Carlos Eugenio López: “Abgesoffen”
Januar 25th, 2008Carlos Eugenio López: “Abgesoffen”, aus dem Spanischen von Susanna Mende, Zürich 2006, zuerst Madrid 2000 unter dem Titel “Abogados”, 189 Seiten, 18,90 Euro
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Zwei Männer. Eine nächtliche Autofahrt. Ein Gespräch über Gott und die Welt.
Das ist die Konstellation des Buches, das die Bezeichnung “Roman” auf dem Titel führt, aber ein einziger langer Dialog der beiden Figuren des Buches ist. Ein Dialog über alles und nichts, über das was den beiden so einfällt, während dieser Fahrt ans Meer, Richtung Gibraltar.
Das klingt zunächst nicht besonders spektakulär, aber es ist ein ganz eigenwilliges und eigentümliches Buch, das die Denkweise des kleinen Mannes, seine Psychologie und Philosophie, decouvriert. Möglich, dass einem unaufmerksamen Leser zunächst gar nicht auffällt, wie entlarvend dieser Dialog ist, wie tief er blicken lässt, wie er unaufdringlich zeigt, dass das Ungeheuerliche innen sitzt – weil er selbst genauso denkt? So hält dieser Dialog ein Porträt unserer Zeit fest, unserer Haltlosigkeit, Hilflosigkeit, Korrumpierbarkeit und Desorientierung – und der Bemühung, den Dingen irgendwie und allem zum Trotz doch so etwas wie Hand und Fuß abzuringen. Doch die Protagonisten zappen zwischen ihren Themen hin und her und im Nu geht es vom Vögeln über die Reinkarnation zum Universum und zurück. Das Buch enthält eine ganz eigene, ungewöhnliche Mischung aus großer Selbstverständlichkeit und großer Schwärze, aus Vulgarität, Populismus und höherer Küchenphilosophie. Es zeigt das Individuum als Schauplatz. Nur: wovon?
Denn was im Lauf dieses Gesprächs deutlich wird, ist der Umstand, dass es sich hier um zwei Serien-Auftragsmörder handelt, die ihre Leichen im Kofferraum transportieren, um sie an der Küste ins Meer zu werfen – aus Abschreckungsgründen für die, die evtl. noch vorhaben zu kommen. Sie töten also nordafrikanische Immigranten und tarnen sie als Ertrunkene. Das wird mit solcher Selbstverständlichkeit erzählt, dass der Leser gar nicht erst die Möglichkeit hat, dazu in große Distanz zu treten. Der Mörder wird dem Leser nicht als Schockwesen, sondern als Person wie Du und Ich vorgestellt, der nur seinen Job macht – eine beunruhigende Vorstellung und ein geschickter Schachzug des in London lebenden Autors: Wie nahe sind uns diese Mörder? Nebenbei handelt das Buch auch davon, welche Umstände Menschen zu Mördern machen können (vgl. S. 153), aber das steht nicht im Zentrum, eher welche Ausreden sie für sich und ihr Tun finden. Trotzdem ist dieser kritische Ansatz nur ein Teil des enormen Kritikpotentials, das implizit in diesem Text steckt. In der Art nämlich, wie hier, angesichts der Umstände, geredet und nachgedacht wird und was eigentlich hinter einem solchen denken und reden steckt.
Es schlägt ihnen schon ein wenig das Gewissen, einem der beiden vor allem, aber allzu sehr lässt er sich davon, auch wenn es insistiert und er zugibt zuweilen Rotz und Wasser zu heulen oder der Phantasie nachzuhängen, mit den Leichen unterzugehen, nicht beeindrucken. Insofern kann das Buch auch als Lehrstück aus der Mitte des Grauens gelesen werden – als Erklärung, wie normal sich das Schreckliche zu gebärden in der Lage ist. Und damit: Wie uns ähnlich. Ein vermutlich – und leider – immer aktuelles Buch. Man kann es auch in Zusammenhang mit den Gulags und KZs und dem Milgram-Experiment lesen.
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Natürlich sind Frauen eines der großen Themen: Gleich zu Beginn, auf den Seiten 10 und 11 geht es um “Bräute” und der Leser erfährt: “Sich wegen einer Frau verrückt zu machen, ist sowieso das Dümmste, was man tun kann.” (S. 11) Und es wird gleich noch hinterhergeschickt: “Trau niemals einer Frau” und: “Eine Frau wischt dir eins aus, wenn du am wenigsten damit rechnest.”
