Sherwood Anderson: “Pferde und Männer. Erzählungen, lange und kurze, aus dem amerikanischen Leben”
April 27th, 2008Sherwood Anderson: “Pferde und Männer. Erzählungen, lange und kurze, aus dem amerikanischen Leben”, Bremen und Hamburg 1996, heute Stollham-Butjadingen, hrsg. und aus dem amerikanischen englisch übersetzt von Jürgen Dierking, im Original zuerst 1923 als “Horses and Men”, 379 Seiten, zurzeit wohl nur gebraucht im Internet ab etwa 13 Euro, ursprünglich beim Verlag 20 Euro
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Nur zu gern hätte man dieses Buch sehr gelobt, es hätte es im Grunde verdient.
Nur ist leider der Eindruck, den man gewinnen muss sehr zwiespältig.
Sehr erfreulich und begrüßenswert ist, dass dieser Band Erzählungen nun endlich, nach immerhin 85 Jahren, ins Deutsche gebracht wurde. Erfreulich vor allem deswegen, weil die Erzählungen eine Frische bewahrt haben und eine Atmosphäre transportieren, die erstaunlich ist: Leicht und humorvoll wird von Schicksalsschwerem erzählt.
Auf der anderen Seite ist dieses Buch derart voller Druckfehler, dass man es kaum fassen kann. Hat es keine Durchsicht, keinen Lektor gegeben? Obwohl, die meisten Fehler hätte schon ein ganz normales, durchschnittlich gutes Korrekturprogramm jedes PCs problemlos gefunden. So aber liegt hier ein Buch vor, das eigentlich noch nicht publikationsreif ist. Das ist unendlich schade, weil es sich wie gesagt um ein schönes, ja wertvolles Buch handelt, das eine andere Behandlung mehr als verdient gehabt hätte. Diese Ausgabe aber wirft weder ein gutes Licht auf den Verlag noch auf den Übersetzer. Denn zuweilen wecken die Fehler, nicht selten zwei und drei auf einer Seite, auch Zweifel an der Güte der Übersetzung.
Jedenfalls ist diese publizierte Rohfassung beinahe eine Frechheit dem Autor und auch dem Leser gegenüber. Auch bei einem kleinen Verlag sollte so etwas in dieser Form nicht vorkommen, denn so verärgert oder vergrault man gutwillige Kunden und geneigte Leser.
Die Fehler hier alle aufzuzählen ist nicht möglich und nicht sinnvoll.
Aber um das Gesagte ausreichend zu belegen, hier einige Beispiele:
S. 23/3: “(…), aber gehen Sie gleich, wenn er erste Vorlauf (…).”
Natürlich muss es “der erste” heißen.
S. 28/2: “Und nachdem wir gegessen hatte, (…).”
“Hatten” hätte es heißen müssen.
S. 29: “(…) dunkel und süß wir eine Apfelsine.”
S. 34: “(…) nicht mein Fehler, daß ich den Tag nicht mir ihr verbracht habe.”
S. 46: “(…), und Lillian erschien auf er oberen Hauptstraße von Bidwell.”
Und so geht es munter weiter:
S. 100: “(…); dann hab sie eine weiße Hand (…).”
Sie ´hob´ wohl.
S. 109: “Das Leben eines Mannes hängt davon auf, daß ich aufpasse.”
Ganze Worte werden auch velwechsert.
S. 123: “Die ganze Sache wurde aufgegeben werden müssen.”
Da kann man schon ein Knötchen im Hirn bekommen: Konjunktiv hätte hier stehen müssen.
S. 134: “(…) war er durch einen schweren Ball verletzt worden, der ihn an der Schläfe trag, als er am Schlag stand.”
S. 134: “´Jetzt aber, fangen Sie hier ja nichts an.´”
Sollte dieser Satz Absicht sein?
S. 134: “Er war ein großer Mann mit blauen Augen und safter Stimme, (…).”
Wenn es wenigstens eine ´saftige Stimme´ gewesen wäre!
S. 135: “Die Kutsche ratterte über das Kopfsteinpflaster davon, und mehrere jungen Männer…”
S. 146: “(…) ein Messer erhoben hatte, daß ihr im nächsten Augenblick…”
Diesen Pennäler-Fehler in einem Buch zu finden ist peinlich: ´das´!
