Alessandro Baricco: “Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten”

Februar 15th, 2008

Alessandro Baricco: “Novecento. Die Legende von Ozeanpianisten”, aus dem Italienischen von Karin Krieger, München 1999, (die Originalausgabe: Mailand 1994 unter gleichem Titel), 80 Seiten, regulär 7,50 Euro, aber in diversen Ausgaben und auch unter diesem Preis zu haben

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Cuise Ship In medias res geht es los, einer sieht Amerika zuerst auf einem Schiff und darf es dann rufen: “Amerika”. Ob das allerdings gleich “Schicksal” sein muss? Und schon auf der dritten Seite ist der größte Ozeanpianist erwähnt, den der Erzähler, ein Schiffs-Trompeter, gekannt haben will. Nicht der dritt- und nicht der zweitgrößte, der größte eben. Drunter tut man es nicht. Oder hat das mit der Legende zu tun? Und dieser Pianist, von dem das Werk seinen Titel hat, weil er 1900 geboren ist, äußert denn auch gleich zu Beginn Mystisches oder wenigstens etwas in der Art. (Vgl. S. 13) Es gibt die schmissige Rede der Vorstellung der “Atlantic Jazz Band” und dann folgt die rührende Geschichte des in einer Schachtel aufs Klavier gelegten Säuglings, der vom Stand weg adoptiert, benamst und dann, ´natürlich´ ergänzen wir im Geiste, der größte Ozeanpianist werden wird – lag er doch auf dem Flügel. Bis dahin gibt es eine teils recht flapsige Sprache, aber auch Witz, das ist sehr hübsch und die Geschichte ist ja nun auch wirklich etwas Besonderes. Man kann das gern und schnell lesen, unterhält sich gut, es ist gut gemacht. – Und am Ende denkt man eben doch: Kitsch.

Es geht darum, der Welt die Seele zu stehlen und Menschen zu lesen…und man muss Fähigkeiten wie die von Jean-Baptiste Grenouille, dem Helden von “Das Parfum” unterstellen, auch so ein gut gemachtes Kitsch-Ding (aber noch gar nichts gegen Robert Schneiders schwachen Abklatsch in “Schlafes Bruder” – Hören statt Riechen: originell!): übersinnliche Sinne. (Vgl. S. 40)
Und dann das Duell mit Jelly Roll Morton, dem “Erfinder des Jazz” – hätte man es anders machen können? Nein, es musste GENAU SO sein.- (Vgl. S. 42 ff.) Und, pardon, da scheint mir der Fehler zu liegen. Das ist vorhersehbar, es läuft nach einer Dramaturgie, das kommt, mag sein, der Klappentext legt es nahe oder ist das jetzt böse?, aus einem Kreativ-Schreiben-Kurs.
Und warum geht der Knabe nicht an Land? Auf S. 42 wird immerhin die Frage gestellt. Einen Versuch gibt es ja auch, nach immerhin 32 Jahren, aber er schafft es die Gangway nicht hinunter – die Erklärung dafür wird brav auf S. 71 ff. nachgeliefert. Und wie schön mystisch und geheimnisvoll: Das Schiff verlassen, um das Meer zu sehen! (Vgl. S. 57)
Geht es am Ende pathetischer, als sich mit dem altersschwachen Schiff und einer Menge Dynamit bewusst in die Luft sprengen zu lassen? – Einmal abgesehen davon, wie realistisch das ist – und wie realistisch noch der Besuch des Erzählers bei dem freiwilligen Delinquenten, dem er den pathostriefenden Satz mitgibt: “Ich habe meine Wünsche von meinem Leben abgestreift.” (S. 77) Und was für ein Freund ist das, der den Pianisten auf diesem Schiff zurücklässt, zusammen mit dreizehn Zentner Dynamit?
Das ist ein Kunstprodukt. Intelligent und gut gemacht, nett, es hat Witz und eine gewisse Spannung – aber etwas fehlt: Etwas Echtes, Leben.
Halt eine Legende, und als eine Art Theaterstück aufgeführt, wie es das Büchelchen nahe legt, sicher nicht ohne Wirkung.
Man fragt sich aber auch:
Was kommt an diesen Sinnenriesen in den letzten Jahren so gut an – Parfum – Schlafes Bruder – es gibt sicher noch mehr Nachgeahmtes? Welches Bedürfnis erfüllen sie? Welche Wünsche stecken dahinter? Warum müssen ihre Fähigkeiten übernatürlich und, ja, magisch sein? Braucht man einen, der die Klaviersaiten so anschlagen kann, dass er, als Nichtraucher, danach die Zigarette daran anzünden kann? Was sucht das, was gefällt dem Publikum an diesen Helden? Wäre es gern selbst so?
Oder ist das einfach die Antwort auf die entzauberte, dröge, öde Nützlichkeits-und Zwang-Welt – die fiktive Neuverzauberung?!

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