Filme und Bücher
Oktober 22nd, 2007Zum Einstiegsbeitrag in der Kategorie “Lesen” gibt es bislang 35 Kommentare. Damit die Diskussion übersichtlich bleibt, wird sie an dieser Stelle fortgesetzt.
Bücher, Bücher
Zum Einstiegsbeitrag in der Kategorie “Lesen” gibt es bislang 35 Kommentare. Damit die Diskussion übersichtlich bleibt, wird sie an dieser Stelle fortgesetzt.
Oktober 22nd, 2007 at 4:22 pm
Als Antwort auf Kommentar 35 zum Beitrag “Lesen”:
Der Bücherfreund geht ins Kino. Was Du beschreibst, ist eine Lesesituation, wie sie sich so mancher Freund des bedruckten Papiers wünscht, eine Umgebung, in der man sich ungestört und konzentriert dem Buch überlassen kann. Das Kino ist ein öffentlicher Ort und in die Gemeinschaft der Filmgucker ist bisweilen eine Zumutung. Und doch ermöglicht diese Gemeinschaft ein Wechselspiel von Öffentlichkeit und Anonymität, von Nähe und Distanz wie es beim individuellen Lesen eines Buches nicht der Fall ist.
Nochmal zum Abbildcharakter des Filmbildes. Ich möchte nicht bestreiten, dass das Filmbild auch eine abbildende Funktion hat, aber ich glaube nicht, dass es die bestimmende Funktion ist. Gerade bei Filmen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, kann man versucht sein, ihre Bedeutung durch einen Rekurs auf die Alltagsbedeutung des Gezeigten zu rekonstruieren. Ich halte den Bedeutungszusammenhang, den der Film stiftet, für wesentlicher.
Mir ist auch der Widerspruch, den Du in meinem Kommentar siehst, nicht klar geworden. Der erster Teil meiner Argumentation war es, die darstellende Funktion des Filmbildes gegenüber der abbildenden zu betonen. Der zweite Teil versuchte deutlich zu machen, dass das Filmbild bzw. seine Gestaltung nur ein filmischen Mittel unter vielen ist. In diesem Zusammenhang sollte der Rekurs auf Tarkowskij zeigen, dass jedes filmische Element in der Lage ist, Motive und Improvisationen des Filmthemas aufzunehmen und weiter zu tragen. Natürlich gibt es in vielen Filmen die Dominanz z.B. der Schauspieler oder der Kameraführung. Aber es gibt auch andere Filme. Und selbst in den schlechteren gibt es einzelne Szenen, in denen z.B. auf der Tonebene Geräusche, Musik, O-Ton, Off-Kommentar etc. mehr sind als bloße Illustrationen dessen, was man auf der Bildebene zu sehen bekommt. Diese Variationen der filmischen Elemente, wie sie Tarkowskij meisterhaft zeigt, machen den Unterschied zum Buch für mich aus. Der Buchautor hat nur Worte.
Auf deiner DVD sieht man die Leute aus einer Fabrik oder Schule kommen. In meinem Verständnis ist es nicht einfach abgefilmt. Der Kameramann hat sich für einen Standort entschieden, er hat einen Bildausschnitt gewählt. Man hätte es auch mit einer subjektiven Kameraperspektive filmen können oder nur die Füße der Leute zeigen können oder sie von hinten aufnehmen können, aus der Vogelperspektive und dergleichen mehr. Die Technik der Kamera und das Filmmaterial (und noch ein paar andere Dinge mehr) haben hier Grenzen gesetzt, die im Laufe der letzten 100 Jahre in Bewegung geraten sind.
Oktober 22nd, 2007 at 9:15 pm
Vielleicht hast Du mit dem ersten Satz Recht. – So hatte ich es nicht gesehen, aber es scheint mir gut beobachtet. – Andererseits: Ist der Durchschnittskinobesucher (längliches Wort) in der Tat und wesentlich auf ein Gemeinschaftserlebnis aus? Und ist es der Kinofreund?
