Einzelne Bücher, die das Leben veränderten?

November 26th, 2007

Da greift man hoch. – Und wie viel Selbstinszenierung, wie viel Optik post rem ist im Spiel?
Schraubt man den hehren Anspruch etwas herunter, etwa in ´Bücher, die mir nachhaltig in Erinnerung sind´, wird es leichter. (Und ist das nachhaltig in Erinnerung sein nicht schon ein Eingriff ins Leben? Oder wie wirkungsmächtig soll dieser Einfluss sein? Man darf wohl auch an innere Veränderungen denken, Veränderungen des Blicks etwa oder der Wahrnehmung, des Denkens, die von Büchern ausgingen)
Zunächst die Märchen von Grimm und Hauff und anderen, Sindbad der Seefahrer, Pinocchio, Robinson Crusoe. Vorgelesen, später selbst gelesen. Mit großer Wirkung auch die Bilder, die den Büchern beigegeben waren. Besonders die Zigarettenbilder eines Märchenbuches, bis heute unvergessen.
Später dann, unter dem Kopfkissen, “Das Geheimnis der alten Mühle”. Was mich daran anzog? Schwer zu sagen. Vermutlich konnte ich nicht einmal den für mich ganz merkwürdigen Namen des Protagonisten richtig aussprechen: “Yves”. Weiß ich ihn deshalb heute noch? Vielleicht war es die Zwillings-, die Doppelgängerproblematik, vielleicht war es der heimliche Ausdruck des Wunsches, einen solchen zu haben.
Tecumseh natürlich, der strahlende Stern, selbst gekauft und von der Mutter für teuer befunden. Im Bücherschrank meines Bruders: Die Bob Moran-Geschichten, heimlich herausgeholt und gelesen.

Dann aber, war es so?: “Roßhalde”. Ein Ehe- und Künstlerroman, kein Buch für einen etwa dreizehnjährigen. Und doch. Etwas sprach es an, einen Nerv traf es, etwas wurde geweckt. Fast alles weitere von Hesse folgte, fast manisch, über längere Zeit. Später würde man es, so nah er einem für eine bestimmte Phase auch war, kaum noch recht zugeben wollen, eine zeitlang wenigstens. Aber er war wichtig, vielleicht eine Art Initiation. (Und wer liest gleich Proust oder Joyce oder Musil oder Beckett oder…?) Hesse war auch ein Leser und ein Rezensent. Über ihn konnte man zu Goethe und Jean Paul genauso gelangen wie zum Tao te king und zum I Ging. Er war, wie Goethe, der den Begriff wenn nicht prägte, so doch populär und bis heute bekannt machte, ein Leser der Weltliteratur. Er berichtet von seinen Lektüren, weist auf ihren Wert hin, er konnte zum Eintrittstor und guten Stichwortgeber werden.
Viele Stufen fehlen, das kann nicht anders sein. Comics etwa sind noch gar nicht erwähnt. Ohnehin ist es nahe liegend, dass das Lesen, das Lesen als Lebensform an sich, prägender sein dürfte, als einzelne Werke. Man könnte fragen, was es denn heißt, ein Leser zu sein – und was einen solchen von einem Nichtleser unterscheidet.

Dem Leser begegnen in Büchern unter anderem Lebensgefühle, Stile mit ihnen oder dem Leben überhaupt umzugehen. Auf sie kann er zurückgreifen, wenn ihn der Alltag allzu sehr bedrängt, mit ihnen kann er den Alltag orchestrieren. So kann er süchtig werden nach einem bestimmten Ton, nach einer bestimmten Erzählweise, nach dem, was die Lektüre etwa an Freiheit, Spannung, Verständnis oder was immer vermittelt. Mal greift er zu Chandler, dann zu Bradbury, zu Bukowski, Faulkner oder Proust, Benjamin oder Tolstoi, Cechow oder Baudelaire…Wie verschieden sie sind – wie verschieden die Absencen, die Konnotate, die Stimmungen und Töne. Jeder hat etwas anderes zu bieten.

