Rick De Marinis: “Kaputt in El Paso”

Mai 29th, 2008

Rick De Marinis: “Kaputt in El Paso”, Berlin 2007, übersetzt von Frank Nowatzki, [Titel der Originalausgabe: "Sky full of sand", 2003], 342 S. plus 8 S. unpag. Nachwort von Ekkehard Knörer, Tb., 13,80

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Body Build Ekkehard Knörer weist im Nachwort darauf hin, dass es sich bei Rick de Marinis´ Romanen um ´schwarze Komödien´ handelt – für eine Kurzformel ist das keine schlechte Beschreibung. “Kaputt in El Paso” liest sich leicht und spannend, berichtet aber gleichzeitig vom Bodensatz der Gesellschaft. Drogensucht und Korruption scheinen allgegenwärtig – und doch lässt er den Figuren ihre Würde. Oder gibt sie ihnen, die im ´richtigen Leben´ vielleicht schon verloren haben, zurück.

Ein kurzer Dialog über kein geringeres Thema als das Glück liest sich in diesem Buch so:
“´Was macht Sie glücklich?´, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen.
Sie sah mich lange an, versuchte, meine Beweggründe zu erraten, und sagte dann: ´Nicht viel. Glücklichsein wird gemeinhin überschätzt.´
Vielleicht ist es das, dachte ich, vielleicht macht das die Reichen anders. Arme müssen an Glück glauben. Hart arbeiten, sparen, anhäufen, dann ist auch das Glück nicht weit. Reiche haben diesen Vorteil nicht.” (S. 52 f.)
De Marinis handelt gleich zu Beginn des Buches von ernsthaften und großen Dingen, bereits zwei Seiten später ist von Gott die Rede:
“Sie werden vermutlich niemanden treffen, der weniger abergläubisch ist als ich. Ich glaube nicht an Geister, aber ich glaube an Gott. Nicht an den Gott der Christen. Mein Gott ist mehr ein aztekischer Gott oder der Gott der Massai in Afrika. Der alte cholerische Gott der Hebräer kommt meinem nahe. Es ist ein Gott der die Leute gern verarscht. Er glaubt auch nicht an das Glücklichsein. Er glaubt an Ironie, an den Aufruhr. Er sorgt dafür, dass Ungerechtigkeit herrscht. Erst macht er´s uns in der Hölle gemütlich, dann lässt er die Möbel abholen und wirft uns aus dem Haus. Momentan bin ich die Zielscheibe seines Spotts.” S. 55)
Das sich anschließende Gespräch über Gott gibt einen Fingerzeig, was einen im Roman erwarten könnte.
Man möchte immer weiter zitieren, vor allem auch von diesen lockeren, ultra-coolen Sprüchen, die teils von Ferne an Chandlers Stil erinnern:
“Die Kartoffelecken werden in leichtem Öl frittiert und die Salsa ist eine genießbare Variante von Napalm.” (S. 89)
“Du siehst eher aus wie Braunbier mit Spucke.” (S. 98)
“Ich fragte mich, ob es auf der Welt überhaupt noch jemanden gebe, der klar bei Verstand sei, und kam zu dem Schluss, dass dem nicht so war. Wahnsinn ist der Preis, den man für die Gabe des Bewusstseins zu bezahlen hat.” (S. 122 f.)

Aber das allein ist es nicht, was die Lektüre dieses Romans so unterhaltsam, spannend und witzig macht. Doch es zeigt, dass Rick de Marinis mit der Sprache unterwegs ist – immer ein gutes Zeichen.
Der daraus rührende Funke, der Galgenhumor, die extreme Unterkühltheit, vielleicht sind sie Mittel in der völlig durchgeknallten, miesen Welt nicht auch oder wenigstens doch nicht völlig durchzudrehen.
Denn wie bei Chandler, wenn der Vergleich gestattet ist, ist der Held bei de Marinis mit dem abgedrehten Namen Uriah Walkinghorse vielleicht noch immer eine gewisse Sorte Spätestromantiker – auch wenn es die Lebensumstände im Grunde schon längst nicht mehr hergeben.

