Robert Creeley: “Autobiographie”
Dezember 24th, 2007Robert Creeley: “Autobiographie”, aus dem Amerikanischen von Erwin Einzinger, Salzburg und Wien 1993, zuerst ebenfalls unter dem Titel “Autobiography” Madras und New York 1990, 62 S.
Eine Autobiographie von gerade einmal 62 Seiten, und das von einem Autor: Erstaunlich! Aber so ungewöhnlich wie sympathisch.
Zwischen Titelei und Textbeginn ist eine Seite auf der schlicht steht: “Robert Creeley 1926-”
Allein darüber ließe sich philosophieren: Erkennt man darin bereits den Lyriker, der in aller Kürze die wesentlichen Akzente zu setzen weiß? Und was steckt nicht alles darin: Der Name, also der Beginn: Die Geburt. Und der bloße Gedankenstrich steht für all das, was dann kam, steht für ein ganzes Leben – und dafür, man kann, man muss ihn ja auch als “bis” lesen, wenn man das “1926″ als “von hier an” nimmt, dass es auch einmal enden wird. Es wird ein Pendant geben zu “1926″, irgendwann einmal. Etwas beginnt also, lange her vielleicht, aber es gibt einen Anfang, und inzwischen dauert etwas und dann endet es wieder. Freilich keine neue Erkenntnis, aber kann man sie sparsamer und zugleich symbolischer ausdrücken? Es wirkt wie eine Formel, wie ein: “So ist das Leben”, vielleicht auch wie ein “Was ist der Mensch?”
Was macht diese so wenig geschwätzige Autobiographie sonst noch? Sie gibt Schlaglichter – und trotzdem einen komplexen, reichen Eindruck, sie ergibt das Bild eines Lebens. Und sie stellt gleichzeitig implizit Fragen wie: “Was ist sagbar über ein Leben?”, “Was ist nötig, zu sagen?”, “Was ist eigentlich eine Autobiographie?” Es gibt die Geburt, sie muss es geben, damit ist ein Anfang gesetzt, es geschehen unumkehrbare Dinge, es gibt Freunde, Frauen – das ist dann also ein Leben?
Das Selbst ist die Ordnungsinstanz dieses Lebens und dessen, was darüber sagbar ist. Zunächst sind Potentiale da – alles ist noch in der Schwebe, alles noch Möglichkeit, dann ändert es sich, jede Wahl, jedes Ereignis – zufällig oder gesucht – hat Folgen und schließt andre aus. Wie sieht man also sein Leben an? Nicht als Kette folgerichtiger Ereignisse. Denn: Was wäre sonst auch noch möglich gewesen? Also spielt Glück eine Rolle. (Vgl. S.17)
Man liest über Tics, über Körpergefühl, Verletzungen, über die Kindheit als Zusammenhang bestimmter Orte, über das Kleben am Heimatort oder wie es denen geht, die ihn verlassen, über das Gebremstwerden des Wissensdurstes in der Uni. Gerafft und doch ohne eilig oder gezwungen zu wirken. Schließlich sind auch Sätze wie diese zu lesen, über eine Nacht in New Mexico: “Rastlos war ich von der Tür unseres Wohnzimmers auf einen kleinen Hof getreten. Es muß Herbst gewesen sein, denn es gab einen scharfen Geruch von gerösteter Piniennuß in der Luft, und es war eine dieser wunderbar deutlichen, trockenen, ungeheuer klaren und sternübersäten Nächte. Unmittelbar hinter mir im Zimmer lief gerade ein öder Streit ab, die Probe für einen sehr schmerzhaften und blockierten Beziehungskonflikt, eine klassische menschliche Debatte, die niemals enden kann, außer in der Erschöpfung. Aber draußen, weniger als zehn Fuß davon entfernt, war solch ein unermesslicher und unmenschlicher Ort, so gänzlich unbekümmert um dieses insektenhafte Gefuchtel, vor dem ich geflohen war.” (S.33)
Man erfährt, dass ihm Taubenzucht so wichtig wie Bücher ist und kann sich mit ihm Gedanken machen, über Menschen die in sich ruhen – und ob denn William Burroughs´ Behandlung derselben eine angemessene sein mag. (Vgl. S. 49 f.) Die Welt ist kein angenehmer Ort und niemand entkommt mehr (vgl. S. 50f.); er erzählt vom Tod seiner Tochter. (Vgl. S. 51 f.) Und schon sind wir in Finnland und bekommen das Bonmot zitiert: “Wir glauben eine Welt, oder wir haben keine.” Die Welt selbst also als Konstrukt, ja als quasi-religiöser Akt?