Ein wesentlicher Punkt, wohl von Kunstwahrnehmung überhaupt, ist die Identifikation. Wie setze ich mich zum Gelesenen, Gesehenen ins Verhältnis? Diese, das Verlassen der eigenen, allzu engen Grenzen und gleichzeitig das Annähern an den Geist des Textes, kann rauschhaft sein. Befreiende Auflösung und bereichernde Konstruktion in einem; ein wesentlicher Teil der Faszination des Lesens. Entschweben in eine imaginäre Parallelwelt, Diskurs mit dem Autor, gleichgültig ob er ein Zeitgenosse ist oder schon vierhundert Jahre tot. Lesen kann auch Zeitreisen sein. Im Medium seines Schreibens ist der Autor in Frische aktualisierbar als wäre er am Leben. Und da gute Literatur konzentriertes Leben darstellt, ist sie ´besser´ als das Leben und vielleicht auch, im emphatischen Sinn, ´wahrer´ – so nämlich wie ein Gespräch, wie Reden und Schreiben, wie die Schilderung von Charakteren sein sollte. Darum hat sie etwas Tröstliches und zuweilen, ja, heilendes. Sie ist ein Modell der besseren Welt – dazu muss sie keine künstlich heile Welt vorstellen, sie muss die Welt nur angemessen erzählen, das genügt. Außerdem tritt das Erzählte in der Regel im Präteritum an uns heran und gleichzeitig ein Stück zurück, ins Tröstliche, des bereits Gewesen-Seins, das ist nicht so drängend wie das Präsens des Lebens mit seinen Ansprüchen und Forderungen. Was als angemessenes Erzählen empfunden wird, das ist vom Niveau des Lesers abhängig, von seiner Bildung, seinem Intellekt, seiner Einbildungskraft, seiner Biographie, seinen Bedürfnissen. Doch würde man, auch wenn es bei näherem Hinsehen nicht leicht ist, Gründe finden, verschiedene Niveaus nicht mit Geschmacksfragen zu begründen, sondern durch differierende Qualitäten.

Gut möglich, dass ein intensiver Leser auch die Brücke zum Schreiben überschreiten möchte. Beides kann man mit Magie, mit Verwandlung, mit Zaubern in Verbindung sehen. Zauberer zu sein, war Hesses erklärter Kinderwunsch – und ist vielleicht der geheime Wunsch vieler Kinder. Er mag aus dem erlebten Gefühl einer zumindest teilweise ungerechten Welt entspringen – und trägt so bereits im Keim den Wunsch nach einer gerechteren, nach einer korrigierten in sich. Die Welt sollte anders sein – und in der Literatur ist es, zumindest für die Zeit des Schreibens und Lesens, möglich´. Lesen als ein Stück partiell verwirklichte Utopie?

Die Zeit des Lesens ist Zeit außerhalb der Zeit. Packende Lektüre schneidet die herrschende lineare, drückende, leere und langweilige Normalzeit wie mit dem Käsemesser ab – und setzt an ihre Stelle eine andere, spannende, erfüllte, befreite, vielleicht zyklische, spiralige, gewobene oder ganz einfach zeitlose, der Normalzeit gerade enthobene Zeit. Noch eine Weile wirkt das selbst nach Beendigung der Lektüre nach. Mit traumsatten, müden Augen sieht man auf und kehrt erst allmählich zurück in die ´wirklich´ genannte Welt. Wie alle Besuche in künstlichen Paradiesen mehr oder weniger mit Katzenjammer enden, so kann es auch beim Lesen sein.

12 Antworten to “Einzelne Bücher, die das Leben veränderten?”

  1. 1 Helmut
    November 27th, 2007 at 12:30 pm

    Für Uwe: Du hattest das angeregt, hättest Du etwas beizutragen?

  2. 2 ewu simpel
    November 29th, 2007 at 1:05 pm

    so will ich nicht nachstehen und kursorisches zu meiner lesebiographie vermelden.
    ob nun das leben verändernde oder nachhaltig in der erinnerung gebliebene bücher: es werden immer anteile von selbstinszenierung und -stilisierung im spiel sein, wenn man versucht, die vorgeschichte der eigenen leser-gegenwart und die die darin wirksamen kräfte zu beschreiben. aber allein den versuch zu unternehmen, es zu bewerkstelligen und worte dafür zu finden, ist schon – wie ich finde – eine wirkungsweise des lesens.

