L. P. Hartley: “The Go-Between”

November 21st, 2008

L. P. Hartley: “The Go-Between”, Roman aus dem Englischen von Maria Wolff, revidiert und ergänzt von Adrian Stokar, zuerst London 1953 unter gleichem Titel, nun erstmals vollständig (!) Zürich 2008, übertragen von Tanja Handels (es gab bereits eine deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1955, unter dem Titel “Der Zoll des Glücks” und 1990, einen unveränderten Nachdruck unter dem Titel “Ein Sommer in Brandham Hall”), 400 Seiten, 24,90.-

Leslie Poles Hartley (Dez. 1895 – Dez. 1972) hat ein wunderbares Buch geschrieben, das dankenswerter Weise nun in der Edition Epoca erstmals ungekürzt vorliegt.
Erzählt wird durch den zwölfjährigen Helden des Romans, Leo Colston, der den glühend heißen Sommer des Jahres 1900 auf dem Landsitz Brandham Hall schildert.
Wieder einmal eine Adoleszenzgeschichte – aber was für eine, bzw. wie erzählt.
Hartley holt seinen Leser nah heran und tief hinein in diese unwahrscheinlich unschuldige und aufrechte Knabenseele und es gelingt ihm, wie nebenbei gleichzeitig ein Sittenporträt des edwardianischen England mit seinen Standesunterschieden und -dünkeln, zu malen. Dieser bittersüße Entwicklungsroman ist von großer Genauigkeit, Konzentration und Stimmigkeit. Beneidenswert die Ruhe und Klarheit, die aus ihm strömt. (Der erste Weltkrieg war noch nicht, der zweite war noch nicht… – fast hat man den Eindruck Nachrichten aus einer anderen Welt zu lesen)
Der zwölfjährige Leo, der in der Schule eine besondere Erfahrung mit der Magie macht, mit deren Hilfe er sich vor ihn drangsalierenden Mitschülern rettet, freundet sich mit Marcus an und wird von diesem in den Schulferien eingeladen, ihn auf Brandham Hall zu besuchen. Dort spielt der größte Teil des Romans, dessen Beginn sich an dem Tagebuch aus eben dieser Zeit entspinnt, das dem alten Leo, ein halbes Jahrhundert nach diesem Sommer, noch einmal in die Hände kommt und ihn als von diesem Sommer für´s Leben Gezeichneten zeigt. Denn er war der “Go-Between” des Titels, der Briefbotenjunge der älteren Schwester seines Freundes Marcus, die sich in den nicht standesgemäßen Pächter Ted verliebt hat und mit ihm eine hochgeheime erotische Beziehung unterhält, obwohl sie dem neunten Grafen von Trimingham versprochen ist und die Verlobung ansteht. Das kann nicht gut ausgehen, und das tut es freilich auch nicht.
Das Buch beginnt mit einem Prolog und dieser mit dem berühmt gewordenen Satz:
“Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln.” (S. 21)

