ORTE DES LESENS II

November 5th, 2007

Hat man sehr viel oder sehr intensiv gelesen, wird man selbst, innerlich, zum Ort des Lesens, auch über den Zeitraum des Buchstabenlesens hinaus: Man lebt eine Weile mit dem Buch, seinen Figuren, Stimmungen, Gedanken.
Das hat pathetische und praktische Anteile.
Es mag diese quasi-magische Handlung und Anverwandlung ein legitimer und notwendiger Teil des Vorgangs sein, den wir ´lesen´ nennen.

18 Antworten to “ORTE DES LESENS II”

  1. 1 ewu simpel
    November 19th, 2007 at 7:46 pm

    ich frage mich:
    wählt man deshalb vielleicht in der regel den abgeschirmten ort, an dem allein ein lampenlicht die buchseite beleuchtet und den rest des raumes im dunklen beläßt, damit diese “quasi-magische handlung”, dieser mysteriöse moment einer geburt möglich wird? man bringt beim lesen – pathetisch gesprochen – doch etwas zur welt, man erweckt doch etwas zum leben, und dieser geburtsvorgang braucht vielleicht die stille, das dunkel und den lichtschein auf die rechte stelle. könnte doch sein, könnte das sein?

  2. 2 Helmut
    November 20th, 2007 at 6:06 pm

    Ehrlich gesagt bin ich nicht auf Geburt gekommen.
    Und mir scheint es auch nciht ganz richtig, dass man etwas zur Welt bringt. Etwas zum Leben erwecken, gut, ja, schon. Trotzdem: Mich überzeugt das Bild eigentlich nicht.
    (Ausserdem: In Kreißsälen findet Geburt wohl anders statt…)

  3. 3 ewu simpel
    November 23rd, 2007 at 12:34 pm

    aber wir bringen beim lesen doch etwas zur welt bzw. wir fügen dem text etwas hinzu. wir konstruieren, schaffen bedeutungen, die zuvor als stumme zeichenschrift im text vorhanden waren. das lesen selbst ist – da werden wir uns einig sein – ein schöpferischer prozeß, bei dem der text im unfassenden sinn bearbeitet wird und dabei eine besondere form von wirklichkeit – für uns und andere – erhält. deshalb schien mir der vergleich zu einem geburtsvorgang nicht schlecht gewählt zu sein – man erweckt etwas zum leben, oder besser: während ich lese lasse ich etwas entstehen, in meinem kopf, und wenn ich darüber rede oder schreibe, bringe ich dies mit den mitteln der sprache zum ausdruck, erschaffe bedeutungen, über die wieder kommuniziert werden kann.

  4. 4 Helmut
    November 24th, 2007 at 6:12 pm

    Man kann es so sehen. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Nur war mir dieses Bild fern – oder wieder – zu pathetisch? –
    Lesen ist, wenn auch passiv, ein schöpferischer Vorgang – wenn das nicht ein Widerspruch in sich ist: Schöpferisch und passiv. – Aber etwas zur Welt bringen? Wir aktualisieren etwas, das bereits da ist. Und lesen findet ja nur im Innen statt – bei einer Geburt wird etwas entäußert.

  5. 5 ewu simpel
    November 25th, 2007 at 1:40 pm

    aktualisieren wir nur, was schon da ist? verwirklicht nicht der leser erst das buch, indem er es liest? benötigt nicht das buch den leser gewissermaßen als zweiten autor? irgendwo habe ich einmal gelesen und für schlüssig befunden, daß jedes buch (mind.) zwei autoren habe: den verfasser und den leser. ist das nur ein bonmot oder vielleicht nicht doch die treffende beschreibung einer schöpferischen beziehung?

  6. 6 Helmut
    November 27th, 2007 at 12:29 pm

    Man kann es, wenn man so will, eine schöpferische Beziehung nennen. Aber die Arbeit, ein Buchzu schreiben, spielt doch wohl in einer ganz anderen Liga, als ein Buch zu lesen?!
    Natürlich ist mir der Leser zunächst einmal eine sympathische Figur – aber zu sehr aufplustern muss er sich auch nicht, finde ich.
    Aber den Leser als zweiten autor zu feiern – was heißt das? Und warum eigentlich? Lesen ist doch weniger Arbeit als Vergnügen und Unterhaltung, auch bei schwierigeren Texten.

