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	<title>Kommentare zu: Dimitri Verhulst: &#8220;Die Beschissenheit der Dinge&#8221;</title>
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	<description>Bücher, Bücher</description>
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		<title>Von: Helmut</title>
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		<dc:creator>Helmut</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Nov 2008 22:09:52 +0000</pubDate>
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		<description>Es gibt hier keinen Widerspruch. Wir sehen das durchaus gleich. Was ich meinte war, dass die Vergangenheit pr&#228;gend ist. - Der Umstand, dass er dieses Buch schreibt, resultiert aus dieser Vergangenheit. (Und vermutlich sogar wie er es tut)
Ich stimme Deinem Kommentar vollkommen zu.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt hier keinen Widerspruch. Wir sehen das durchaus gleich. Was ich meinte war, dass die Vergangenheit pr&#228;gend ist. &#8211; Der Umstand, dass er dieses Buch schreibt, resultiert aus dieser Vergangenheit. (Und vermutlich sogar wie er es tut)<br />
Ich stimme Deinem Kommentar vollkommen zu.</p>
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		<title>Von: uwe</title>
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		<dc:creator>uwe</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Nov 2008 17:11:38 +0000</pubDate>
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		<description>Nicht ganz, aber doch soweit, dass es m&#246;glich wird, ein Buch zu schreiben, das diese Herkunft thematisiert. Die St&#228;rke in der Erz&#228;hlweise dieses Buches liegt doch auch darin, dass der Erz&#228;hler zwar in Distanz zu seinem sozialen Herkunftsmilieu tritt, aber zugleich sehr nah und mit Sympathie an seinen Figuren dran bleibt (mit den genannten Ausnahmen). Das zeugt von Respekt und Loyalit&#228;t, aber trotzdem ist er auch froh, diesem Kreislauf von Armut, Suff und Verwahrlosung - durch den warmherzigen und verantwortungsvollen Akt der Gro&#223;mutter - entkommen zu sein. Er schreibt B&#252;cher, er hat die Frau seines Lebens getroffen und liebt sie, er ist in der Gegenwart gl&#252;cklich und weit davon entfernt, zu saufen, zu pr&#252;geln oder zotig daherzuschwafeln. (siehe S. 194-195) Insofern hat er seine Herkunft hinter sich gelassen, er verleugnet sie nur nicht, sondern fordert auch ihr gegen&#252;ber Respekt. Das Buch empfinde ich als eine solche Loyalit&#228;tsbekundung gegen&#252;ber seiner Familie, von deren Macken, Trieben, Obsessionen, da stimme ich dir zu, er sich nie ganz befreien wird. Aber um das vorliegende Buch schreiben zu k&#246;nnen, musste er ein Fremder werden, und als ein solcher empfindet er sich auch gegen&#252;ber seinen Onkels, wenn er sie nach 20 Jahren wiedersieht (siehe S. 213-214). Ich denke also, dass er seiner Herkunft vielleicht nicht entkommen kann, sie aber als Ausgangspunkt f&#252;r etwas neues und anderes genommen hat.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht ganz, aber doch soweit, dass es m&#246;glich wird, ein Buch zu schreiben, das diese Herkunft thematisiert. Die St&#228;rke in der Erz&#228;hlweise dieses Buches liegt doch auch darin, dass der Erz&#228;hler zwar in Distanz zu seinem sozialen Herkunftsmilieu tritt, aber zugleich sehr nah und mit Sympathie an seinen Figuren dran bleibt (mit den genannten Ausnahmen). Das zeugt von Respekt und Loyalit&#228;t, aber trotzdem ist er auch froh, diesem Kreislauf von Armut, Suff und Verwahrlosung &#8211; durch den warmherzigen und verantwortungsvollen Akt der Gro&#223;mutter &#8211; entkommen zu sein. Er schreibt B&#252;cher, er hat die Frau seines Lebens getroffen und liebt sie, er ist in der Gegenwart gl&#252;cklich und weit davon entfernt, zu saufen, zu pr&#252;geln oder zotig daherzuschwafeln. (siehe S. 194-195) Insofern hat er seine Herkunft hinter sich gelassen, er verleugnet sie nur nicht, sondern fordert auch ihr gegen&#252;ber Respekt. Das Buch empfinde ich als eine solche Loyalit&#228;tsbekundung gegen&#252;ber seiner Familie, von deren Macken, Trieben, Obsessionen, da stimme ich dir zu, er sich nie ganz befreien wird. Aber um das vorliegende Buch schreiben zu k&#246;nnen, musste er ein Fremder werden, und als ein solcher empfindet er sich auch gegen&#252;ber seinen Onkels, wenn er sie nach 20 Jahren wiedersieht (siehe S. 213-214). Ich denke also, dass er seiner Herkunft vielleicht nicht entkommen kann, sie aber als Ausgangspunkt f&#252;r etwas neues und anderes genommen hat.</p>
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		<title>Von: Helmut</title>
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		<dc:creator>Helmut</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Nov 2008 10:30:50 +0000</pubDate>
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		<description>Kann ich nur zustimmen.