Ich bin da nicht sicher.
Richtig ist aber, dass manche Mitgucker eine Zumutung sind, ja.
Zum zweiten Absatz: Dazu kann ich einfach ´ja´ sagen.
Zum dritten Absatz:
Du redest von schlechteren Filmen. – Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns schnell einig wären, festzustellen, was ein guter, was ein schlechter Film ist – aber leicht zu definieren wäre das kaum.(?!?)
Der Buchautor hat ´nur´ Worte – wenn man davon absieht, dass seit einigen hundert Jahren Bilder in Bücher eingebracht werden, in Form von Holzschnitten, Kupfer- oder Stahlstichen oder wie die moderneren Drucktechniken bis hin zum Lichtsatz heißen.
Aber gut, Epiker kommen in der Regel nur mit dem Wort aus, das ist richtig. Der Film hat zusätzliche Mittel.
Zum vierten Absatz: Also auch das Abfilmen ist bei näherem hinsehen keines – gut, ok. Trotzdem: Warum ist es so wichtig, dem Filmbild die Last (oder Lust?) des Abbildens zu nehmen?
Denn wenn wir schon beim differenzieren sind: Abbilden kann Sprache gar nicht. – Selbst bei ausufernder Beschreibung in opulentestem Stil. Die Sprache ist vielleicht das abstraktere Medium, was aber auch Lerneffekte zeitigt, die Folgen haben – während einen Film jeder sehen kann. – Vielleicht nicht verstehen, vielleicht auch nicht kompetent beurteilen… aber eben doch ganz leicht sehen. Das bessere Buch ist nicht so leicht konsumierbar – es verlangt mehr. Es lesen zu können, sind die Voraussetzungen und damit die Hürden höher.
Das Filmbild als darstellendes zu charkaterisieren ist ein Versuch, es abstrakter zu machen, als es zunächst, gut, vielleicht dem naiven, Betrachter erscheint. –
Mit dieser ihrerseits etwas abstrakten Betrachtung sind wir aber – oder sind wir nicht? – von den Attraktionen bestimmter Bilder für uns ein Stück weit weg.
Oktober 22nd, 2007 at 9:22 pm
Du hattest nach dem möglichen Widerspruch gefragt, den ich glaubte zu sehen; ich habe es mir noch einmal angesehen, Du hattest ja auch noch etwas dazu geschrieben – und ich denke Du hast recht, da ist keiner.
Oktober 23rd, 2007 at 2:18 pm
Ich will nicht länger bestreiten, dass das Filmbild etwas abbildet. Und wie Du richtig geschrieben hast, gibt es Bilder in Büchern, heute gelegentlich auch CDs und ähnliche Medien.
Dass die Sprache per se abstrakter ist als das Bild mag sein, aber auch Sprache hängt mit einem ihrer Pole an dem, was uns als Wirklichkeit umgibt. Sie bildet vielleicht nicht ab, sie hat aber auch eine davon nicht komplett zu trennende Funktion. Wäre Sprache von dieser sozialen Komponente völlig abgekoppelt, wäre sie nur individuelles Gestammel.
Der Weg, den ich beschriebene habe, führt in meiner Lesart nicht in die Eiswüste der Abstraktion. Das Einzelne ist kein beliebiges Beispiel des Allgemeinen. Es ist das Zusammentreffen von konkretem Bild (Film), der Seherfahrung und des Gedankens, was ich mal in die eine, mal in die andere Richtung versucht habe zu vermitteln.
Oktober 24th, 2007 at 10:42 am
Alexander Kluge hat geschrieben: “Ich halte Kino für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Auch wenn die Kinoprojektoren nicht mehr rattern, wird es immer etwas geben, das wie Kino funktioniert.”
Das ist doch ein Statement: Kino – unabhängig vom Kino. Ja älter als es.
Das führt mich zu der Frage:
Was passiert hier und da?
