Claudia Metz und Klaus Schubert: “Abgefahren. In 16 Jahren um die Welt”

November 23rd, 2007

Claudia Metz und Klaus Schubert: “Abgefahren. In 16 Jahren um die Welt”, Köln, 10. Aufl. 2006, 317 S. Tb. 11,95.-

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Patagonien 1Kann es sein, dass das besondere am Reisen zum Beispiel wesentlich mit Milliarden Stechfliegen zu tun hat, denen man, in einem Sumpf hockend, wehrlos ausgeliefert ist oder mit Gefängnisaufenthalten in einer gottverlassenen Ecke der Erde, mit wochenlangem kargem Essen, mit knietiefem Staub, Schlamm oder Wasser, mit dem Ertragen übergroßer Hitze oder Kälte und was dergleichen Unbequemlichkeiten und Strapazen mehr sind? – Das sind keine Beispiele, die aus dem vorliegenden Buch genommen sind, aber dennoch aus diesem genommen sein könnten.
Der ´gute´ Reisende, das scheint ein allgemeines Credo zu sein, muss sich aussetzen. Landschaften, dem Wetter, ungewohnten Situationen, seinen Erfahrungen. Und ist stolz darauf, wie man etwa bei Peter Fleming immer wieder lesen kann. (Vgl. Peter Fleming: “Tataren-Nachrichten. Ein Spaziergang von Peking nach Kaschmir”)
Allerdings muss man heute fragen, was denn reisen überhaupt ist, inzwischen.
Setze ich mich in ein Flugzeug und jette an einen nahezu beliebigen Punkt des Globus? Mit genügend Geld ist das für die meisten fast jederzeit möglich. Ist das Reisen?
Oder schnüre ich die Stiefel und gehe einfach los – nach Syrakus oder Moskau, den Jakobsweg oder wo immer es mich hinzieht?

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Patagonien 2Doch endlich zum Buch, denn die außergewöhnliche Reise ist die eine Seite – und ob daraus ein gutes Buch geworden ist, ja eine andere.

Und da haben sich die beiden ganz beachtlich geschlagen. Man liest ihre Schilderungen gerne und braucht nicht lange für die gut 300 Seiten. Schattenseiten werden nicht ausgespart, wenngleich es eine Sache ist, etwas zu durchleben und eine andere, darüber zu lesen – auch weniger schöne Erlebnisse wirken gelesener Weise eigentlich meist noch ganz gemütlich. Trotzdem wird auch klar: Man sollte wohl jung und gesund sein zu solch einer Unternehmung. Und vielleicht auch noch nicht zu viele andere Erfahrungen gesammelt haben. Denn natürlich gibt es seelisch wie körperlich Anstrengendes zu bewältigen. Und zuweilen mehr als das. Auch erstaunlich und Zeichen einer besonderen Beziehung: Es im Wesentlichen zu zweit unter erschwerten Bedingungen miteinander auszuhalten. Sicher, immer wieder einmal reist man auch mit anderen oder allein oder fliegt, nur verständlich im Verlauf von gut anderthalb Jahrzehnten, einmal nach Hause.
So kann man den Fall der Berliner Mauer auf diese Weise erleben: “Eines Morgens, es war kurz nach Sonnenaufgang, wir zelteten an einem Strand in einer kleinen Bucht auf Baja, weckte uns ein Amerikaner, den wir am Tag zuvor kennengelernt hatten. Er besaß ein Haus hier und kam wie viele andere jedes Wochenende mit seinem Kleinflugzeug her. Er schüttelte unser Zelt und verkündete: ´The wall came down!´ Was sollte das bedeuten? Hatten wir wirklich so fest geschlafen, dass wir nicht gehört hatten, wie eine Mauer einkrachte? Und überhaupt, welche Mauer? ´Na, die in Berlin!´ klärte er uns auf.” (S. 183)

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Patagonien 3 Sie beschreiben, wie sie im Unterwegssein mit den Unterschieden umgehen lernen, die es gibt, wie sie sich sprachlich durchschlagen in aller Herren Länder, wie sie allmählich mit dem Motorrad verwachsen und bald den Motor in 30 Minuten zerlegen können. Dann übernehmen sie mal für zwei Monate eine Kneipe in Antigua (vgl. S. 202) oder machen Bekanntschaft mit Killerbienen, die allerdings harmlos verläuft (vgl. S. 218). Natürlich auch mit anderen Insekten: Fliegen, Ameisen, Zecken. (Vgl. S. 204, S. 217) Sie nennen schönste Plätze der Reise – an die der Leser wohl, und vermutlich zum Glück, nie kommen wird. Südamerika gefällt ihnen landschaftlich sehr gut (vgl. S. 220), den Alpa mayo nennen sie den schönsten Berg der Welt (S. 229). Und sie haben auch immer wieder einen politischen Blick auf ihre Umgebung (vgl. etwa S. 201 f). Trotzdem stellt sich offenbar die Frage: “Ist es das alles wert?” Sie beantworten sie mit einem “Für uns ja.” (S. 235) Vielleicht wäre es nicht jedem so gegangen.

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Patagonien 4Man denkt: Wer das kann, wer überall irgendwie durchkommt, der braucht sich im Grunde um sein berufliches Fortkommen keine Sorgen zu machen. Insofern macht das Buch, selbst den Daheimgebliebenen, auch Mut.
Aber es kann auch irgendwann störend bei der Lektüre wirken, wenn es einfach immer so weitergeht und stets berichtet wird, was getan wird, aber eher recht wenig darüber zu erfahren ist, wie sie sich fühlen, was sie denken und wie es mit Krankheiten steht.
Zudem, das ist eine Schwierigkeit bei allen Erfolgsgeschichten, wenn sie anschließend erzählt werden, erscheint Klaus als Tausendsassa, der alles kann, technisch, als Bastler, als Elefanten-Führer oder bei nonverbaler Kommunikation, einem seiner Steckenpferde. (Vgl. z.B. S. 285) Das kann, auch wenn es die lautere Wahrheit ist, den Beigeschmack des Selbstlobs annehmen.
Interessant war auch die Frage: Was machen diese zwei, wenn sie zurückkommen? Wie kommt man nach so langer Zeit nach Hause, wie gliedert man sich wieder ein?
Sie bekamen Kinder, sie schrieben das Buch, machten Dia-Abende – aber letztendlich hat es sie hier nicht lange gehalten. Sie sind nach Patagonien ausgewandert und betreiben dort eine Art Reiseunternehmen am Fuß der Anden, im Gebiet Rio Negro. (Vgl. www.abgefahren.de; dort auch Fotos der Reise, etwa von den speziellen Konstruktionen mit Motorrädern als Amphibienfahrzeug oder als Überland-Segler) Das ist legitim, wohl auch nahe liegend. Trotzdem fand ich es enttäuschend; weil da aus einem Traum und einer Utopie, aus etwas Spontanem ein Geschäft wird?

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