  7. 7 ewu simpel
    November 27th, 2007 at 12:49 pm

    mir ging es auch nicht um ein ranking, bei dem der leser auf einer stufe mit dem verfasser erscheint. mir ging es um die beschreibung der beziehung, die zwischen diesen beiden durch das medium des buches entsteht. was passiert, wenn ein leser die deckel eines buches öffnet? welchen anteil hat er daran, die bedeutungen des textes gewissermaßen freizusetzen, kummunizierbar zu machen, für sich und andere? ist nicht jedes buch auf den oder die leser angewiesen, um seine wirkung zu entfalten. ein gemeinplatz, ich weiß, aber mir ging es mit diesem hinweis um den anteil des lesers, um seinen beitrag. bisweilen grenzt das auch an arbeit, allerdings eine, die man auch lassen kann. wir dürfen, wir müssen nicht lesen. auch das einer der aspekte des glücks beim lesen. also: ein urheber im strikten sinne ist der leser nicht, das ist richtig, aber doch – um das bild noch einmal aufzunehmen – ein geburtshelfer. auch zum lesen gehört eine portion erfindungsgabe, neben der gabe der einfühlung und der fähigkeit, zeichen zu deuten. darin, ihn solcherart zu bestimmen, sehe ich noch nicht eine aufplusterung des lesers.

  8. 8 Helmut
    November 27th, 2007 at 3:27 pm

    Du sagst es selbst: Das Buch muss nicht gelesen werden.
    So duftet es mir etwas nach Selbstaufwertung des Lesers.
    Das Buch ist da – mit oder ohne ihn. – Der Fall, dass es auf einen einzigen Leser ankäme, ist doch sehr theoretisch. Nach dem Motto: Eine Welt, die keiner sieht, ist die noch da? – Und wenn er liest, der Leser, dann doch nicht für andere. Dann liest er für sich und die Produktivität, wenn man in diesem Zusammenhang davon reden will, liegt nur in ihm.

  9. 9 ewu simpel
    November 28th, 2007 at 11:24 am

    das buch ist da – ja, aber:
    zielt nicht jedes schreiben auf einen leser? ein nicht gelesenes buch bleibt doch ein stummer gegenstand unter anderen, tritt in niemandes bewußtsein und damit gegenwart ein. mir geht es nicht um eine aufwertung des lesers, sondern um die wechselseitige beziehung des lesers zum buch und vice versa. sie bilden für mich eine spannungsvolle einheit in einem schöpferischen prozeß. ich will damit das lesen nicht höher oder auf eine stufe mit dem schreiben stellen, sondern nur ihr notwendiges aufeinanderbezogensein betonen. die produktivität des lesers bleibt zwar zunächst bei ihm, läuft in seinem kopf und gemüt ab, tritt aber nach außen, schafft etwas neues neben dem durch den text vorgegebenen, wenn er darüber spricht, schreibt oder auf eine andere weise kommuniziert. was machen wir denn, wenn wir im “eckfenser” über bücher uns austauschen? wir schreiben über unsere lesarten, über die von uns geleiteten reproduktionen des textes in unserem bewußtsein. und das ist, wie ich finde, ein wesentlicher bestandteil dessen, was ich die beziehung zwischen buch und leser nannte. ein bestandteil, der auch schöpferisch genannt zu werden verdient hat. wie sehen das eigentlich die anderen? mb und w-d, leser, wo seid ihr abgeblieben?

    wir müssen nicht lesen – damit meinte ich: wir müssen nicht lesen so wie wir atmen müssen, um leben zu können. lesen – gemeint ist immer das lesen von büchern – ist in diesem sinne keine physische notwendigkeit. aber überzeugt bin ich davon, daß ein buch gelesen werden muß, um seine bedeutungen entfalten zu können.

    eine interessante frage wäre: gibt es einen autor, der nicht wollte, daß seine texte gelesen werden? ich meine nicht intime tagebücher oder dergleichen mehr, texte, die nicht für eine breite öffentlichkeit geeignet sind, sondern ich denke an einen autor, der schrieb, ohne an einen potentiellen leser zu denken.

    bücher sind für mich u.a. mitteilungen, gesprächsangebote. ohne einen – im übertragenen sinne – sender, blieben sie inexistent. und ohne einen empfänger bleiben sie schlicht bedeutungslos. wenn das schon eine selbstaufwertung des lesers ist, was hälst du dann von dem folgenden satz alberto manguels, den selbst ich so pointiert formuliert nicht für richtig halten würde: “von anbeginn an ist das lesen die apotheose des schreibens.”