Metaphorisch redet man im Bezug auf Kinofilme stets auch davon, dass sie ´eine Geschichte erzählen´.
Bücher, Romane, erzählen ohnehin Geschichten.
Ist das das gemeinsame Dritte, evtl. der Kern?
Wir erzählen uns Geschichten – oder lassen sie uns erzählen.
Und das scheint wichtig zu sein.
Und eins haben die obigen Kommentare doch vielleicht deutlich gemacht: Je näher man hinsieht, desto ähnlicher werden sich die Phänomene Film und Buch, oder täusche ich mich da?
Eine andere Frage fände ich noch spannend: Wie verhält es sich mit dem Einfluß des Seh-Orts? – Sofa – Kinosessel – Bett, etwa analog zu: Fernseher – Kino – Computer und DVD.
Noch ein Zitat in dem Zusammenhang, diesmal von Don DeLillo, entnommen einem Interview des neuen “Zeit”-Magazins: “Zeit: Und dann fingen Sie an, Ihren ersten Roman zu schreiben?
DeL: Nein, gekündigt habe ich 1965. Mein erstes Buch erschien erst sechs Jahre später. Ich habe damals viel Zeit im Kino verbracht, am liebsten besuchte ich Nachmittagsvorstellungen,weil ich dann oft allein im Saal saß. Ich hing so herum.” (S. 54)
Und er meint im gleichen Interview auch, dass heute die “schnellen Massenmedien” unseren Takt bestimmten, die Literatur hätte ihre Kraft verloren – die Kraft, Einfluß auf die Welt zu nehmen – oder wenigstens den Anspruch zu haben, es zu tun. (vgl. S 50)
Sprache bildet nicht ab, sie ruft eher auf.
Allerdings stutzte ich in Deinem Kommentar bei dem Begriff ´soziale Komponente´.
Ist es vielleicht ganz einfach:
Geht es beim Kino wie beim Lesen wesentlich (ja: auch!) darum, eine zeitlang von sich wegzukommen (und dadurch näher zu sich hin?!), geht es um Ablenkung, Trost und Rat?!
Wenn man (als Antiquar) sieht, was viele Leute lesen, kann es einen schon schaudern – aber man fragt sich auch: Liegen dem, was diese Leute lesen und dem was man selbst bevorzugen würde nicht vielleicht sehr gleiche Grundbedürfnisse zugrunde – nur eben auf verschiedenen Levels umgesetzt?
Oktober 24th, 2007 at 2:41 pm
Noch kurz ein Gedanke und Begriff zu dem Piwitt-Zitat:
Das Verhältnis vom Buch zum Film (und umgekehrt) kann allerhöchstens das der Übersetzung sein – und eigentlich setzt dieser Begriff vielleicht schon mehr Nähe voraus, als vorhanden ist, denn eine Übersetzung, etwa die in eine andere Sprache, setzt gleiche Grundlagen und Parameter voraus, von denen es fraglich ist, ob sie bei Buchstabe und Filmbild bestehen.
(Es ist mir klar, dass ich hier die Differenz – und im vorigen Kommentar die Ähnlichkeit hervorhebe)
Oktober 24th, 2007 at 6:34 pm
Das Kluge-Zitat ist sehr schön, und ich habe auch den Eindruck, dass sich die Phänomene – oder wir uns – annähern. Auch die Einschätzung, dass Bücher und Filme Geschichten erzählen, teile ich.
Ich bin im Augenblick etwas unschlüssig, in welche Richtung die Diskussion gehen soll. Ich könnte einiges dazu sagen, was ich mit der sozialen Komponente der Sprache gemeint habe. Das bessere Wort wäre “Allgemeinheit”, vielleicht auch “Objektivität”, aber auch das müsste erläutert werden.