So geht es fort und fort.
“Ihm” und “im” werden verwechselt, (S. 162), “füttern” und “füttert” durcheinander geworfen, (S. 188), “dannn” wird mit drei “n” geschrieben, Singular und Plural gehen durcheinander: “Ort” versus “Orte”, S. 191, die Zeiten purzeln: “erreichten” und “erreichen”, S. 191, und so weiter. – Grausam. – Es gibt “Nacharn” statt “Nachbarn” (S. 236), auch die Fälle trennt man nicht: “seinem Vorschlag” und “seinen Vorschlag” (S. 295). Sinnentstellendes wird aber auch geboten: “Neben” und “Nebel” etwa, S. 302. “Und führte es wen” muss doch wohl “und führte es weg” lauten. (S. 341) Wie glücklich ist dieser Satz: “Später verließ er bei Nacht die Stadt, in einer dunklen Nacht, da man, um sich zu retten, die Hand nicht vor Augen sehen konnte.”? (S. 116) Und ist dieser stimmig: “Vielleicht war alles Leben so, ein ungeheures Ausmaß und Leere.”? (S. 303)
Zudem sind ein Kornett und ein Horn wahrlich nicht das gleiche Instrument. (Vgl. S. 288)
Genug davon, diese Blütenlese wird einen Eindruck von dem Desaster vermitteln. Zahl und Art der Fehler korrumpieren das Vertrauen des Lesers in die Übersetzung.
Zum Text und dem Autor selbst:
Der 1876 geborene Sherwood Anderson gilt als Vorläufer von Hemingway und Faulkner, er verließ mit 14 die Schule und arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor er im Jahr 1913 einen Nervenzusammenbruch erlitt, Arbeitsplatz und Familie verließ und ein Leben als Schriftsteller begann. In Paris lernte er 1921 Gertrude Stein und James Joyce kennen und freundete sich 1922 mit dem jungen Faulkner an.
Im vorliegenden Band zeigt er ein geradliniges Erzählen von wesentlichen Dingen, Erzählungen nahrhaft wie Brot und teils, besonders zu Beginn, stark ans Mündliche angelehnt.
Seine Figuren und die Art wie er über sie erzählt oder sie erzählen lässt, prägen sich unwillkürlich ein und – etwa in “Der Mann, der zur Frau wurde”, erzeugt er richtig Spannung, während in “Ein Chicagoer Hamlet” indirekt über das Erzählen und seine Wirkungen nachgedacht wird.
Sehr schön und tragisch oder tragikomisch die erste Erzählung “Ich bin ein Dummkopf”, in der eine einmalige, verpasste Gelegenheit das Thema ist, die durch unnötiges eigenes Verschulden unwiederbringlich durch die Lappen geht. Eine Gelegenheit, die ein Leben verändert hätte. Es erinnert von Ferne an Baudelaires “A une passante”.
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Anderson hat große, basale Themen, behandelt sie aber mit selbstverständlicher Sicherheit und Leichtigkeit; das zu Lesen macht großen Spaß. Man fragt sich, ob es heute noch möglich ist, so zu erzählen und wer es wohl könnte. Unnötige Kompliziertheiten oder Manieriertheiten erwarten einen bei ihm nicht. Geradlinig und als ein guter Handwerker geht er zu Werke. Sicher, was damals die Pferde waren, wären heute wohl die Autos, aber was den menschlichen Bereich betrifft, sind seine Erzählungen so frisch wie am ersten Tag.
Und Einsichten gibt es obendrein: “In den Familien arbeitender Menschen werden die dramatischen und kritischen Augenblicke des Lebens mit Schweigen übergangen.” (S. 293)
Oder das bonmothafte: “Ohne Whisky kann kein Volk all dieser Hässlichkeit widerstehen.” (S. 176) – Was wäre unter diesem Aspekt heute über den Bedarf an Lebenswasser und Rauschdrogen zu sagen?