Die Schnodderigkeit - w&#228;re auch h&#252;bsch als Buchtitel: ´Theorie der Schnodderigkeit´ - k&#246;nnte aber neben den biographischen Urspr&#252;ngen auch auf eine Traditionslinie verweisen. Etwa die der Beat-Literatur (und die Folgen).
Aber eins wird hier auch deutlich (gut, man wusste es schon): Man entkommt seiner Herkunft nicht: No chance.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Kann ich nur zustimmen.<br />
Die Schnodderigkeit &#8211; w&#228;re auch h&#252;bsch als Buchtitel: ´Theorie der Schnodderigkeit´ &#8211; k&#246;nnte aber neben den biographischen Urspr&#252;ngen auch auf eine Traditionslinie verweisen. Etwa die der Beat-Literatur (und die Folgen).<br />
Aber eins wird hier auch deutlich (gut, man wusste es schon): Man entkommt seiner Herkunft nicht: No chance.</p>
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		<title>Von: uwe</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2008/10/13/dimitri-verhulst-die-beschissenheit-der-dinge/comment-page-1/#comment-7195</link>
		<dc:creator>uwe</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Nov 2008 08:06:55 +0000</pubDate>
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		<description>Ja, Kritik ist da, und im Falle der Mutter und der ersten Geliebten, mit der zusammen er ein Kind hat, sogar &#228;tzend, scharf und in ihrer Lakonie vielleicht sogar ungerecht. Aber auch das geh&#246;rt dazu, die psychische Deformation (siehe S. 138, 176-177, 178-179, 194, 208-211), die eine solche Kindheit und Jugend hervorbringt und mit ihr das dazugeh&#246;rige Welt- und Menschenverst&#228;ndnis. Diesen beiden Figuren, und indirekt auch dem Sammler Franky, pr&#228;sentiert er sozusagen die Rechnung f&#252;r ihr Verhalten. 