Und schon stößt der alte Mann Leo im Jahr 1952 auf das Tagebuch, welches er in seiner Jugendzeit im Sommer 1900 in Brandham Hall führte. Es gibt Widerstände sich ihm zu nähern, doch schließlich kann er nicht widerstehen. Er hatte diese 19 Tage in sich einbalsamiert und begraben. Als Unbewältigte lagen sie in ihm verborgen, allerdings nicht wirkungslos:
“Wenn mein zwölfjähriges Ich, zu dem ich nun eine tiefe Zuneigung empfand, mich jetzt anklagen würde: ´Warum bist du so ein langweiliger Stubenhocker geworden, nachdem ich dir so einen schönen Start ins Leben gegeben hatte? (…)´” (S. 39)
War er seinerzeit der Sonne zu nah gekommen? (Vgl. S. 40)
Was damit gemeint ist, dafür nimmt sich der feinsinnige Erzähler herrlich viel Zeit. Und er charakterisiert und beschreibt meisterlich. Unaufdringlich werden Charaktere plastisch gemacht, Symbole entwickelt, wieder aufgenommen, die Atmosphäre lebendig geschildert.
Die zentralen Themen des Buches sind das Glück – und seine Möglichkeit bzw. zeitliche Beschränktheit, ist die Zeit und die Erinnerung, ist die Liebe und die Moral, Schicksal und Tragik. Aber das ist zu allgemein, so wird es fast nichtssagend. Denn bei Hartley ist alles Erzählung und lebt. Der Leser taucht in das Buch ein wie in einen ruhigen warmen Strom und kann noch einmal neu lesen lernen.
Über Brandham Hall, das in Norwich liegt, sagt Leo:
“Meine geistige Verwandlung geschah in Norwich; dort war es, daß ich mir, wie ein Schmetterling, der aus der Puppe schlüpft, zum erstenmal meiner Flügel bewußt wurde.” (S. 80)
Selbst ein so simples Messgerät wie das Thermometer gewinnt in dieser Darstellung Symbolkraft und die ungewöhnliche Hitze dieses Sommers kann für das überhitzte Geschehen innerhalb des Romans stehen.
“Das Thermometer stand auf achtundzwanzig Grad: Das war zufriedenstellend; aber ich war überzeugt, daß es noch höher steigen könne.
Seit meiner Ankunft in Brandham Hall war kein Tropfen Regen gefallen.” (S. 118)
Und dann bekommt er den ersten Brief ausgehändigt (vgl. S. 132) und es entwickelt sich etwas, das außer Kontrolle geraten wird.
Doch zunächst wird Leo großen Erfolg haben, ein Cricket-Spiel unerwartet mit einem glücklichen Fang des Balles entscheiden und auf dem anschließenden Ball die Zuhörer durch seinen reinen Gesang hinreißen: “Zum zweiten Male wurde ich aufgefordert, aus der Immunität der Kindheit in die Verantwortlichkeit der Erwachsenenwelt hinüberzuwechseln. Es war wie ein Sterben, aber ein Sterben mit der Aussicht auf eine Auferstehung (…).”. (S. 214) “An dem Schweigen in der Halle merkte ich, dass das Lied gut ankam; aber auf den Beifallssturm, der in dem engen Raum viel stärker wirkte als der Applaus, der meinem Fang gegolten hatte, war ich nicht vorbereitet.” (S. 216)
Er erlebt das Glück: “Der Sonntagmorgen verschwimmt in meiner Erinnerung in einem weißlichen Nebel, lautlos, bewegungslos und ohne Konturen. Alle meine Wünsche hatten sich erfüllt, und es verblieb mir nichts mehr, wofür ich hätte leben können. Im allgemeinen hält man das für einen Zustand der Verzweiflung; bei mir war es reinstes Glück.” (S. 224)
Er erlebt es und wird es bald durch die Wendung der Dinge an der er teilhat, für sein Leben verlieren und zu einem verstaubten Bücherwurm werden; sein Leben erfährt  einen Knacks.
Was auch Liebesdienst war, denn er ist selbst in Marcus´ Schwester Marian verliebt, wird bitter enttäuscht, weil er sich hintergangen und missbraucht (vgl. S. 246) fühlt und ´das Poussieren´ entdecken muss, was ihn, den völlig Unaufgeklärten, schockiert.
Nach all der Rekordhitze – obwohl sein Wunsch, die 35 Grad, nicht erreicht werden – kulminieren die vielen heißen Tage zu seinem 13. Geburtstag in einem Gewitter (vgl. S. 350) und das Geschehen passend dazu – der Held und sein Wetter – in einem hysterischen Ausbruch und seinen tödlichen Folgen.
Interessant, wie vielschichtig und von den einzelnen Figuren unterschiedlich die Vorgänge erlebt und bewertet werden, er selbst sagt über sich als Kind:
“So unbegreiflich mir das heute erscheint, damals war ich ein Mann der Tat, und als solcher ein Realist, dem der Zweck die Mittel heiligte.” (S. 303)
Und dann fällt der wunderbare Satz:
“Die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren – was für eine Verarmung!” (S. 361)
Doch was immer das Geschehen dieser 19 Tage für die anderen Figuren bedeutet, für ihn war es das übertreten der Schwelle des Erwachsenwerdens – und gleichzeitig das Vergiften all dessen, was danach kam.
Davon berichtet der Epilog, der davon erzählt, dass er die alte Marian besucht und ihren Sohn kennenlernt.
So ist es ein bittersüßes Buch, traurig, aber vielschichtig.
Leo wird zum Faktensammler und sieht darin keinen schlechten Ersatz für das eigentliche Leben. Zumal ihm das vielleicht sogar das Leben gerettet hat. (Vgl. S. 379)
Im Epilog erfährt man, dass der gestrenge Freund Marcus an der Entwicklung des Geschehens ins Schlechte maßgeblich beteiligt war und wie es den anderen Involvierten ergangen ist, bis hin zum Schicksal des grünen Fahrrads, das er zu seinem 13. Geburtstag geschenkt bekam.
Ob Marian mit ihrem Bekenntnis zur Leidenschaft richtig liegt – er sieht sie in einem Selbstbetrug verfangen – oder er mit seiner Lebensverweigerung? Ob Marians Liebhaber richtig handelte oder Marcus und seine Mutter – das Buch stellt viele Fragen.
Hübsch die Anmerkung, dass das Ganze, wäre das Telefon bereits erfunden gewesen, so nicht hätte stattfinden können – oder müssen. Und ironisch, dass er auch als alter Mann noch einmal zu einem Go-Between wird.
Es sind in diesem Buch meist nicht die einzelnen Stellen, die herausragen, die seine Schönheit ausmachen, sondern es ist der ruhige, genaue Atem dieses Erzählens, der in der Lage ist, den Leser mitzunehmen in die Atmosphäre dieser Zeit.

