorbild, wenn nicht gar Pionierin für die feministische Fraktion, sie gilt als eine der großen Reisenden ihres Jahrhunderts – doch wie liest sich das Buch, eines ihrer bekanntesten?
336 Seiten scheinen eindeutig zu lang.
Hätte der Band den halben Umfang, verstünde er eher zu gefallen.
Man lernt einiges bei der Lektüre, aber so manches ist heute nur noch bedingt interessant. Den Texten fehlt der Spannungsbogen, der größere Zusammenhang oder ein übergeordnetes Thema, das über´s bloße Unterwegssein hinausginge.

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KamelNatürlich gibt es auf Reisen Lästiges wie Flöhe, Karakuts (schwarze Giftspinnen, vgl. S. 208) oder schlechtes Wetter und einen quälend langsamen asiatischen Amtsschimmel. Sie lernt eine Jurte zu bauen (vgl. S. 98), trinkt gegorene Stutenmilch (vgl. S. 92), sieht, wie Adlerflügel als Kehrbesen verwendet werden (vgl. S. 98) und watet durch 30, 40 cm tiefen Staub (vgl. S. 187).
Das sind die Äußerlichkeiten, die auf Reisen nun mal begegnen können. Man liest das ja auch durchaus gern, wenn man im Sessel sitzt und im Kopf mitreist – aber es trägt nicht ein ganzes, noch dazu so langes Buch, das sprachlich wenig ambitioniert scheint.
Ihr Blick auf die Dinge ist eher dokumentarisch als originell. Und wie spannend ist es heute, etwas über die Seidenraupenzucht in den Dreißigern in Usbekistan oder Turkestan zu lesen?
Sie fragt auch nach der Rolle der Frau in den bereisten Ländern – den inzwischen erreichten ´Fortschritt´ kann man anhand dessen, was sie dazu festhält, ermessen.
Auch die eingefügten Passagen über Politik oder Geschichte, die teils wie aus einem Konversationslexikon oder dergleichen entnommen wirken, sind nur von begrenztem Interesse.
Die beigegebenen schwarz-weiß-Fotos bereichern das Buch und lockern es auf, aber sie leiden teils unter Qualitätsmängeln und sind auch vom Sujet her recht gewöhnlich.
So steht man mit Respekt vor der Frau und ihrem Charakter, ihrem Mut und ihrer Leistung, ist aber von ihren Aufzeichnungen nicht begeistert. Man kann sie lesen, sie sind nicht schlecht, aber von einer literarischen Offenbarung sind sie weit entfernt. Nach einiger Zeit stellt sich Langeweile ein und man greift lieber zu anderen Büchern.
Ihr abenteuerliches Leben beschloss sie wieder im Wallis, in dem kleinen, fast 2000 Meter hoch und wunderschön an einem Sonnenhang gelegenen Skiort Chandolin, wo sie sich von 1946 bis zu ihrem Tod am 27. März des Jahres 1997 immer wieder – unterbrochen bis ins Alter von Reisen nach Asien – aufhielt. Ein kleines, ihr gewidmetes Museum befindet sich in der Kapelle Sainte-Barbe im alten Dorfkern.
Bereits 1989 hatte sie ihre 16.000 Aufnahmen umfassende Sammlung von Fotografien an das Musée de l´Elysée in Lausanne übergeben.
Bei Wikipedia gibt es einen Artikel über sie, dem auch ein spätes Porträtfoto beigegeben ist und mehrere Links angefügt sind.
Auf der Seite des Verlages Scheidegger & Spiess, gibt es bei dem Buch “Unsterbliches Blau”, das Fotos von ihr und anderen enthält, eine ausführliche Biographie über sie.

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