Ross Macdonald: “Durchgebrannt”
Oktober 28th, 2008Ross Macdonald: “Durchgebrannt”, aus dem Amerikanischen von Helmut Degner, Originaltitel: “The Instant Enemy” von 1968, die deutsche EA erschien 1970, die vorliegende Ausgabe ist von 1981, 361 Seiten
Die erste Hälfte des Buches überzeugt. Wer Chandler mag, wird auch ihn mögen. Spannung, Tempo, Atmosphäre und coole Sprachbilder. Aber dann stellen sich doch Längen ein. Vor allem auch durch die einigermaßen komplizierte und bei Licht besehen wenig realistische Verwandtschaftskonstellation der Figuren. Man hat ihre Namen nicht stets so präsent, wie es der Autor wohl hofft. Dann hat man kein Bild vor sich, sondern nur einen Namen, dessen Zuordnung Schwierigkeiten macht.
Hinzu kommt etwas, das Krimis allgemein betrifft: Die Zufälle und ihre Wahrscheinlichkeit. Fast denkt man, dass doch gar nicht alles gelöst und ineinander verknotet werden MUSS. Denn das führt zu Ungutem. Tempo geht verloren, Überraschungsmomente bleiben aus, letztlich entsteht Langeweile.
Zwar hat sich Macdonald bemüht, noch kurz vor Schluß überraschende Wendungen und Deutungen zu bringen, aber das gelingt ihm nur halb und bleibt etwas blass; es wirkt schon bemüht. Als hätte er selbst gemerkt, dass das mühsame Aufdröseln des Tathergangs nicht ganz das Gelbe vom Ei ist.
Natürlich ist auch Lee Archer, der Privatdetektiv-Held Macdonalds, ein verkappter Romantiker, der am Ende den hohen Scheck für seine Dienste, immerhin 100.000 Dollar, zerreißt und das Konfetti aus dem Fenster wehen lässt. (Vgl. S. 363 f.) Er hält das Fähnchen der Aufrechten hoch, obwohl doch bekannt sein könnte: “Es ist eine beschissene Welt.” (S. 338; damit dürfte er sich mit Dimitri Verhulst treffen)
Etwas befremdlich mutet an, aber das dürfte dem Übersetzer anzulasten sein, wenn mehrfach Personen des Buches mit “Heftpflaster” gefesselt werden. (Vgl. S. 231)
Irritieren kann auch die Stelle, an der es heißt: “Aber man kann sein Unterbewusstsein nicht wie einen Computer zwingen, Auskünfte auszuspucken.” (S. 277) Das mag schon richtig sein, aber hat das Ross Macdonald im Jahr 1968 geschrieben?
Eher auf der Haben-Seite zu verbuchen ist, dass Macdonald wohl “Lolita” gelesen hat und sich davon zu dieser Stelle inspirieren ließ: “Sie beugte sich vor und lehnte sich mit jener rührseligen Verworfenheit, deren nur ganz junge Mädchen fähig sind, an Davy.” (S. 35) Nicht ganz so schön und einsichtig, dass besagter Davy von Beginn an leichtfertig und festlegend als Psychopath tituliert wird. (Vgl. S. 54, aber auch zuvor bereits)
Das sind Details. Inhaltsangaben oder Zusammenfassungen mag es auf anderen Seiten geben, das Buch ist lange genug auf dem Markt. Es ist keine schlechte Unterhaltung, mit den genannten Mängeln.
November 9th, 2008 at 11:30 pm
Freund Thomas wies dankenswerter Weise darauf hin, dass es im Original “But you can´t force your unconscious mind to rap out information like a computer” heißt – die Übersetzung also korrekt – auch zu dem frühen Zeitpunkt.
Danke.