Hervorragend die Erzählung “Ein Chicagoer Hamlet”, die mit düsterer Zeitkritik beginnt und dann zur Hymne an diesen Tom wird, der ihr gebrochener Held ist und Folgendes sagt: “Ich wußte, damals wie jetzt, Bescheid über die Wichtigkeit von Büchern, soll heißen: von wirklichen Büchern. Es gibt nur ein paar solcher Bücher in der Welt, und es dauert lange, sie ausfindig zu machen. Kaum jemand weiß, welche es sind, und einer der Gründe dafür, daß ich nie geheiratet habe, ist der, daß ich keiner Frau gestatten wollte, sich zwischen mich und die Suche nach den Büchern zu drängen, die wirklich etwas zu sagen haben.” (S. 186)
Ein hochinteressanter Charakter mit einer ebensolchen, auch traurigen Biographie. Der Anspruch, der hier an die wenigen hehren Bücher, die die es wert sind, gestellt wird, dürfte Tom vom Erzähler in den Mund gelegt worden sein, wohl auch in eigener Sache. Es geht um das Echte und um Greifbares. Selbst das Schreiben wird einem ungewöhnlichen Vergleich unterzogen: “Ich nehme an, daß Tom, wenn er Schriftsteller werden würde, genau das empfinden wollte, was in seiner Vorstellung der alte Pop empfand, wenn er mit seinem Pferd aus der oberen Kurve kam und die Gerade vor sich hatte, und wenn er sein Pferd als Sieger ins Ziel bringen wollte, mußte er es genau dann schaffen.” (S. 213 f.) Sehr amerikanisch eben.
Bei Anderson geht es nicht um Nebensächlichkeiten. Es geht um Männer und Frauen, um den rechten Weg im Leben. Um Aufrichtigkeit. Um Schwarze und Weiße. Um die Folgen kleiner Handlungen, Fehler, Versäumnisse oder Lügen für das ganze Leben.
Diese grundlegende Klarheit im Wesentlichen oder der Umstand, dass klar ist, was wesentlich ist, führt zu Sätzen wie etwa diesem: “Seine Frau war zwar in Ordnung, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, schien allen Frauen ein Sinn für die Stellung zu fehlen, die ein Mann im Leben einnahm.” (S. 298)
Anderson schreibt über Angst und Trost, Erfolg und Misserfolg und wie nah sie beisammen wohnen, über Gefühle, Einsamkeit vor allem, über Männer und Frauen und Arbeit und Traurigkeit. Was er kann ist, einen in einfachen Worten gesetzten panoramatischen Überblick über eine Stadt oder eine Situation geben und gleichermaßen eine feinfühlig-differenzierte Schilderung der inneren Situation einer Person. Seine Texte kreisen um das einfache Leben, seine Kämpfe und Verstocktheiten, seine Spiele, auch die grausamen, und die es begleitenden Enttäuschungen. Wie er davon erzählt, hat etwas Tröstliches.
Mai 6th, 2008 at 10:54 am
D’accord.
Ich stimme mit dir überein, sowohl in dem, was du über die miserable Edition schreibst, als als auch in dem, was du über Inhalt und Form dieser Erzählungen mitteilst.
Trotz der vielen Schreibfehler unbedingt lesenswert – das war auch mein Eindruck.
Mit gefällt, wie Anderson erzählt, wie er die Geschichten aufrollt und immer wieder unterbricht, um kurz über die Notwendigkeit des Erzählens oder über die Wichtigkeit, etwas zu sagen zu haben, reflektiert. Und er tut dies niemals abgehoben, theoretisch, sondern anschaulich und mit Worten, die den Erzählfluss nicht stören und doch den Erzähler, dessen Nöte und auch dessen Geschick und Kraft, für den Leser spürbar werden lässt. Es ist immer wieder der Versuch, von Geschichte zu Geschichte jenem Etwas schreibend und erzählend näher zu kommen, was die Figuren – und damit auch uns – wesentlich ausmacht, bestimmt, im Innersten bewegt. Mal nennt er es den “Strom des Lebens” (79), dann den “inneren Schwung” (89) oder auch “Rechtschaffenheit” (169) und “heilige innere Bescheidenheit” (191). Ich sehe darin die fortgesetzte Anstrengung, etwas mit Geschichten und durchs Erzählen verständlich zu machen. Dies gelingt ihm bewundernswert leicht, weshalb auch alle seine Geschichten so lesbar sind, obgleich sie von Themen handeln, die alles andere als eingängig sind. Diese Souveränität im Umgang mit seinen Stoffen ist wahrscheinlich einer großen Lebenserfahrung geschuldet und einem Wissen um die eigenen handwerklichen Mittel. Mit erging es jedenfalls beim Lesen dieser Erzählungen, dass ich nach dem Ton und dem Parlando seines Erzählens fast süchtig wurde. Warum? Vielleicht weil er – im übertragenen Sinne – die Finger in unsere Wunden steckt, nicht aber ohne die Mittel zu ihrer Heilung wenigstens anzudeuten: die zarte Macht des Erzählens. Du selbst sprichst vom Trost, den die Geschichten und vor allem die Art, wie sie erzählt werden, vermitteln. Worin genau liegt der Trost? Ich glaube, damit gelangt man ins Zentrum der Erzählkunst von Anderson.