Ebenso viel ließe sich zu Deiner Einschätzung sagen, dass Sprache aufruft, nicht abbildet. Vielleicht reichen auch Stichworte: Eine Abbildung hat Ähnlichkeiten mit dem, was sie abbildet. Und der Begriff der Ähnlichkeit scheint mir hier zentral zu sein, es geht um Ähnlichkeiten im Unterschied zur Identität. Weder das Filmbild noch das Wort sind mit den Gegenständen identisch, sondern ähnlich auf ihre je eigene Art und Weise. Die Worte sind es auf eine unsinnlichere Art als die Bilder.
Klingt im Aufruf der Worte die Sehnsucht nach, die Dinge beim Namen zu rufen?
Die Orte des Lesens und des Filmguckens näher zu betrachten, macht die Diskussion einladender, es wäre ein guter Beitrag, um dies als neues Thema anzustoßen.
Ich glaube auch, dass die Grundbedürfnisse beim Lesen und beim Kinobesuch ähnlich sind, unabhängig davon, was sich der eine oder der andere zu Gemüte führt. Soweit für jetzt.
Oktober 25th, 2007 at 11:06 am
Noch was von Kluge:
“Ein Film zeigt 24 Bilder und 24 mal Schwarzbild pro Sekunde. also ist es die halbe Zeit dunkel im Kino. Viel Zeit für eigene Fantasien, Gefühle und Gedanken”. Bei 2001 gibt es alle Kluge-Filme auf DVD (99 Euro).
Oktober 25th, 2007 at 1:20 pm
Nr. 8:
Scherzkeks, der.
Soll man den Scherz ernstnehmen?
Es geht darin um Tempo, das Thema hatten wir ja auch schon. Man könnte es so sehen: Der Film ist zu schnell für uns.- Zugrunde für die Seherfahrung Film liegt ja der Umstand, dass die Bewegung der Einzelbilder schneller ist als unser armes Auge, das dafür nicht gemacht ist, wahrnehmen kann. – Zugrunde liegt ein (Selbst)Betrug.
Kluge kommt nun her und sagt quasi: Ich bin viel schneller – oder: Man kann viel schneller sein – man kann noch zwischen den Bildern träumen.
Kann man freilich nicht.
Allenfalls können sie selbst einen anregen. Anschließend, nach dem Film.
Aber man ist geführter vom Kinobild als vom literarischen Bild, gebannter vom äußeren als vom inneren. Und, das hatten wir schon erwähnt: Der Film läuft. Unerbittlich. – Beim Lesen eines Buches kann ich jederzeit innehalten, nachdenken, etwas aufschreiben, träumen, zum Fenser raussehen – und dann weiterlesen oder eben nicht. Selbstbestimmtes Tempo.
Der Film hält den Konsumenten an der Kandarre. – Das kann einen intensiven Eindruck erzeugen – Traumfabrik -, aber es kann auch nachteilig sein, unfreier machen, eigene Entscheidungen abnehmen, eigene Bilder sowieso.
Ein gegebenes Bild schließt eine Million nicht gegebener, aber genauso möglicher aus.
Und dann gibt es auch noch Filme in einer, ich will es ´Überwältigungsästhetik´ nennen, deren Effekte einen überfahren, wohl eher für das jüngere Publikum, – ich mag das nicht. Ich will etwas im emphatischen Sinn SEHEN. – Und dazu braucht es Zeit. – Es muss mir etwas GEZEIGT werden. Auf eine Art am besten, die ich sonst nicht kenne, die mich aber bereichert oder die mir gefällt.
Oktober 25th, 2007 at 9:55 pm
Nr 7:
Ähnlichkeit ist sicher einwichtiger und auch tragfähiger Begriff.
Mit dem Aufrufen der Worte wollte ich nicht, wie Deine Formulierung nahelegt, auf Benjamin raus.
Was mich interessieren würde und was wir gern verfolgen können, sind die Orte des Lesens und Sehens.
Und genauso: Folgen das Lesen und Sehen demselben Bedürfnis – oder was ist different?
Denn wenn man den mündlichen Begriff des Erzählens auf das Lesen und das Filme sehen bezieht – was heißt das?
