ORTE DES LESENS I

Oktober 31st, 2007

Ein leidenschaftlicher Leser hat vermutlich in seiner Lese-Sozialisation besondere Erfahrungen mit dem Lesen gemacht. Das dürfte auch mit bestimmten Orten verbunden sein.
Sei es, dass die Großmutter oder die Eltern vorgelesen haben, und sich so das Sofa oder der Sessel ins Gedächtnis eingegraben hat, sei es, dass man sich erinnert, verbotener Weise mit der Taschenlampe unter der Bettdecke wieder zu lesen begonnen zu haben, nachdem die Mutter das Licht ausgeschaltet und das Zimmer verlassen hatte.
Lesen vermittelt sich in Ruhe.
Es braucht vorzugsweise einen bequemen oder gemütlichen, idealer Weise einen schönen Ort.
Lesen kann etwas mit Geborgenheitsgefühlen zu tun haben. Es scheint eine Tätigkeit, die von dem Paradox bestimmt scheint, durch es von sich selbst wegzukommen (weitere Blicke, andere Welten) – und dadurch gleichzeitig sich näher zu kommen als im Normalzustand.
Lesen kann intensiv und obsessiv betrieben, zu einer Lebensform werden. Man liest nicht nur Bücher, sondern auch Dinge, Gesichter und Vorgänge, denkt nur noch über und in Büchern und Romanfiguren.
Was nicht nur pos. Folgen haben muss, wie die auch von Ulrich Greiner angeführten, bekannten Beispiele von Mme Bovary oder Don Quijote zeigen. Bouvard und Pecouchet wären auch anzufügen. (”Zeit” online Nr. 44 vom 25.10.07)

Die legendären laufenden Bilder sieht man im Kino, zu Hause, mit einem Projektor oder im Fernsehen, neuerdings im Computer. Das teils halböffentliche Filmsehen ist demnach nicht immer eine ganz so einsame Tätigkeit, wie das Lesen.
Sprach man im 18. Jahrhundert von Lesesucht, gab es inzwischen die Fernseh- und aktuell die Computersucht. Ist es möglich, dass man, spielt Kluge darauf an, es auf ein kleinstes Gemeinsames herunterbrechen kann?
Das Buch war lange das flexibelste Medium – Lesen war, ausreichend Licht vorausgesetzt, quasi an jedem Ort möglich – vom Studientisch bis zum Klo. Durch die Computertechnik holt das bewegte Bild zunehmend auf.

Eine Antwort to “ORTE DES LESENS I”

  1. 1 ewu simpel
    November 7th, 2007 at 7:44 pm

    eine besondere auffassung vertritt die schriftstellerin marguerite duras, wenn sie formuliert: “man kann nicht bei zwei lichtern gleichzeitig lesen, dem licht des tages und dem licht des buches. man sollte bei elektrischem licht lesen, den raum im dunkeln, und nur die seite beleuchtet.” (1985 in einem Interview)

    und doch stellt sie eine wichtige seite des lesens heraus, nämlich daß es eine einsame tätigkeit ist, bei der man sich auf sich selbst zurückzieht und sich an einem ort und für eine bestimmte zeit unerreichbar macht:
    lesen verschließt uns gegenüber der welt und eröffnet uns diejenige des buches.
    soviel für heute.

    ich bin dann mal weg, für knapp zwei wochen.
    lest wohl.