ORTE DES LESENS VI

November 19th, 2007

Es gibt einen Ort, der wurde – oder wird vielleicht noch immer? – gern mit dem Diminutiv bedacht. Das wird seinen Grund nicht nur darin haben, dass er in der Regel tatsächlich einer der kleinsten Räume des Hauses sein dürfte (interessanter Weise die Speisekammer, sofern es sie noch gibt, vielleicht ausgenommen. Erwähnt werden muss an dieser Stelle Luis Bunuels 31. Film mit dem vom kommunistischen Manifest entlehnten Titel “Das Gespenst der Freiheit” aus dem Jahr 1974, bei dem eine elegante Gesellschaft, auf Toiletten sitzend, Konversation betreibt, während sie sich zum heimlichen, schnellen Essen in ein kleines Kämmerchen zurückzieht). Dieser Ort wird auch “AB”, “OO”, “Thron”, “Latrine”, “Donnerbalken”, “Porzellan” oder “WC” genannt.
Seit wann das Örtchen auch ein Ort der Lektüre ist – schwer zu sagen.
Donnerbalken als Einrichtung sind an sich und besonders zu diesem Zweck wenig einladend und im Mittelalter etwa konnten die meisten Benutzer nicht lesen, zudem waren Bücher noch überaus teuer; für den gemeinen Mann unerschwinglich.
Irgendwann danach muss es begonnen haben, das Lesen auf dem Klo.
Vielleicht noch gar nicht so lange her. Denn eine Heizung dieses Raumes und Wasserspülung sowie ein individuelles Örtchen sind noch nicht allzu lange selbstverständliche Errungenschaften. Für das Lesen allerdings, auch wenn es sich, entsprechenden Spannungsgrad vorausgesetzt, nicht um Infrastrukturen der Kategorie conditio sine qua non handelt, sind sie jedoch deutlich komfortfördernd.
Doch bereits James Joyce porträtierte den Helden seines “Ulysses” lesend auf der Toilette und Henry Miller schrieb einmal ausdrücklich, dass er seine Werke auf dem Lokus gelesen wissen wolle. Da erhebt sich natürlich eine Frage, an der sich die Geister scheiden könnten: Buch oder Zeitung, die allerdings nicht zur Grundsatz- und Charakterfrage gemacht werden soll. Beides vermag den Aufenthalt über die notdürftige Zeit hinaus auszudehnen und somit auch für unangenehme Begleiterscheinungen zu sorgen: Sei es, weil sich, nachdem sich das Oval der Brille allzu lange ins weiche Fleisch gedrückt hat, das eine oder andere eingeschlafene Bein den regelmäßigen Dienst versagt, sei es, weil die nachfolgend am Besuch des Örtchens Interessierten sich peinsamen Verhaltungen oder, endlich den so lange besetzten Raum frisch erobert habend, unangenehmen Miasmen ausgesetzt sehen.
Mag also die Ehe zwischen Lesen und Darmentleerung historisch betrachtet keine sehr alte sein, stellt sich doch die Frage wie lange im Vorfeld man darauf verzichten konnte, so gut passen sie zusammen. Oder ist die Klolektüre insofern eine moderne, als sie anzeigt, dass wir einerseits keine Zeit ungenutzt verstreichen lassen wollen und uns andererseits rasend schnell langweilen?
Vor allem aber wichtig dürfte sein: Hier hast Du Deine Ruhe. Man sitzt, die Tür ist abgeschlossen, der Raum ist hoffentlich weder zu kalt noch zu dunkel, eine kleine Auszeit ist möglich. Man muss sich gar nicht um mehr oder weniger gelungene oder gezwungene literarische oder philosophische Parallelen zwischen dem Lesen von Buchstaben und der Darmentleerung bemühen. Vielleicht ist die kleine, gesellschaftlich akzeptierte Form des ´Ich bin jetzt mal gerade nicht erreichbar”, vollkommen ausreichend und Grund genug für Lektüren dort – kleine Fluchten – wie Grund auch für den teils etwas ausufernden Aufenthalt an diesem Ort: Man kann sich entspannen, ja selbst kurz gehenlassen und einigermaßen man selbst sein – und die gestressten Akkus kurz ans Ladegerät von Ablenkung und Lektüre hängen. Ist diese dann noch spannend oder mehr Erholung nötig, dehnt sich, von evtl. tiefergehenden Gründen abgesehen, der Aufenthalt womöglich über ein noch als ´normal´ empfundenes Maß hin aus. Das ´haymlich Gemach´ wird so zum kleinen  Versteck, zu einem Örtchen, an dem man kurze Zeit am Tag seine Ruhe hat und man selbst sein kann. Auf diese Weise kommt ihm nicht nur im Bereich der körperlichen, sondern auch der seelischen Reinigung Bedeutung zu; der Lokus (amoenus?) scheint demnach in Tateinheit mit den genannten modernen Errungenschaften der Zentralheizung und des sanitären Fortschritts geradezu prädestiniert zur kleinen Lektüre beim ´großen Geschäft´ (eine Begriffskombination, über die eigenes Nachdenken durchaus möglich und nötig, hier aber deplaziert wäre).
[Nur in Klammern erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang auch, dass die Welt nicht der WTO entbehrt - der Welttoilettenorganisation]