Fragen sind genug, vielleicht nehmen wir uns eine nach der andren vor.
Oktober 26th, 2007 at 2:21 pm
Natürlich ist das Kluge-Zitat mit der angezeigten Dunkelheit zwischen den Bildern eine Provokation. Aber es verweist auf etwas. Du schreibst: “Ein gegebenes Bild schließt eine Million nicht gegebener, aber genauso möglicher aus.”
Das mag ja sein, aber es ruft auch andere Bilder hervor, die Bilder lassen eine Leerstelle, die der Zuschauer füllen kann.
Die Projektion eines Filmes läuft, wenn der Vorführer den Hebel umlegt. Man kann den Film als Zuschauer nicht anhalten und auch nicht im wörtlichen Sinn im Film zurückblättern. Im übertragenen Sinn geht es, auch während der Projektion, wenn der Film nicht auf die von Dir angesprochene ´Überwältigungsästhetik´ setzt.
Vielleicht ist die Vorstellung des eigenen Bildes, dass sich der Leser macht eine nette Illusion. Wie kommt er zu diesen Bildern? Dadurch, dass er liest (also ihn jemand füttert) und dadurch, dass er zuvor (und beim Lesen) etwas erlebt hat. Mögen die Bilder im Augenblick des Lesens oder auch danach spontan enstehen – sie und ihr Inhalt sind sowenig ohne andere Bilder wie die Bilder der Filmprojektion.
Wahrscheinlich wird es mehr zum mitlesen motivieren, wenn wir die Diskussion um die Orte des Lesens und Sehens und die Fragen nach der Motivation als eigenen Beitrag aus dieser Kommentarschlange lösen.
Oktober 27th, 2007 at 10:47 pm
Das mit dem Provokatiönchen Kluges kam ja an – aber die Bilder lassen eine Leerstelle? – Entspricht nicht meinem Seheindruck. – Das gilt auch für die Ansicht, man könnte während des Film-Sehens ´zurückblättern´.
Und ich bin, wie erfrischend, auch anderer Meinung, was die Bilder angeht, die eigenen.
Selbstverständlich fußt Wahrnehmung auf zuvor Wahrgenommenem, alldieweil wir keine unbeschriebenen Blätter sind. So weit, so klar. – Das ist für mich in diesem Zusammenhang aber kein Argument dafür, zu sagen, das sei identisch mit dem Gefüttertwerden durch Filmbilder. – Das erscheint mir ein ganz anderer Vorgang, einer den ich recht trennscharf finde. Filmbilder sind definitiv fremde Bilder. Assoziierte oder konnotierte Bilder, die beim Lesen hochkommen, mögen vorher mal gesehen worden sein oder was immer, aber ein zweiter, dritter…hunderttausendster Leser des gleichen Textes hätte sie nicht: Eigene Bilder.
Die ´Orte des Lesens´ abzutrennen, halte ich für gut und richtig: Schnipp! -
Oktober 28th, 2007 at 12:44 pm
Zwei verschiedene Meinungen, gut so. Und um die Trennschärfe beizubehalten: Beim Sehen eines Filmes geht es mir selten so, dass die Filmbilder das Bild des Filmes in meinem Kopf total bestimmen – insofern lassen die Filmbilder Leerstellen.
Du selbst hast Kluge ins Spiel gebracht mit seiner Aussage, dass das Kino älter ist und länger lebt als wie die Projektoren rattern. Die Bilder, die im Kopf des Zuschauers oder Lesers entstehen, sind angeregt und vielleicht verwandt mit denen, die im Film oder im Buch dargeboten werden. Es geht nicht um Identität bei der Fütterung, weder mit Blick auf die Wahrnehmung noch bei den Inhalten.
Oktober 29th, 2007 at 2:06 pm
Ich sehe das anders, aber vielleicht lassen wir die beiden Ansichten einmal so stehen und wenden uns anderem, etwa den Orten des Lesens respektive Sehens zu?!