Was erzählt wird wiederzugeben, verbietet sich bei einem Thriller oder Krimi oder was wir hier vor uns haben. Es ist eine wilde Story, als Plot erzählt würde sie auf gesuchte Weise krass erscheinen. – So wie de Marinis sie allerdings erzählt, wirkt sie ganz folgerichtig. Der Held, ein aus einer Patchwork-Familie stammender gewesener Bodybuilder – Mister West Texas-, der sich als Hausmeister durchschlägt und noch eine sehr vage Option hat, seinen Magister zu machen, gerät in ein Geschehen, das ihn vor einige Bewährungsproben stellt, die er wenigstens zwei Mal wohl nur durch wundersame Fügungen des Schicksals lebendig übersteht.
So wird die Frage überhaupt wie folgt angegeben: “Warum er, warum nicht ich?” (S. 125)
Er fährt einen Ford Escort, hat eine geschiedene Frau, die mit einem Rennfahrer durchgebrannt ist und ihn, der selbst nichts hat, um größere Summen Geldes angeht.
Und so wird im Verlauf des Romans ein weiterer großer Begriff wird demontiert:
“Hoffnung hält sich nicht lange. Wie Kaffee vom Vortag hinterlässt sie einen bitteren, metallischen Nachgeschmack. Was die innere Verfassung betrifft, kommt Hoffnung dem Genuss des eigenen Gallensaftes gleich.” (S. 173)
Ein Desillusionierter, der trotzdem auf so etwas wie eine Zukunft für sich baut. (Vgl. S. 173) Eine Gratwanderung. Vielleicht der Versuch, etwas zusammenzubringen, was schon längst nicht mehr zusammengeht.
Ein fetziges, schmissig, ironisch und lustig geschriebenes Buch, das auf seine Art sehr gut gemacht ist. Warum Rick de Marinis zu den am besten gehüteten Geheimnissen der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählt, wie Ekkehard Knörer im Nachwort schreibt: Schwer verständlich. Vielleicht tut sich das Mainstream-Publikum mit Storys, die an irgendwas zwischen Pulp Fiction und Charles Bukowski erinnern immer schwer, vielleicht muss das so sein, auch wenn es schade ist und den Leuten was entgeht.