(Beide S. 12)
Daneben stellen die beiden fest, dass man im Knast die ehrlichsten Leute kennenlernen kann (vgl. S. 14), dass das Leben ganz schön kompliziert ist – und ganz schön beschissen. (Vgl. S. 15) Fast an einen Beckett-Dialog kommt die Szene heran, in der sie sich vorstellen, dass ihr Auftraggeber evtl. keine ´Arbeit´ mehr für sie hat: “Als wäre alles nur ein Traum gewesen. -Genau. -Was für eine Scheiße, nicht wahr? -So ist das Leben. -Aber ich habe die Schnauze voll vom Leben. -Ändert das was? -Nichts. -Absolut gar nichts. -Was wir über das Leben denken, ist dem Leben piepegal. -Das Leben kann nicht einmal über uns lachen.” (S. 188 f.)
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Einerseits wird deutlich, dass es den beiden nicht besonders toll ergangen ist in ihrem Leben, andererseits aber auch, dass sie ein vielleicht doch recht normales Leben, eines wie viele andere auch, hatten und vermutlich ein sehr viel besseres als ihr derzeitiges junges Opfer. Morden sei eben besser als Klobürsten zu verkaufen. (Vgl. S. 18) Das Leben ist für die beiden wie die Straße auf der sie fahren: “alles zieht an einem vorbei, und man sieht nur so weit wie die Scheinwerfer.” (S. 19) Großer Weitblick ist ihre Sache nicht, aber vielleicht ist er auch gar nicht (mehr) möglich?
Einerseits kommt ihnen das Töten leicht wie Nägelschneiden vor, andererseits haben sie doch auch feuchte Hände und Brechreiz und dem weniger gleichgültigen der beiden gehen die Augen der Ermordeten nach, ja er fragt sich sogar wo sie wohl begraben werden mögen und ob er nicht diesen Friedhof besuchen könnte. (Vgl. z.B. S. 22 f.)
Der Ältere der zwei schreibt Gedichte und würde sich gerne eine Enzyklopädie zulegen (vgl. S. 131), ohnehin legt er Wert auf seine Kenntnisse und sein historisches Interesse. (Vgl. z.B. S. 30 ff.)
Ihre Selbsteinschätzung ist nicht besonders hoch: “- Und wer sind wir? – Ein paar Versager. – Ein paar Blindgänger.”, die niemand vermissen würde. (S. 28) Zwei Einsame fahren da durch die Nacht, die Beziehungen für das “Verzwickteste” halten, was es gibt. (S. 39)
Marilyn Monroe und Claudia Schiffer treten ebenso auf wie Hitler und Gandhi und andere Namen der Zeitgeschichte, die beiden machen vor nichts halt, sie reden einfach was ihnen einfällt. Sie regen sich über Dummheit auf (vgl. S. 65 ff.), räsonieren über Selbstmord (vgl. S. 68 ff.), Organspende (vgl. S. 71) und Krieg (vgl. S. 80 f.).
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Will López uns die beiden zeigen als zwei, die gar nicht bemerken, wie kaputt sie sind? Will er uns deren – und damit unsere eigene – Normalität als große Kaputtheit vor Augen führen? Auf diese Idee kann man etwa kommen angesichts des Umstands, dass einer der beiden feststellt, dass er nicht mehr lächelt und es dann heißt “Lächeln ist nicht so wichtig.” (S. 120) Aber trotzdem folgt kurz darauf das Bonmot: “Das Leben ist zum Kotzen.”
Derart lapidare Feststellungen und Gemeinplätze gibt es noch andere, etwa: “Der Kapitalismus ist gnadenlos.” oder “Was für eine Welt.” (Beide S. 122)
Dieses Gespräch kann neben dem Zeitvertreib auch der Ablenkung und Gewissensberuhigung dienen. Sie überlegen, ob sie es besser vergessen sollten und den Tag an dem es stattfand einfach als einen schlechten abhaken. (Vgl. S. 163)
Mehrfach wird deutlich, dass die beiden, bei aller Schuld, die sie mit ihren 29 Morden auf sich geladen haben, grundeinsam sind. Allerdings wird damit nichts entschuldigt. Erfolg kennen sie nicht, mit 15 ging´s bergab (vgl. S. 180). Auf S. 131 liest man: “Man ist immer allein.” Auf S. 182: “-Stimmt; irgendwie ist man immer allein. -Ja. -Und wenn man jemanden an seiner Seite hat, scheint man noch einsamer zu sein. – Vorhin hast du genau das Gegenteil gesagt. -Es stimmt beides. -Kann sein.” Das gipfelt in dem Satz auf S. 183: “Ich glaube nicht, dass leben viel damit zu tun hat, ob man allein ist oder nicht. Ich glaube nicht, dass leben mit anderen zu tun hat.”
