LESEN – GEHETZT
Juni 22nd, 2008Für den, der es noch vernehmen kann, enthält das Lesen ein großes Versprechen, vielleicht kein sehr viel anderes als der Marlboro-Mann.
Wer ihm folgt, erntet womöglich Bronchialkatarrh, Kurzatmigkeit, Lungenkrebs, Raucherbein – mithin Dinge, die ein Stück abseits von Freiheit und Abenteuer liegen.
Was dagegen blüht dem Leser?
Oder zuerst: Wie wird heute gelesen?
Lesen ist ubiquitär, kaum ein Blick ohne Lesen. Sekundenschnelles erfassen – Deuten. T-Shirt-Aufschriften, Autokennzeichen, Markenlabels, Sonderangebote, Kleingedrucktes, die Morgenzeitung, Millionen von Internetseiten, Speisekarten, Gebrauchsanweisungen, die Post, E-Mails, vielleicht Gesichtszüge und Gesten…
Lesen bildet?
Das Lesen ist in einer modernen Gesellschaft eine conditio sine qua non.
Aber was bedeutet das für das Lesen selbst?
Hat Lesen noch Aufmerksamkeit? Schätzen wir es? Gibt es eine Kultur des Lesens?
Oder erledigen wir es selbstverständlich und ist es uns fast lästig?
Kann man sich den Unterschied zwischen dem raren, vielleicht mühsamen Nachvollziehen heiliger Texte in kalten Mönchszellen und dem unfreiwilligen, unwillkürlichen Immer- und Dauerlesen des modernen Auges größer vorstellen? Dieses liest weniger, als dass es gelesen wird, umzingelt vom Übermaß des zu Lesenden, das um Aufmerksamkeit buhlt und schreit. Als [mit Emphase] zu Lesendes wird es kaum noch wahrgenommen. Seine zahlreiche Übermacht aber hat das Lesen selbst verändert. Von der erlösenden Jenseits-Oase in trister Jammertal-Wirklichkeit wird es zum hektischen, halb unbewussten, halb abwehrenden, unwillkürlichen Reagieren.
Lesen, man kann das begründet annehmen, hatte einmal etwas mit Sammlung zu tun; mit dem Transport von und dem Kontakt zu höheren Gütern. [Die Sprache des Objekts ´Buch´ aus dieser Zeit macht das deutlich: Bücher waren selten und teuer. Man kleidete sie in Metall, Leder, Edelsteine und Elfenbein] Das massenhaft gewordene, lästige, eilige, buchstäblich zerstreute moderne Lesen, dem die Konzentration abhanden gekommen ist, das zum lässlichen Nebenbei wurde, ist davon unterschieden, mehr noch, manches deutet darauf hin, dass mit diesem das ursprünglichere Lesen in sein Gegenteil verkehrt wurde. [Und auch die Bucheinbände sind heute andere]
Wir lesen heute häufig ohne Aufmerksamkeit. Wir erwarten keine Wunder und keine Erlösung mehr. Sind diesseitig geworden. Die Welt schneller und lauter, aufdringlicher, die Sinne angreifender. Hat sie überhaupt noch unser Maß? Wir lesen nicht mehr gebannt, mit roten Ohren, wir lesen mit den Augenwinkeln, im Vorbeigehn, sehen kaum noch hin, Teil der Apparatur. Konzentration ist etwas anderes. Wir mutieren, notgedrungen, zu Simultaneisten.
Vielleicht wollen wir das aber gar nicht wirklich.
Vielleicht würden wir gern viel weniger lesen müssen.
Vielleicht täte uns das gut.
Vielleicht würden wir gern viel langsamer lesen, bräuchten einen anderen Takt und Wiederholung statt immer Neues.
Sind wir noch in der Lage, uns das auszusuchen?
Spüren wir noch, was uns gut tut?
Das Lesen, das einmal Tiefe hatte, ist Oberfläche geworden; Kontemplation zum Reiz verkommen.
Ornament statt Tiefgang.
Verkauf statt Verheißung.
Nehmen wir die Frage wieder auf: Was blüht dem Leser?
Womöglich liegt es an seiner Art zu lesen, ob es die Blaue Blume ist oder ein Blaues Auge?
Das Versprechen scheint, bei manchen, noch Anteil am Alten zu haben, doch haben sich die Bedingungen und Umstände radikal verändert. So wartet der Leser auf das, was nicht mehr kommt. Er findet das Gehäuse nicht mehr. Die Refugien sind selten geworden und auch sie haben vielleicht ihren Charakter geändert. Vor allem geändert aber haben sich die Leser. Ihre Wahrnehmung und ihr Bewusstsein, ihr Zeithaushalt und Erwartungshorizont.
So blüht dem Leser Enttäuschung, weil er noch sucht, was es kaum noch geben kann.
Andererseits kann man es auch begrüßen, dass das Lesen abgekoppelt wurde vom Religiösen, von Wahrheit und Verkündigung. Doch es hatte seinen Preis. Vielleicht sehnt sich das säkularisierte Lesen noch nach seinen angestammten Rechten, ohne sie noch erfüllen zu können. Momentweise Absencen vom Ich beim Lesen ausgenommen, die vorkommen können, aber ihrerseits nur bedingt in Verbindung stehen mit dem, was das Lesen heiliger Texte vermutlich einmal war.
Keine Antwort zu “LESEN – GEHETZT”