Zum schnodderigen Ton, der ja nicht durchg&#228;ngig herrscht, fiel mir noch ein, dass er f&#252;r mich auch einen anti-intellektuellen, ja sogar einen anti-autorit&#228;ren Zug hat: Es ist ein Sprachgestus, der den Stolz auf die eigene Herkunft anzeigt, der die sprachliche und geistige Heimat charakterisiert, die Klassenzugeh&#246;rigkeit, und zugleich grenzt er sich von der akademischen, der vermeintlich h&#246;her stehenden Kultursprache der b&#252;rgerlichen Klasse ab. Das ist sehr sch&#246;n abzulesen an den Passagen, in denen Polizisten der Gro&#223;mutter mit den Worten &quot;komat&#246;s&quot; und &quot;Delirium&quot; den Zustand ihrer S&#246;hne erkl&#228;ren wollen (S.53-55, 72-73)oder an dem &quot;Ethnologen&quot;-Kapitel, wo das &quot;Volk&quot; klar von &quot;einer selbsterkl&#228;rten kulturellen Elite&quot; (S.198-199)abgrenzt wird. Insofern zeugt der schnodderige Ton auch von Klassen- oder Sippenstolz, der freilich dem gereiften Erz&#228;hler zunehmend abhanden kommt, wor&#252;ber er nicht nur froh ist (siehe S.213-214).</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Ja, Kritik ist da, und im Falle der Mutter und der ersten Geliebten, mit der zusammen er ein Kind hat, sogar &#228;tzend, scharf und in ihrer Lakonie vielleicht sogar ungerecht. Aber auch das geh&#246;rt dazu, die psychische Deformation (siehe S. 138, 176-177, 178-179, 194, 208-211), die eine solche Kindheit und Jugend hervorbringt und mit ihr das dazugeh&#246;rige Welt- und Menschenverst&#228;ndnis. Diesen beiden Figuren, und indirekt auch dem Sammler Franky, pr&#228;sentiert er sozusagen die Rechnung f&#252;r ihr Verhalten.<br />
Zum schnodderigen Ton, der ja nicht durchg&#228;ngig herrscht, fiel mir noch ein, dass er f&#252;r mich auch einen anti-intellektuellen, ja sogar einen anti-autorit&#228;ren Zug hat: Es ist ein Sprachgestus, der den Stolz auf die eigene Herkunft anzeigt, der die sprachliche und geistige Heimat charakterisiert, die Klassenzugeh&#246;rigkeit, und zugleich grenzt er sich von der akademischen, der vermeintlich h&#246;her stehenden Kultursprache der b&#252;rgerlichen Klasse ab. Das ist sehr sch&#246;n abzulesen an den Passagen, in denen Polizisten der Gro&#223;mutter mit den Worten &#8220;komat&#246;s&#8221; und &#8220;Delirium&#8221; den Zustand ihrer S&#246;hne erkl&#228;ren wollen (S.53-55, 72-73)oder an dem &#8220;Ethnologen&#8221;-Kapitel, wo das &#8220;Volk&#8221; klar von &#8220;einer selbsterkl&#228;rten kulturellen Elite&#8221; (S.198-199)abgrenzt wird. Insofern zeugt der schnodderige Ton auch von Klassen- oder Sippenstolz, der freilich dem gereiften Erz&#228;hler zunehmend abhanden kommt, wor&#252;ber er nicht nur froh ist (siehe S.213-214).</p>
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		<title>Von: Helmut</title>
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		<dc:creator>Helmut</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2008 22:13:09 +0000</pubDate>
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		<description>Wow!
Freut mich sehr, dass Dir das Buch auch so gut gefallen hat!
Loben wir also das Balancegef&#252;hl des Autors und das Sprachgef&#252;hl des &#220;bersetzers.
Man k&#246;nnte &#252;berlegen, ob das Schnodderige hier nicht die ad&#228;quate Kunstform ist - bzw. durch diese Art des Schreibens zu einer solchen erhoben wird.
Trotzdem, Du sprichst, sicher zurecht, von Liebe, aber die Figuren werden schon auch kritisiert - und zum Teil auch in der Sprache. Wie Du richtig sagst: Dazu war sicher viel Distanz n&#246;tig. Und die will erstmal hergestellt sein.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Wow!<br />
Freut mich sehr, dass Dir das Buch auch so gut gefallen hat!<br />
Loben wir also das Balancegef&#252;hl des Autors und das Sprachgef&#252;hl des &#220;bersetzers.<br />
Man k&#246;nnte &#252;berlegen, ob das Schnodderige hier nicht die ad&#228;quate Kunstform ist &#8211; bzw. durch diese Art des Schreibens zu einer solchen erhoben wird.<br />
Trotzdem, Du sprichst, sicher zurecht, von Liebe, aber die Figuren werden schon auch kritisiert &#8211; und zum Teil auch in der Sprache. Wie Du richtig sagst: Dazu war sicher viel Distanz n&#246;tig. Und die will erstmal hergestellt sein.</p>
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		<title>Von: uwe</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2008/10/13/dimitri-verhulst-die-beschissenheit-der-dinge/comment-page-1/#comment-7191</link>
		<dc:creator>uwe</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2008 13:21:37 +0000</pubDate>
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		<description>Ich stimme dir in allem zu.