Im Jahr 1970 wurde das Buch von Harold Pinter verfilmt, der deutsche Titel war “Der Mittler”. Es gibt die These, dass dieser Film den Roman überdeckt hat und vergessen gemacht. – Ob die neue Edition aus Zürich daran etwas ändern kann oder wird? – Zu wünschen wäre es. Das Buch ist noch zu entdecken.

11 Antworten to “L. P. Hartley: “The Go-Between””

  1. 1 uwe
    Dezember 8th, 2008 at 12:43 pm

    Für mich war es auch ein Glück – ein Leseglück. Wahrlich eine Entdeckung, dieses Buch. Vielen Dank für den Tipp.
    Es nimmt einen gefangen, es fesselt die Aufmerksamkeit, es nährt den Intellekt, schult die Beobachtungsgabe für die eigenen Gefühlswelten. Wodurch? Nicht so sehr durch den Ort und die Zeit oder die Dramatik des Geschehens, sondern ausschließlich durch die Figur des adoleszenten Helden Leo. Dieser Charakter und seine überschwengliche, ja fast maßlose Phantasietätigkeit ist es, der den Leser auch heute noch zu packen in der Lage ist. Mögen auch die verschwenderische Pracht und müssiggängerische Abgehobenheit der englischen Oberschichts-Welt mit all ihrem Dünkel und ihren Divertissements wie auch die zentrale, klassenübergreifende Liebesgeschichte zwischen einer Lady und einem Bauern für heutige Leser unzeitgemäß wirken, so werden sie von der minutiösen Genauigkeit hingerissen sein, mit welcher der Autor die Lust und Last der geistig-körperlichen Initiation seines Helden beschreibt. Und fasziniert kann man auch von dem sein, wie er es schafft, in fast jedem Augenblick das Ambivalente der Erfahrungen seines Helden, sein Getriebensein zwischen Faszination und Schrecken, Neugier und Abwehr durch ein dichtes Netz von Symbolen und Querverweisen vor Augen zu stellen. Meisterlich auch diese sprachlich vermittelte Hitze, mit der die Atmosphäre wie auch die Beziehungen unter den drei zentralen Figuren beschworen wird: die Allgegenwart des Sexus, seine befreiende aber auch zerstörerische Kraft und wie sie auf die jugendliche Geistes- und Gefühlswelt von Leo einwirkt.
    Ich kann mich dir nur anschließen. Unbedingt empfehlenswert. Und ein Lob an die Übersetzerin: was für eine geschmeidige und dabei so präzise Sprache. Mögen noch viele andere an diesem Buch das Lesen neu entdecken.

  2. 2 Helmut
    Dezember 8th, 2008 at 5:39 pm

    Eine kleine Hymne, Dein Kommentar – aber freut mich natürlich, dass Du meinen sehr positiven Eindruck teilst!
    Man könnte sich noch fragen – und Du machst das schon – wie macht das der Autor? Wir bekommt er das hin? Genauigkeit, ja, sicher, die Nähe zu der Figur Leos. Aber vermutlich auch das Sich-Zeit-Nehmen. Dieses Buch hat so etwas wunderbar ungehetztes – und damit wäre man schon wieder beim Kommentar zur Lesung von Peter Bichsel: Dem Umgang mit der vergehenden Zeit.

    Was mir auch gut gefallen hat, sind die Parts am Anfang und am Ende. Sie bezeichnen Brüche. Aber sie holen das Geschehen ein und bereichern es enorm.

    Vielleicht ist auch die Naivität und Unschuld des Helden – der Leser dürfte da längst mehr und anderes ahnen als Leo – ein Kunstgriff, der einem die Figur und das sie umgebende Spannungsfeld besonders nahe bringt.

    Und nicht zuletzt ist es genial gemacht, wie Hartley die Verlientheit Leos umschreibt, die, glaube ich, mit keinem Wort expliziert wird, aber, auch ihm selbst verborgen, latent ständig da und wirksam.

