Georges Simenon: “Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien”
August 7th, 2008Georges Simenon: “Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien” (Originaltitel: ´Le pendu de Saint-Pholien´), aus dem Französischen von Sibylle Powell, zuerst 1931, die deutsche Erstausgabe erschien 1966 unter dem Titel ´Maigret unter den Anarchisten´, die vorliegende Übersetzung zuerst 1981, wurde aber 1998 überarbeitet, 173 Seiten, 9 Euro
Band 3 der Reihe “Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden in chronologischer Reihenfolge und in revidierten Übersetzungen” berichtet über einen Maigret, der in Holland und Norddeutschland unterwegs ist und durch eine eher willkürlich stochernde Recherche ungeahnte, fatale Folgen verursacht, die ihm in der Folge schwer auf´s Gewissen drücken und einen verzwickten Fall bescheren. Mit Sozialkritik spart Simenon hier nicht und er zeigt, dass auch bei den Reichen und Erfolgreichen nicht alles Gold ist was glänzt und ihre Paläste vielleicht sogar auf Sand gebaut sind oder auf Verdrängen und Verbrechen. Bürger und Bohemiens werden kontrastiert; es geht, wie immer eigentlich, mit Eco gesagt, um den Konflikt zwischen Apokalyptikern und Integrierten.
Wieder, wie in Band 4, wird eine Identität gewechselt, wieder könnte man die eine oder andere Stelle als gesucht oder wenig wahrscheinlich bezeichnen, aber man hat den Eindruck, dass es nicht viel schadet. Simenons Romane bestehen nicht nur aus einem Rätsel und dessen Auflösung, sie transportieren eine Stimmung. Das mag Rolf Vollmann meinen, wenn er (auf dem hinteren Buchdeckel zitiert) schreibt: “Wenn man lange keinen Maigret-Roman mehr gelesen hat, dann sind schon die allerersten Seiten wie ein Nachhausekommen.” Simenon als gelesene Heimat? Große Worte, gelassen ausgeprochen. Der Leser kann sich identifizieren mit den (kleinen?) Leuten im Roman, mit diesem Kommissar, der auch seine Mängel und Grenzen hat und dennoch unermüdlich für Gerechtigkeit sorgt so gut er kann in dieser Welt, die verrückt und chaotisch genug ist. Gerechtigkeit, das heißt für Maigret nicht zwingend sich allzu hörig an den Buchstaben des Gesetzes zu halten.
Die Zeitschrift “Du” hat die Nummer vom März 2003, Heft 734, Georges Simenon gewidmet.
Darin heißt es in einem Interview mit Simenon auf S. 45 in der rechten Spalte:
“Als Jugendliche wollten Sie Ihrer Revolte Ausdruck verleihen und haben sich dazu mit Gleichaltrigen zusammengeschlossen… (Frage der Zeitschrift)
Wir haben mit ein paar Freunden eine Gruppe gebildet, die eher…schwer zu schildern… Wir nannten sie La Caque, das Heringsfass. Es waren etwa zehn Leute. Die meisten studierten an der Kunstakademie von Lüttich, zwei waren Journalisten, einer Architekt, und wir versammelten uns an einem Ort, den wir sehr sorgfältig ausgewählt hatten. Es war ein Atelier mit einem sehr mittelalterlichen Aspekt, in dem es bizarr beleuchtete Totenköpfe gab. Wir versammelten uns abends und diskutierten die ganze Nacht über philosophische, pseudophilosophische und künstlerische Fragen. Einer hat dabei sein Leben gelassen. Er hat sich erhängt. Man nennt ihn den ´Erhängten von Saint-Pholien´. Das ist eine wahre Geschichte. Und leider muss ich hinzufügen, dass es von all diesen jungen Leuten, die die vielversprechendsten von Lüttich schienen, kein einziger geschafft hat. (Simenons Antwort)
Ausser Ihnen. (Entgegnung der Zeitschrift)
Ich bedaure, dass ich der einzige oder fast der einzige Überlebende bin. Die meisten sind gestorben und keiner hat seinen Weg gemacht. (Simenons Antwort)”
Der Maigret-Titel hat also seine reale biographische Entsprechung. Und in der Tat gehören die Szenen des Romans, die von dieser Gruppe handeln, zusammen mit dem Beginn, an dem es einen durch Maigret selbst verursachten Toten gibt, zu den eindrücklichsten des Buches.
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