  10. 10 Helmut
    November 28th, 2007 at 8:51 pm

    Sicher: Ein Buch, das nicht gelesen wird, erzählt nichts.
    Aber in der Regel hat ein Buch nicht nur einen Leser, sondern viele. – Liest einer mehr oder weniger: Na und?
    Ob jedes Buch auf einen Leser zielt? Ja, sicher, irgendwie schon. Trotzdem gibt es vermutlich Bücher, die sehr viel mehr für Leser gesdchrieben sind als andere. Oder anders: Es mag viele Bücher geben, deren Autoren beim Schreiben kaum an einen Leser denken.
    (Die Suche nach weiteren Fehlleistungen anhand von Schreibfehlern lass ich aus…)
    Das Lesen als Apotheose des Schreibens? Man kann es so sehen und bezeichnen, sicher.
    Worum genau soll es denn gehen hier? Das sind Spielarten. Man kann das Lesen hochhalten, man kann es weniger wichtig nehmen. Beides ist möglich. Was mich (wieder einmal ) etwas störte, war das Pathos, das mir bei ´Geburt´ und ´Schöpfung´ etc. hindurchschien.
    Was daran ist Dir wichtig?

  11. 11 ewu simpel
    November 29th, 2007 at 12:11 pm

    vielleicht nutze ich diese von dir als pathetisch empfundenen wörter, um mir die lust zu erklären (oder zu rechtfertigen), die mich immer wieder zu einem buch greifen läßt, die mich neugierg und gespannt die neuerscheinungen auf dem buchmarkt verfolgen läßt, auf der suche nach einem neuen autor und dessen erzählwelt, und um mir begreiflich zu machen, warum das lesen für mich zu einem modus vivendi wurde.
    vielleicht genieße ich beim lesen meine eigenen schöpferischen anlagen, die sich in ihm aktualisieren, oder das spielerische element dabei, das mich von den notwendigkeiten des alltags entlastet. die wortwahl drückt dabei meine lesehaltung aus, was aber nicht bedeutet, daß es bei mir nicht noch andere gibt. ich bin ja dabei, in dieser rubrik und mit euch zusammen, mir darüber klarzuwerden, was es bedeutet, ein leser zu sein. das macht u.a. den reiz dieser seite für mich aus.

    was spricht dagegen, das lesen als eine neuschöpfung des textes, als eine mehr oder weniger gesteuerte entfaltung der bedeutungen des textes im bewußtsein des oder der lesenden zu begreifen? in einem solchen verständnis steckt doch auch die erkenntnis, daß keine lesart ultimativ sein kann. und das könnte ein grund dafür sein, warum wir immer wieder lesen – es hat etwas unerschöpfliches an sich und deshalb vielleicht werde zumindest ich immer wieder von büchern angesprochen: sie nähren und unterlaufen zugleich mein bedürfnis, mich und die welt zu verstehen.
    habe ich mich verständlich gemacht? wie ist es bei dir, euch?

  12. 12 Helmut
    November 30th, 2007 at 4:21 pm

    Ich verstehe das gut und Du hast Dich durchaus verständlich gemacht, es spricht aus meiner Sicht auch nichts dagegen, das Lesen als schöpferischen Akt zu feiern – ich habe wie gesagt einfach ein inneres Alarmsystem gegen, sagen wir einfach mal, ´Pathos´.
    Ich hatte es vielleicht schon einmal zitiert, Borgés schreibt:

    “Lesen ist, im ganzen gesehen, eine Tätigkeit, die dem Schreiben den Vortritt läßt: Sie ist entsagender, höflicher, intelltektueller.”

    Oder Longfellow, nicht ausdrücklich auf´s Lesen bezogen und wie wollte man dieses ´verstehen´ nachvollziehen oder beweisen, aber das soll uns hier nicht beschäftigen:

    “Die Fähigkeit, einen großen Dichter zu verstehen, kommt seinem Talent fast gleich.”

    Man kann sich so oder so dazu stellen. – Ich finde, das sind nett zu leisende, schmeichelnde Aussagen, die erste ja vielleicht auch nicht ohne Ironie, aber da mag jeder Leser selbst drüber entscheiden.
    Mir liegt es nahe, gerade weil mir das Lesen wichtig ist und ich mich auch als Leser sehe und verstehe, es mir nicht zu leicht zu machen, mir nicht selbst trostreich in die Tasche zu lügen oder dergleichen. Eine gewisse Vorsicht, vielleicht Delikatesse, aber auch aus Schutzgründen. Und wohl auch auf dem Hintergrund, dass man als Leser allzu leicht dazu neigen könnte, das Lesen zu überschätzen.

  13. 13 ewu simpel
    November 30th, 2007 at 7:48 pm

    wechselseitige erhellungen (walzel) – das ist es, was wir hier im idealfall betreiben mit unserem kommentar-ping-pong. und der mahnung zur nüchernen selbsteinschätzung, wie du sie im letzten abschnitt propagierst, kann ich durchaus zustimmen – nicht aber immer erfüllen, fürchte ich. bestimmte macken will man sich halt einfach nicht nehmen lassen.