2 Antworten to “ORTE DES LESENS VI”

  1. 1 ewu simpel
    November 19th, 2007 at 7:13 pm

    ein zitat als nachtrag zu deinem amüsanten text:
    “im ‘leben des heiligen gregor’ aus dem 12. jahrhundert wird der abtritt als ‘ein ort der ruhe’ beschrieben, ‘an dem die schreibtafeln ohne störung gelesen werden können.’ henry miller pflichtet dem bei: ‘meine besten leseerlebnisse fanden auf der toilette statt’, bekannte er einmal. ‘es gibt passagen im ‘ulysses’, die nur auf der toilette gelesen werden können, wenn man ihre ganze würze auskosten möchte.’ Tatsächlich war das stille örtchen, eigentlich ‘einer spezielleren und vulgäreren nutzung zugedacht’, auch für marcel proust ein ort, ‘für alle meine beschäftigungen, die eine ungestörte einsamkeit verlangen: lesen, träumereien, tränen und sinnliches vergnügen.’ (aus: alberto manguel, eine geschichte des lesens, s.180; ich lese dieses monumentale buch gerade wieder)

    auch ich bin ein überzeugter kloleser. meist belletristisches, kaum jedoch zeitungen. der grund bei mir: ungestörte ruhe. das klo ist ein stilles örtchen, an dem einem uneingeschränkt zugestanden wird, alleine bleiben zu dürfen und an dem man auf zeit unverfügbar und damit im idealfall bei sich ist. und wer ist schon gern allein mit sich, ergo: das buch wird als begleiter mitgenommen. es spielt also auch bei mir die befürchtung mit, eine gewisse zeit ungenutzt mit der befriedigung eines nichts als natürlichen und körpernotwendigen bedürfnisses zu vertun und dabei in einer langen weile gleichsam innerlich zu veröden. schon komisch, und es fällt mir eben jetzt auf, man könnte ja auch nachdenken, den bevorstehenden tag gedanklich in augenschein nehmen und solcherart bei sich sein. aber nein, lieber in fremden köpfen spazierengehen als im eigenen. beim nächsten gang will ich es mal ohne lektüre versuchen. ob’s fruchtet?!

    grüße von einem zurück- aber noch nicht wirklich angekommenen, uwe.

  2. 2 Helmut
    November 20th, 2007 at 6:11 pm

    Den Manguel besitze ich seit Jahren, aber ich habe aus einer gewissen Scheu nicht darin gelesen, obwohl, vielmehr gerade weil ich weiß, dass es ein Buch für mich ist, und ein gutes dazu.
    Daher vielen Dank für die Hinweise und Anregungen! Der Heilige Gregor: Sehr hübsch! So hatte ich es ja heute noch gesehen – und Du auch. – Allerdings würde es mich sehr interessieren, ein Bild zu haben von seinem Locus! Er dürfte sich von dem, was unsereins gewohnt ist, durchaus unterscheiden.
    Ich habe in meiner Kindheit wenigstens zwei Lokalitäten kennengelernt, die mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben sind – wie muss das erst im Mittelalter gewesen sein!