    Am Ende hat mir sogar das Titelbild, das ich zunächst eher despektierlich betrachtete, gefallen. Eine sehr gute Idee, dieses mitten durch zu schneiden.
    Das nimmt den ´Knacks´ auf, den Leo in den erzählten Wochen erfährt. Immerhin einen Knacks fürs Leben. Diese bittere Note, die dem Buch beigegeben ist, könnte man in ihrer Notwendigkeit noch einmal überdenken.- Hätte es andere denkbare, passende Schlüsse respektive Schicksale gegeben?

  3. 3 uwe
    Dezember 8th, 2008 at 9:23 pm

    Ja, wie macht der Autor das?
    Genauigkeit, ein Sich-Zeit-lassen, der lange epische Atem also, haben wir genannt. Hinzu kommen die vielen sinnlichen Details, die Anschauungsvielfalt und die damit korrespondierende Beschreibungssorgfalt, die nie nur um ihrer selbst willen, sondern immer mit einem motivischen oder symbolischen Input versehen wird, der zu dem zentralen Thema der Initiation in Beziehung steht. Letztlich ist es also die minutiös registrierende Aufmerksamkeit und unablässig seine Erfahrungen interpretierende Phantasie- und Gedankentätigkeit des Helden Leo und wie dieses zugleich reflektierende und erlebende Bewusstsein in eine ruhig dahinfließende, elegante und doch auch präzise und anspielungsreiche Sprache übersetzt wird.
    Wie Du sehe ich die Brechung der Zeiten durch den Pro- und Epilog sehr positiv. Nur so konnte nicht nur die Spannung, sondern auch der unaufhebbare Hiatus zwischen jugendlichem und alterndem Ich verdeutlicht werden.
    Neben der Unschuld des Helden würde ich noch dessen unbändigen Drang, ein anderer werden und eine höhere Ebene des Lebens erreichen zu wollen als entscheidend für die Dramatik des Geschehens ansehen und auch dafür verantwortlich machen, dass uns der Held mit seinen Freuden und Nöten so nahe geht. Es ist ja nicht nur die Erfahrungsarmut und Ahnungslosigkeit von Leo, die dem Geschehen seinen verhängnisvollen Drall verleiht, sondern auch seine fortwährende Idealisierung, ja Sublimierung des Erlebten. Diese Neigung, das, was ihm in dieser exterritorialen Welt begegnet, zu interpretieren, trägt neben den starren Klassengrenzen und den moralischen Verhaltensnormen dazu bei, dass die Liebesgeschichte für ihn und die Beteiligten zu einem Verhängnis wird. Trotzdem hat gerade diese Charaktereigenschaft ihn für mich so interessant gemacht.
    Was andere mögliche Schlüsse anbelangt, so denke ich, dass innnerhalb des uns vorliegenden Romangeschehens und wie es komponiert ist, ein alternatives Ende nicht denkbar ist. Die tragische Fallhöhe ist enorm und muss gleichsam mit dem Leben bezahlt werden: Die Idealität seiner Gedanken- und Gefühlswelt wird derart verletzt und beschädigt (traumatisiert), dass er fortan nicht anders kann als sich den unpersönlichen Fakten hinzugeben und dabei innerlich zu verarmen. Das fand ich beklagenswert, aber stimmig und nachvollziehbar.
    Das Titelbild: nun ja, ich fand es auch nicht gut, aber es passt dazu, vor allem der Spalt, der die Leo-Figur halbiert. Nach der Lektüre konnte ich das Cover dann akzeptieren. Sonst gefallen mirt solche mit Filmstills verunzierten Umschläge überhaupt nicht. Ansonsten ist das doch aber eine vorbildliche Edition, und auch das verhalten interpretierende Vorwort passt recht gut zum Text, oder?

  4. 4 Helmut
    Dezember 10th, 2008 at 11:40 am

    Du nennst wichtige Punkte:
    Beschreibunssorgfalt, registrierende Aufmerksamkeit, Sprache, dann aber auch den Drang, ein anderer zu werden und seine Neigung zur Interpretation.
    Diese siehst Du in der (Mit-)Verantwortung dafür, dass das Geschehen seinen unguten Lauf nahm.
    Könntest Du das noch etwas näher erläutern?
    Das ist mir so nicht aufgefallen, wäre aber ein interessanter Punkt.
    Prinzipiell: Der Hang zur Interpretation dürfte ja nicht an sich negativ sein (oder?), sondern der Umstand falschen Interpretierens. (?)
    Ein anderer werden: In welcher Hinsicht? – Vermutlich ist nicht das Erwachsenwerden gemeint? Das wäre in diesem Alter ja nur normal.