Mai 8th, 2008 at 10:37 pm
Drei Dinge von dem, was Du schreibst, möchte ich aufnehmen:
Das Etwas, den ´inneren Schwung´…, die Leichtigkeit und die süchtig machende, zarte Macht des Erzählens.
Mit diesem ´inneren Schwung´, Du hast ja noch andere Formulierungen gesammelt und erwähnt, scheint ein wichtiger Kern umkreist zu werden. Zumindest behauptet Anderson [noch]: Da ist etwas. – Modernere Autoren können das vielleicht nicht mehr. Und das könnte – Du fragst danach – wenigstens ein Moment der Tröstlichkeit sein, die von dieser Prosa ausgeht: Vielleicht ist man hier, allen Härten, Zufällen und Ungerechtigkeiten des Lebens zum Trotz [nicht nur kein Land für alte - auch keins für junge Männer - und Frauen?!] noch nicht unterm freien Himmel der metaphysischen Obdachlosigkeit.
Ein anderes Moment kann die Leichtigkeit sein und was heißt das anderes als Sicherheit, mit der hier erzählt wird. Das ist nicht bloß Handwerk, das atmet Seele, wenn mans mal so sagen darf. Hier sagt einer: Ich weiß, es läuft oft Scheiße im Leben, aber guck her, ich erzähl dir von…, dem/ der gings so und so. So etwa. Darin liegt Trost. Es hat etwas vom abendlichen Erzählen am Lagerfeuer oder vom Erzähltbekommen, wenn man als Kind (aber später ist es auch nicht schlecht) krank ist oder vom bei der Hand nehmen. Beinahe könnte man vom Gefühl einer elterlichen Handlung des Autors seinem Leser gegenüber sprechen.
Mai 13th, 2008 at 2:36 pm
Ein schöner Gedanke und er liegt auch nahe: die Haltung des Erzählers als eine des fürsorglichen Beistands gegenüber seinen Figuren und seinen Lesern zu beschreiben. Allerdings eines Beistands, der sich die Fragilität seines Standpunktes bewusst ist, denn nicht selten muss er darauf hinweisen, dass er selbst nicht genau versteht, was er erzählt. Was er weiss ist, dass ein “inneres Gefühl” ihn nötigt, es zu tun und zu hoffen, dass mit dem Erzählen auch das Verstehen sich einstellt. (siehe S. 209-210)Es ist der Versuch, sich über bestimmte Dinge klar zu werden, sie verständlich zu machen oder zu verstehen, immer jedoch eingedenk der Tatsache, dass er nicht wirklich imstande ist, zu belehren oder einen sonstigen Nutzen bereit zu halten. (siehe S. 231) Eine Macht also, die sich ihrer Gebrechlichkeit und Vorläufigkeit bewusst ist. Das ist sympathisch und wahrscheinlich auch die moderne, aus dem Zweifel geborene Seite dieses Erzählens. Trotzdem glaubt sich der Leser bei diesen Erzählern und seinem Autor gut aufgehoben, verstanden, fühlt sich gewissermaßen geborgen – im Schutz der Erzählung und für die Dauer der Lektüre, und vielleicht auch darüber hinaus: Der Dichter “wird die müden Stimmen fühlbar machen, die aus müden Leuten dringen. Es kann sein, daß wir dann alle anfangen werden, (…) etwas gewahr zu werden, das unter uns allen vergessen war.” (S. 156)
Mai 15th, 2008 at 4:26 pm
Ich weiß nicht ob wir uns da auf´s Gleiche bezogen haben.
