Dimitri Verhulst: “Die Beschissenheit der Dinge”

Dimitri Verhulst: “Die Beschissenheit der Dinge”, Roman, München 2007, aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel “De helaashed der dingen” in Amsterdam/ Antwerpen, 222 Seiten, 8,00 Euro

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Bierdeckel Was für ein Titel, was für ein Buch!
In zwölf Kapiteln erzählt der 1972 in Belgien geborene Autor einen Teil seiner Familiengeschichte. Und von was für einer Familie hat er da zu berichten! Im Grunde ein Alptraum von vorne bis hinten. Die Großmutter, so setzt er sarkastisch voran, starb, während er am Manuskript arbeitete, um sich die Schande zu ersparen, die sie beim erscheinen des Buches hätte erleben müssen. Und in der Tat wird hier Heftiges erzählt. Das Aufwachsen in der belgischen Provinz in einem von der Großmutter befehligten Männer-Haushalt – Vater und drei Onkel – ist im Grunde mehr als herb. Vater und Onkels sind große Trinker vor dem Herrn. Dem entsprechend sind die Um- oder besser Zustände:
“Wir schämten uns für die Kilo rohes Gehacktes, die wir aus Bequemlichkeit – und weil es billig war – verschlangen, uns mit bloßer Hand in den Mund schoben und mit kaltem Kaffee hinunterspülten, der irgendwo in einer Tasse von gestern noch herumstand. Wir schämten uns für die Würmer, die wir vom Gehackten bekamen, wegen denen wir jedoch nie zum Arzt gingen. Wir schämten uns für unsere fanfarengleichen Fürze, die Rülpser, die wir ungeniert entweichen ließen.” (S. 14)
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Russel H. Greenan: “In Boston?”

Russel H. Greenan: “In Boston?”, der Roman wurde von pociaco aus dem Amerikanischen übersetzt, München 2007, zuerst unter dem Titel ´It Happened in Boston?´ in New York 1968, 378 Seiten, 22,80 Euro (antiquarisch aber auch günstiger)

Quelle: de.wikipedia.org

Mona Lisa Ein äußerst merkwürdiges Buch.
Man weiß nicht recht: Was will der Autor damit? Er schildert – ja was?: Das Abdriften (aber warum?), Austicken, die Obsession eines Künstlers, der ein genialer Maler zu sein scheint, dann aber aufhört zu malen und einem Träumen verfällt, das ihn in andere Zeiten und an andere Orte führt, schließlich jedoch in Bereiche, die weit abseits vom Akzeptablen oder noch Nachvollziehbaren sind.
Durchaus ein Buch, das sich etwas traut, nur: Zu welchem Ende?
Ein abgehalfterter Gottsucher, der selbst seine Geschichte erzählt – muss man ihm trauen, muss man ihn ernstnehmen?

György Dragomán: „Der weiße König“

György Dragomán: “Der weiße König”, Roman aus dem Ungarischen übersetzt von Laszlo Kornitzer, erste deutsche Auflage Frankfurt am Main 2008, die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel ´A fehér király´ in Budapest, 293 Seiten, 19,80 Euro

Ein hartes Buch mit einem sehr emotionalen Beginn, konsequent und schnörkellos geschrieben. In 18 episodisch aufeinander folgenden Kapiteln – nicht in einer durchgehenden, verwobenen Romanerzählung – wird von etwa zwei Jahren einer Jugend in Rumänien zur Zeit des Ceausescu-Regimes und des Tschernobyl-Unglücks erzählt, die von Gewalterfahrung geprägt ist. Erzählt wird aus der Perspektive des jugendlichen Helden selbst. Berichtet wird vom Elend, aber auch, allem zum Trotz, vom Reichtum einer Jugend in einem schwierigen Land unter den prekären Verhältnissen der Diktatur. Stets droht im Hintergrund als Straflager der Donaukanal, zu dem man als Zwangsarbeiter verschleppt werden kann, wie es wohl dem Vater des jungen Dzsata geschieht. So ergibt sich das Porträt einer Gesellschaft, die vom perfiden Recht des Stärkeren ebenso beherrscht wird wie von Willkür, Hass, Dünkel und auch Aberglaube. Man kommt nicht in Gefahr, die Figuren des Romans um ihren Aufenthalt in diesem Land zu dieser Zeit zu beneiden. Und es stellt sich die Frage, ob – und wenn ja wie – die Bösartigkeit, die Brutalität und kalte Mitleidslosigkeit in Zusammenhang mit dem politischen System oder der Lebensform Diktatur stehen.
Der Autor kann etwas. Allerdings schreibt er keinen gleichsam panoramatischen Roman, sondern einen in eher lose aufeinander folgenden Kapiteln, die an ein Kammerspiel denken lassen. Man könnte sich dieses Buch gut verfilmt vorstellen (und hofft insgeheim, dass es nicht in Bezug auf diesen Aspekt, die Weiterverwertung, so geschrieben worden ist). Zumal in den letzten Jahren einige ähnliche harte und herbe Bücher osteuropäischer Autoren erschienen sind, die auch von kindlichen oder jugendlichen Helden handeln und aus deren Sicht geschrieben sind. (Beispiele: Man könnte an Bücher von Andrzej Stasiuk denken, “Die Mauern von Hebron” oder “Wie ich Schriftsteller wurde”, auch an “Die Farbe des Krieges” von Babtschenko oder die Trilogie “Die Zugereisten von Lojze Kovacic sowie an “Begrabt mich unter der Fußleiste” von Pawel Sanajew und Wojciech Kuczoks “Dreckskerl”)
So könnte man bereits an eine Mode oder, abwertend formuliert, an eine Masche denken, wenn diese Bücher nicht doch im Wesentlichen zu überzeugen wüssten. Vielleicht berichten sie schlicht auch davon, was zu erzählen (noch oder immer wieder?) lohnt – und in dieser Weise hier im Westen vielleicht doch, und man darf sagen zum Glück, so nicht im Zentrum der Erfahrung der meisten Heranwachsenden steht. Wenngleich es auch hier – und zunehmend? – Landstriche oder Stadtteile zu geben scheint, in denen es normaler wird, Probleme mit Gewalt zu lösen und die humane und gesellschaftliche Zerrüttung und Verrohung voranzuschreiten scheint.
Dennoch, mit diesem Buch liegt eine spannend geschriebene, beeindruckende Geschichte vor, nach deren Lektüre man sich jedoch die Frage stellen kann, was man damit anfangen kann oder soll und wie lange die Halbwertszeit des Gelesenen sein wird. Und man fragt sich wie ´normal´ Erfahrungen wie die geschilderten in Ländern wie Polen, Russland oder Rumänien denn wirklich ist.

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