Oktober 29th, 2007 at 11:02 pm
Eins noch dazu:
Vielleicht war es mir zu selbstverständlich, mir fiel auf, dass ich das zugrundelegte ohne es zu formulieren:
Es ist eine Erfahrung von mir, dass ich mir von Personen in einem Buch ein Bild mache – man könnte auch sagen: dass sich in mir ein Bild bildet.
Dann kommt es hin und wieder vor, dass Bücher die man kennt, verfilmt werden. Sehe ich den Film, was ich aus diesem und anderen Gründen ungern oder unter Vorbehalt tue, dann übelagert oder erdrückt ode verdrängt das konkretere Kinobild das subtilere Eigenbild.
Das kann man als unangenehm und auch als gewaltsam empfinden.
Das Kinobild okkupiert und kolonisiert (stramm gesagt).
Und es setzt (mehr oder weniger) das gleiche Bild in die Köpfe aller. Also trägtes zur Verarmung bei: Gleichmacherei.
Außerdem kann das, zumindest wenn es Kindern oder wenn es zum ersten Mal passiert, verstörend sein. Die Diekrepanz zwischen Eigenbild und Außenbild kann irritiertend, wenn nicht gar schockartig erfahren werden.
Oktober 29th, 2007 at 11:52 pm
Noch ein Nachtrag zum Thema Lesen:
Ulrich Greiner hat in der Online-”Zeit” vom 25.10.2007, Nr. 44, unter dem Titel “Macht Lesen glücklich?” einen kurzen Beitrag geschrieben, der für Nüchternheit plädiert und das Lesen als notwendige Kulturtechnik, nicht als Hort des Glücks oder Quell der Weisheit darstellt.
Oktober 30th, 2007 at 10:36 am
Lesen als Kulturtechnik, einverstanden. Aber wozu dieser ganze Eifer der Kultur, wenn nicht irgendwo am Horizont zumindest die Aussicht auf Glück dämmert?
Bei dieser Gelegenheit: Ich halte auch das Internet primär für ein Lesemedium.
Oktober 30th, 2007 at 1:32 pm
Den trockenen Herrn Greiner in Kürze ausgehebelt: Jo!
Internet: Freilich, auch – aber eben nicht in Buchform und es gibt auch Bilder und Filme – wenn man denn will.
Oktober 31st, 2007 at 1:25 pm
täusche ich mich, oder sind wir wieder bei meiner ersten gegenüberstellung von eigenen (buch) und fremden (film) bildern angelangt?
für mich jedenfalls ist diese unterscheidung zentral und ist es auch nach euren kommentaren und ihren nötigen differenzierungen geblieben.
zu den orten des lesens und sehens an anderer stelle mehr.
zum glück des lesens nur dies:
lesen ist ein kontemplativer vorgang, eine mischung aus entspannung und konzentration, und darin liegt vielleicht ein glück verborgen, nämlich in einer sich selbst genügenden tätigkeit, die sich in einem raum spielerischer autonomie vollzieht.
ilma rakusa: “das leseglück bietet, für einen vergleichsweise bescheidenen aufwand, eine seltene mischung von bei-sich- und außer-sich-sein, einen zustand höchster wachheit und ruhiger entspannung. ausgetrickst der alltag, die zeitmaschine, der nützlichkeitswahn. einzige bedingung, daß sich der leser auf das gelesene einläßt und die eigene imagination betätigt.”
lesen, so verstanden und praktiziert, kann eine seins- und damit eine glücksweise sein. doch bei weitem nicht jede lektüre schafft dies.
was mich interessieren würde:
wie ist es mit filmen: können auch diese ein solche selbst-erfahrung ermöglichen?