Mein Eindruck war, dass bei Anderson noch so etwas wie ein Glaube oder wie man sagen will: Religiosität, Spiritualität… hervorscheint. Und dass auf diesem Hintergrund sein Erzählen einen versöhnlichen oder tröstlichen Ton gewinnt. Ein Hintergrund, der bei neueren Autoren in der Regel kaum noch auszumachen ist.
Nun weist Du darauf hin, dass auch sein Standpunkt kein felsenfester ist, mag sein. Aber er kann erzählen. (Und welcher Standpunkt wäre so gesichert, dass er keine Zweifel beinhaltete – und wie ersprießlich wäre er?)
Die müden Stimmen fühlbar machen, das hatte ich mir auch gemerkt. Das ist doch eine schöne Formulierung und zeigt, an wen er sich wendet und wenigstens teils worum es ihm geht.
Ausserdem gibt es noch einen Aspekt: Wenn das bewusste Wissen zweifelt und nicht genau weiß, das unbewusste aber diesen erzählerischen Weg wählt, dann ist das evtl. ein Ausweis seiner ´richtigen´ Herkunft, seines ehrlichen, eben spirituellen Ursprungs, der vielleicht noch ein kleines romantisches Erbe zu verwalten hat.
Und wenn der Erzähler diesen inneren Stimmen vertraut, dann teilt sich das mit.
Sich an die müden Stimmen wenden, an die Geplagten, man kann ergänzen: Die Erniedrigten und Beleidigten, das ist ja schon ein Gegenprogramm. – Und gerade in Amerika – man denke an Sammy und Co.
Es ist ein Erzählen, das Verletzungen wohl für unvermeidbar hält, sie aber heilen will – wenn es durchs Erzählen geht.
Ich dachte auch wieder einmal an das Buch “Verstecke” in diesem Zusammenhang.
Mai 16th, 2008 at 11:21 am
Doch, doch – ich dachte auch an eine Form der Religiosität, wollte das Wort aber nicht verwenden. Letztlich trifft es aber einen Wesenskern der Erzählkunst Andersons, und ich kann mich dem, was du schreibst nur anschließen.
Einen weiteren Beleg für unsere Lesart und für unser Empfinden beim Lesen habe ich in einem Essay von Günter Ohnemus gefunden, in dem er den Erzähler Anderson ausdrücklich zur Lektüre empfiehlt. Dort schreibt er zu den Winesburg-Erzählungen:
“Ich habe, seit ich neunzehn war, immer mal wieder ‘Winesburg, Ohio’ gelesen und dabei jedes Mal eine seltsame Erfahrung gemacht. Dieses Buch ist voller Depression, Einsamkeit und Verzweiflung, aber es ist nicht depremierend. Es ist hinreißend, wahrscheinlich, weil irgendjemand oder irgendetwas es nicht zulässt, dass das Leben dieser leute nichtig und verloren ist. Anderson hat die organisierte Religion verachtet, aber ‘Winesburg’ ist – in seiner Wahrnehmung der Welt – ein religiöses Buch.” (DIE ZEIT Nr. 25, 2001)
Ich lese übrigens gerade den zweiten Band der Erzählungen von Anderson, der bei Achilla Press unter dem Titel “Das triumphierende Ei” herausgegeben wurde. Auch hier: Geschichten aus dem Dickicht des menschlichen Lebens, dargeboten von Erzählern, die sich anstrengen, das ihnen oder Freunden von ihnen Widerfahrene durchs Erzählen verständlicher und für andere nachvollziehbar zu machen. Eine lohnende Lektüre.
Mai 16th, 2008 at 11:27 pm
Gut, haben wir vom gleichen gedacht bzw. geschrieben.
Danke für den Ohnemus-Hinweis!
Schönes Zitat, ich kannte es nicht – und es ist auch schön, die eigene Lektüre derart bestätigt zu sehen – wenn auch anhand eines anderen Buches. Ich kenne “Winesburg, Ohio”, und halte es für ein tolles Buch.
Ich hatte auch vor, mir demnächst noch etwas von Anderson zu besorgen, wollte allerdings nicht unbedingt zum Ei greifen, sondern vielleicht zum Erzähler-Buch, mal sehn. Habe inzwischen noch drei Bücher anderer Autoren gelesen, die ich, so ich die Zeit dafür finde, gerne hier vorstellen möchte.