    Kein anderer Schluß denkbar: Sind nicht immer andere Schlüsse denkbar? Sicher, mir erscheint dieser hier auch als sehr passend. Gerade in seiner (Ver-)Fallhöhe, was die Situation im Sommer 1900 und diejenige angeht, als er als alter Mann dieser Familie noch einmal nahekommt. – Aber denkbar fände ich andere Schlüsse durchaus.
    Vor allem kann man Leos Verkümmerung als tragisch empfinden, denn ´Schuld´ im harten Sinn dürfte ihn nicht viel treffen. – Wohl aber lebenslange Konsequenzen. Und die Szene der süßen Möglichkeiten nach dem Kricket-Spiel bleibt so eine Eintagsfliege. Sie zeigt aber: Anderes wäre möglich, vielleicht sogar naheliegend, nämlich in ihm angelegt, gewesen – sollte dann aber nicht sein. Eine Mißstimmung. Wie bei einem zerstörten Instrument.
    Ich habe das Buch gerade nicht zur Hand, das Vorwort müsste ich mir noch einmal ansehen, um darüber etwas sagen zu können.

  5. 5 uwe
    Dezember 10th, 2008 at 9:16 pm

    Du fragst nach Leos Drang zur Interpretation und seinem Wunsch, ein anderer zu werden. Nun, ich will es anhand meiner Exzerpte versuchen zu erläutern.
    Zunächst wird ja schon im Prolog die große Erwartungshaltung unseres Helden an die Schwellenzeit um 1900 benannt und mit den Wünschen parallelisiert, die er für das neue Jahrhundert hegt. Sowohl für seine persönliche als auch für die gesellschaftlich-politische Entwicklung erwartet er die “Verwirklichung” der größten Hoffnungen. (25)
    Ferner wird schon zu Beginn die Spannung zwischen der Welt seiner Phantasie und der nüchternen Faktenwelt als ein wesentlicher Zug seines Charakters benannt: Einerseits die Deutung der Welt mittels der Tierkreiszeichen und andererseits ein betont realistisches Verhalten innerhalb des Schuldaseins. (37) Dieses Gleichgewicht zwischen seinen realistischen und idealistischen Tendenzen gerät dann in Branham Hall aus dem Lot. Die dortigen Bewohner verkörpern für ihn die magische Tierkreis-Traumwelt (39), in die er eintreten möchte. Er bleibt sich dabei immer seines Außenseiterstatus’ bewusst, und doch fühlt er sich der anderen, für ihn höheren Existenzform der Tierkreis-Menschen teilhaftig, wenn auch nur als Mittler, als Bote und Botschafter zwischen den Menschen, die in seiner Phantasie zu Göttern werden.
    Er hofft also auf eine Verwandlung, eine Höherentwicklng seiner Persönlichkeit, ja auf eine Annäherung an seine Phantasiegeschöpfe, denen die Welt ein “Spielplatz” ist (85) und die jenseits der ihn peinigenden menschlichen “Unzulänglichkeiten” (108) leben. Sie sind in seiner rastlos arbeitenden Phantasie zu “Super-Erwachsenen” geworden, die aus der Entfernung angebetet werden können (110). Ihnen zu dienen und dadurch eine neue Existenz-Rolle anzunehmen ist eine zentrale Hoffnung und ein großes Glück für Leo. (116)
    Das Medium dieser Verwandlung sind seine Botengänge, durch diese gehört er dazu und bleibt zugleich außen vor. Doch er selbst empfindet sich als einen “Eingeweihten” (119), spricht gegenüber seiner Mutter von einem “Aufstieg” oder von der “göttlichen Luft”, die er jetzt atme (145). Er hofft, den “Gipfel seines Daseins” zu erklimmen und die “Grenzen der Alltagsmenschlichkeit” zu überschreiten (146).