November 2nd, 2007 at 7:20 pm
ein fundstück, das noch einmal das besondere der rezeptionszeit beim lesen thematisiert:
“der roman soll keine eile haben. früher konnte auch die eile in seine sphäre gehören, jetzt hat sie der film aufgenommen; an ihm gemessen muß der eilige roman immer unzulänglich bleiben. der roman, als geschöpf ruhigerer zeiten, mag etwas von dieser alten ruhe in unsere neue hastigkeit tragen. er könnte vielen leuten als eine zeitlupe dienen; er könnte zum verharren reizen …”
(elias canetti, aus den aufzeichnungen des jahres 1942)
was canetti nicht kannte oder für nicht möglich hielt, war ein film, der durch seine gemächlichen kamerafahrten, seine montagetechnik und den ruhigen fluß der einstellungen ein vergleichbares, entschleunigtes zeitempfinden beim rezipienten auslösen kann. ich denke hier an “a straight story” von david lynch – dem filmischen hohelied auf die langsamkeit. es gibt sicherlich noch viele andere beispiele aus der filmgeschichte.
und trotzdem finde ich das kriterium der reptionszeit und des zeitempfindens beim bücher lesen und filme schauen hilfreich, um unterschiede zu markieren:
lesen ermöglicht eine weitgehend freie zeiteinteilung;
die filmbetrachtung findet dagegen in der regel unter einer konkreten zeitvorgabe, ja man kann sogar sagen: unter einem gewissen zeitdruck statt. letzteres führt dazu, daß der zuschauer dadurch stärker in seiner aufmerksamkeit gefordert ist, er muß sozusagen am “ball” bleiben und dem film einstellung für einstellung konzentriert folgen, während der leser seine aufmerksame lektüre jederzeit unterbrechen, verlangsamen oder beschleunigen kann.
ich weiß, wir hatten das schon angesprochen, doch wir hatten dabei meines wissens noch nicht thematisiert, was diese unterschiedlichen rezeptionsvorgaben mit unserem zeitsinn zu tun haben bzw. wie sie diesen gegebenenfalls modifizieren. vielleicht sollten wir darüber auch noch einmal nachdenken, wenn möglich an konkreten lese- oder seherfahrungen. ich bin gespannt darauf, darüber hier etwas lesen zu können.
November 2nd, 2007 at 9:55 pm
Im Augenblick habe ich keine Zeit zu antworten, aber auch ein Fundstück zu bieten:
“Es geht im Grunde um die Frage: Was ist Musik? Ist Musik etwas, wodurch wir die Welt verstehen können? Ich meine, es ist beides. Wenn Sie nach einem schrecklichen Tag im Büro samt Telefonat mit ihrem Steuerberater endlich zu Hause sitzen, ein Glas Whisky trinken und Musik hören, ein Stück, das sie lieben, und sie vergessen alles innerhalb von Sekunden: Das ist die Magie des Klanges. Und es ist auch gut so – warum nicht?”
“Und genau diese Trennung: da das Leben, da die Musik, regt mich bis heute auf! Das ist schrecklich! Musik und Leben gehören zusammen, wir können nämlich von der Musik sehr viel lernen.”
Diese Zitate stammen aus einem Interview mit Barenboim in der “Zeit”: S. 17 und 18 vom 18. 10. 2007
Scheint mir gut auf unser Thema übertragbar?!
November 4th, 2007 at 7:10 pm
Halten wir mal fest: Lesen darf (immerhin das!) etwas mit Glück zu tun haben.
Das mag etwas mit verfügbaren Freiräumen – spielerische Autonomie – zu tun haben.
Zu Nr. 19:
Ob es Filme gibt, die ähnliche Erfahrungen vermitteln. Vielleicht. Vorausgestzt, dass man bereit ist, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. – Oder hat man hier prinzipiell Geschiedenes vor sich?
Wie stellt man sich dazu?
Medienkonsum ist das eine wie das andere. Aber mir ist es ein Unterschied, ob ich lese oder Filme sehe. Jedenfalls, das kann ich für mich feststellen, haben die meisten Filme eine sehr viel kürzere Halbwertszeit, als Bücher. – Das kann aber auch mit der Zeit der aufgewandten Rezeption zu tun haben?!