    ich bin erst spät zum regelmäßigen leser geworden, wahrscheinlich erst mit 14 jahren. kinder- oder jugendbücher im engeren sinn sind mir nicht in erinnerung geblieben. sicherlich wurde mir einiges vorgelesen, nachhaltig beeindruckt war ich davon scheinbar nicht. meine erste erinnerbare lektüreerfahrung stammt aus der 8. oder 9. schulklasse, also sehr spät. es wurde borcherts stück “draußen vor der tür” durchgenommen. das zerlesene exemplar befindet sich noch in meiner bibliothek. die aufgabe war, eine schlüssige und sprachlich überzeugende nacherzählung bestimmter szenen anzufertigen. ich versuchte es und es gelang mir ausnehmend gut. ich machte nicht nur die erfahrung des lesens eines mir fremden textes, sondern auch die, wie ich ihn mir aneigne und sprachliche reproduziere, letztlich auch sinn und bedeutung des textes verstehen lerne. und letzteres machte nachhaltig eindruck auf mich: lesen erweiterte meinen horizont, befähigte mich, mit neuen und anderen wörtern zu denken und zu sprechen. es war die erfahrung, daß wörter die welt zu erschließen vermögen. wichtig war nicht der text selbst, sondern die von ihm angeregte erkenntnisbewegung. von diesem zeitpunkt an, und unter anleitung meines deutschlehrers, wurde ich zum leser. es folgten hesse und dann sartre und die französischen existentialisten. bei ersterem faszinierte mich die thematik der selbsterfahrung und bei letzteren die theorie der schöpferischen anteile beim eigenen lebensentwurf. ich las über meine verhältnisse, nicht nur zu viel, sondern auch zu schwierige texte. sicher waren auch mal comics dabei oder softpornos aus dem bücherschrank meiner tante, die ich heimlich auf dem klo (sic!) verschlang. pubertät eben. es ist also bei mir das erlebnis des lesens selbst, das am anfang stand: es schuf bewegungsfreiheit für die phantasie, ließ vertrautes neu und fremd erscheinen und vermittelte neues, unbekanntes und ermöglichte zeitreisen. es ist also mehr das lesen selbst als das gelesene, was mein leben fortan prägte – ganz so, wie du es auch beschrieben hast.

    was du zur identifikation sagst ist richtig und trefflich formuliert. nimmt man die anführungszeichen bei den worten wahrer und besser weg, so könnte man fast meinen, du hättest beim schreiben ein anflug von pathos verspürt – und zugelassen.

    zustimmen kann ich auch, was du zum verhältnis von lesen und dem willen, selbst zu schreiben, sagst. in beidem kann es um alternativen gehen, um das große und kleine als-ob oder was-wäre-wenn – der zauber des konjunktivs.

    daß die lesezeit eine der normalen zeit abgetrotzte ist und sich auch fundamental von ihr unterscheidet, ist auch eine erfahrung, die ich gemacht habe. während das leben in der zeit linear, chronologisch abläuft, gewährt uns das lesen in der zeit das erlebnis des zyklischen: wir können vor und zurück springen, passagen auslassen, wiederholen und von vorne beginnen. nach dem buch ist vor dem buch. in unserem leben ist uns das nicht möglich. von diesem gibt es nur die eine edition, und wenn wir glück haben, eine, deren errata wir benennen können.

    so viel dazu. ich will aber noch einmal nachdenken, über wendebücher oder solche, die meine sicht verändert haben, auf was auch immer. da gibt es sicherlich noch manches zu berichten.

  3. 3 uwe
    Dezember 19th, 2007 at 8:43 pm

    im neuen zeit-magazin leben gibt es eine artikelserie unter dem titel: vorsicht! diese bücher können ihr leben verändern! zeit-autoren erinnern sich an ihre gefährlichen lektüren.
    der tenor auch dort, wie schon bei uns: es sind bücher, die auf je verschiedene weise zur identifikation einladen. die geschichten, die uns angehen und in uns eingehen, müssen das gefühl wecken, nur und gerade für uns geschrieben worden zu sein. es sind bücher, die von einem selbst zu handeln scheinen oder deren geschichte so mächtig wirkt, daß man sie mit der eigenen verwechselt. man findet sich in ihnen selbst wieder, einzelne passagen werden zur offenbarung und die figuren zu freunden, die unser leben begleiten – davon jedenfalls berichten die autoren in ihren kurzen statements. kritisch hinterfragt wird das allerdings nicht. dafür reichte dann der platz nicht mehr.

  4. 4 Helmut
    Dezember 20th, 2007 at 10:09 am

    Danke für den Hinweis, ich hatte es bereits mitbekommen. Schön zu sehen, dass auch andere dieses Thema beschäftigt. Irgendwas muss doch dran sein.
    Ich werde die Beiträge lesen und mich dann nochmal dazu äußern.