    Die Dynamik dieser zunehmenden Idealisierung seiner Brandham-Erlebnisse herrscht vor bis zur schlussendlichen Ent-Täuschung, dem Trauma der verletzten Gefühle und des offen gelegten Sexus im Anblick des nackten Liebespaares. Dies zu seiner Selbst-Verwandlungssehnsucht, die man soziologisch auch als eine Klassenfluchtphantasie begreifen kann. Nun zum zweiten Punkt.
    Der Drang zur Interpretation seiner Erfahrungen, ihres Einordnens in ein Deutungssystem bestimmt sein Wesen und ist seinem Charakter eigentümlich: Das fängt mit der genannten Obsession für die Tierkreiszeichen an, geht über die Identifikation der Brandham-Bewohner mit Göttern oder “Super-Erwachsenen” und der Selbststilisierung als Götterboten weiter, und endet bei seiner hohen Minne zur Jungfer Marian, seiner Robin-Hood-Phantasie oder auch seinem Ideal der platonischen Liebe, wie er sie in seinem Gesang verwirklicht glaubt. Von zentraler Bedeutung ist hierbei seine ideale und unschuldige Liebe zur Marian. Ihre Gunst ist ihm die “Jakobsleiter”, die zu seinem “Aufstieg” in die von ihm verehrte Götterwelt führte. (225)
    Als Widerpart dazu fungiert seine homoerotisch grundierte Zuneigung zu Ted. Das ist die körperliche Seite seiner Verwandlungssehnsucht: Während Marian die holde Frau aus dem “Zauberwald” ist (245), so ist Ted reine Physis, erotisch-sexuelle Körperlichkeit und wird von ihm mit der wilden und verwirrenden Natur assoziiert. Er ist Feind und Freund zugleich (226), sein Medium ist die Hitze, die den Roman durchströmt – der “Glutkern” des Sexus (336-338).
    Bei all dem ist sich Leo seiner Idealisierungen durchaus bewusst, er spielt sogar damit, aber er kann davon nicht lassen. Er genießt es, die Dinge, die um ihn herum tatsächlich passieren, nicht für das zu nehmen, was sie sind – zum großen Teil versteht er sie aber auch nicht -, sondern er nimmt sie vornehmlich für das, was seine Phantasie daraus machen kann (353). Es gleicht einer Vervielfältigung seiner Persönlichkeit, einem Doppelleben. Bis zum Showdown an seinem 13. Geburtstag: Da sieht er seine Selbsttäuschungen ein, legt sein “Narrenkostüm” (den grünen Anzug) ab und versucht nüchtern sich der Wirklichkeit zu stellen. Er gibt seine Rolle auf, legt seine “Aufgeblasenheit” ab, will nicht mehr ein anderer sein. (351-354) Er weiß allerdings auch, dass diese Reduktion auf ein einziges Ich eine “Verarmung” bedeutet: Die Intensität der Dinge und Erlebnisse geht verloren. (361)
    Im Anschluss an diese Erkenntnis tritt dann das Trauma ein, sein Zusammenbruch, der endgültige Knacks. (375) So wie er zuvor den magischen Kräften der Verwandlung der Brandhamschen Zauberwelt übermäßig vertraute, so hofft er nun, alternd und innerlich vertrocknet, im gefühls- und liebesjenseitigen Feld der reinen Fakten einen Ersatz zu finden. Mit der Erinnerungsbewegung wird sich der alte Leo bewusst, dass diese Reduktion die größte Selbstverleugnung war – doch sie ist nicht mehr rückgängig zu machen: Er bleibt wahrscheinlich ein “Fremdling in der Welt der Gemütsbewegungen” (400), wie es am Schluss heißt. Das ist die bittere Note dieses Buches, aber eine, die, wie ich finde, uns Leser berührt, ans Herz geht, und die ganze Macht der Liebe ahnen lässt, in deren Schönheit und Geheimnis er in diesem Sommer im Jahre 1900 als unschuldiger Jüngling ein- und als gebrochener Mann wieder auftauchte.
    So meine Lesart.