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Sandsturm Vielleicht will die Mehrheit keine bösen, harten Sätze lesen wie “Vielleicht war die Welt auf dem besten Wege, ein bösartiger Kartoon zu werden.” (S. 196) Könnte aber sein, dass man diese Sätze nicht lesen möchte, weil sie zu viel Wahrheit enthalten, so viel, dass man sie verdrängen muss. Beste Unterhaltung und Gesellschaftsroman, von dem man nicht weiß: Ist das noch Satire oder schon Realität? gehen hier ineins.
So wird ganz folgerichtig der nächste Großbegriff, der so vielen Halt und Hoffnung gibt, torpediert:
“wir gaben uns dem Ritual der Verliebten hin. Es war süß und zart und falsch und es schmeckte nach Betrug. (…) Ich konnte nicht nachvollziehen, dass zwei Menschen glaubten, von nun an als siamesische Zwillinge durchs Leben gehen zu müssen. Mir schien eher die Angst vor der Einsamkeit das Bindeglied zu sein, das die Menschen als Liebe missdeuteten. Es gab keine Liebe. Liebe war einb Wort, mit dem die Menschen das schwarze Loch im Zentrum ihrer Persönlichkeiten verschließen wollten. Das schwarze Loch war der Tod und all die kleinen Tode, die man im Leben starb, durch Einsamkeit, durch Scheitern oder Selbsthass.” (S. 225)
Beruhigende Botschaften sind das freilich nicht. Und wohl auch keine, die ein Massenpublikum ansprechen oder zufrieden stellen können, dazu sind sie zu finster. Die Welt dieses Romans wirkt beinahe, wenn das ginge, postapokalyptisch. Hier ist schon fast alles zerbrochen und man kann sich kaum gegen Kontamination wehren.
Aber das ist Kampf und Arbeit und braucht viel Kraft.
“Was mir als Einziges geholfen hat, das war die Dinge im Nachhinein als Katastrophen zu betrachten, die einen fürs ganze Leben prägen, die einen zu dem machen, was man letztendlich ist. Entweder man akzeptiert es, so wie man das Wetter akzeptiert, oder man kämpft eine aussichtslose Schlacht, bis man daran zugrunde geht.” (S. 231)
De Marinis liefert, solche Passagen machen das deutlich, nicht nur einen Thriller, gleichzeitig stattet er seine Figuren auch mit einem Reflexionspotential aus, das ihrem gesellschaftlichen Rang nicht entspricht und ihnen wohl, wie im wirklichen Leben, keinen Deut das Leben erleichtert. Eher umgekehrt.
Sie sind in eine Welt gespuckt, in der das Irre Normalität geworden zu sein scheint:
“Das Land war auf dem falschen Dampfer. Die Welt.” (S. 297)
Wer sich davon nicht schrecken lässt oder es gar zu genießen versteht, hat mit “Kaputt in El Paso” ein tolles Buch vor sich.
Davon und von Sätzen wie diesen:
“Der Verstand ist ein durchtriebener Halunke” (S. 278) oder “Böses widerfährt den Guten, den Bösen und den Gleichgültigen.” (S. 303) und “Geld regiert, Mitleid krepiert.” (Ebd.) oder “Es war einer der Tage, die Befürchtungen nährten, Atmen sei ein gefährliches Unterfangen.” (Ebd.)
Um noch eine der großen alten heiligen Kühe zu schlachten, heißt es:
“Sie hatte genügend Einblick, wie Familien sich das Leben zur Hölle machen können, und keine(n) Bedarf, sich dieser Narrenparade anzuschließen.” (S. 277; der ´n´ in Klammern gehört an diese Stelle, fehlt aber im Text – einer der allerdings nicht vielen Fehler im Buch)
Unnötig zu sagen, dass auch die Religion nicht ungeschoren davonkommt:
“Aber wann hatte Religion auch nur einmal das Gebaren ihrer eigenen Befürworter in seine Schranken verwiesen?” (S. 320)

Kurz, dieses Buch ist ein anarchistisches Vergnügen mit köstlichen Dialogen (vgl. S. 238 f.) und wunderbar trostloser Ironie:
“Wenigstens die Sonne war bei ihrer alten Geschäftspolitik geblieben.” (S. 242)

2 Antworten to “Rick De Marinis: “Kaputt in El Paso””

  1. 1 uwe
    Mai 30th, 2008 at 10:22 am

    Ich kenne Buch und Autor nicht. Aber wie man ein derart finsteres Buch mit einem “anarchistische(n) Vergnügen” lesen kann, das macht mich neugierig. Was ist dieses Vergnügen: Galgenhumor, der den des Buches noch übertrifft? Was genau macht das Vergnügen daran aus, die heiligen Kühe geschlachtet zu wissen und die Welt im Irrsinn untergehen zu sehen? Ich werde es wohl selbst herausfinden müssen. Aber eine Ferienlektüre scheint mir das nicht zu sein, und die stehen nun aber in Kürze bei mir an. Ich werde die Lektüre wohl um einige Wochen verschieben müssen, in die Zeit der postferialen Depression. Da könnte das Buch dann hineinpassen. Ich melde mich dann. Danke für den Tipp: Bukowski und Pulp Fiction, sehr schöne Mischung! Ich bin gespannt!

  2. 2 Helmut
    Mai 30th, 2008 at 12:17 pm

    Also ich würde im Gegenteil sagen, dass es keine bessere Ferienlektüre gibt. – Es liest sich wunderbar leicht und ist hochspannend – in den Ferien wird es nicht lange halten, drei bis fünf Tage vielleicht, höchstens – trotz des Umfangs. Es besteht halt die Gefahr, dass man die Familie vernachlässigt oder andere Unternehmungen unlustig macht, weil man weiterlesen will…