Hoimar von Ditfurth/ Dieter Zilligen: “Das Gespräch. Wir sind Wesen des Übergangs. Hoimar von Ditfurths letztes Fernsehinterview”
Februar 12th, 2008Hoimar von Ditfurth/ Dieter Zilligen: “Das Gespräch. Wir sind Wesen des Übergangs. Hoimar von Ditfurths letztes Fernsehinterview”, Düsseldorf 1990, 100 Seiten, derzeit ab einem Cent plus Porto bei Amazon.
Letzte Worte haben ihre eigenen Gesetze, ihr eigenes Pathos.
Es ist spannend: Wie liest sich dieses kleine Buch heute, 18 Jahre nach seinem Erscheinen?
Auch wenn Dieter Zilligen in seinem Vorwort die Besonderheit der Situation betont – das ist heute nicht mehr aktuell. Und in der Tat, wie eine wesentliche Publikation, wie ein bedeutendes Vermächtnis wirkt das Buch nicht, auch wenn das Interview im September 1989 stattfand und von Ditfurth am 1.11.1989 starb. Bei allem Respekt vor Hoimar von Ditfurth, der als “Querschnitt”-Moderator einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte, was er hier äußert wirkt teils etwas populärwissenschaftlich, teils auch etwas platt oder in der Kombination, bzw. im Kurzschluss, ein wenig gewagt.
Die Bemerkungen über sein Elternhaus sind nicht uninteressant, aber auch kaum abendfüllend. Ganz hübsch der Spruch “Zum Paradies gehört Ignoranz”. (S. 43) Immerhin auffällig, dass sein Vater gut erklären konnte und ihn das als Kind geprägt hat – komplizierte Zusammenhänge auf eine einfache Ebene herunterzubrechen war ja auch eine Fähigkeit, die er selbst praktizierte und von der er als Moderator profitierte.
Bei dem was über die Nazizeit zu lesen ist, nimmt er anscheinend kein Blatt vor den Mund und geht offen mit der Problematik um. (Vgl. S. 50 ff.) Und ein bisschen Größe gehört wohl schon dazu, wenn er zugibt, dass es nicht in Ordnung war, wenn er als bester Abiturient gefeiert wurde, nur weil der eigentliche Beste sich kritisch zu dem aufgegebenen Abi-Thema – Nürnberger Gesetze – stellte und darum mit einer schlechten Note bestraft wurde, während er selbst das Verlangte lieferte.
Ein Detail, das mir nicht präsent war: Bei der Olympiade in Berlin 1936 ging die französische Mannschaft mit erhobenem rechten Arm an der Führerloge vorbei. (Vgl. S. 68) Die Schilderung des Kriegsbeginns in Norwegen zeigt, wie naiv er – und mit ihm wohl viele andere in den Krieg gingen. (Vgl. S. 69 f.) So gehörte sicher auch noch 1990 etwas Mut dazu, zu sagen: “Die Nazis, das waren wir alle, fast wir alle, in verschiedenen Graden der Verdünnung.” (S. 63) Und ein wenig erschütternd ist es immer noch, wenn man liest, dass er als Medizinstudent feststellte, dass immer genug Leichen – ohne Kopf – zur Verfügung waren. Deserteure oder Zwangsarbeiter, die, vielleicht aus Hunger, kleine Diebstähle begangen hatten…
Den Sommer 1945 erlebte er als Befreiung, als “einzigartigen Sommer der Hoffnung” und es war die Zeit, in der er wie ein Hungernder zu lesen begann (S. 73 f.), die Sokratiker, “Thomas Mann, Stefan Zweig, Sinclair Lewis, Hemingway” (S. 74).
All das, auch der Umstand, dass er eine Zeit lang Adenauer-Fan war (S. 77 f.), dass er eine Geschäftsführer-Position bei Boehringer ausschlug (S. 78 f.) oder seine Gedanken zu Gott und zum Universum (S. 80-88), sind nicht uninteressant, aber auch nicht einzigartig.
Aus heutiger Perspektive fällt mehr auf, was er 1990 zur Globalisierung sagte: “Und wenn man sich dann noch anschaut, daß wir dabei sind, die Szenerie, auf dem sich das Ganze abspielt, jetzt definitiv, nämlich global, zu ruinieren… Die Leute beruhigen sich ja immer und sagen: Gott, die Italiener haben ihre Wälder auch ruiniert. Nun, und was ist da passiert? Aber das waren alles regionale Katastrophen, wir sind jetzt dabei und stellen das mit der ganzen Erde an. Die Folgen werden sich sehr bald zeigen.” (S. 92)
Sein Menschenbild ist kritisch, wenn nicht skeptisch, aber er vermag sich damit zu beruhigen, dass die große Entwicklung weitergeht und Evolution stattfinden wird, mit oder ohne Menschen. Nur: Stellt man sich eine nicht mehr wahrgenommene, eine nicht mehr von Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein beseelte Welt vor – was wäre das für eine? Von einer philosophischen Warte könnte man sich fragen ob sie dann überhaupt noch existierte. Liegt also wirklich Trost darin, wenn man sich eine vom Menschen befreite Welt vorstellt, eine Natur, die quasi wieder von vorne anfängt – und sich wer weiß wohin entwickeln wird?
Trotzdem sympathisch, dass er sich gegen einen Anthropozentrismus wendet (vgl. S. 93) und – was aber eigentlich so klar ist, dass es keiner Erwähnung wert sein sollte – den Menschen als Teil der Natur ansieht, nicht als etwas von ihr Losgelöstes. (Vgl. S. 97)
Was er über jungen und alten Kosmos sagt sowie über den Menschen als ´Wesen des Übergangs´, ist bedenkenswert, aber gleichfalls nichts Revolutionäres.
Mithin ein letztes Interview, kein uninteressantes, aber doch auch kein brisantes ´Muss´. Die Bedeutung, die man ihm damals gab, scheint mehr vom Zeitpunkt als vom Inhalt bestimmt zu sein.
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