  6. 6 Helmut
    Dezember 11th, 2008 at 9:05 pm

    Was Du meintest war also weniger Interpretation, sondern eine bestimmte Art von (Leos) Interpretation: Stilisierung. Zumindest. Vielleicht noch mehr und anderes. Also Fehl-Interpretation.
    Du beschreibst das sehr schon, nachvollziehbar und ausführlich -und bist schon selbst auf dem Weg zu einer Interpretation.
    Nur kann man sich die Frage stellen, wie sehr ein 13-jähirger verantwortlich ist für solche Traumgebilde und Hirngespinste. – Insofern ist Mitverantwortung vielleicht etwas streng betrachtet.
    Es ist jedoch sehr gut zu verstehen was Du meinst.

    Mir kam das Tierkreis-Thema nicht besonders vielsagend oder glücklich gewählt vor – aber das mag Geschmackssache sein. Es könnte auch ein andres Motiv oder eine andere Schablone sein, die er an die Wirklichkeit hält und mit der er ´operiert´.
    Ist das Klassenkritik?
    Vielleicht auch.
    Aber man kann es auch noch anders lesen. Die bloße aber lebenslängliche Bestrafung eines Aufstiegswilligen oder -begeisterten, das wäre auch etwas grausam und wenig.

  7. 7 uwe
    Dezember 12th, 2008 at 8:18 pm

    Schön, dass du mir folgen konntest. Wichtig war mir, darauf hinzuweisen, dass wir es hier mit einem Jungen zu tun haben, der phantasiert, wie vielleicht alle Jungen in der sog. Adoleszenzkrise. Nur hier trägt die Phantasie und was sie leistet, nämlich die Verklärung und Idealisiesrung der Geschehnisse im Bewusstsein des Erlebenden, mit dazu bei, dass sie an Dramatik und Ausweglosigkeit zunehmen. Er verschuldet die Tragödie nicht, aber er fungiert als Kuppler und interpretiert seine Botengänge als Liebesdienste. Insofern wird seine Unschuld nicht nur durch die Umstände korrumpiert, sondern eben auch von seinem eigenen Schwanken zwischen Neugier und Abwehr, zwischen seinem Angezogenwerden und Nichtwissenwollen. Er kommt eben der Sonne zu nah und stürzt ab – man könnte sagen, er kommt ihr zu früh zu nah, denn er ist aufgrund seiner jugendlichen Ahnungslosigkeit und Unreife in Sachen Sex unfähig, die Situation angemessen zu erfassen. Vor diesem “Glutkern” müssen alle idealisierenden Deutungen versagen, und zuletzt zerstört ihn der Anblick des nackten Triebes vollends.
    Aber gerade diese Fehlleistungen seiner interpretierenden Phantasie, die sich ins “Unverständliche” versenkt und das Geschehen in “Analogie(n)” auszudrücken versucht (84), diese ausschweifende Tätigkeit seiner Vorstellungskraft war es, die mir an diesem Charakter gefiel – und zwar trotz der tragischen Verwicklungen, die sie mitzuverantworten hat. Diese Helden, die ihre Persönlichkeit gewissermaßen vervielfachen und die neben der objektiven Betrachtung dem Überschwang der Phantasie Geltung verschaffen, sind es, die mich ansprechen. Dies nur nebenbei und dir sicherlich nicht unbekannt.
    Meine Lektüreerfahrung war also neben der symbol- und assoziationsträchtigen Geschichte einer sexuellen Initiation, in der zugleich ein Epochenbruch gespiegelt wird, vor allem von dieser Spannung zwischen Realität und Idealität, von Trieb und Sublimierung, von Erlebnis und Phantasie im Charakter des Helden Leo geprägt.

  8. 8 Helmut
    Dezember 14th, 2008 at 11:41 pm

    Deinem vorletzten Kommentar war ich näher.
    Ich denke seine Botengänge WAREN Liebesdienste. Aber er wusste es vielleicht selbst nicht. Leo war verliebt, sicher zum ersten Mal. Und so reibt er sich an der Virilität von Marians Liebhaber. Aber wieso der Sonne zu nah? – Und was wäre denn die Sonne? Die Liebe? Der Sex? Der Trieb? (”Anblick des nackten Triebes” ist eine etwas ulkige Formulierung)
    Einen Überschwang an Phantasie sehe ich bei Leo eigentlich nicht – sondern eher eine zumal dem Alter angemessene, normale Phantasietätigkeit. Natürlich habe ich schon verstanden, dass da eine ganz persönliche Lektürevariante eine Rolle spielt.

  9. 9 uwe
    Dezember 15th, 2008 at 7:46 pm

    Sonne: da gibst du selbst schon die Antworten. Es ist die “Hitze”, mit deren Hilfe er sich verwandelt. Er sehnt sich nach einer fast körperlichen “Vereinigung mit dem Sommer”, will ins “Herz der Hitze” vordringen, letztlich also “unverhüllt der Natur gegenüberstehen”: Die Sonne und mit ihr die Hitze stehen für seine “Sehnsucht nach Erfüllung in reiner Nacktheit”. (83-84) Im übertragen Sinne wird an verschiedenen Stellen dann vom “Glutkern” (338) gesprochen, und gemeint ist die Macht und Anziehungskraft der sexuellen Begierde und der Liebe, der sich der “grüne Junge” ausgesetzt fühlt.
    Die Formulierung “Anblick des nackten Triebes” spielt auf das nackte Liebespaar Ted und Marian an, dass von Leo und Mrs. Maudsley beim Koitus überrascht wird. (375) Danach bricht Leo dann zusammen und kann sich lange an nichts erinnern.
    Und dass ich bei Leo eine überschwängliche Phantasietätigkeit erkenne ist nicht nur einer persönlichen Lesart geschuldet. Ich denke vielmehr, dass gerade diese “idealistische” Seite seines Charakters, die die Welt der Tatsachen oft zum Stoff seiner Träume und Sehnsüchte umwandelt, dass gerade diese gewissermaßen redigierende Tätigkeit seiner Phantasie ein zentrales Thema dieses Romans ist – neben der Ungeheuerlichkeit der standes- und klassenübergreifenden Liebesgeschichte und dem Thema der sexuellen Initiation. Denn es ist gerade seine überaufmerksame und zugleich unschuldige Beobachtungs- und Interpretationsgabe, die für die sinnliche Detailfülle und präzisen psychologischen Beschreibungen und damit für die nostalgische Beschwörung einer verlorenen Welt verantwortlich ist. Aufgrund dieser schwelgerischen Vorstellungskraft entsteht erst die dramatische Fallhöhe in der Entwicklung seines Charakters und seiner Gefühlswelt. Ein wenig mehr Sachlichkeit, Nüchternheit oder “objektive Betrachtung” (382) und das Trauma wäre wahrscheinlich ausgeblieben. Aber er war eben anders disponiert. Deshalb abschließend meine Frage: Ist es wirklich nur das Scheitern seiner ersten Liebe und das Drama der (für immer) verletzten Gefühle oder ist es nicht auch das Scheitern seines Projekts, ein anderer Mensch zu werden und seinen Phantasien Wirklichkeit zu verschaffen? Darüber könnten wir uns noch einmal verständigen.