Mai 22nd, 2008 at 2:53 pm
Eine interessante Parallele zur Haltung der Erzähler oder des Erzählens bei Anderson fand ich in einem Gespäch mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz in der ZEIT Nr. 20 vom 8.5.2008. Dort sagt er:
“… weil das Erzählen für mich gleichbedeutend damit ist, leben zu lernen. Mir klar zu werden über dieses unglaubliche Dickicht des Lebens. Erzählen ist eine Selbstbefreiung. Erzähl es, damit du es besser verstehst! … Das Erzählen ist für mich eine Möglichkeit, mir klar zu werden über bestimmte Heimsuchungen, über bestimmte Erlebnisse. Nicht um zu bilanzieren, sondern um sie durchschauen zu können.”
Einen ähnlichen oder vergleichbaren Impuls glaube ich bei Andersons Erzählern bzw. in seiner Erzählhaltung ausmachen zu können. Es ist der Versuch, durch und im Erzählen zu verstehen oder verstehen zu lernen, auch eingedenk der Tatsache, dass vollständiges Verstehen nicht möglich ist, denn das wieder immer wieder betont. Doch der Versuch zählt, und zahlt sich nicht zuletzt für den Leser aus.
Mai 23rd, 2008 at 10:50 pm
Ich hatte den Lenz-Artikel auch gelesen, allerdings nicht an Anderson gedacht dabei.
Und ich musste auch erstmal durchschlucken bei dem Vergleich Lenz – Anderson.
Was Lenz sagt, ist allerdings interessant und richtig – wenngleich es einem nicht rasend neu vorkommt – und vielleicht auch bei diesem Autor sogar etwas wundert.
Aber die Nähe zu Anderson?
Bei ihm herrscht doch ein anderer Ton. Und eben noch so eine Art ´Hintergrundreligiosität´.
Erzählen als Selbstbefreiung? – Mir scheint, dass Anderson da schon weiter ist.
Erzählen als durchschauen?
Auch diesen Impetus finde ich so bei Anderson eigentlich nicht.
Und leben lernen?
Seine Figuren vielleicht – aber auf ihn selbst, als Autor bezogen?
Mai 24th, 2008 at 2:48 pm
Eins zu eins lässt sich das Zitat nicht auf Anderson übertragen. Das wollte ich auch nicht. Mir schien vergleichbar, wie man durch Erzählen einen Weg des Verständnisses ins “Dickicht des Lebens” zu schlagen versucht. Ich denke, darin sind sie sich nahe. Alle anderen Einwände, die du gegen den Vergleich nennst, sind nachvollziehbar für mich und wohl auch richtig. Und die Ein- und Beschränkung des Verstehens hatte ich ja auch schon für Andersons Erzählhaltung reklamiert, weshalb es bei ihm un´d seinen Erzählern oder Figuren nur selten zu einer “Selbstbefreiung” kommt. Und trotzdem glaube ich, dass der Impuls des Erzählens bei beiden Autoren – und sicherlich noch bei einigen anderen – vergleichbar ist: sich durchs Geschichten-Erzählen klar zu werden versuchen über bestimmte Heimsuchungen, Widerfährnisse im Leben. Freilich muss das Verständnis, was sich dabei einstellen kann, nicht dazu führen, sein eigenes Leben besser zu führen.
Mai 26th, 2008 at 2:26 pm
Liegt der Sinn des Erzählens (wenn es einen hat) darin, sich über etwas klar zu werden?
Könnte es sein, dass das zwar (vielleicht) nicht falsch ist, aber nicht der Grund, sondern bereits eine Wirkung?
Hat das Erzählen einen [vordergründigen] Zweck und – braucht es denn einen?
Und versteht man denn besser, wenn man erzählt oder Erzähltes gelesen hat?
Geht es nicht vielmehr um viel Unterschwelligeres?
Und dann kommt da noch ein Punkt hinzu: Was nützte denn Verstehen, wenn man nicht danach handelte?
Mai 27th, 2008 at 11:01 am
Ich will versuchen, deine Fragen aus meiner Sicht kurz zu beantworten.
Ich denke ja: Erzählen, um sich klar zu werden über etwas, kann ein Grund sein, neben anderen, aber Verständigung scheint mir ein wesentliches Movens des Erzählens zu sein.