  14. 14 Helmut
    Dezember 1st, 2007 at 3:53 pm

    Das Lesen als Projektionsfläche – für uns, für andere.
    Was lässt sich nicht alles damit verbinden? Von der Kulturkritik bis zu Endzeitstimmungen, von Hymnen bis zur Gleichgültigkeit.

    Christoph Bertram schrieb kürzlich in der “Zeit” über Régis Debray, “der einst mit Che Guevara kämpfte und Allende wie Mitterand diente”. Dieser, Philosophie-Professor in Paris, ist der Meinung, dass der Sozialismus seine Anziehungskraft verloren habe, weil das gedruckte Wort iihm nicht mehr Autorität und Zusammenhang verleiht.
    Er unterscheidet die “Graphosphäre” (1448)und die “Videosphäre” (1968) als Beginn- und Endpunkt. “Dazwischen lag die goldene Zeit der Aufklärung, des Buches, der Zeitung und der politischen Parteien. (…) Schriftsetzer, Intellektuelle und Lehrer waren die drei Säulen der Bewegung, Bücher, Bibliotheken und Pamphlete ihr Transmissionsriemen.”
    Debray wird mit folgenden Worten zitiert: “Alle revolutionären Tatmenschen, die ich in meinem Leben getroffen habe – von Che Guevara bis Pham Van Dong über Fidel Castro -, waren besessene Leser. (…) Zwischen dem ´re´ von Reform, Republik oder Revolution … ist stets eine Hand, die durch die Seiten eines Buches blättert.”

    Wäre allerdings auch noch interessant zu wissen, WAS die Herren Revolutionäre so gelesen haben – Jules Verne oder Karl Marx?

    In dem Artikel heißt es weiter: “Mit dem Sturz des Kommunismus kam das Ende dieser letzten literarischen Gesellschaft Europas: Disneyland statt Diderot. ´Der politische Sieg des Humanismus war die kluturelle Niederlage der humanistischen Bildung.´”

    “Debray lastet auch den Niedergang sozialistischer Parteien dem Übergang vom gedruckten zum digital erzeugten Wort an. ´Druck verlor seinen Vorrang, der Intellektuelle sein Milieu, sozialistische Politik ihren Bezugspunkt.´”

    “Die Videosphäre ist für aufklärerische Visionen gesellschaftlicher Gerechtigkeit ungeeignet.”

    (Unter dem Titel “Des Rebellen Abgesang” in der “Zeit” vom 22.11.2007, Nr. 48, S. 63)

    Starke These – was haltet ihr davon?

  15. 15 wolf-dieter
    Dezember 2nd, 2007 at 1:45 pm

    Spontan und schon halb aus dem Zimmer eilend: Vielleicht ist der Intellektuelle, den er beschreibt, ein aussterbender Dinosaurier, weil er den Klimawandel nicht verträgt.

  16. 16 Helmut
    Dezember 2nd, 2007 at 3:11 pm

    Nun, ich halte diese Ansichten auch für etwas einfach und schnellfertig. Aber hat der arme Kerl diesen Spott verdient?
    Und man könnte auch kurz ernsthaft überlegen, ob nicht irgendetwas dran sein könnte, an der These. – Und wenn ja, dann was?
    Es geht um Schrift versus Bild und was damit verbunden wird.
    Das Medium der Schrift kann ja durchaus näher an Reflexion stehen als das Bild, oder?
    Eine andere Frage wäre: Stimmt es denn, dass die Schrift so auf dem Rückzug ist – Du meinst ja, auch im Netz: Nein.

  17. 17 Helmut
    Dezember 2nd, 2007 at 3:51 pm

    Zu Uwe:
    Bücher als Gespächsangebote, hattest Du vor kurzem geschrieben. –
    Das ist sicher nicht der Regelfall. Man lässt doch ein Buch eher still auf sich wirken?!

    Zum Thema zeitgenösssisches Lesen:
    Mein Bruder schrieb mir in einer Mail:
    Vielleicht ist die Informationsübermittlung durch Buchstaben nur ein Umweg – so lange es nicht anders möglich war/ ist.
    Primaten seien nun mal Augentiere.
    Vielleicht würde man bald über Mails lächeln – und direkt in Bild und Ton diskutieren; gibt es ja im Grunde schon.

  18. 18 wolf-dieter
    Dezember 3rd, 2007 at 12:05 pm

    @Helmut: Das Klima hat sich gewandelt, und nicht nur die Dinosaurier sind davon betroffen. Sein melancholischer Blick zurück nimmt recht treffend Konstellationen wahr, über die sich das Nachdenken lohnt. Vielleicht bringen andere Zeiten andere Reformer und Revolutionäre hervor oder vielleicht verändern sich diese Ideen selbst. Das scheint mir bei ihm aus dem Blick zu geraten. Vielleicht ist das auch gar nicht sein Thema.