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	<title>Kommentare zu: Pawel Sanajew: &#8220;Begrabt mich hinter der Fussleiste&#8221;</title>
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	<description>Bücher, Bücher</description>
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		<title>Von: uwe</title>
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		<dc:creator>uwe</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Dec 2007 12:02:26 +0000</pubDate>
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		<description>&lt;p&gt;Erst jetzt komme ich dazu, etwas beizusteuern. Du hattest mich ja eingeladen zu einer gemeinsamen Lekt&#252;re. Die allerdings liegt schon wieder einige Wochen zur&#252;ck. Zum Inhalt und seiner sprachlichen Pr&#228;sentation hast Du ja schon in deiner Besprechung treffliches geschrieben. Ich will versuchen, meine Leseerfahrung zusammenzufassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit wenigen Worten: Ein gutes Buch. Aufr&#252;ttelnd im Inhalt, &#252;berzeugend in der Form. Der Blick in eine Kindheitsh&#246;lle ganz besonderer Art. Probleme, es zu lesen hatte ich nicht. Es ist ja kein R&#252;hrst&#252;ck. Der Erz&#228;hlstil beschreibt den Horror dieser Kindheit zwar in aller schmerzvollen Ungeheuerlichkeit, apelliert dabei jedoch weder vordergr&#252;ndig an die Empathie des Lesers noch versucht er die Widerspr&#252;che der handelnden Personen psychologisch aufzul&#246;sen. Vielmehr schafft er es mit seinem n&#252;chternen, unsentimentalen Ton und mit den grotesken Slapstick-Einlagen eine Distanz zum Schrecklichen des Geschehens aufzubauen. Die vorherrschend kindliche Perspektive l&#228;&#223;t die Szenerie authentisch wirken, r&#252;ckt den Leser nah ran an die handelnden oder besser: mi&#223;handelnden Personen. Zugleich verschaffen ihm die vielen Verfluchungstiraden, die &#220;bertreibungen, die komischen Situationen eine Entlastung von der Ungeheurlichkeit dessen, was diesem Kind angetan wird. Bisweilen kann man sogar lachen, doch dieses Lachen bleibt im Halse stecken: Denn bei aller Komik (vgl. etwa die Badeszene, die M&#246;rtel-Episode), bleibt der Horror immer gegenw&#228;rtig. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beklemmend auch zu lesen, wie die famili&#228;ren Herrschaftsstrukturen geschildert werden und wie sie zu einer psychischen Deformation bei dem Kind f&#252;hren, das nicht nur von Loyalit&#228;tskonflikten gequ&#228;lt, sondern auch gezwungen wird, sich selbst als einen nichtsnutzigen, todkranken Idioten zu verstehen. Er entwickelt zwar diverse &#220;berlebensstrategien (Rachephantasien, Tagtr&#228;ume, Provokationen) gegen den allt&#228;glichen Familienhorror, doch kann er erst zum Schluss der ihm auferlegten Rolle des &quot;verdammten Mistst&#252;cks&quot; entfliehen - zumindest wird diese M&#246;glichkeit gegen Ende des Buches angedeutet, sie bleibt aber unausgef&#252;hrt, offen. Auch das ein Reiz des Buches: Der Leser wird nicht nur angehalten, die Handlung aus der vorwiegend kindlichen Wahrnehmung und den wenigen Flashbacks aus der Sicht der Gro&#223;mutter und des Gro&#223;vaters, d.h. aus der subjektiven, notwendigerweise verzerrten Perspektive der Personen zu verstehen, sondern muss auch aushalten, wie anhaltend und lange die Pers&#246;nlichkeit eines Kindes zerst&#246;rt wird. Das war es auch, was mich nachhaltig bis in meinen eigenen Alltag weiterverfolgte: Wie die Formen der verbalen Gewalt das Selbstbild des Kindes bestimmen und wie schwierig es ihm ist, diesen furchtbaren Bannkreis der geltungss&#252;chtigen und psychisch gest&#246;rten Gro&#223;mutter zu verlassen. Denn diese herrscht bis in seine Urteile, Assoziationen und Meinungen hinein, bestimmt die Wahrnehmung seiner selbst und die der anderen. Diese verst&#246;rende und best&#252;rzende Fatalit&#228;t wird, wie schon angesprochen, ein wenig aufgelockert durch den schlichten Erz&#228;hlstil, durch geschickt gesetzte Tempowechsel und einem fulminanten Ende, einer Art G&#246;tterd&#228;mmerung vor der Wohnungst&#252;r der Mutter, wo es auch zu dem von Dir erw&#228;hnten, bemerkenswerten und geradezu b&#252;hnenreifen Monolog kommt. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch r&#252;ttelt auf und macht zugleich Hoffnung, nicht nur wegen des lichten Endes, sondern wegen der formalen Stringenz, mit der hier eine d&#252;stere Kindheit erz&#228;hlt wird. An den autobiographischen Hintergrund m&#246;chte man nicht r&#252;hren, da hast Du Recht. Interessant w&#228;re die Frage aber schon, ob hier das Erz&#228;hlen und diese Art des Erz&#228;hlens den Bann gebrochen hat. Was kann man von diesem Autor noch erwarten? &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und ob sich in dem Kindheitshorror die Machtstrukturen in der Familie der alten Sowjetunion und eines bestimmten k&#252;nstlerisch-intellektuellen Milieus spiegeln, kann ich kompetent nicht wirklich beantworten. Die Geschichte wird jedoch so erz&#228;hlt, dass es auf den Sozialstatus und das politische Umfeld der Personen nicht wirklich ankommt. Vielmehr geht es, jedenfalls nach meiner Leseerfahrung, um das Zerst&#246;rerische einer Familienkonstellation, die so &#252;berall auftreten kann. Das Besondere an dem Roman ist demnach nicht, was an dem Geschehen typisch russisch ist (obgleich es einige unmi&#223;verst&#228;ndliche Hinweise auf Lebensalltag und bedr&#228;ngende politische Umst&#228;nde gibt), sondern wie es einem erwachsenen Autor gelungen ist, den Albtraum einer Kindheit erz&#228;hlerisch und sprachlich bew&#228;ltigt zu haben. Im und durch das Buch scheint er das bewerkstelligt zu haben, ob im Leben auch, k&#246;nnen wir nicht wissen. Deshalb ist es spannend, was von ihm noch zu lesen sein wird. Oder folgt gar eine Verfilmung des Stoffes? W&#228;re nicht verwunderlich bei einem Schriftsteller, der auch als Drehbuchautor und Filmemacher arbeitet. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich danke Dir jedenfalls f&#252;r den Hinweis. Es gibt Szenen in dem Buch, etwa das Gorki-Park-Kapitel oder die beiden Fiebertraum-Schilderungen oder die M&#252;llschlucker-Episode, die ich nicht so schnell - wenn &#252;berhaupt - vergessen werde. Den Titel &#252;brigens auch nicht. Als mir sein tieferer Sinn in dem gleichnamigen Kapitel offenbar wurde, konnte ich eine Tr&#228;ne in meinen Augenwinkeln nicht unterdr&#252;cken. Doch wie ich schon zu Beginn formulierte: Das Buch ber&#252;hrt ohne r&#252;hrselig zu sein, da es der Autor verstanden hat, das Irrwitzige eines Kindheitsmartyriums in eine &#252;berzeugende Form des Erz&#228;hlens zu bringen.&lt;/p&gt;
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		<content:encoded><![CDATA[<p>Erst jetzt komme ich dazu, etwas beizusteuern. Du hattest mich ja eingeladen zu einer gemeinsamen Lekt&#252;re. Die allerdings liegt schon wieder einige Wochen zur&#252;ck. Zum Inhalt und seiner sprachlichen Pr&#228;sentation hast Du ja schon in deiner Besprechung treffliches geschrieben. Ich will versuchen, meine Leseerfahrung zusammenzufassen.</p>
<p>Mit wenigen Worten: Ein gutes Buch. Aufr&#252;ttelnd im Inhalt, &#252;berzeugend in der Form. Der Blick in eine Kindheitsh&#246;lle ganz besonderer Art. Probleme, es zu lesen hatte ich nicht. Es ist ja kein R&#252;hrst&#252;ck. Der Erz&#228;hlstil beschreibt den Horror dieser Kindheit zwar in aller schmerzvollen Ungeheuerlichkeit, apelliert dabei jedoch weder vordergr&#252;ndig an die Empathie des Lesers noch versucht er die Widerspr&#252;che der handelnden Personen psychologisch aufzul&#246;sen. Vielmehr schafft er es mit seinem n&#252;chternen, unsentimentalen Ton und mit den grotesken Slapstick-Einlagen eine Distanz zum Schrecklichen des Geschehens aufzubauen. Die vorherrschend kindliche Perspektive l&#228;&#223;t die Szenerie authentisch wirken, r&#252;ckt den Leser nah ran an die handelnden oder besser: mi&#223;handelnden Personen. Zugleich verschaffen ihm die vielen Verfluchungstiraden, die &#220;bertreibungen, die komischen Situationen eine Entlastung von der Ungeheurlichkeit dessen, was diesem Kind angetan wird. Bisweilen kann man sogar lachen, doch dieses Lachen bleibt im Halse stecken: Denn bei aller Komik (vgl. etwa die Badeszene, die M&#246;rtel-Episode), bleibt der Horror immer gegenw&#228;rtig. </p>