Manches ist kursorisch, manches bleibt rätselhaft oder offen, kann das hin und wieder auch an der Übersetzung liegen?, aber es ist eine ganz interessante Art, sich dem Thema und der Form “Autobiographie” zu nähern. Eine durchdachte und künstlerische Form, die bestimmten Maximen oder Wahrnehmungen, die einer bestimmten Haltung zu Leben und Welt Rechnung trägt. Und nebenbei ein hübsches schmales Bändchen, das man gern in die Hand nimmt, in dem immer mal wieder gern, auch weil es so handlich schmal ist, ein paar Seiten liest, herumbuchstabiert. Was macht ein Leben aus? Was charakterisiert, was bestimmt es? Wie können wir davon erzählen? Leben, das hat mit Spuren hinterlassen zu tun, davon erzählen mit Spuren lesen und Fährten legen. Im Klappentext steht, dass selten jemand unprätentiöser von seinem Leben erzählt habe. Das kann man unterstreichen. Aber vermutlich liegt es nicht daran, dass Creeley ein Ausbund an Bescheidenheit wäre, sondern daran, dass es für ihn die gegebene Form war, dass er nicht anders konnte. Das spiegelt eine Reflexionsebene wider, die vielen anderen Autobiographien abgeht. Bestimmte Dinge sind wichtig, vielleicht einzelne, vielleicht unscheinbare, zufällige, an denen etwas geschah, das das Leben prägte – nicht die nachträgliche Konstruktion von Kausalität, das Schmieden eines Ganzen unter dem Diktat des “Es kam wie es kommen musste”. Dieser Offenheit zu begegnen, sie anzunehmen und nicht zu retuschieren ist für sich schon stark, wenige schaffen es. Auch die Grenze der Aufrichtigkeit, gerade bei Selbstbiographien kein unwichtiger Punkt, wird thematisiert. (Vgl. S. 55 f.) Wie schreibt jemand, der den Verstand als “eine kunstvoll eingesetzte List” ansieht? (S. 56) Und wie jemand, der der Fiktion misstraut? (Vgl. S. 56) Und der vom Puritanismus geprägt ist.
Creeley war am Black Mountain College, er war mit Olson, Williams und anderen befreundet. Darüber berichtet er ganz selbstverständlich, gleichsam aus der Nähe, wie überhaupt diese Autobiographie beides macht: Sehr nahe rückt und doch gleichzeitig auch fern bleibt, wie das Leben selbst. Im Frühjahr 2005 fand der Bindestrich sein Pendant.
Januar 16th, 2008 at 8:25 pm
ich kann dir nur zustimmen: die stärke dieses buches liegt in seiner kürze, in seiner reduktion. dabei wird gar nicht so wenig erzählt von diesem leben, aber eben ganz und gar ungeschwätzig, ohne die hybris der nachgetragenen deutung, ausbreitung und ordnung des “materials”.
die übersetzung fand ich etwas ungelenkt in der syntax und in der wortwahl bisweilen altbacken. dadurch blieben einige stellen für mich unverständlich, nicht wirklch nachzuvollziehen. du hast das ja selbst auch bemerkt.
etwas befremdet war ich allerdings schon, daß er über das black mountain college so gar nichts berichtet, wo es für ihn doch eine “offenbarung” oder ein “durchgangsritus” gewesen war. etwas mehr explikation hätte ich mir an diesen stellen gewünscht. aber vieleicht reicht ihm die nennung des namens, um horizont und bedeutung zu markieren. desgleichen verfährt er mit seinem freund und kollegen charles olson, ein “bruder im denken”, wie er ihn nennt. er zitiert einiges von ihm, läßt diese statements für sich selbst sprechen, vor allem die maximen zum schreiben, zur menschlichkeit und zum abenteuer des lebens. auch hier konnte er wahrscheinlch nicht anders: die zitate müssen reichen, um das maßstabsetzende für ihn selbst, creeley, herauszustellen. explizieren ist seine sache nicht, wahrscheinlich auch nicht sein naturell. dem scheint eher die (puritanische?) reduktion zu entsprechen. dies würde auch mit seinen kritischen reflexionen zur vermeintlichen folgerichtigkeit eines lebens und seiner nacherzählung in autobiographien korrespondieren.
ich kenne keinen anderen autor, der so wenig aufhebens macht aus den veritablen einschnitten in seinem leben: der frühe tod des vaters, das verlorene auge, der tragische tod der tochter, das ist doch harter stoff. doch bei creeley stehen diese passagen nahezu auf gleicher ebene mit denen über die kindheitstage auf der farm, den anekdoten von freunden oder die auslassungen über vogelzucht. letztlich legt er uns, den lesern, damit nahe, daß sich ein leben nicht objektivieren, nicht in einer definitiven erzähl-form fassen läßt. zu beginn spricht er vom eigenen selbst als dem einzigen “beglaubigungsmittel” in sachen leben; zuletzt hebt er hervor, daß dieses “ich” trotz aller wortreichen deutungsbemühungen immer “zutiefst rätselhaft” bleibt. zwischen diese beiden aussagen ordnet er seine autobiographischen bausteine in chronologischer weise an, ohne allerdings diesen den schein einer folgerichtigkeit oder einer schlüssigen verlaufsform zu geben.
