Wojciech Kuczok: “Dreckskerl. Eine Antibiographie”

Februar 4th, 2008

Wojciech Kuczok: “Dreckskerl. Eine Antibiographie”, aus dem Polnischen von Gabriele Leupold und Dorota Stroinska, Frankfurt am Main 2007, 173 Seiten, 19,80.- Euro, zuerst unter dem Titel “Gnoj” (wörtlich etwa “Mist”, “Jauche”), Warschau 2003

Bild von morguefile.com: kevinrosseel

house Ich weiß nicht genau was eine “Antibiographie” ist oder welchen Zweck sie erfüllt.
Ist es eine Biographie wie sie GENAU NICHT sein sollte? Dann wären wohl die meisten Biographien Antibiographien? Dann wäre aber auch der Begriff hinfällig. Ist es ein Antibildungsroman, ein Antifamilienroman? Und was wäre dann die Alternative zur Familie und ihren Fallstricken?
Der Inhalt des Buches hat mich sehr an “Begrabt mich hinter der Fußleiste” von Pawel Sanajew erinnert. Es gibt große Ähnlichkeiten, bis hin zum außerfamiliären Aufenthalt, der zunächst mit Hoffnungen begleitet wird und sich dann als mindestens so große Hölle wie die eigene Familie entpuppt. Zufall? Oder derzeit ein – spezifisch östliches? – Erfolgsrezept? Drastische Lebensläufe aus Kinderperspektive? Wobei “Dreckskerl” von einem Erwachsenen erzählt wird, der allerdings sehr nahe an der Kindheit und der Schilderung ihrer Erlebnisse bleibt.
Nur: Was fängt man als Leser an mit so viel Kindheitshölle? Zu welchem Ende hat man sie zu lesen? Hat man denn und was folgte daraus?

Denn allzu großen Spaß macht es nicht, sich dieses endlose, ebenso einseitige wie allseitige Elend mit seiner Peitschen-Pädagogik und Dauererniedrigung anzutun.
Dann wird gleich zu Beginn des Buches noch auf seinen fiktiven Charakter hingewiesen, was schon die Frage aufwirft, warum man diese Geschichte [auf diese Weise] erzählt. Zudem hat das Buch bei mir, anders als der Sanajew, nie ganz gezündet, evtl. hat sich mangelnder Existenzdruck mitgeteilt? Wenn aber das nicht, was veranlasst einen zu diesem Buch – als Autor – als Leser? Ist es eine Parabel? – Aber worauf? Der Schluss könnte das nahe legen. Doch ist mir der Schluss zu symbolisch, zu deutlich, zu arg, irgendwie übertrieben – vielleicht wie das ganze Buch? Es hat mich nicht überzeugt, es wirkt zu gemacht, es ist zu einseitig. Warum es von vielen Rezensenten als der große Wurf angesehen wurde, teilt sich mir nur bedingt mit.
Was wird erzählt?
Das Buch hat mehrere Teile.
Zu Beginn wird die Vorgeschichte berichtet, der Bau des Hauses, in dem sich alles abspielt. Der Großvater erstellt es in einer polnischen Kleinstadt im schlesischen Industriegebiet. Er hat seinen Sohn, der im Buch nur “der alte K.” genannt wird, nie geschlagen.
Aber eine Tradition gibt es nicht.
Der alte K., der Vater des Erzählers, ein verhinderter Künstler, verachtet seinen Sohn und demütigt und schlägt ihn wo er kann, ist beseelt von schwärzester Pädagogik, ein Sadist. Die Mutter, die immerhin noch als solche angesprochen wird, dem Vater wird diese Ehre nicht zuteil, ist zu schwach, sich gegen diesen durchzusetzen und ist dem Erzähler keine große Hilfe. Beide streiten unentwegt – neben der Kindheits- existiert auch eine Ehehölle. Der Erzähler breitet sein Leiden in allen Varianten aus, auch seine Rachephantasien.
Am Ende geht das ganze Haus in einer Sintflut aus Scheiße unter.

Das Buch schwebt ein wenig im luftleeren Raum. Was will es eigentlich? Mitleid? Und wofür, wenn alles erfunden ist?

