Dimitri Verhulst: “Die Beschissenheit der Dinge”

Oktober 13th, 2008

Dimitri Verhulst: “Die Beschissenheit der Dinge”, Roman, München 2007, aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel “De helaashed der dingen” in Amsterdam/ Antwerpen, 222 Seiten, 8,00 Euro

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Bierdeckel Was für ein Titel, was für ein Buch!
In zwölf Kapiteln erzählt der 1972 in Belgien geborene Autor einen Teil seiner Familiengeschichte. Und von was für einer Familie hat er da zu berichten! Im Grunde ein Alptraum von vorne bis hinten. Die Großmutter, so setzt er sarkastisch voran, starb, während er am Manuskript arbeitete, um sich die Schande zu ersparen, die sie beim erscheinen des Buches hätte erleben müssen. Und in der Tat wird hier Heftiges erzählt. Das Aufwachsen in der belgischen Provinz in einem von der Großmutter befehligten Männer-Haushalt – Vater und drei Onkel – ist im Grunde mehr als herb. Vater und Onkels sind große Trinker vor dem Herrn. Dem entsprechend sind die Um- oder besser Zustände:
“Wir schämten uns für die Kilo rohes Gehacktes, die wir aus Bequemlichkeit – und weil es billig war – verschlangen, uns mit bloßer Hand in den Mund schoben und mit kaltem Kaffee hinunterspülten, der irgendwo in einer Tasse von gestern noch herumstand. Wir schämten uns für die Würmer, die wir vom Gehackten bekamen, wegen denen wir jedoch nie zum Arzt gingen. Wir schämten uns für unsere fanfarengleichen Fürze, die Rülpser, die wir ungeniert entweichen ließen.” (S. 14)

Man liest das zunächst auch mit viel Belustigung. Aber, und das ist sehr gut so, Verhulst schreibt auf eine Art, dass er an mancher Stelle auf der Grenze zwischen Komik und Ekel  balanciert. So dreht sich alltäglich der Teufelskreis aus Alkoholkater und miesem Fraß.
Sie schämten sich jedoch, das wird im Zitat nicht deutlich, nur, weil sie Besuch von Tante Rosie bekamen, die vor ihrem Mann geflohen war, da sie von ihm geschlagen wurde – sie erscheint mit zwei Veilchen im Gesicht – und deren Tochter Sylvie. An sich war das im Zitat nur dezent angerissene ihr ganz normales Leben, in dem sie sich zu Hause fühlten, so lange ihnen keine fremden Damen den Spiegel vorhielten.
In den Kneipen kommt es dann auch des öfteren zu Schlägereien, bei denen sich besonders die Onkels ruhmreich hervortun. Und schon die Kinder bekommen Mazout zu trinken, eine Mischung aus Limonade und Bier. Und natürlich dauert es nicht lange, bis auch Sylvie mit in der Kneipe ist und sich elend betrinkt; wohl aus falsch verstandenem Ehrgefühl.
Man ist arm – und das mit Stolz. Ironisch wird angemerkt, dass Verbesserungen nach unten willkommen sind, etwa bei Umzügen in noch elendere Bruchbuden.
Die Mutter des Erzählers wird zunächst nicht weiter erwähnt, dem Leser wird lediglich mitgeteilt, dass sie von ihrem Sohn nichts wissen wollte. Später wird er ihr ein paar Seiten widmen und seinen Hass ihr gegenüber erklären.
Trotzdem, auch in so einem Leben gibt es glückliche Momente, etwa im Sommer, am Fluss, beim Schwimmen, zusammen mit anderen Kindern. Afrika-Phantasien und Griechenland-Vergleiche finden sich hier, die Jungs tauchen unter den im Wasser pissenden Mädchen durch, weil das die Fische anlockt, die sie fangen wollen. [Ob das eine verbürgte Methode des Fischfangs ist, habe ich nicht recherchiert; ich habe hier erstmals davon gelesen] Aber es waren unbeschwerte Augenblicke, mit Gefühlen, die man am liebsten einwecken würde, wie es an einer Stelle heißt. (Vgl. S. 35)
Doch auch dieses kleine Glück wird hart konterkariert durch die alte Palmier, die am Ufer wohnt und von der man sich erzählt, sie würde ihre Kinder im Fluss ertränkt haben, was den Kindern die Lust dort zu schwimmen ein für allemal nimmt. Vor der Palmier haben sie Angst, auch vor deren räudigem alten Kettenhund. Denn Palmier zwingt sie, dessen Welpen in einen Sack zu stecken und zu ertränken, was traumatisierende Wirkung hat.