Ein Buch, bei dessen Lekt&#252;re man staunen, lachen, weinen, nachdenken kann. Staunen &#252;ber die atemberaubende Balance des Erz&#228;hlers zwischen Empathie und Distanz und dar&#252;ber, wie beherrscht und gekonnt hier Sprache eingesetzt wird zur Rekonstruktion einer Familiengeschichte; lachen &#252;ber die zotig-derben S&#228;uferanekdoten, die absurd-karnevalesken Slapstickeinlagen und den skurilen Prolstolz der Onkels; weinen (allerings immer auch mit einem lachenden Auge)&#252;ber die Tragikomik einer Kindheit und Jugend im Kreislauf von Alkohol, Armut und Verwahrlosung; nachdenken &#252;ber die existentielle Tiefe und Sympathie, mit der die Figuren der Gro&#223;mutter und des Vaters gezeichnet werden.
Ein Buch zum Verschlingen, ein Page-turner, wie du an anderer Stelle einmal formuliertest. Und doch auch eines, dass einen immer wieder inne halten l&#228;sst, um das geschilderte Elend zu &#252;berdenken und das sprachliche, erz&#228;hlerische K&#246;nnen zu bewundern, das verantwortlich daf&#252;r ist, dass diese Milieustudie nie in eine mitleidlose Abrechnung, in eine Freak-Show abgleitet. Im Gegenteil: Nie hat man als Leser den Eindruck, das hier nur mit einer famili&#228;ren Vergangenheit abgerechnet wird, man sp&#252;rt die gewonnene Distanz des gereiften Erz&#228;hlers, den Abstand, den er zu seiner Herkunft eingenommen hat, die allerdings f&#252;hrt nicht dazu, dieselbe zu verleugnen oder gar zu diskriminieren. An jeder noch so grausamen Stelle sp&#252;rt der Leser eine Liebe: Der Erz&#228;hler tr&#228;gt seine Figuren gleichsam auf H&#228;nden - aber nicht alle, ausgenommen sind davon die Mutter, die erste Geliebte des Erz&#228;hlers und der b&#252;rgerlich-versnobte Jugendfreund Franky, den verdrucksten Sammler von M&#228;rklin-Modelleisenbahnen. 
Es ist die Perspektive des Outcasts, der Stolz ist auf seine Herkunft, der aber auch froh ist, ihr entkommen zu sein, sie hinter sich gelassen zu haben und jetzt in der Lage ist, dar&#252;ber zu schreiben. 
Im Ganzen erscheint es mir wie eine Mischung aus milieuges&#228;ttigtem Schelmen- und ironischem Entwicklungsroman. Gelungen dabei vor allem der Wechsel der Erz&#228;hlzeiten im zweiten Teil des Buches, als er von sich berichtet, seinen psychischen Deformationen, seinen Misserfolgen in Liebesdingen, seinen Welt- und Kinderhass. Ist er in den ersten sieben Kapitel integraler Bestandteil der Familie, so tritt er ihr gegen&#252;ber in den letzten f&#252;nf Kapitel als ein Fremder, ein Anderer auf. Er hat es geschafft, das Leben in Suff, Elend und Dreck zu verlassen, und er beschreibt es nun in einer Sprache, die gleicherma&#223;en Abstand h&#228;lt von jeder Form der  Romantisierung und Denunzierung. Diese Balance hat mich vor allem &#252;berzeugt, denn sie stellt eine gelungene literarische Art und Weise dar, eine solche Kindheit und Jugend darzustellen. Wie leicht h&#228;tte das in eine Monstershow von Suffruinen ausarten k&#246;nnen. Doch davor bewahrt ihn sein Mitgef&#252;hl, sein Klassenbewusstsein, seine Menschlichkeit. Letztere zeigt sich auch in der mit viel Sympathie geschilderten Lebens- und Leidensgeschichte der Gro&#223;mutter wie auch in der ergreifenden Darstellung der gescheiterten Entziehungskur seines Vaters - Kapitel, in denen der schnoddrig-derbe Ton zur&#252;ckgenommen wird in einen mehr reflektierenden und sachlich- beschreibenden Erz&#228;hlstil.