Wenn Erzählen eine solche Wirkung hat, kann diese doch wiederum zum Grund werden, weiter zu erzählen, neue Versuche zu starten und wieder anzufangen.
Nicht jedes Erzählen braucht einen Zweck. Es gibt auch das Erzählen als Spiel, doch auch das kommt nicht ohne Absichten aus und bleibt auf ein Gegenüber, den Leser, angeweisen und gerichtet. Insofern ist – das hatten wir schon einmal an anderer Stelle fomuliert, denke ich – der Zweck des Erzählens das Lesen. (Manguel lässt grüßen!)
Inwieweit nun das Gelesene beim Leben hilft, bleibt Spekulation. Das kann nur jeder für sich selbst beantworten. Aber der Weg vom durchs Erzählen geförderten Verständnis zum danach Handeln markiert den Qualitätssprung, um den es dem Autor wie dem Leser gehen könnte.
Wenn wir es also nicht so hoch hängen wollen und weniger Verstehen als etwas “Unterschwelliges” vom Erzählen erwarten oder uns erhoffen: Was könnte das denn sein? (um auch mal mit einer Frage zu enden)
Mai 27th, 2008 at 9:18 pm
Grundsätzliche Fragen/ Einschätzungen.
Ich neige dazu, diese Zweckgerichtetheit zu hinterfragen oder wenigstens nicht so ernst zu nehmen oder, noch anders, als sekundär anzusehen, als nachträglich, als aufgesetzt.
Zu Deiner Frage:
Man könnte es tun, weil es Spaß macht, weil es unterhält, weil es einem besser geht damit, weil man es ´muss´. Weil es etwas menschliches ist, zum Menschsein gehört, weil vielleicht schon vor Tausenden Jahren am Lagerfeuer oder in der Höhle erzählt wurde. Weil erzählen eine Art ist, sich zur Welt zu verhalten.
Mai 29th, 2008 at 10:37 am
Es ist jedoch ein Unterschied, ob man etwas tut, weil man Spass daran findet oder eben, weil man es tun muss. Auf ersteres könnte man auch verzichten, was ja auch viele tun, letzteres jedoch wäre unhintergehbar, eine anthropologische Konstante oder weniger hochgegriffen: ein existentielles Bedürfnis, das dem Menschen eignet. Vielleicht ist das auch die Spannweite, in der man das Erzählen verorten kann: von der Unterhaltung bis zur Sinngebung.
Zu unserer Diskussion schau dir doch mal den Artikel von U. Greiner in der ZEIT Nr. 22 vom 21.5.08, S.38-39 an. Dort findet sich auch eine interessante Stelle zum Ursprung des Erzählens, nämlich folgende:
“Indem wir etwas erzählen, geben wir unserer Erfahrung eine Form, dem Leben einen Sinn. Das etwa tun die Ursprungsmythen der Menschheit, wie wir sie aus allen Kulturen kennen. Die Erzählungen von der Entstehung der Welt und vom Kampf der Götter untereinander deuten das Dunkel des eigenen Herkommens und die Unfassbarkeit menschlicher wie natürlicher Gewalt. Oft haben diese frühen Texte magischen Charakter. Sie wollen … mit Hilfe des Wortes die Wirklichkeit bannen.”
Mai 30th, 2008 at 4:57 pm
Im Großen Ganzen gesehen, brauchen die Menschen das Erzählen – in der einen oder anderen Form. Ich gehe da generell von einem “Muss” aus. – Dass das dann auch noch unterhält, nun gut, schadet ja nicht.
Ich müsste sehen, ob ich den “Zeit”-Artikel, den Du ansprichst, noch habe. Gelesen habe ich ihn seinerzeit. Aber wo weit ich mich erinnere wie immer bei Herrn Greiner leider nicht allzuviel Interessantes gefunden. Auch die Autoren, die ihn interessieren, sind nicht die meinen. Ich finde das meist eher langweilig.
Das von Dir angeführte Zitat gibt für mich auch nicht viel her. Und jedenfalls nichts Neues oder Originelles.
Deuten – magischer Charakter – Wirklichkeit bannen. Alles schon da gewesen, etwas nebulös und so, dass jeder dazu nicken kann: Eher Allgemeinplätze. – Aber was wird damit eigentlich Substantielles gesagt?