Seinem Hass auf die Mutter verschafft der Erzähler im fünften Kapitel Ausdruck. Sie habe keine Scham gekannt, außer für ihn, heißt es. Eine geizige Frau sei es gewesen, die ihm nie verziehen habe, dass sie durch seine Geburt inkontinent geworden sei und die ihn dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit übel spüren ließ. Sein Vater habe sogar mitten im Wohnzimmer einen Abfluss installiert für sie. Er schreibt:
“Irgendwo in den internationalen Verträgen zur Wahrung der Rechte des Kinds gab es bestimmt einen Passus, der in komplizierten Formulierungen regelt, dass Minderjährige vor solchen Miststücken von Müttern geschützt werden müssen. Scheißmüttern. Monstern. Biestern. Müttern ganz allgemein.” (S. 110 f.)
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ein sozial deutlich besser gestellter Freund, der etwa eine elektrische Eisenbahn besitzt, von seinem Vater verboten bekommt, mit ihm Umgang zu pflegen. – Wofür er auch ihn hasst.

Das alles ist wie aus einem Guss erzählt, stets spannend und witzig, aber es gliche einem Schelmenroman, wenn nicht noch anderes käme. Doch es kommt. Und das macht diesen Roman erst wirklich zu einem guten Buch.
Verhulst erzählt auch von dem Verdämmern seiner Großmutter in der Demenz. Sie war für ihn die eigentliche Mutter. Erschütternd, was er berichtet und prima, in welchem Ton er es tut:
“Und drei Minuten später hätte sie mich das Gleiche gefragt, und wieder wäre in der Schule alles in Ordnung. Sie hätte nicht gemerkt, dass ich schon etwas zu alt war, noch in die Schule zu gehen – es sah nicht danach aus, als meinte sie, ich könnte Lehrer geworden sein. Ab und zu merkte ich dann, wie sie mich inmitten der Fragen fixierte, ihr Blick mich förmlich durchbohrte, und mir wurde klar, sie überlegte, ob ich ihr Sohn oder ihr Enkel war.” (S. 192)

Er berichtet auch von seiner eigenen Beziehung zu Frauen und schließlich von seinem Sohn und wie er das Dorf seiner Herkunft mit diesem besucht. Das bricht das Bild der halb drolligen Säuferprolls. Der Vater ist bereits unter der Erde, eine Entziehungskur hat er zwar durchgestanden, doch bereits kurze Zeit zu Hause genügte, und er war wieder auf altem Kurs. Und die Onkels sind gealtert, die Kommunikation mit ihnen klappt nicht mehr richtig. Da ist manch harter und auch zynischer Satz zu lesen, auch über Ehe und Kinder. Man hat nicht den Eindruck, dass er hier jemanden schont, letztlich wohl auch sich selbst kaum. Es fällt nur auf, dass eine womöglich nicht unwesentliche Zwischenzeit fehlt, in der er in Heimen war und erwachsen wurde. Denn immerhin: Er ist nicht zum Säufer geworden und war auch in der Lage, sich vom rohen Hack zu verabschieden. Er schreibt sogar. Er schreibt, und liefert eine Milieustudie, das Schlaglicht-Porträt seiner Familie als er etwa dreizehn Jahre alt ist. Das muss schwer gewesen sein und ein gutes Maß an Distanz erfordert haben, das gewiss nicht leicht herzustellen war. Gelungen ist es ihm vollauf. Und es ist ein tolles und wertvolles Buch daraus geworden, das darüber hinaus den Leser auf´s Beste unterhält, wenn dieser nicht zu zart besaitet ist und vor den enthaltenen Grobheiten und Skurrilitäten nicht zurückschreckt. Der Autor eröffnet einen Blick hinter die Kulissen, er zeigt die Outcasts, die Sozialhilfeempfänger, aber er denunziert sie in keinem Moment, trotz krasser, aberwitziger Stellen, trotz Trink-Tour de France und unflätigster Sprache sowie einem Leben unter Bedingungen, die man kaum als menschenwürdig bezeichnen kann. Mit melancholischem Humor, aber auch allerhand Zwischentönen sieht Verhulst auf diese seine Familie.