Unwillkürlich stellt sich die Frage, wie das Gerede der beiden und ihre Erfahrungen, ihre solipsistische Lebenseinstellung, die, das darf noch einmal gesagt werden, vermutlich wenig Besonderes hat, mit ihrem Morden zusammenhängt.
Das Buch ist geschickt gemacht, die zugrunde liegende Idee ist so schlicht wie genial, es liest sich leicht, trotz des schweren Themas und macht nachdenklich. Schließlich geht es hier auch um einige der großen, problematischen Themen der Zeit, Rassismus, Arm und Reich, Grenzen und Einwanderung, aber in spielerisch-leichtem Gewand und ohne jeden Holzhammer, ohne Erklärungen oder Stellungnahmen des Autors. Wie geht man sinnvoll damit um, wie stellt man sich dazu? Wie leicht ist man korrumpierbar in einer Welt, in der riesige Wohlstands- und Gerechtigkeitsgefälle herrschen – wie barbarisch sind wir selbst schon geworden und wie weit oder wie lange können auch wir uns diese Fragen noch vom Hals halten? Sind die Selbstfremdheit, die Resignation, der Pragmatismus und die Gleichgültigkeit, der Umstand, dass jeder sich selbst der nächste ist, die großen Krankheiten dieser Zeit – die regelrecht mörderisches Potential darstellen? Dieser kurze, makabre Roman-Dialog legt das nahe. Welche Antwort gibt man sich?
Januar 30th, 2008 at 3:51 pm
interessantes buch.
eine schwerwiegende und (immer wieder) aktuelle thematik in einer intelligenten form veranschaulicht.
eine spezielle denk- und gefühlsweise wird vorgeführt, in der noch das schrecklichste wie selbstverständlich erscheint.
ein makabres und doch auch realistisches szenario.
ich kann dir nur zustimmen in all deinen einschätzungen. eine lektüre, die sich lohnt, weil sie dem leser die normalität des grauens sehr konzentriert vor augen führt.
ich fühlte mich an den film pulp fiction erinnert: hier wie dort zwei killer, die morden und dabei bzw. danach unablässig über gott und die welt reden und dabei vor allem ihre monströse gleichgültigkeit, ihren tödlichen und todbringenden gleichmut offenbaren. charakterlich sind sie verschieden von den bei lópez geschilderten “versagern”, aber ihr reden hat denselben entlarvenden impetus:
sie wissen um ihre schuld, erkennen sie aber nicht an, und ihr gespräch mit dem ewigen rekurs auf floskeln, phrasen, gemeinplätzen dient ihnen nur dazu, sich nicht den entscheidenen fragen stellen zu müssen. vergleichbar auch die selbstverständlicheit des tötens, das beiläufige des mordens, die unmenschliche indifferenz gegenüber den anderen, dem leben überhaupt.
eine irritierende lektüre, die auch die frage aufwirft, wieviel von dem kruden welt- und menschenbild der beiden mörder schon alltag geworden ist?
Januar 30th, 2008 at 11:12 pm
Ja, ich finde auch: Das Beunruhigende ist die Frage, wieviel Krudes schon (längst?) für normal gilt.
Und was ist eigentlich los, wenn “realistisch” und “makaber” tendentiell kongruent werden?
An Pulp Fiction dachte ich nicht, aber es ist auch schon länger her, dass ich den Film gesehen habe. – So wie ich ihn in Erinnerung habe, erzählt vor allem der schwarze Killer, man lacht darüber, weil es krasse Widersprüche zwischen Sagen und Tun gibt. – In “Abgesoffen” hatte ich einen etwas anderen Eindruck. Einer der beiden hat ja deutliche Anzeichen von einem tätigen Gewissen, gibt sich das aber nur so halb zu. Trotzdem kommt er nicht los davon. Dieses Kreisen oder am Thema kleben offenbart aber seine Seelentätigkeit. Der andere, ältere Mörder, der Gleichgültigere, ist der gefährlichere, aber im Grunde auch bemitleidenswertere.