vielen dank für den hinweis. bei gelegenheit werde ich mir seine gedichte ansehen.
p.s.: und wie genial der schutzumschlag zu dem inhalt des buches paßt: drei farbbalken in lichten aquarelltönen, oben vier schreiblinien, dazwischen in handschriftlichen großbuschtaben autor und titel, und unten zwei schreiblinien mit dem verlagsnamen dazwischen – es wirkt wie selbstgemacht, streng und minimalistisch komponiert, aber gleichzeitig auch vorläufig, nicht endgültig, offen. oder gehe ich da zu weit?
lg, uwe.
Januar 17th, 2008 at 11:54 am
Ja, merkwürdig nicht, wie wenig erzählt wird und wie reich es sich dennoch liest?!
Sicher wäre es interessant gewesen, mehr über das Black Mountain College zu lesen – aber es hätte nicht in den Rahmen dieses Buches gepasst. – Wenn man sich dafür interessiert – und es ist interessant! -, muss man sich woanders informieren. Ich finde es passend, dass er den Namen anschlägt wie eine Glocke, die dann selbst weiterklingt. – Und das ja auch gewissermaßen noch tut, wenn man sich woanders umschaut.
Eines der Spannungsfelder besteht, wie Du gesagt hast, zwischen Explikation und Reduktion.
Olson schätze ich auch sehr. Das Buch über seinen Vater ist sehr schön. Ausserdem habe ich gerade “Ich jage zwischen Steinen” hier, das nicht ganz einfach ist, auch kein Erzähltext, aber sehr anregend.
Was ich spannend finde ist, dass die verkürzende Schreibweise offenbar sehr eng der zugrundeliegenden Auffassung vom Menschen anliegt, die Creeley hat: Das rätselhafte ´Ich´, die Offenheit, das sind Voraussetzungen, die andere Autobiographen so nicht haben oder so nicht machen würden. Mir scheint das als eine Art Offenheit für Zufall oder Wunder oder wie man es nennen will. Das Leben erscheint in diesem Spiegel nicht als festgefügte, folgerichtige (und langweilige)Bank, sondern als flirrender Schatten auf einer Hauswand im Sommer.
Den Schutzumschlag sehe ich mir nochmal an – dann sage ich was zu Deiner Interpretation.
Januar 17th, 2008 at 8:31 pm
eine interessante frage wäre ja:
wie kommt es bei dieser vorliebe für die reduktion und dieser lebens- und weltauffassung überhaupt zu diesem vorhaben, eine autobiographie zu schreiben? er hebt die widersprüchlichkeit dieses unternehmens ja selbst an einigen stellen hervor: ein spagat zwischen dem gefühl der verantwortlichkeit dem eigenen leben gegenüber und der einsicht, wie wenig das beschauliche betrachten und reflektieren eben dieses lebens dessen nutzlosigkeit aufzuheben in der lage ist. vielleicht liegt in dieser spannung ein movens des schreibens bei creeley – auch des autobiographischen schreibens. wie sieht du das?
Januar 17th, 2008 at 11:32 pm
Wirklich eine gute Frage – eigentlich ja zwei.
Wie man zur Reduktion kommen kann, dazu fiele mir etwas ein – wie es bei Creeley speziell ist, weiß ich nicht.
Auch nichts über die zweite Frage.
Es wäre aber spannend – zur Beantwortung müsste man sich näher mit ihm befassen, ich könnte nur spekulieren.
Januar 19th, 2008 at 4:28 pm
Nochmal zum Schutzumschlag:
Er ist auffällig, stimmt. Aber ich bin nicht sicher ob ich ihn toll finde. – Und passend? – Du beschreibst ihn ja vor allem – findest Du ihn so passend wegen der Vorläufigkeit? – Den Text für vorläufig zu halten, könnte auch danebengehen, bei aller Kürze der Darstellung kann er durchaus komponiert sein und gerade in dieser Kürze viel Arbeit stecken.
Mich erinnert er ein wenig an anthroposophische Ästhetik.
Das Gefallen ist das eine.
Das Passen das andere.
Warum passt er so gut?
Januar 19th, 2008 at 7:37 pm
ich hatte es schon angedeutet: für mich paßt er, weil er eben in seiner machart vorläufigkeit und strenge, offenheit und reduktion vereint. so hatte ich auch den text gelesen, als einen, der bei allen vorbehalten gegenüber dem unternehmen “autobiographie” trotzdem wesentliches, elementares vom eigenen leben und den voraussetzungen des schreibens zu berichten weiß. beide sind, wie ich finde, bei aller schlichtheit klar strukturiert, und darin sah ich eine entsprechung.
Januar 19th, 2008 at 10:45 pm
Ok, kann man so sehen.