Immer wieder interessant ist es, den Effekt zu beobachten, den Beschreibung hat. Krasse Realitäten und Charaktere werden abgefedert und können gar in die Nähe des Sympathischen rücken, wenn sie nur entsprechend erzählt werden.
Zum anderen trifft auf diesen Roman mit Sicherheit zu, was Walter Benjamin sinngemäß über die Kunst des Romans sagte, dass er dem Gekochten entspräche, wenn das Leben dem Rohzustand entspricht – in Romanform wird zu Verdaulichem, was im wirklichen Leben doch wohl eher traumatisch sein müsste.
Schön ist die schnörkellose Sprache, die der Autor zur Schilderung dessen, was er sagen will, findet. Zwar kommt auch gossensprachliches vor, aber nicht als Selbstzweck und stets mit Niveau. Es steckt viel Liebe, auch bitter enttäuschte, und viel Schmerz in diesem Buch. Man glaubt die Kraftanstrengung zu spüren, die nötig war, die Distanz zu all dem herzustellen, – und noch dazu auf so gekonnte Weise – darüber zu schreiben. Diese und – trotz allem – der Humor machen das Geschilderte erträglicher.

Was gar nichts mit dem Autor oder seinem Buch zu tun hat, sondern mit den Unsäglichkeiten der neuen Schlechtschreibung; ich stolpere stets auf´s Neue und ärgere mich über Schreibweisen wie die folgenden:

“Gämsen” (S. 130)
“Stammmutter” (S. 183)
“Brennnesseln” (S. 186)

