Peter Kurzeck
Dezember 13th, 2007… galt lange Zeit als ein “writer´s writer”, als ein Autor also, den vor allem andere Schriftsteller schätzten; mehr jedenfalls als das sogenannte ´breite Publikum´. Ob sich das mit dem Medium des Hörbuchs – und besonders mit dem neu im Berliner Suppose Verlag erschienenen, “Ein Sommer, der bliebt”, ändern wird?
Hier macht Kurzeck – und dazu gehört Mut oder etwas anderes Besonderes – etwas ausserordentliches: Er liest nicht vor, er erzählt frei, ohne Manuskript, fast sechs Stunden lang. Dadurch bekommt dieses Hörbuch etwas Eigentümliches, Frisches, die Spontaneität der freien Rede teilt sich mit. Auch durch die seltsame Stimme Kurzecks und seine wellenförmige Satzmelodie; jeder Satz gleicht einem Singsang, einer Welle, die an´s Ufer unserer Ohren brandet. Hat man dieses Erzählen einmal gehört, vergisst man es nicht wieder.
Was erzählt wird ist weniger wichtig als das Wie.
Kurzeck handelt von seinen Erinnerungen an die Situation des direkt nach dem Krieg aus Böhmen in den kleinen hessischen Ort Staufenberg eingewanderten Kindes.
Wie er davon erzählt, ähnelt der sysiphoshaften Bemühung, bereits vergangenes Leben festzuhalten, zu rekonstruieren oder neu aufzurufen. Kurzeck erzählt als Bewahrer. Er bewahrt Erinnerung. Und das sehr genau. So ist es auch ein Zwang, ein Kampf, gegen Verlust und Vergänglichkeit, ja gegen das Vergehen von Zeit überhaupt, vielleicht sogar gegen die kränkende Ungerechtigkeit des Todes. Ein Teil des Charmes dieser so herkulischen wie zarten Anstrengung beruht in ihrer sicheren Halbvergeblichkeit und dem damit verbundenen “Trotzdem”.
Den Lesern, nun auch den Hörern, ist es an die Hand gegeben, diesem Erzählen zu folgen, ihm zuzuhören. Verdient hat es diese bescheidene, so leise wie eindringliche Stimme.
Dezember 14th, 2007 at 7:19 pm
jetzt, wo du über ihn sprichst, erinnere ich mich an einen roman dieses autors, der schon lange in meinem sup, stapel ungelesener bücher, enthalten ist. er heißt “übers eis” und ist 1997 erschienen. schon lange verfolge ich die rezensionen zu den büchern kurzecks und ahnte, daß er etwas für mich bereithalten, mich angehen könnte. erst vor einigen tagen habe ich eine rezension von hubert winkels zu dem hörbuch gelesen, das auch du jetzt hier vorgestellt hast, mit sehr feinen und einfühlsamen, neugierig machenden sätzen. winkels meint gar, daß mit diesem hörbuch eine neue literarische gattung entstanden sei, der mündliche roman, der von seiner eigenen verfertigung beim reden künde und den hörer zum zeugen dieses prozesses mache.
bisher hatte ich das hörbuch gemieden, setzte mich lieber selbst hin und las stumm. doch nach deiner besprechung und die von winkels werde ich mit diesem buch den anfang meiner nun möglichen hörbuchsammlung tätigen: du hast mich neugierig gemacht, und zudem interessiert mich das thema ohnehin. ich werde es mir holen und hören. ich bin gespannt, wie anders diese erfahrung gegenüber dem lesen ist. hab’ dank für die hinweisenden worte. vielleicht können wir uns ja danach, nachdem ich es gehört habe, wieder darüber verständigen.
lg, uwe.
Dezember 15th, 2007 at 4:04 pm
Ich hatte Kurzeck mal in Marburg lesen hören und auch schon mehrfach im Radio gehört und fand das eindrücklich, sehr eigen. Und ich finde er ist viel leichter zu hören als zu lesen.
Ob dieses gleich eine neue literarische Gattung sein muss, lassen wir mal dahingestellt. – Erzählt wird schon sehr lang.
Mal sehen, wie es auf Dich wirkt.
Februar 8th, 2008 at 12:30 pm
jetzt endlich konnte ich mir die cds anhören, zum teil, die ersten drei. und ich bin fasziniert. vom melodischen singsang der stimme, aber auch vom ungeheuren detailreichtum des erinnerten, von der vielfalt des erzählten, von dem immer wieder neu ansetzenden versuch, die kindheit zu beschwören, erzählerisch zu bannen. ein obsessiv anmutendes unterfangen, das schon, aber es wirkt auf mich nicht verquält oder versponnen. er erzählt sich und uns, die wir ihm zuhören, das dorf seiner kindheit, den mikrokosmos einer vergangenen zeitepoche, die so verloren dann doch nicht ist: im minutiös genauen und schlichten erzählen holt er sie für die zeit des sprechens zurück, schafft für sich und uns die suggestion, in sie einzutauchen. ein wenig kommt man sich so vor, als ob man mit einem sehr guten bekannten am ofen oder vor dem kamin sitzt und seinen erinnerungen gespannt lauscht. diese intimität einer hörenden zeugenschaft ist wohl einmalig und sie rührt vor allem daher, daß hier nicht vorgelesen, sondern frei gesprochen, extemporiert wird. welche gedächtnisleistung und welche leistung der darstellenden und gestaltenden sprache. die dabei so schlicht und vertraut klingt, gar nicht literarisch abgehoben, sondern sehr präzise am material des erinnerten lebensabschnitts bleibt. das eigentlich sprachschöpferische liegt vor allem im reichtum der details, der sinnlichen vielfalt der vermittelten erfahrungen, eindrücke, mit der hier eine vergangene epoche im leben eines menschen geschildert wird. erzählen heißt eben doch: geschichte(n) bewahren, und der, der das tut, bewahrt zugleich das erzählen.
eine anmerkung noch:
meine begeisterung rührt natürlich auch daher, daß mir die landschaft, die gegend vertraut ist, daß sie sehr nah an meiner eigenen heimat gelegen ist. und so verwundert es nicht, daß sich viele erinnerungen auch bei mir beim hören einstellten.
Februar 10th, 2008 at 12:30 am
Ja, ich denke Kurzeck ist ein obsessiver Autor. Wo die Grenze liegt, etwas versponnen oder nicht zu finden? So eine Obsession ist immer etwas Interessantes. Aber sie kann auch skurril werden oder einem die Luft nehmen.
Was bei Kurzeck einfach überzeugt, weil mitnimmt, ist diese eigentümliche Stimme, diese singende Satzmelodie und eben die Präzision – man spürt: Das ist ihm wichtig. Und, ja, ich glaube jeder wird Assoziationen zu eigenem Erleben haben. Und das ist ja auch eine Qualität – es geht uns ja nicht bei jedem Autor gleich – wenn Texte tief in uns liegendes anschlagen und ihm einen mehr oder weniger lauten Klang entlocken.
Dass man die Gegend kennt, wenn auch als Späterer, mag eine Zugabe sein, wenn das ein Hauptkriterium wäre, wäre das eine harte, weitgehend ausschließende Kritik am Text. Bei Kurzeck ist es nicht so, denke ich. Man muss Staufenberg und auch die Umgegend nicht kennen, um seine Erzählung zu schätzen und auf sich wirken zu lassen.