&#220;berhaupt der ganz eigene Sound dieser Sprache - bis in den niederrheinischen Dialekt hinein muss man hier wohl den &#220;bersetzer loben. Eine sprachliche Bandbreite vom Feinsten, vom Argot bis zum Bonmot. 
Ausgespart bleibt die Zeit in den Pfegefamilien und Heimen. Zu recht, denn zum einen w&#228;re der Kontrast zwischen der Herkunft und der Gegenwart des Erz&#228;hlers dann nicht so z&#252;ndend und zum anderen h&#228;tte er so nicht jene Hommage schreiben k&#246;nnen, zu dem das Buch letztlich geworden ist: Er setzt seiner Familie ein literarisches Denkmal und legt uns Lesern nahe, vor diesem nicht bewundernd niederzuknien, sondern es mit Respekt und Mitgef&#252;hl zu betrachten und auch die Macken und Fehler nicht zu &#252;bersehen. Jede Form der &#220;berheblichkeit ist hier fehl am Platze. Auch dies ein Verdienst der erz&#228;hlerischen Darstellung. 
Und dann gibt es noch eine Menge S&#228;tze, die man einfach nur zitieren m&#246;chte. S&#228;tze, die etwas genau beschreiben, S&#228;tze, die etwas pointiert formulieren, S&#228;tze, die eine Lebenseinsicht zusammenfassen, S&#228;tze, die in ihrer (selbst-)mitleidlosen Wahrhaftigkeit bitters&#252;&#223; schmecken, S&#228;tze, die r&#252;hren und solche, die einen ganzen Denkraum er&#246;ffnen, wie der folgende, mit dem ich meinen Lobessermon beenden will:
&quot;Die Ungl&#252;cklichen haben ein realistischeres Bild von der Welt ...&quot;
Hab&#039; Dank f&#252;r die Empfehlung.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Ich stimme dir in allem zu.<br />
Ein Buch, bei dessen Lekt&#252;re man staunen, lachen, weinen, nachdenken kann. Staunen &#252;ber die atemberaubende Balance des Erz&#228;hlers zwischen Empathie und Distanz und dar&#252;ber, wie beherrscht und gekonnt hier Sprache eingesetzt wird zur Rekonstruktion einer Familiengeschichte; lachen &#252;ber die zotig-derben S&#228;uferanekdoten, die absurd-karnevalesken Slapstickeinlagen und den skurilen Prolstolz der Onkels; weinen (allerings immer auch mit einem lachenden Auge)&#252;ber die Tragikomik einer Kindheit und Jugend im Kreislauf von Alkohol, Armut und Verwahrlosung; nachdenken &#252;ber die existentielle Tiefe und Sympathie, mit der die Figuren der Gro&#223;mutter und des Vaters gezeichnet werden.<br />
Ein Buch zum Verschlingen, ein Page-turner, wie du an anderer Stelle einmal formuliertest. Und doch auch eines, dass einen immer wieder inne halten l&#228;sst, um das geschilderte Elend zu &#252;berdenken und das sprachliche, erz&#228;hlerische K&#246;nnen zu bewundern, das verantwortlich daf&#252;r ist, dass diese Milieustudie nie in eine mitleidlose Abrechnung, in eine Freak-Show abgleitet. Im Gegenteil: Nie hat man als Leser den Eindruck, das hier nur mit einer famili&#228;ren Vergangenheit abgerechnet wird, man sp&#252;rt die gewonnene Distanz des gereiften Erz&#228;hlers, den Abstand, den er zu seiner Herkunft eingenommen hat, die allerdings f&#252;hrt nicht dazu, dieselbe zu verleugnen oder gar zu diskriminieren. An jeder noch so grausamen Stelle sp&#252;rt der Leser eine Liebe: Der Erz&#228;hler tr&#228;gt seine Figuren gleichsam auf H&#228;nden &#8211; aber nicht alle, ausgenommen sind davon die Mutter, die erste Geliebte des Erz&#228;hlers und der b&#252;rgerlich-versnobte Jugendfreund Franky, den verdrucksten Sammler von M&#228;rklin-Modelleisenbahnen.<br />