<p>Beklemmend auch zu lesen, wie die famili&#228;ren Herrschaftsstrukturen geschildert werden und wie sie zu einer psychischen Deformation bei dem Kind f&#252;hren, das nicht nur von Loyalit&#228;tskonflikten gequ&#228;lt, sondern auch gezwungen wird, sich selbst als einen nichtsnutzigen, todkranken Idioten zu verstehen. Er entwickelt zwar diverse &#220;berlebensstrategien (Rachephantasien, Tagtr&#228;ume, Provokationen) gegen den allt&#228;glichen Familienhorror, doch kann er erst zum Schluss der ihm auferlegten Rolle des &#8220;verdammten Mistst&#252;cks&#8221; entfliehen &#8211; zumindest wird diese M&#246;glichkeit gegen Ende des Buches angedeutet, sie bleibt aber unausgef&#252;hrt, offen. Auch das ein Reiz des Buches: Der Leser wird nicht nur angehalten, die Handlung aus der vorwiegend kindlichen Wahrnehmung und den wenigen Flashbacks aus der Sicht der Gro&#223;mutter und des Gro&#223;vaters, d.h. aus der subjektiven, notwendigerweise verzerrten Perspektive der Personen zu verstehen, sondern muss auch aushalten, wie anhaltend und lange die Pers&#246;nlichkeit eines Kindes zerst&#246;rt wird. Das war es auch, was mich nachhaltig bis in meinen eigenen Alltag weiterverfolgte: Wie die Formen der verbalen Gewalt das Selbstbild des Kindes bestimmen und wie schwierig es ihm ist, diesen furchtbaren Bannkreis der geltungss&#252;chtigen und psychisch gest&#246;rten Gro&#223;mutter zu verlassen. Denn diese herrscht bis in seine Urteile, Assoziationen und Meinungen hinein, bestimmt die Wahrnehmung seiner selbst und die der anderen. Diese verst&#246;rende und best&#252;rzende Fatalit&#228;t wird, wie schon angesprochen, ein wenig aufgelockert durch den schlichten Erz&#228;hlstil, durch geschickt gesetzte Tempowechsel und einem fulminanten Ende, einer Art G&#246;tterd&#228;mmerung vor der Wohnungst&#252;r der Mutter, wo es auch zu dem von Dir erw&#228;hnten, bemerkenswerten und geradezu b&#252;hnenreifen Monolog kommt. </p>
<p>Das Buch r&#252;ttelt auf und macht zugleich Hoffnung, nicht nur wegen des lichten Endes, sondern wegen der formalen Stringenz, mit der hier eine d&#252;stere Kindheit erz&#228;hlt wird. An den autobiographischen Hintergrund m&#246;chte man nicht r&#252;hren, da hast Du Recht. Interessant w&#228;re die Frage aber schon, ob hier das Erz&#228;hlen und diese Art des Erz&#228;hlens den Bann gebrochen hat. Was kann man von diesem Autor noch erwarten? </p>
<p>Und ob sich in dem Kindheitshorror die Machtstrukturen in der Familie der alten Sowjetunion und eines bestimmten k&#252;nstlerisch-intellektuellen Milieus spiegeln, kann ich kompetent nicht wirklich beantworten. Die Geschichte wird jedoch so erz&#228;hlt, dass es auf den Sozialstatus und das politische Umfeld der Personen nicht wirklich ankommt. Vielmehr geht es, jedenfalls nach meiner Leseerfahrung, um das Zerst&#246;rerische einer Familienkonstellation, die so &#252;berall auftreten kann. Das Besondere an dem Roman ist demnach nicht, was an dem Geschehen typisch russisch ist (obgleich es einige unmi&#223;verst&#228;ndliche Hinweise auf Lebensalltag und bedr&#228;ngende politische Umst&#228;nde gibt), sondern wie es einem erwachsenen Autor gelungen ist, den Albtraum einer Kindheit erz&#228;hlerisch und sprachlich bew&#228;ltigt zu haben. Im und durch das Buch scheint er das bewerkstelligt zu haben, ob im Leben auch, k&#246;nnen wir nicht wissen. Deshalb ist es spannend, was von ihm noch zu lesen sein wird. Oder folgt gar eine Verfilmung des Stoffes? W&#228;re nicht verwunderlich bei einem Schriftsteller, der auch als Drehbuchautor und Filmemacher arbeitet. </p>
<p>Ich danke Dir jedenfalls f&#252;r den Hinweis. Es gibt Szenen in dem Buch, etwa das Gorki-Park-Kapitel oder die beiden Fiebertraum-Schilderungen oder die M&#252;llschlucker-Episode, die ich nicht so schnell &#8211; wenn &#252;berhaupt &#8211; vergessen werde. Den Titel &#252;brigens auch nicht. Als mir sein tieferer Sinn in dem gleichnamigen Kapitel offenbar wurde, konnte ich eine Tr&#228;ne in meinen Augenwinkeln nicht unterdr&#252;cken. Doch wie ich schon zu Beginn formulierte: Das Buch ber&#252;hrt ohne r&#252;hrselig zu sein, da es der Autor verstanden hat, das Irrwitzige eines Kindheitsmartyriums in eine &#252;berzeugende Form des Erz&#228;hlens zu bringen.</p>
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