Der Klappentext spricht, ein Zitat des Tagesspiegels, von Kuczok als dem sichersten, musikalischsten und leidenschaftlichsten Schriftsteller der derzeitigen polnischen Literatur – und Stasiuk? -

4 Antworten to “Wojciech Kuczok: “Dreckskerl. Eine Antibiographie””

  1. 1 uwe
    Februar 12th, 2008 at 1:13 pm

    so unterschiedlich können lektüren ausfallen.
    mir hat das buch sehr gut gefallen.
    ich fand, daß es das sensible thema einer traumatischen kindheit in einer sehr form- und sprachbewußten erzählung dargestellt hat. gerade die klare, mit ironie und schwarzem humor gesättigte sprache hatte es mir angetan. der satirische unterton schien mir bestens die nötige und notwendige distanz des erzählers zum geschilderten auszudrücken. das rabenschwarze thema hält er dabei von jeder sentimentalität fern und doch wird der leser sehr nah an diese kindheitshölle mit ihren gewalt- und unterwerfungsritualen herangeführt – aber eben immer in einer geschliffenen und beherrschten sprache. insofern fand ich es sehr gelungen, wie hier die balance zwischen kindlichem erleben und erwachsenem schreiben gehalten wurde.
    das buch erschien mir eine abrechnung zu sein, eine im erzählerischen medium geleistete abrechnung mit einer in der kindheit unantastbaren autorität. der wunschtraum des erzählers am ende, der untergang des hauses und vaters in der jaucheflut, habe ich dabei als die wenn auch nur im fiktiven rahmen eines buches vollzogene gegengewalt und rachephantasie des kindes interpretiert. das buch endet ja auch nicht damit, mit diesem tyrannentod, sondern damit, wie dem erzähler ein leben lang das haus und was ihm in diesem geschah nachgeht – das schattendasein, das er gezwungen ist, zu führen, die lebensverhinderungen und -behinderungen, die ihn weiterhin quälen.
    den begriff “antibiographie” habe ich so verstanden: zum einen als antibildungsroman, als die geschichte einer unterdrückten entwicklung eines kindes, und zum anderen als eine antibiographie des “dreckskerls”, des vaters nämlich, der als unantastbare größe allgegenwärtig ist und der in diesem buch erzählerisch seinem “gerichtstag” zugeführt wird.
    der hinweis auf die fiktion hat mich nicht gestört. warum auch? was zählt ist doch, ob die erzählung ein thema glaubhaft und sprachlich überzeugend zu vergegenwärtigen in der lage ist. für mich hat sie das vermocht, du hast da deine zweifel.

  2. 2 Helmut
    Februar 13th, 2008 at 12:29 pm

    Mich hat die monotone Einseitigkeit genervt. Da ist kein Spiel drin, kein Für und Wider, keinerlei Abstufung.
    Und als dann am Schluß – welch banales Bild! – alles in Scheiße untergeht, dachte ich: Nein, jetzt nicht auch DAS noch!-
    Zudem kam es mir langsam vor, als sei die traumatische Kindheit im Osten eine erfolgversprechende Masche.
    Was an einem ausgedachten Buch etwas mit einer Abrechnung zu tun haben soll, verstehe ich nicht. Es sei denn, Du unterstellst, dass das nur da steht, weil der Erzähler sich oder seine Familie schützen will. – Fände ich auch schwach – vor allem wenn es vor so einem Buch steht. Das passt nicht.
    Die Sprache zu loben ist bei einer Übersetzung immer eine etwas heikle Sache.
    Vor allem: Was will man mit so einem Buch?

  3. 3 Helmut
    Februar 13th, 2008 at 12:54 pm

    “von jeder Sentimentalität fern”: Richard Kämmerlings hat in der FAZ vom 10.05.2007 sieht den Erzähler als weinerliche, lächerliche Figur, versackt im Selbstmitleid.
    So unterschiedlich können Lektüren ausfallen.