Es ist die Perspektive des Outcasts, der Stolz ist auf seine Herkunft, der aber auch froh ist, ihr entkommen zu sein, sie hinter sich gelassen zu haben und jetzt in der Lage ist, dar&#252;ber zu schreiben.<br />
Im Ganzen erscheint es mir wie eine Mischung aus milieuges&#228;ttigtem Schelmen- und ironischem Entwicklungsroman. Gelungen dabei vor allem der Wechsel der Erz&#228;hlzeiten im zweiten Teil des Buches, als er von sich berichtet, seinen psychischen Deformationen, seinen Misserfolgen in Liebesdingen, seinen Welt- und Kinderhass. Ist er in den ersten sieben Kapitel integraler Bestandteil der Familie, so tritt er ihr gegen&#252;ber in den letzten f&#252;nf Kapitel als ein Fremder, ein Anderer auf. Er hat es geschafft, das Leben in Suff, Elend und Dreck zu verlassen, und er beschreibt es nun in einer Sprache, die gleicherma&#223;en Abstand h&#228;lt von jeder Form der  Romantisierung und Denunzierung. Diese Balance hat mich vor allem &#252;berzeugt, denn sie stellt eine gelungene literarische Art und Weise dar, eine solche Kindheit und Jugend darzustellen. Wie leicht h&#228;tte das in eine Monstershow von Suffruinen ausarten k&#246;nnen. Doch davor bewahrt ihn sein Mitgef&#252;hl, sein Klassenbewusstsein, seine Menschlichkeit. Letztere zeigt sich auch in der mit viel Sympathie geschilderten Lebens- und Leidensgeschichte der Gro&#223;mutter wie auch in der ergreifenden Darstellung der gescheiterten Entziehungskur seines Vaters &#8211; Kapitel, in denen der schnoddrig-derbe Ton zur&#252;ckgenommen wird in einen mehr reflektierenden und sachlich- beschreibenden Erz&#228;hlstil.<br />
&#220;berhaupt der ganz eigene Sound dieser Sprache &#8211; bis in den niederrheinischen Dialekt hinein muss man hier wohl den &#220;bersetzer loben. Eine sprachliche Bandbreite vom Feinsten, vom Argot bis zum Bonmot.<br />
Ausgespart bleibt die Zeit in den Pfegefamilien und Heimen. Zu recht, denn zum einen w&#228;re der Kontrast zwischen der Herkunft und der Gegenwart des Erz&#228;hlers dann nicht so z&#252;ndend und zum anderen h&#228;tte er so nicht jene Hommage schreiben k&#246;nnen, zu dem das Buch letztlich geworden ist: Er setzt seiner Familie ein literarisches Denkmal und legt uns Lesern nahe, vor diesem nicht bewundernd niederzuknien, sondern es mit Respekt und Mitgef&#252;hl zu betrachten und auch die Macken und Fehler nicht zu &#252;bersehen. Jede Form der &#220;berheblichkeit ist hier fehl am Platze. Auch dies ein Verdienst der erz&#228;hlerischen Darstellung.<br />
Und dann gibt es noch eine Menge S&#228;tze, die man einfach nur zitieren m&#246;chte. S&#228;tze, die etwas genau beschreiben, S&#228;tze, die etwas pointiert formulieren, S&#228;tze, die eine Lebenseinsicht zusammenfassen, S&#228;tze, die in ihrer (selbst-)mitleidlosen Wahrhaftigkeit bitters&#252;&#223; schmecken, S&#228;tze, die r&#252;hren und solche, die einen ganzen Denkraum er&#246;ffnen, wie der folgende, mit dem ich meinen Lobessermon beenden will:<br />
&#8220;Die Ungl&#252;cklichen haben ein realistischeres Bild von der Welt &#8230;&#8221;<br />
Hab&#8217; Dank f&#252;r die Empfehlung.</p>
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