  5. 5 uwe
    April 2nd, 2008 at 7:37 pm

    ich habe noch ein schönes zitat zu unserem thema gefunden. es ist etwas länger, aber auch sehr anschaulich, wie ich finde.
    “es ist schwierig, den trost, die erhebung, das sanfte innere flugerlebnis zu beschreiben, das ich, in benjamins ‘einbahnstraße’ hineinsehend, zum ersten mal empfunden habe. wie die verliebtheit, wie den effekt mancher drogen auf das zentrale nervensystem kann man das vielleicht nur wieder erkennen, nicht wirklich erzählen. und man erlebt es ja nicht nur vor büchern, sondern auch in manchen landschaften, im gespräch mit manchen menschen, in manchen museen. mir strömt dieses gefühl besonders häufig zu, wenn ich zu fuß in eine noch unbekannte stadt hineingehe. es muss ein durch manche kunstwerke und situationen ausgelöster sekundenschneller zufluss vom lebensgefühl unserer kindheit sein, das in irgendwelchen schichten unseres gehirns für immer aufbewahrt zu sein scheint. wenn es frei wird, sind wir ein paar sekunden lang von der qual erlöst, das vergehen der zeit erleben zu müssen, von einer qual, die in wirklichkeit das finstere herz der langeweile ist. einen moment lang gibt es keine zeit mehr, und es scheint die verbindung von unbekümmertheit und formbewusstsein, von anarchismus und professionalismus, von kindlichkeit und erwachsensein in den kunstwerken zu sein, die zumindest für mich diese glücksmomente herstellt, während deren hinter den dingen und der welt wieder der kindheitsgoldgrund sichtbar ist.” (aus dem essay “daily records” von stephan wackwitz, frankfurt 2002)

  6. 6 Helmut
    April 3rd, 2008 at 9:48 am

    Eine wirklich schöne, hochinteressante Stelle!!
    Beschreibt sie nicht, was es bei etlichen anderen auch gibt, Epiphanien?!
    Er versucht es auch zu deuten und kommt auf die Kindheit. – Möglich, vielleicht.
    Mindestens so wichtig aber – allerdings evtl. damit verbunden: Das Gefühl (oder besser Nicht-Gefühl) der Abwesenheit von Zeit bzw. ihrem ewigen, langweiligen, tristen Vergehen, dieser Krankheit zum Tode. –
    Es sind wohl am Ende einzelne, vielleicht sehr kurze Momente, auf die es ankommt – im Strom der Menge und Masse an Minuten und Tagen, die gleichgültig und vergessen sind. Kurze, aber intensive Momente. – An was rühren sie, Kindheit, ein Einheitsgefühl, eine Weltverbunden- oder Weltverschmolzenheit?

  7. 7 uwe
    April 7th, 2008 at 1:46 pm

    vielleicht sind es jene momente, in denen man sich selbstentrückt und zugleich mit allem verbunden fühlt, eine mischung aus selbstvergessenheit und allzusammanhang!
    große worte, ich weiß, und noch dazu sehr seltene momente, aber gerade durch ihr rares vorkommen auch wieder so außer-gewöhnlich. es wird nicht viele davon geben, und während wir sie erleben sind wir uns ihrer nicht voll bewußt – erst die erinnerung und der versuch, sich mit worten darüber klar zu werden, was man erfahren hat – mit einem buch, einem bild, einem menschen, einer landschaft, einem ort, einer reise oder dergl. mehr -, läßt uns ein wenig von dem begreifen. wackwitz schreibt ja auch, daß er dem gefühl nicht so recht nahe kommen kann, einzig in vergleichen oder metaphern oder einer vagen erinnerung an kindheitsstimmungen.
    und apropos benjamin: gibt es bei dir auch so eine schlüsselerfahrung mit seinem werk?

  8. 8 Helmut
    April 7th, 2008 at 11:32 pm

    DIESE Momente – ja, warum wollen nur alle erlöst sein?!

    Weg von sich und doch ganz hin, am besten in einer einzigen paradoxen Bewegung.

    Das riecht fast nach Zen-Buddhismus.

    Ein Benjamin-Schlüsselerlebnis bei mir? –
    Auch wenn es enttäuschend sein mag, ich kann mich an keines erinnern.
    Jedenfalls nicht so.
    Aber es gibt zumindest etwas ähnliches.
    Leider weiß ich nicht mal mehr, was ich von ihm zuerst las oder in welchem Alter.
    Vermutlich bin ich zu allererst bei Hermann Hesse auf diesen Namen gestossen. Hesse hatte Benjamins “Einbahnstraße” besprochen. Und vielleicht war das auch der erste Text von ihm, den ich in die Finger und unter die Augen bekam, nicht unwahrscheinlich.
    Was Benjamins Texte mir vermittelten, hat mit den Worten ´Glück´ und ´Trauer´ und ´Schönheit´ und ´Traum´ zu tun, um nur diese zu nennen. Und was mich sehr anzog, war dies ineins von Theorie und Anschauung, von Philosophie und Dichtung, von Suchen und Erklären aud er einen und von Einbildungs- und Empfindungskraft auf der anderen Seite.
    Benjamins Texte sind zaubrische, insofern sie auf elaborierte Art sehr unentfremdete sind. Kindheitserfahrung wird im Handumdrehen theoriefähig. Wo gibt es das sonst noch? – Und auf so überzeugende, evidnete Art?
    Es ist also vielleicht kein Schlüsselerlebnis, auf das man mit dem Finger zeigen könnte, es ist eines der Bemühung, der ersten Verwirrung und trotzdem des Angezogenseins und Verstehenwollens.
    Und es als mir dann noch eines Tages wie Schuppen von den Augen fiel, dass er am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich…