Mai 31st, 2008 at 12:33 pm
Greiner reißt mich auch nicht vom Hocker. Meist hört sich das von ihm Geschriebene in Ton und Stil nach germanistischem Oberseminar an.
Ich habe die Stelle – und auch die andere von Lenz -, als Fundstück betrachtet, auf die ich aufmerksam wurde, weil uns hier bei Anderson ja gerade Vergleichbares bewegt. Neu und originell muss es ja nicht sein, wenn es wenigstens zutrifft, was über das Erzählen gesagt wird.
Ich bin mir auch nicht sicher, wie weit man die Frage nach dem Grund des Erzählens treiben kann. Das, was wir hier zusammengetragen haben, ausgehend von Andersons Erzählhaltung, scheint mir der Sache schon recht nahe zu kommen. Vielleicht ist es die Summe, die letztlich die Substanz ausmacht. Alles lässt sich jedoch ad infinitum hinterfragen, und vielleicht gehört auch das zum Wesen des Erzählens, dass man zu keinem Ende kommt.
Du verweist immer auf Substantielles; hast du selbst eine Idee davon, was das sein könnte?
Mai 31st, 2008 at 9:25 pm
Freies Spekulieren:
Da hockt die Neandertalertruppe ums Lagerfeuer – und dann? –
Nur Fressen ists nicht allein.
Also brauchts Kommunikiation.
Die Männchen müssen erzählen, was sie auf der Jagd erlebt haben – die Weibchen, was sich beim Sammeln und mit den Kindern begab.
Da wirds auch mimisch (Pantomime und Theater…) zugegangen sein.
Und dann braucht mans irgendwann, es wird ein Existential.
Ein Stück weit erzählt das Erzählen sich auch selbst. Es verbraucht sich nicht. Erneuert sich im jeweiligen Vollzug. Es ist Gebrauch und Musik und Erleichterung und Verbindung – zu anderen, aber vielleicht auch zu Größerem, bei Anderson drängte sich dieser Eindruck ja auf.
Später wurde dann mal so und mal so erzählt, erst viel mündlich, dann mythisch, dann kam der Roman, irgendwann das Kino.
Im weiteren Sinne kann man das alles “Erzählen” nennen.
Aber auch auf Freuds Couch wird erzählt.
Wie schon mal: Benjamin schließt Erzählung und Heilung kurz.
Interessant ist die Frage, Du hattest das ja angesprochen, dass das Konsumierte (oder kann es mehr sein?!) das Leben nicht verändert. – Wirklich nicht? Oder unmerklich?
Juni 3rd, 2008 at 11:32 am
Zu deiner Frage, die wir ja schon des öfteren hier behandelt haben:
Den Nutzen des Erzählens oder Lesens für das Leben kann man wohl allgemein und kategorisch nicht bestimmen oder feststellen. Für mich gilt:
Beides eröffnet mir Denk- und Spielräume, mich, die Welt und die Menschen zu verstehen, und dieses Verstehen kann sich niederschlagen in der Art, wie ich lebe. Nicht unmittelbar und im Sinne von Handlungsmaximen, sondern eher in der Weise, wie ich Anforderungen und Widerfährnissen begegne und sie zu deuten versuche. Die Veränderungen des eigenen Lebens durchs Erzählen oder Lesen schleichen sich gewissermaßen ein, lange vielleicht sogar unbemerkt, wie du selber andeutest, und sie werden – wie andere Gewohnheiten auch – zu einem Bestandteil meiner Einstellungen und Anschauungen, können sogar zu einem Rüstzeug werden, sich der Welt und den Menschen gegenüber in einer bestimmten, idealerweise bewussteren Art zu verhalten. Wie würdest du dir deine Frage beantworten?
Juni 5th, 2008 at 12:30 pm
Teils ähnlich wie Du.
Erzählen, auch etwas erzählt bekommen, ist Ablenkung und Hinwendung.
Erzählen kann ein Stück Heimat sein, Kritik und Korrektur; ein Stück bessere Welt.
Aber vor allem formt das Denken in Erzähltem den Blick – und damit die Person und ihre Wahrnehmung. Und nimmt auf diese, wie Du sagst, indirekte Weise, durchaus Einfluß auf das was und wie man lebt.
Erzählen, Lesen, Literatur ist eine Weise sich zur Welt zu verhalten – man kann das nicht sinnvoll vom Leben abtrennen.