Interessant ist, wie der Autor sie reden läßt; sie reden mehr um zu verstecken, denn um auszusagen und doch wirkt das was sie sagen (natürlich) decouvrierend.
Februar 8th, 2008 at 12:08 pm
ich denke, für lópez war beides von interesse:
zum einen, wie das fortgesetzte reden den anschein der selbstkritik wahrt und diese zugleich unterläuft, wie es zwar das bewußtsein einer schuld aufkommen läßt, aber eben auch den unwillen offenbart, sich diese einzugestehen;
und zum anderen diese mischung aus halbgaren, (rechts-)populistischen phrasen, floskeln, gemeinplätzen und zum teil sehr treffenden und hellsichtigen einsichten, woraus das welt- und selbstbild der beiden dialogführenden killer zusammengesetzt ist, diese sprache, die banal und allzubekannt anmutet und zugleich dieses krude menschen- und lebensverachtende potential enthält.
ich denke, diese beiden aspekte des unentwegten sprechens, seine entlastende und zugleich entlarvende funktion, waren für lópez wichtig, und wie er das umsetzt in die makaber anmutende situation zweier sich unterhaltender auftragsmörder ist schon ungemein gekonnt. fasziniert war ich vor allem von dem hohen tempo, in dem sich die themen abwechseln und wie dabei beim leser der eindruck eines zentrifugal sich ereignenden wort- oder satzstrudels entsteht, der perfekt das widerspiegelt, was die funktion dieses gespräches ist: es lenkt ab, es unterläuft die innere einkehr, die besinnung, weshalb es auch nicht abbrechen darf, und genau darin decouvriert es die hochexplosive mischung aus pragmatisms und lebens- und menschenhaß im welt- und selbstverständnis der beiden killer – ganz im sinne der dialogzeile:
“schweigen ist nicht die einzige methode, um ein geheimnis zu bewahren.” (76)
ein autor, den es weiter zu verfolgen gilt. sein neues buch im kein&aber-verlag, “bodell der toten”, habe ich mir schon bestellt. auch dort: groteske und doch vertraute typen mit den aberwitzigsten und absurdesten gedankenkonstruktionen, diesmal aber nicht im reinen dialog vorgeführt, sondern als erzählungen. ich bin gespannt!
Februar 10th, 2008 at 12:20 am
Ja, ich stimme Dir ganz weitgehend zu, reden um zu verstecken, um Bewusstsein gar nicht erst wirklich aufkommen zu lassen – ein interessanter Umstand für unser Kommunikationsmittel und auch für einen Autor!
Aber mehr noch: Er fragt ja insgeheim: Wie stellen wir ihn uns vor, den Killer? – Und widerspricht da zu einfachen Erwartungshaltungen. Der Killer, das Böse…ist nicht (nur) Außen – er kann auch innen, er kann uns sehr ähnlich, wir können, potentiell, er sein. Das auf diese Weise vorzuführen, finde ich schon eine starke Leistung.
Und so weist er auch, da hast Du recht, auf ein lebensverachtendes Potential, allerdings mehr des Denkens als der Sprache wie ich finde. Es ist eine bestimmte Art zu denken, die zu dieser Sprache führt und dazu, mit Sprache sich abzulenken und zu beruhigen.
Dieses kaputte oder gefährliche Denken aber, und das sehe ich auch als Kunstgriff, ist dem ´normalen´ nur allzu nah. – Wo ist überhaupt die Grenze?
Und: Wie selbstfremd kann man, auch als einigermaßen sprachmächtiger und intelligenter Mensch sein, wenn die Umstände es erfordern?
Denn die beiden scheinen mir sehr viel mehr von Pragmatismus (das kann eigentlich ja noch harmlos klingen) als von Hass (im Grunde sind sie nicht wirklich hasserfüllt) bewegt. Für ihre Opfer ist ihre moralische Indifferenz und ihre pragmatische Gleichgültigkeit gleichbedeutend mit Lebensgefahr.