L. P. Hartley: “The Go-Between”

L. P. Hartley: “The Go-Between”, Roman aus dem Englischen von Maria Wolff, revidiert und ergänzt von Adrian Stokar, zuerst London 1953 unter gleichem Titel, nun erstmals vollständig (!) Zürich 2008, übertragen von Tanja Handels (es gab bereits eine deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1955, unter dem Titel “Der Zoll des Glücks” und 1990, einen unveränderten Nachdruck unter dem Titel “Ein Sommer in Brandham Hall”), 400 Seiten, 24,90.-

Leslie Poles Hartley (Dez. 1895 – Dez. 1972) hat ein wunderbares Buch geschrieben, das dankenswerter Weise nun in der Edition Epoca erstmals ungekürzt vorliegt.
Erzählt wird durch den zwölfjährigen Helden des Romans, Leo Colston, der den glühend heißen Sommer des Jahres 1900 auf dem Landsitz Brandham Hall schildert.
Wieder einmal eine Adoleszenzgeschichte – aber was für eine, bzw. wie erzählt.
Hartley holt seinen Leser nah heran und tief hinein in diese unwahrscheinlich unschuldige und aufrechte Knabenseele und es gelingt ihm, wie nebenbei gleichzeitig ein Sittenporträt des edwardianischen England mit seinen Standesunterschieden und -dünkeln, zu malen. Dieser bittersüße Entwicklungsroman ist von großer Genauigkeit, Konzentration und Stimmigkeit. Beneidenswert die Ruhe und Klarheit, die aus ihm strömt. (Der erste Weltkrieg war noch nicht, der zweite war noch nicht… – fast hat man den Eindruck Nachrichten aus einer anderen Welt zu lesen)
Der zwölfjährige Leo, der in der Schule eine besondere Erfahrung mit der Magie macht, mit deren Hilfe er sich vor ihn drangsalierenden Mitschülern rettet, freundet sich mit Marcus an und wird von diesem in den Schulferien eingeladen, ihn auf Brandham Hall zu besuchen. Dort spielt der größte Teil des Romans, dessen Beginn sich an dem Tagebuch aus eben dieser Zeit entspinnt, das dem alten Leo, ein halbes Jahrhundert nach diesem Sommer, noch einmal in die Hände kommt und ihn als von diesem Sommer für´s Leben Gezeichneten zeigt. Denn er war der “Go-Between” des Titels, der Briefbotenjunge der älteren Schwester seines Freundes Marcus, die sich in den nicht standesgemäßen Pächter Ted verliebt hat und mit ihm eine hochgeheime erotische Beziehung unterhält, obwohl sie dem neunten Grafen von Trimingham versprochen ist und die Verlobung ansteht. Das kann nicht gut ausgehen, und das tut es freilich auch nicht.
Das Buch beginnt mit einem Prolog und dieser mit dem berühmt gewordenen Satz:
“Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln.” (S. 21)
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Otto de Kat: “Mann in der Ferne”

Otto de Kat: “Mann in der Ferne”, Roman aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke, Frankfurt am Main 2003, zuerst unter dem Titel “Man in de verte”, Amsterdam 1998, 94 Seiten, 14,90.-, zur Zeit aber auch für ca. 3-4 Euro gebraucht im Internet

Bild von wikipedia.de

Moench am Meer Dies ist der erste Roman des Lyrikers, Literaturkritikers und Verlegers Otto de Kat. [Sein späteres Buch "Sehnsucht nach Kapstadt" ist hier bereits im Mai 2007 besprochen worden]
Unter 100 Seiten und ein Roman? – Ja, das geht. De Kats Buch ist trotz seiner Kürze ein vielschichtiges, reiches und zugleich federleichtes Buch. Seine assoziative Schreibweise, die kaum zu greifen und nachzuerzählen ist, hinterlässt den Eindruck, ein Buch von mindestens doppeltem Umfang gelesen zu haben. Dieser extrem verkürzende, raffende Stil sorgt gleichermaßen für den Eindruck der Leichtigkeit wie der Tiefe, kann aber zuweilen auch ein wenig eilig, wenn nicht hektisch wirken. Er gibt einem nicht viel an die Hand, keine Sicherheit, keine Konsequenz, so scheint es. Da ist ein Bewusstsein im Tiefflug unterwegs, auf der Suche nach Erinnerungen – oder getrieben von solchen – und nach dem Vater, der auch in “Sehnsucht nach Kapstadt” eine prominente Rolle spielt.
Gegen Ende des zweiten Drittels des Buches wird etwas über den Geheimdienst gesagt, das man auch als Teil der Poetik von de Kat ansprechen kann:
“Beim Geheimdienst werde einem erst klar, daß es gar keine Wirklichkeit gebe. Wenn man im Hinterhalt liege, erkenne man erst richtig, daß die sogenannte Wirklichkeit eine zufällige Ansammlung von Fragmenten sei. Niemand verstehe irgend etwas, niemand. Auch der kleinste Bruchteil des eigenen Daseins passe nirgendwo in ein größeres Ganzes. Es gebe kein größeres Ganzes, gerade die Vorstellung, es gebe ein Ganzes, sei ein Phantom.” (S. 63)
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Dimitri Verhulst: “Problemski Hotel”

Dimitri Verhulst: “Problemski Hotel”, Roman aus dem Niederländischen von Barbara Heller, zuerst unter gleichem Titel 2003 in Amsterdam erschienen, auf deutsch 2004 in Berlin, 139 Seiten, als Taschenbuch 6,95 Euro

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asyl Verhulst ist ein radikaler Autor. Und das ist ein Lob.
Ist er in “Problemski Hotel” ein Zyniker, ist er ein Moralist?
Jedenfalls scheint er einer zu sein, dessen Gebiet das Grobe und das Krasse sind. Abschaum und Gosse liegen ihm. Es gibt da, sein Familienroman “Die Beschissenheit der Dinge” legt das nahe, biographische Affinitäten.
Von unten, das ist also seine Perspektive.
Und so hat er sich für ein paar Tage ein Asylantenheim von innen angesehen und sich davon inspirieren lassen. Zuerst für einen Magazinartikel, dann für dieses Buch. Spannend erzählt er davon, es macht Spaß ihn zu lesen, auch wenn er mit dem was er schreibt die Geschmacks- und Ekelgrenzen tangiert und zuweilen auch überschreitet. Sprachlich nähert er sich mit schnoddrigem Zynismus, aber das Herz hat er am rechten Fleck, daran gibt es keinen Zweifel.
Sein Bericht vom Leben ´ganz unten´, hieß es nicht einmal bei Günter Wallraff so?, kann teils Mitleid erregen, teils schockieren – und will das sicher auch.
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