6 Antworten to “Dimitri Verhulst: “Die Beschissenheit der Dinge””

  1. 1 uwe
    November 4th, 2008 at 3:21 pm

    Ich stimme dir in allem zu.
    Ein Buch, bei dessen Lektüre man staunen, lachen, weinen, nachdenken kann. Staunen über die atemberaubende Balance des Erzählers zwischen Empathie und Distanz und darüber, wie beherrscht und gekonnt hier Sprache eingesetzt wird zur Rekonstruktion einer Familiengeschichte; lachen über die zotig-derben Säuferanekdoten, die absurd-karnevalesken Slapstickeinlagen und den skurilen Prolstolz der Onkels; weinen (allerings immer auch mit einem lachenden Auge)über die Tragikomik einer Kindheit und Jugend im Kreislauf von Alkohol, Armut und Verwahrlosung; nachdenken über die existentielle Tiefe und Sympathie, mit der die Figuren der Großmutter und des Vaters gezeichnet werden.
    Ein Buch zum Verschlingen, ein Page-turner, wie du an anderer Stelle einmal formuliertest. Und doch auch eines, dass einen immer wieder inne halten lässt, um das geschilderte Elend zu überdenken und das sprachliche, erzählerische Können zu bewundern, das verantwortlich dafür ist, dass diese Milieustudie nie in eine mitleidlose Abrechnung, in eine Freak-Show abgleitet. Im Gegenteil: Nie hat man als Leser den Eindruck, das hier nur mit einer familiären Vergangenheit abgerechnet wird, man spürt die gewonnene Distanz des gereiften Erzählers, den Abstand, den er zu seiner Herkunft eingenommen hat, die allerdings führt nicht dazu, dieselbe zu verleugnen oder gar zu diskriminieren. An jeder noch so grausamen Stelle spürt der Leser eine Liebe: Der Erzähler trägt seine Figuren gleichsam auf Händen – aber nicht alle, ausgenommen sind davon die Mutter, die erste Geliebte des Erzählers und der bürgerlich-versnobte Jugendfreund Franky, den verdrucksten Sammler von Märklin-Modelleisenbahnen.
    Es ist die Perspektive des Outcasts, der Stolz ist auf seine Herkunft, der aber auch froh ist, ihr entkommen zu sein, sie hinter sich gelassen zu haben und jetzt in der Lage ist, darüber zu schreiben.
    Im Ganzen erscheint es mir wie eine Mischung aus milieugesättigtem Schelmen- und ironischem Entwicklungsroman. Gelungen dabei vor allem der Wechsel der Erzählzeiten im zweiten Teil des Buches, als er von sich berichtet, seinen psychischen Deformationen, seinen Misserfolgen in Liebesdingen, seinen Welt- und Kinderhass. Ist er in den ersten sieben Kapitel integraler Bestandteil der Familie, so tritt er ihr gegenüber in den letzten fünf Kapitel als ein Fremder, ein Anderer auf. Er hat es geschafft, das Leben in Suff, Elend und Dreck zu verlassen, und er beschreibt es nun in einer Sprache, die gleichermaßen Abstand hält von jeder Form der Romantisierung und Denunzierung. Diese Balance hat mich vor allem überzeugt, denn sie stellt eine gelungene literarische Art und Weise dar, eine solche Kindheit und Jugend darzustellen. Wie leicht hätte das in eine Monstershow von Suffruinen ausarten können. Doch davor bewahrt ihn sein Mitgefühl, sein Klassenbewusstsein, seine Menschlichkeit. Letztere zeigt sich auch in der mit viel Sympathie geschilderten Lebens- und Leidensgeschichte der Großmutter wie auch in der ergreifenden Darstellung der gescheiterten Entziehungskur seines Vaters – Kapitel, in denen der schnoddrig-derbe Ton zurückgenommen wird in einen mehr reflektierenden und sachlich- beschreibenden Erzählstil.
    Überhaupt der ganz eigene Sound dieser Sprache – bis in den niederrheinischen Dialekt hinein muss man hier wohl den Übersetzer loben. Eine sprachliche Bandbreite vom Feinsten, vom Argot bis zum Bonmot.
    Ausgespart bleibt die Zeit in den Pfegefamilien und Heimen. Zu recht, denn zum einen wäre der Kontrast zwischen der Herkunft und der Gegenwart des Erzählers dann nicht so zündend und zum anderen hätte er so nicht jene Hommage schreiben können, zu dem das Buch letztlich geworden ist: Er setzt seiner Familie ein literarisches Denkmal und legt uns Lesern nahe, vor diesem nicht bewundernd niederzuknien, sondern es mit Respekt und Mitgefühl zu betrachten und auch die Macken und Fehler nicht zu übersehen. Jede Form der Überheblichkeit ist hier fehl am Platze. Auch dies ein Verdienst der erzählerischen Darstellung.
    Und dann gibt es noch eine Menge Sätze, die man einfach nur zitieren möchte. Sätze, die etwas genau beschreiben, Sätze, die etwas pointiert formulieren, Sätze, die eine Lebenseinsicht zusammenfassen, Sätze, die in ihrer (selbst-)mitleidlosen Wahrhaftigkeit bittersüß schmecken, Sätze, die rühren und solche, die einen ganzen Denkraum eröffnen, wie der folgende, mit dem ich meinen Lobessermon beenden will:
    “Die Unglücklichen haben ein realistischeres Bild von der Welt …”
    Hab’ Dank für die Empfehlung.

  2. 2 Helmut
    November 5th, 2008 at 12:13 am

    Wow!
    Freut mich sehr, dass Dir das Buch auch so gut gefallen hat!
    Loben wir also das Balancegefühl des Autors und das Sprachgefühl des Übersetzers.
    Man könnte überlegen, ob das Schnodderige hier nicht die adäquate Kunstform ist – bzw. durch diese Art des Schreibens zu einer solchen erhoben wird.
    Trotzdem, Du sprichst, sicher zurecht, von Liebe, aber die Figuren werden schon auch kritisiert – und zum Teil auch in der Sprache. Wie Du richtig sagst: Dazu war sicher viel Distanz nötig. Und die will erstmal hergestellt sein.