  9. 9 uwe
    Mai 6th, 2008 at 10:10 am

    Gestern im “Spiegel” Nr. 17 (2008) geblättert und folgende Notiz der Schriftstellerin Katja Müller-Lange gefunden. Sie schreibt über ihre Erstlektüre von Melvilles “Bartleby” folgenden Satz:
    “An diesem Tag vergaß ich mich nicht beim Lesen, sondern fühlte mich zum ersten Mal an mich selbst erinnert.”

  10. 10 Helmut
    Mai 6th, 2008 at 3:14 pm

    Danke für die Mitteilung dieser Fundstelle. – Bartleby scheint ja [immer noch] einige Gemüter zu beschäftigen.
    Diese kurze Bemerkung finde ich dennoch interessant. Einmal ist dieses Berührtwerden von einem Werk stets etwas Besonderes. Zum andern dachte ich unwillkürlich: ´Die arme Frau´. – Denn mit Bartleby, der ja eine ganz finstere Figur ist, sich auf diese Art identifizieren zu können, erfordert doch wohl eine Ähnlichkeit, die man keinem wünschen möchte. Andererseits scheint er ja eine enorme Charakterstärke – oder wie man seine Haltung, seine Weigerung interpretieren mag – besessen zu haben.

  11. 11 uwe
    Mai 8th, 2008 at 11:11 am

    Mir erging es beim Lesen dieser Notiz ähnlich wie dir: die arme Frau – wie kann sie sich nur mit einer Figur der Arbeits- und Lebensverweigerung identifizieren? So viel ich weiss, stammt sie aus der Ex-DDR und nahm sich das Bartleby-Stereotyp “Ich will lieber nicht” zum Vorbild einer oppositionellen Haltung, einer Haltung des Nicht-Mitmachens, des Protestes – so jedenfalls könnte man die paar Zeilen interpretieren, die sie in der Spiegel-Marginalie noch mitteilt.
    Mir hat die Gegenüberstellung von Sich-selbst-vergessen und Sich-selbst-wiederfinden gefallen, die beiden Pole, die im Akt des Lesens eines wichtige Rolle zu spielen scheinen. Mal vergisst man sich, die Zeit, die Welt beim Lesen, und mal stürzt man gleichsam in die Tiefe des Selbsterkennens. Diese Gegenüberstellung fand ich gut, vor allem wie sie in einem Satz untergebracht wurde.

  12. 12 Helmut
    Mai 8th, 2008 at 10:23 pm

    Der nachgelieferte biographische Hinweis ist in diesem Zusammenhang doch ganz wertvoll, da er ein Licht auf ihre Bartleby-Lektüre wirft und diese unter einem Aspekt zeigt, den man verstehen kann und unter dem man selbst die Bartleby-Nähe verstehen kann, den Drang (Zwang?), lieber nicht zu mögen.

    Etwas anderes sprichst Du an, mit dieser Janusgesichtigkeit des Lesens, auf die wir, denke ich, zumindest in andrem Zusammenhang, schon gekommen waren.
    Und beides, beide Bewegungen, die weg vom Ich und die hin zu ihm oder zur Erkenntnis oder… können mit Glück zu tun haben, das der Katalysator ´lesen´ angestossen hat.
    Es ist schon interessant, dass das Gehirntier doch zuweilen Abstand von zu viel Hirn, von zu viel Klarheit von zu viel…? braucht und sich verschafft, sei es durch Kunst, durchs Lesen oder mittels anderer Räusche.
    Allerdings sind diese beiden Bewegungen so klar geschieden vermutlich nicht, wie wir es uns der Einfachheit halber wünschen würden – kann dieses Pendeln sich nicht überlagern und quasi synchron geschehen?
    Und was hat es auf sich mit dem Schillerschen ´Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt´ – was man leicht modifizieren könnte: ´wo er liest´?
    Es ist eine Erleichterung, ein Loslassen, auch eine Befreiung, es ist eine Art Urlaub. Paradox erscheint, dass gerade dieser Urlaub ein glücklicheres Sich-Selbst-Inne-Werden zur Folge hat, aber vielleicht ist es das gar nicht, vielleicht ist es vielmehr nur folgerichtig.