  10. 10 Helmut
    Dezember 19th, 2008 at 11:41 pm

    Die Sonne, der Glutkern, ja, nur wollte ich zwischen Trieb und Liebe differenzieren.
    Und wenn die Sehnsucht auf die Erfüllung reiner Nacktheit steht – woher dann dre Schock als er diese sieht?
    Worauf die Formulierung mit dem nackten Trieb anspielte, hab ich natürlich verstanden, mir ging es um die Nähe zur Stilblüte.
    Leo ist für die Phantasietätigkeit etc. zuständig – oder der Erzähler?
    Die These, dass ein nüchternerer ´Held´ nicht traumatisch geworden wäre, ist gewagt.
    Hatte er ein bewußtes ´Projekt´?
    Ich habe das buch zur Zeit leider nicht zur Hand, vielleicht müsste ich nochmal reingucken, um zu antworten.

  11. 11 uwe
    Dezember 20th, 2008 at 6:30 pm

    Mit den beiden ineinander verschlungenen nackten Körpern sieht er auch die Macht der die Klassengrenzen und der Verhaltensnormen sprengenden Leidenschaft. Er selbst schwankt ja noch: Weder stimmt er uneingeschränkt den Regeln noch ihrer Aufhebung zu – das ist sehr schön an seinen uneindeutigen Empfindungen während des Cricket-Matches abzulesen.

    Die Nähe zur Stilblüte war mir auch aufgefallen, deshalb meine Erläuterungen.

    Der älter gewordene Leo ist doch der Erzähler. Er wird durch den Tagebuchfund gezwungen, sich den Ereignissen dieses Sommers mittels einer weit aushohlenden Erinnerungs- und Schreibbewegung zu stellen. Das Ergebnis liegt als Buch vor uns. Es ist der alte Leo, der sein zwölfjähriges Ich, die Szenerie, die Menschen, die Erlebnisse und ihre Folgen für ihn, sprachlich heraufbeschwört – nicht zuletzt um sich von ihrer traumatischen Wirkung zu befreien oder zumindest unter diese Vergangenheit einen “Schlußstrich” zu ziehen. (S.376) Ob dies gelingt, bleibt bis zuletzt offen.

    Die anti-traumatische, d.h. die beruhigende und versöhnende Wirkung der “Suche nach Tatsachen” (S. 382) wird von Leo selbst angesprochen. Die Fakten wirken wie “Balsam auf (seine) wunde Seele” (S. 380), und je mehr Fakten er zu der “Episode auf Schloß Brandham” zusammenträgt, desto geringer wird ihr Schrecken: “Indem ich die Tür aufstieß und das Licht der objektiven Betrachtung eindringen ließ, zerfielen die Mumien zu Staub.” (S. 382) Ein wenig mehr Nüchternheit und die tragische Fallhöhe wäre wahrscheinlich geringer gewesen. Diese jedoch war ihm nicht gegeben. Er war anders disponiert, und gerade diese Disposition macht ihn, wie ich finde, zu einem interessanten Charakter.

    Aber du hast das Buch nicht zur Hand, kannst also meine Lesart nicht überprüfen. Vielleicht können wir uns später, wenn dir das Buch vorliegt, noch einmal kurzschließen. Aber wir können auch unsere en détail unterschiedlich gewichteten Lesarten nebeneinander stehen lassen. En gros sind wir uns ja einig gewesen.