  3. 3 uwe
    November 5th, 2008 at 10:06 am

    Ja, Kritik ist da, und im Falle der Mutter und der ersten Geliebten, mit der zusammen er ein Kind hat, sogar ätzend, scharf und in ihrer Lakonie vielleicht sogar ungerecht. Aber auch das gehört dazu, die psychische Deformation (siehe S. 138, 176-177, 178-179, 194, 208-211), die eine solche Kindheit und Jugend hervorbringt und mit ihr das dazugehörige Welt- und Menschenverständnis. Diesen beiden Figuren, und indirekt auch dem Sammler Franky, präsentiert er sozusagen die Rechnung für ihr Verhalten.
    Zum schnodderigen Ton, der ja nicht durchgängig herrscht, fiel mir noch ein, dass er für mich auch einen anti-intellektuellen, ja sogar einen anti-autoritären Zug hat: Es ist ein Sprachgestus, der den Stolz auf die eigene Herkunft anzeigt, der die sprachliche und geistige Heimat charakterisiert, die Klassenzugehörigkeit, und zugleich grenzt er sich von der akademischen, der vermeintlich höher stehenden Kultursprache der bürgerlichen Klasse ab. Das ist sehr schön abzulesen an den Passagen, in denen Polizisten der Großmutter mit den Worten “komatös” und “Delirium” den Zustand ihrer Söhne erklären wollen (S.53-55, 72-73)oder an dem “Ethnologen”-Kapitel, wo das “Volk” klar von “einer selbsterklärten kulturellen Elite” (S.198-199)abgrenzt wird. Insofern zeugt der schnodderige Ton auch von Klassen- oder Sippenstolz, der freilich dem gereiften Erzähler zunehmend abhanden kommt, worüber er nicht nur froh ist (siehe S.213-214).

  4. 4 Helmut
    November 5th, 2008 at 12:30 pm

    Kann ich nur zustimmen.
    Die Schnodderigkeit – wäre auch hübsch als Buchtitel: ´Theorie der Schnodderigkeit´ – könnte aber neben den biographischen Ursprüngen auch auf eine Traditionslinie verweisen. Etwa die der Beat-Literatur (und die Folgen).
    Aber eins wird hier auch deutlich (gut, man wusste es schon): Man entkommt seiner Herkunft nicht: No chance.

  5. 5 uwe
    November 5th, 2008 at 7:11 pm

    Nicht ganz, aber doch soweit, dass es möglich wird, ein Buch zu schreiben, das diese Herkunft thematisiert. Die Stärke in der Erzählweise dieses Buches liegt doch auch darin, dass der Erzähler zwar in Distanz zu seinem sozialen Herkunftsmilieu tritt, aber zugleich sehr nah und mit Sympathie an seinen Figuren dran bleibt (mit den genannten Ausnahmen). Das zeugt von Respekt und Loyalität, aber trotzdem ist er auch froh, diesem Kreislauf von Armut, Suff und Verwahrlosung – durch den warmherzigen und verantwortungsvollen Akt der Großmutter – entkommen zu sein. Er schreibt Bücher, er hat die Frau seines Lebens getroffen und liebt sie, er ist in der Gegenwart glücklich und weit davon entfernt, zu saufen, zu prügeln oder zotig daherzuschwafeln. (siehe S. 194-195) Insofern hat er seine Herkunft hinter sich gelassen, er verleugnet sie nur nicht, sondern fordert auch ihr gegenüber Respekt. Das Buch empfinde ich als eine solche Loyalitätsbekundung gegenüber seiner Familie, von deren Macken, Trieben, Obsessionen, da stimme ich dir zu, er sich nie ganz befreien wird. Aber um das vorliegende Buch schreiben zu können, musste er ein Fremder werden, und als ein solcher empfindet er sich auch gegenüber seinen Onkels, wenn er sie nach 20 Jahren wiedersieht (siehe S. 213-214). Ich denke also, dass er seiner Herkunft vielleicht nicht entkommen kann, sie aber als Ausgangspunkt für etwas neues und anderes genommen hat.

  6. 6 Helmut
    November 7th, 2008 at 12:09 am

    Es gibt hier keinen Widerspruch. Wir sehen das durchaus gleich. Was ich meinte war, dass die Vergangenheit prägend ist. – Der Umstand, dass er dieses Buch schreibt, resultiert aus dieser Vergangenheit. (Und vermutlich sogar wie er es tut)
    Ich stimme Deinem Kommentar vollkommen zu.