  4. 4 uwe
    Februar 13th, 2008 at 7:19 pm

    der erzähler schreibt gegen diese kindheit an, und er macht das in einer sehr sprachbewußten form, mit den mitteln der parodie, der satirischen überspitzung. das sind doch, bei aller thematischen fokussierung, durchaus spielerische, distanzschaffende, formale mittel, die man als leser auch goutieren kann.

    die rachephantasie gegen ende kann man romanimmanent als abrechnung interpretieren. sie steht im zusammenhang mit der enervierenden schlaflosigkeit, unter der der erzähler zeitlebens leidet, und der traum vom tyrannentod verschafft ihm sozusagen luft, ein wenig trost, wenn auch nur mittels seines unterbewußtseins.

    das mit der erfolgversprechenden masche will ich nicht ganz leugnen: unglückslebensläufe in romanform häufen sich, zumal aus dem osteuropäischen raum. aber vielleicht hängt das auch mit dem fall des eisernen vorhangs zusammen, mit dem dadurch eingetretenen abstand zur erlebten und erlittenen sozialisierung in einem kommunistisch regierten land. obgleich in den beiden uns zuletzt untergekommenen romanen die zeitgeschichte auf distanz gehalten wird:
    bei sanajew sind die politischen andeutungen dezent, beziehen sich vor allem auf das soziale milieu; bei kuczok sind diese fast nicht vorhanden, nimmt man mal das vergleichbare künstlermilieu und die (obligaten) hinweise auf das schlangestehen und die friedensrhetorik im real existierenden sozialismus heraus. beide konzentrieren sich auf das unglückshaus und die familie. das allerdings ist bei kuczok deutlich mit einem kritischen impetus versehen. denn im katholisch geprägten polen gilt die familie quasi als heilige kuh, die hier von kuczok gnadenlos abgeschlachtet wird, was ja auch die kontroverse diskussion seines romans in polen erklären würde, wenn ich dem diesbezüglichen hinweis im klappentext glauben darf.

    die sprache ist und bleibt zu loben. natürlich lobt man dabei die übersetzung. g. leupold ist mir von anderen übersetzungen aus dem polnischen bekannt. auch als autorin ist sie mir mit ihrem roman “edmond” schon einmal begegnet. ihre übersetzung zeichnet sich durch ironie und sprachwitz aus, ist dabei sehr sinnlich und präzise. man denke nur an das peitschen- und das spucke-kapitel und wie in beiden der horror dieser kindheit in einer differenzierten und sinnlichen intensität vergegenwärtigt wird. oder auch die charakterporträts der wirren familientypen im ersten teil und wie diese in aller kürze doch sprachlich präzise erfaßt werden. mich hat das überzeugt.

    der hinweis auf die fiktion als argument gegen das buch greift bei mir nicht. vielleicht hat er es aus gründen des schutzes von noch lebenden personen hinzugefügt. aber an der schlüssigkeit der komposition und konzeption der “antibiographie” rührt das doch nicht. als sprachkunstwerk funktioniert das buch doch: ein erzähler rechnet mit viel verve und sprachwitz mit einer in der kindheit unantastbaren autorität ab, und mit dieser werden auch gleich noch politische dummheit und blindheit (der vater des alten k.), angemaßtes künstlertum (der alte k.), bigotte frömmelei (die schwester des alten k.), dummdreister hagestolz (der bruder des alten k.)und vor allem patriarchale familienstrukturen mit abgefertigt. das geschieht mit witz, aber auch mit der notwendigen nähe zum schmerz der erlittenen demütigungen.

    und was die sentimentalität betrifft: der sprachstil ist frei davon, dabei bleibe ich, die häufung der erlittenen kränkungen im mittelteil ist jedoch – das ist mir auch aufgestoßen – nicht frei von selbstmitleid, vor allem von nicht ironisiertem selbstmitleid. da wird dann doch etwas viel aufgeboten bei der beschreibung der einzelnen stationen der definitiven ausgrenzung des erzählers aus dem sozialen verbund der möglichen freunde oder der schule. das will ich zugeben. aber in den kapiteln über die religion wie auch über die stimmbruchperiode verfügt der erzähler wieder souverän über seine mittel, mit denen er die geschichte vorantreibt. auch kämmerlings lobt ja nach den eher schwächeren passagen im mittelteil wieder den epilogartigen schluß, dem man sentimenaltät nun gerade nicht vorwerfen kann.

    im ganzen also ein weiteres buch über die verhehrenden auswirkungen der schwarzen pädagogik, angesiedelt in einem speziellen sozialen milieu und vor dem hintergrund einer bestimmten politischen situation. vor allem wegen der ironiegesättigten und distanzschaffenden sprache konnte ich die lektüre durchaus genießen. der horror schien mir in der art des darstellung gebannt, gerade weil die perspektive des kindlichen erlebens überlagert wurde vom sprachvermögen des erwachsenen erzählers.